> Gedichte und Zitate für alle: Hermann Türck: Goethe und sein Faust - 7. Kapitel Seite 1

2019-10-24

Hermann Türck: Goethe und sein Faust - 7. Kapitel Seite 1





7. Geschäfte und Zerstreuungen. Goethes Liebe zu Frau von Stein. Mineralogische, botanische und osteologische Studien. Lektüre Spinozas mit Herder und Frau von Stein. Abwerfen der drückenden Last der Geschäfte und Aufbruch nach Italien.


Gleich nach seiner Rückkehr nach Weimar betrieb Goethe seine Aufnahme in die Freimaurerloge. Von seinen Amtsgeschäften nahmen ihn wieder die Kriegskommission, der Wegebau und die Kammergüter in Anspruch, ferner der Umbau des Theaters, der Bergbau in Ilmenau und die Finanzverwaltung. Merck, der ihn wieder einmal besucht hatte, warf ihm seine Vielgeschäftigkeit und das Vergeuden seiner Kraft in manchen gemeinen Dingen vor, konnte ihn aber nicht in der Überzeugung, daß er auf dem rechten Wege sei, wankend machen. Goethe äußerte zu seiner Mutter, Merck sehe nur, was er aufopfere, nicht, was er gewinne, wie er täglich reicher werde, indem er täglich soviel hingebe. Doch machten ihm seine Geschäfte den Schluß des Jahres recht sauer. So gut sich der Herzog entwickelt hatte, gelegentlich brach ein ungezügeltes Wesen bei ihm durch und veranlaßte Goethe, sich eine Zeitlang von ihm fern zu halten. So schlug er es im Frühjahr 1781 dem Herzog direkt ab, mit ihm zu reisen, und Frau von Stein mußte zwischen beiden vermitteln. Doch finden sich die Freunde immer wieder, und immer wieder fügt sich auch Goethe unter das alte Joch des Hofes und der Geschäfte. Goethes sich immer vergrößernde Sammlungen und der Wunsch nach einem behaglicheren Leben bestimmten ihn, sich ein Haus in der Stadt zu mieten, und zwar auf dem Frauenplane. Die Herzoginmutter, der das Wohnen des Ministers und Freundes ihres Sohnes unter dem Schindeldach schon lange anstößig gewesen, war darüber sehr erfreut und versprach ihm Möbel in die neue Wohnung. Zugleich teilte sie ihm mit, daß ihr Sohn ihn wegen seiner nahen Stellung zum Hofe adeln lassen müsse und wolle. Des Herzogs allzukostspielige Ausschweifungen aber machten ihm immer wieder Sorge, wie sein Tagebuch am Schlüsse des Jahres 1781 bemerkt. Gleich im Beginn des neuen Jahres 1782 hat er mit dem Herzog „eine radikale Erklärung", wie er sich ausdrückte. Bald darauf spricht er „sehr ernstlich und stark" mit dem Herzog über Ökonomie und „eine Anzahl falscher Ideen", die dem Herzog nicht aus dem Kopfe wollen. Bitter quälten ihn die Gedanken an die Verschwendung des Markes des Landes, und nach Kräften suchte er dem entgegenzutreten. Im Juni 1782 erhielt er sein Adelsdiplom. Der bisherige Verweser der Finanzen, Kalb, wurde wegen gewissenloser Verwaltung abgesetzt und die ganze Last auf Goethes Schultern abgewälzt, der nun die schmählich verwahrlosten Finanzen auf einen besseren Stand bringen sollte. Zwei volle Jahre glaubte Goethe opfern zu müssen, ehe er die Fäden nur so gesammelt, daß er mit Ehren bleiben oder abdanken könne ; denn nichts lag ihm ferner, als sein Leben lang Dinge zu betreiben, die seiner tieferen Natur fremd waren. Aber aus den zwei Jahren wurden vier; erst als er alles geordnet, dabei aber sich so abgearbeitet hatte, daß er dringend einer Neubelebung bedurfte, suchte er in einem längeren Aufenthalt in Italien wieder auf „das Niveau seiner ursprünglichen Existenz" zurückzukommen und sich selber wiederzufinden. Je deutlicher ihm bei der Übernahme der Finanzwirtschaft im Jahre 1782 der traurige Zustand der Finanzen und der ganzen Ökonomie der Verwaltung wurde, umsomehr erkannte er, wie notwendig es gewesen, daß er auch diese Last auf sich genommen, mochte er auch oft, wenn die Geschäfte ihn zu sehr drückten, in bitteren Klagen sich ergießen. Zuweilen ist er, wie er sich. ausdrückt, „von Geschäften gesotten und gebraten". Alles, was er treibt, ergreift er mit dem vollen Ernste seiner Natur. So lebhaft durchdenkt er die verschiedenen Angelegenheiten, daß ihn oft der Kopf schmerzt. Durch unendlichen Fleiß, sorgfältigste Aufmerksamkeit, strenge Sparsamkeit und den vom Vater überkommenen Ordnungssinn gelang es ihm endlich, die arg zurückgekommenen Finanzen in Ordnung zu bringen. Schon im April 1783 teilt er seinem Freunde Knebel mit: „Meine Finanzen gehen besser, als ich es mir vorm Jahre dachte. Ich habe Glück und Gedeihen bei meiner Administration, halte aber auch auf das festeste über meinem Plane und über meinen Grundsätzen." Auch Faust muß ja am Hofe des Kaisers die arg verfahrenen Finanzen in Ordnung bringen und nachher, wie es auch Goethe getan, für das Amüsement des Herrschers und seines Hofes sorgen:

„Erst haben wir ihn reich gemacht,
Nun sollen wir ihn amüsieren",

heißt es im zweiten Teil. Von anderen Geschäften lag ihm vor allem die Herstellung des Ilmenauer Bergwerks am Herzen. Bis in den Juni 1786 entwickelte sich in Ilmenau alles so gut, daß er getrosten Herzens seine große Reise nach Italien antreten konnte. Von der ihm lästig gewordenen Theaterleitung war er zurückgetreten. Landwirtschaftliche Besichtigungen nahm er gern vor. Zu der von der Herzogin-Mutter im Herbst 1782 begonnenen Umgestaltung des Tiefurter Parkes hatte Goethe den Plan gemacht. Mit großem Eifer leitete er auch die Wasserbauten, welche der Eisgang vom Ende Februar 1784 in Jena nötig gemacht hatte. Für die Universität Jena und deren Anstalten war er eifrig bemüht. Auch für die Schulen zu sorgen ließ er sich angelegen sein, soweit es in seiner Macht stand. Gegen die Auswüchse der Jagdleidenschaft des Herzogs mußte er immer wieder ankämpfen, wobei er in sehr freimütiger Weise für das Interesse der dadurch bedrohten Landleute eintrat.

Was Goethe besonders an Weimar fesselte, was ihm die Last der Geschäfte erträglich machte und ihm immer wieder einen idealen Aufschwung gab, war das Verhältnis zu Frau von Stein. Im Juli 1775 hatte ihm der berühmte Arzt Zimmermann, der mit ihr befreundet war, ihre Silhouette gezeigt. Goethe, der gleich einen starken Eindruck empfing, schrieb darunter die Worte: ,,Es wäre ein herrliches Schauspiel, zu sehen, wie die Welt sich in dieser Seele spiegelt." Bald nach seiner Ankunft in Weimar führte ihn der Herzog selber zu ihr. Der Eindruck der damals gerade sehr leidenden Frau, die ihr 33. Jahr noch nicht vollendet hatte und Mutter von sieben Kindern war, war nicht so bedeutend, als es Goethe erwartet hatte. Daß Frau von Stein mit ihrem Gatten in der ersten Zeit auf Seiten derer stand, die den Einfluß Goethes auf den Herzog für schädlich hielten, erwähnte ich bereits. Goethe selbst dagegen fühlte sich immer mehr zu Frau von Stein hingezogen und suchte sie über sein Verhältnis zum Herzog aufzuklären. Er folge diesem nur deshalb oft in seinen Extravaganzen, um ihn nicht von sich abzuwenden, sei aber ernstlich bestrebt, dessen vortreffliche Anlagen zum Besten des Landes und zu des Herzogs eigenem Glück zu lenken; zunächst komme es darauf an, in dem Herzog wirklichen Anteil an seinem Lande und Lust zu förderlicher Tätigkeit zu wecken.

Goethes Verhältnis zu Frau von Stein war ein ideales. Ereignete es sich aber, daß er sich zu einem leidenschaftlichen Ausdruck seiner Liebe hinreißen ließ, so strafte sie ihn dadurch, daß sie sich ihm entzog und ihn auf kürzere oder längere Zeit ganz von sich fern hielt. Sie wünsche nichts mehr, erklärte sie, als das schöne Verhältnis innigen Vertrauens zu erhalten; das sei aber unmöglich, wenn er ihre Pflicht als Gattin und Mutter nicht achte und auf mehr als Schwesterliebe
Anspruch zu achen wage. Worauf Goethe ihr erwiderte, sie sei die Einzige, die er so lieben könne, doch lebe er immer halb in Furcht, daß er sich hinreißen lasse. Seine Ungezogenheiten werde sie ihm nicht abgewöhnen, diese würden nur im Grabe mit seiner Unruhe und Liebe aufhören. Als Goethe im März 1776 die bildschöne, im vollen Glänze ihrer Entwickelung prangende Corona Schröter in Leipzig sah, schrieb er an Frau v. Stein: „Die Schröter ist ein Engel; wenn mir doch Gott so ein Weib bescheren wollte, daß ich Euch könnte in Frieden lassen, doch sie sieht Dir nicht ähnlich genug." Gleich nachdem er den ihm vom Herzog geschenkten Garten in Besitz genommen, empfing er dort Wieland und auch Frau von Stein mit ihren drei Söhnen. Des jüngsten, Fritz, nahm er sich mit ganz besonderer Liebe an.

Von Goethes bisherigem Wirken war Frau von Stein noch immer nicht sehr erbaut: Könne er nach der großen Umwälzung, die er am Hofe veranlaßt, wieder die Ordnung herstellen, so sei es für sein Genie desto besser ; aber wie gut auch seine Absichten seien, er habe doch zuviel Jugend und zu wenig Erfahrung, äußerte sie zu Goethes Freund, dem Leibarzt Zimmermann. Wir sprachen schon vorher davon, daß sie Goethes Bedeutung, den Ernst und die Tiefe seines Charakters nicht zu schätzen wußte, und das ist auch später zum Teil so geblieben, während er die Bedeutung der geliebten Frau viel zu hoch anschlug. Leider besitzen wir von dem Briefwechsel Goethes mit Frau von Stein nur seine Briefe an sie. Ihre Briefe hat sie sich zurückgeben lassen und hat sie dann vernichtet, so daß uns das wesentlichste Stück zur Beurteilung ihres Verhältnisses zu Goethe fehlt. Ihre innere Kälte erleichterte ihr jedenfalls sehr die Ausführung ihres Vorhabens, den Anbeter immer in einer bestimmten Entfernun von sich zu halten. Seine Liebe zu ihr war daher „eine anhaltende Resignation", wie er sich ausdrückte. Sobald er sich durch seine Glut hinreißen ließ, zog sie sich sofort auf eine Weile von ihm zurück. Einmal wies sie ihn auch stark zurecht und behauptete, seine Unvorsichtigkeit bringe sie ins Gerede der Welt. Da klagt er denn brieflich: ,,Also auch das Verhältnis, das reinste, schönste, wahrste, das ich außer meiner Schwester je zu einem Weibe hatte, auch das zerstört. Wenn ich mit Ihnen nicht leben soll, so hilft mir Ihre Liebe so wenig, als die Liebe meiner Abwesenden, an der ich so reich bin. Die Gegenwart im Augenblick des Bedürfnisses entscheidet alles, lindert alles, kräftigt alles."

Goethes Herz war zu reich und voll; er bedurfte stets der Gegenwart eines liebevollen weiblichen Wesens, dem er alles vertrauen, mit dem er alles besprechen konnte. Und so war Charlotte von Stein, obwohl von einer wirklichen Liebe von ihrer Seite oder einem tieferen Verständnis seines Wesens und Wirkens keine Rede war, doch von größter Bedeutung für ihn. Er sah ein Ideal in ihr verkörpert, und dieses Ideal tröstete ihn, hielt ihn aufrecht und gab ihm immer wieder einen Anstoß zu neuem Wirken und Schaffen auch auf Gebieten, die ihm innerlich fremd waren. Goethe bedurfte des unmittelbaren Sichaussprechens. Je zurückhaltender er in seiner amtlichen, geschäfthchen Tätigkeit vielfach sein mußte, desto mehr hatte er das Bedürfnis der innigen Vertrautheit mit einem weiblichen Wesen, dem er ganz sein Herz öffnen konnte. Als Frau von Stein im Juli 1776 nach Pyrmont reisen sollte, schreibt er ihr daher: „Die Gegenwart ist's allein, die wirkt, tröstet und erbaut. Wenn die Gegenwart auch manchmal plagt, und das Plagen ist der Sonnenregen der Liebe." Je mehr es sich herausstellte, wie bedeutend und segensreich Goethes Einfluß auf den Herzog wirkte, je mehr auch die Herzogin Luise, deren intimste Freundin Frau von Stein war, dies anzuerkennen begann, je mehr auch äußerlich Goethes Stellung sich hob und festigte, desto mehr bewies auch Frau von Stein dem sie so überschwenglich verehrenden Dichter ihre Gunst und wurde auch weniger ängstlich, sich öffentlich mit ihm zu zeigen. Im Juni 1778 schreibt ihr Goethe: „Daß Sie mich lieb haben, glaube ich und fühl's. Sie und der Herzog wohnen über mir, wie Nagel und Schleife, daran Ruhm und Gemälde hängt."

Einen bedeutenden Einfluß übte Charlotte von Stein auf Goethes dichterisches Schaffen aus. Ein poetischer Ausdruck seiner Entsagung, ,,seiner anhaltenden Resignation" ihr gegenüber war sein Schauspiel in einem Akt „Die Geschwister", das bei Hofe aufgeführt wurde. Die Hauptrollen spielten er und die anmutige Amalie von Kotzebue. Bei seiner „Iphigenie" ist Charlotte von Stein seine Muse. Schwebt ihm doch hier der beruhigende Einfluß vor, den sie auf sein leidenschaftlich bewegtes Wesen ausgeübt hatte. Zur Fortsetzung des ,,Egmont" forderte Frau von Stein ihn mehrfach dringend auf. Auch an Goethes entstehendem Roman „Wilhelm Meisters Lehrjahre" nahm sie regen Anteil. Am ,,Egmont" hatte er bereits in der fruchtbaren Frankfurter Zeit im Jahre 1775 zu arbeiten begonnen; im Oktober dieses Jahres sah er sich in den historischen Quellen seines „Egmont" näher tun und förderte die Dichtung so energisch, daß, als er im November 1775 nach Weimar ging, nur wenig noch an der Vollendung des ganzen Dramas fehlte.

Als er sein Manuskript des „Egmont" in Weimar wieder vornahm, bemerkte er Unvollkommenheiten und Mängel und besserte noch drei Jahre lang herum, um ihn dann im Jahre 1782 vorläufig abzuschließen. 1786 aber nimmt er den ,,Egmont" auf seine große Reise nach Italien mit, um ihn einer erneuten Bearbeitung zu unterwerfen. Seiner ersten Anlage nach gehört ,,Egmont" noch in die Frühzeit unseres Dichters. Er verknüpft dementsprechend in , .Dichtung und Wahrheit" den ,,Egmont" mit dem „Götz" und hat ebenso in seinen Werken ihn unmittelbar dem „Götz" angereiht. Gehört demnach ,,Egmont" der Weimarischen Zeit eigentlich nicht an, so ist dafür „Iphigenie", ebenso ,,Tasso", ganz auf weimarischem Boden gewachsen. Im Februar und März 1779 finden wir ihn mit seiner , .Iphigenie" beschäftigt, während er Rekruten aushob. In sechs Wochen hatte er diese Dichtung vollendet. Am Osterdienstag desselben Jahres kam dies wundervolle Drama als Festspiel bei Hofe zur Aufführung und erlangte den lebhaftesten Beifall. Goethe selber spielte den Orest. Eine 1781 vorgenommene Bearbeitung dieses Stückes genügte dem Dichter noch nicht. Er nahm auch die ,,Iphigenie" 1786 nach Italien mit und hat ihr dort die vollendete Gestalt gegeben. 

Die Idee zu seinem „Tasso" war dem Dichter auf einem Spaziergange nach Tiefurt im Jahre 1780 aufgegangen. Tassos Heldengedicht „Das befreite Jerusalem" war schon dem Knaben in der deutschen Übersetzung von Kopp bekannt geworden ; später las er es im Original. Wie diese Dichtung, so übten die Lebensschicksale und die Persönlichkeit Tassos einen starken Reiz auf ihn aus. Tasso sollte nach dem Willen des Vaters Rechtswissenschaften studieren, während ihn der Wunsch, ein Dichter zu werden, durchglühte. Er folgte auf der Universität seinem inneren Drange zur Kunst und eröffnete sich durch diesen Schritt den Weg zur Unsterblichkeit. Im Oktober 1780 begann Goethe mit der Niederschrift seines „Tasso". In der „Iphigenie" konnte der Dichter die beruhigende, klärende, sanft leitende Macht der Frau von Stein wiederspiegeln, im ,,Tasso" konnte er sein Leben, sein Dichten, sein Verhältnis zum Herzog, zur Hofgesellschaft, zum Beamtentum, also alle wesentlichen Elemente seines weimarischen Lebenskreises mitwirken lassen. Bald war der erste Akt des „Tasso" vollendet und auf das Drängen der Frau von Stein der zweite Akt begonnen. Aber trotz alles Mahnens von ihrer Seite kam der Dichter damit nicht vorwärts und mußte das Stück bei Seite legen. Im Frühjahr 1781 setzte er den „Tasso" fort und machte bis zum Herbst hin den zweiten Akt fertig. Auch diese beiden zunächst nicht weiter fortgeführten Akte des „Tasso" nahm er zur Weiterarbeit nach Italien mit. 

Im Beginn des Jahres 1777 hatte Goethe seinen Roman „Wilhelm Meisters Lehrjahre" angefangen, dessen Held, ein reicher Kaufmannssohn, von der Liebe zu einer Schauspielerin und von der Idee, ein Nationaltheater zu gründen, dazu gebracht wird, zur Bühne zu gehen, um später doch einzusehen, daß er kein Talent dazu besitze. Im zweiten Buch des Romans blieb Goethe stecken, setzte aber die Arbeit in den Jahren 1779, 1780 wieder fort. Für die reiche Welt, die sein Wilhelm Meister zur Darstellung bringen sollte, sammelte Goethe in dem mannigfachen von ihm beobachteten Leben immer neuen Stoff, und so gelang es ihm, unter stetem Drängen der Freundin, schließlich sechs Bücher, freilich in langen Zwischenräumen, zustande zubringen; aber beim siebenten stockte er, da sein gepreßter Zustand eine reine dichterische Stimmung nicht aufkommen ließ. Auch hierbei mußte erst der Aufenthalt in Italien erfrischend und verjüngend auf ihn einwirken, auch manche wichtige Erfahrung vom Dichter erst gemacht werden, ehe eine Weiterarbeit möglich war. War es doch seine Art, die Dinge, wenn irgend möglich, ausreifen zu lassen. 

Goethes Liebe zur Natur und zu den Naturwissenschaften hatten wir mehrmals zu betonen Gelegenheit. Auch in diesem ersten Jahrzehnt in Weimar hat er es nicht an Bemühungen fehlen lassen, immer vertrauter mit allen Erscheinungen und Gebilden der Natur zu werden. Durch den Bergbau in Ilmenau, dem er soviel Aufmerksamkeit zuwandte, war er immer tiefer in die Mineralogie und Geologie geraten. Eine Karte der Gegend und des Bergwerks wurde entworfen. Bei seinen mineralogischen Studien fand er an dem jungen Voigt einen vorzüglichen Gehilfen. Buffons „Epochen des Erdbaus" beschäftigten Goethe sehr. Er ließ den kundigen Voigt das Land durchreisen und eine mineralogische Beschreibung von Weimar, Eisenach und Jena herstellen, die ihm große Freude machte. In Jena, wo unter Goethes Teilnahme das Naturalienkabinett sehr erweitert wurde, wohnte er auch Professor Loders Vorlesungen über Knochen-und Muskellehre bei. Immer größeren Umfang und Erfolg gewannen seine naturwissenschaftlichen Studien, die sich größtenteils aus seinen amtlichen Geschäften entwickelt hatten und sich an diese anlehnten. Überall in der Natur suchte er das einfache Bildungsgesetz zu entdecken, aus dem die reiche Mannigfaltigkeit der Erscheinungen sich ergibt. 1782 schreibt er an Knebel: ,,Die Cosmogonie und die neuesten Entdeckungen darüber, die Mineralogie und neuestens der Beruf, mich der Ökonomie zu nähern, die ganze Naturgeschichte umgibt mich, wie Bacons großes salomonisches Haus." Auf Charpentiers mineralogischer Karte hatte er die Gegend vom Harz bis zum Fichtelgebirge und vom Riesengebirge bis an die Rhön genau von Voigt eintragen lassen, und schon dachte er an die Herausgabe einer mineralogischen Karte von ganz Europa. Er hatte erkannt, daß die im oberen Sande gefundenen Knochenreste der neuesten, freilich ungeheuer alten Epoche der Erdbildung angehören, und daß die Versteinerungen zur Unterscheidung der Gesteinschichten von bedeutendem Werte seien. Eifrigst spürte er jetzt den Grundgesetzen der Bildung der Steinarten bei Ilmenau, auf dem Harz, im Fichtelgebirge und endlich in Karlsbad nach ; im Harz ließ er die bedeutendsten Felsbildungen zeichnen und überall Steine und Stufen aufladen, die dann in Weimar studiert und geordnet wurden. Er begann eine Abhandlung über den Granit als Grundlage der bekannten Erdoberfläche und schrieb an einer Gebirgslehre. Je weiter er forschte, desto mehr fühlte er, daß er auf dem rechten Wege sei. Er glaubte dabei entdeckt zu
haben, daß größere Steinmassen sich in Parallelepipeden trennen, die sich gern in der Diagonale durchschneiden. Frau von Stein und Knebel nahmen an diesen Studien lebhaften Anteil, während
Herder für Goethes Hämmern am tauben Gestein nur Spott hatte. Goethe legte aber nach dem ersten Besuch von Karlsbad 1785 die Mineralogie beiseite, weil er ohne die Chemie keinen Schritt weiter tun zu können glaubte. Er dachte wohl daran, schon wegen des Hüttenwesens in Ilmenau, die Chemie ernstlich zu betreiben, kam aber nicht mehr dazu. 

Neben den mineralogischen Studien gingen die osteologischen nebenher. Besonders bemühte er sich, den gleichen Typus der Knochenbildung bei den Säugetieren und dem Menschen zu verfolgen, wobei ihn auch  die vorweltlichen Reste interessieren mußten. Auch Merck half ihm dabei. Ein Besuch des berühmten Anatomen Blumenbach, eine Unterhaltung mit Forster und Sömmering in Kassel, besonders aber die Vorlesungen und Unterweisungen des Professors Loder in Jena förderten ihn sehr in seinen anatomischen Studien. Als er im März 1784 mit Professor Loder Menschen- und Tierschädel verglich, machte er zu seiner ungeheuern Freude die höchst wichtige und folgenreiche Entdeckung, daß der sogenannte Zwischenknochen der obern Kinnlade sich auch beim Menschen finde. Die von den anatomischen Autoritäten gestützte gangbare Lehre war bis dahin die gewesen, daß der Mensch sich gerade durch den Mangel dieses Knochens von allen anderen Säugetieren unterscheide. Goethes geniales Einheitsstreben stieß sich an dieser Lehre. Der Gedanke war ihm höchst zuwider, daß das Skelett des Menschen, das sonst eine so genaue Übereinstimmung im ganzen Aufbau mit dem Skelett der Säugetiere aufweist, gerade in diesem einen Punkte eine so wesentliche Abweichung zeigen sollte Nun sah er bei seiner Entdeckung deutlich, daß die Natur den bei den anderen Säugetieren außerordentlich vorgeschobenen Knochen beim Menschen auf ein sehr kleines Maß zusammengezogen habe, da das Gebiß beim Menschen gegenüber der außerordentlichen Entwickelung der oberen Gesichtshälfte mit Stirn und Schädel sehr stark zurücktritt. Mit leidenschaftlichem Eifer verfolgte er nun die verschiedene Bildung des Zwischenkieferknochens bei den Tieren. Einen Elefantenschädel ließ er sich nach Eisenach kommen und führte ihn dann mit nach Weimar. Heider und Frau von Stein nahmen an seiner Entdeckung lebhaften Anteil, und jene schrieb, alles, was durch Goethes Vorstellung gegangen, werde äußerst interessant, selbst die gehässigen Knochen und das öde Steinreich. Erst ein halbes Jahr nach seiner Entdeckung, im Oktober 1784, konnte er zur Ausarbeitung seiner Abhandlung gelangen, der auch Zeichnungen der verschiedenen Arten des Zwischenkieferknochens, die ein Schüler der Zeichenschule unter Goethes Leitung angefertigt hatte, beigegeben wurden. Herder war sehr damit zufrieden. Goethe selbst schrieb, als er die Abhandlung mit den Zeichnungen durch Knebel an Professor Loder sandte, es ergebe sich daraus, ,,daß man den Unterschied des Menschen vom Tier in nichts einzelnem finden könne. Vielmehr ist der Mensch aufs nächste mit den Tieren verwandt. Die Übereinstimmung des Ganzen macht ein jedes Geschöpf zu dem, was es ist . . . Und so ist jede Kreatur nur ein Ton, eine Schattierung einer großen Harmonie, die man auch im ganzen und großen studieren muß." Herder äußerte, von Goethe mit angeregt, in den ,,Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit" ähnliche Ansichten. 

Wie hoch bedeutend diese keineswegs leichte Entdeckung des Zwischenkieferknochens beim Menschen war, zeigt der Umstand, daß die großen Autoritäten auf diesem Gebiete, die Anatomen Sömmering und Camper, nichts davon wissen wollten. Nicht allein, daß sie selber nicht darauf gekommen waren, sondern sie vermochten die Entdeckung, auch nachdem sie unserem Heros gelungen und sie ihnen deutlich vor Augen geführt worden war, nicht anzuerkennen und blieben bei der alten falschen Ansicht stehen. Die vortrefflich geschriebene, sorgfältig ins Lateinische
übersetzte und mit schönen Zeichnungen ausgestattete Abhandlung wurde beiden, Sömmering und Camper, zugesandt, doch mit ganz negativem Erfolge. Selbst Goethes Freund Merck wollte anfangs nicht daran glauben. Erst vier Jahre später, 1788, führte Professor Loder die neue Ansicht in die Wissenschaft ein; aber lange währte es noch, ehe sie Boden gewann. Goethe erfuhr es auf das leidigste, daß ein Gelehrter von Profession seine fünf Sinne ableugne, da es diesem selten um den lebendigen Begriff der Sache zu tun sei, wie Goethe an Merck schrieb. Erst mehr als 30 Jahre später erschien diese hochwichtige, wundervolle Abhandlung im Druck. 

Zunächst traten nun die osteologischen Forschungen unter den botanischen zurück, die ihn erst spät, aber dann auch um so gewaltiger anzogen. Freilich hatte er Bäume und Pflanzen nicht allein bei seinen Anlagen im Garten und im Park, sondern ganz besonders bei seinem vielfachen Durchstreifen der auch amtlich für ihn wichtigen Wälder beobachtet; ja, er hatte die Moose so genau ins Auge gefaßt, daß er ihre verschiedenen Arten zusammenzubringen suchte; auch freute er sich schon im Juni 1782 an Rousseaus „allerliebsten" Briefen über die Botanik; aber erst im Januar 1785 finden wir ihn wissenschaftlich mit der Pflanzenwelt beschäftigt, angeregt durch die ,,Auserlesenen mikroskopischen Entdeckungen bei Pflanzen, Blumen und Blüten" des v. Gleichen genannt Rußwurm, die er kontrollieren wollte. Besonders zogen ihn die Samen als der Grund aller Entwickelung an. In Jena unterhielt er sich viel mit Hofrat Büttner über botanische Dinge. Beim Sezieren von Kokosnüssen fand er, daß er auch hier auf dem rechten Wege wäre. Ferner verhandelte er in Jena auch viel mit dem jungen Magister Batsch, den er bestimmt hatte, sich ganz den Naturwissenschaften zu widmen. Auch Frau von Stein mußte an den Untersuchungen über Pflanzensamen teilnehmen. Im April 1785 will er ihr eine kleine botanische Abhandlung diktieren. Auf seiner Reise ins Fichtelgebirge im Sommer desselben Jahres nimmt er den jungen pflanzenkundigen Dietrich aus Ziegenhain mit. Im November zieht ihn zu Ilmenau die Pflanzenwelt so stark an, daß er keinen Stein anrühren will. Linnes „Philosophia botanica", an der er bisher nur immer gekostet, liest er im Zusammenhang. Einige neue botanische Ideen gehen ihm auf. Im Januar 1786 verhandelt er mit dem Hofgärtner Reichardt in Belvedere über allerlei Botanisches, ebenso in Jena mit Batsch. Im Mai diktiert er Fritz Stein verschiedenes über Botanik. Jedenfalls hat er das Pflanzenreich mit im Sinn, wenn er von Ilmenau aus im Juni an Frau von Stein schreibt: „Wie lesbar mir das Buch der Natur wird, kann ich Dir nicht ausdrücken; mein langes Buchstabieren hat mir geholfen; jetzt rückt's auf einmal, und meine stille Freude ist unaussprechlich. Soviel Neues ich finde, finde ich doch nichts Unerwartetes; es paßt alles und schließt sich an, weil ich kein System habe und nichts will als die Wahrheit um ihrer selbst willen. Wie sich das nun vermehren wird, daran denk' ich mit Freuden." 

Im Juli 1786, der ihn wider Willen in Weimar festhielt, er greift ihn die Pflanzenwelt mit solcher Leidenschaft, daß sie in seinem Gemüte ,,rast", wie er sich ausdrückt; er schreibt an Frau von Stein darüber: ,,Es zwingt sich mir alles auf, ich sinne nicht mehr darüber, es kommt mir alles entgegen, und das ungeheure Reich der Pflanzen vereinfacht sich mir in der Seele, daß ich bald die schwerste Aufgabe gleich weglesen kann. Wenn ich nur jemandem den Blick und die Freude mitteilen könnte. Und es ist kein Traum, keine Phantasie; es ist ein Gewahrwerden der wesentlichen Form, mit der die Natur gleichsam nur immer spielt und spielend das mannigfaltige Leben hervorbringt. Hätte ich Zeit in dem kurzen Lebensraum, so getraute ich mich, es auf alle Reiche der Natur, auf ihr ganzes Reich auszudehnen." Diese wundervolle Einheit des Naturganzen hatte Goethe schon im „Urfaust" seinen Helden mit magischem Seherblick im Zeichen des Makrokosmos erfassen und mit den Worten aus sprechen lassen: ,,Wie alles sich zum Ganzen webt, Eins in dem andern wirkt und lebt. Wie Himmelskräfte auf und nieder steigen Und sich die goldnen Eimer reichen. Mit Segen duftenden Schwingen Vom Himmel durch die Erde dringen, Harmonisch all das All durchklingen." Faust hatte sich, unbefriedigt von den hergebrachten Lehren der Wissenschaft, der Magie zugewendet:

„Drum hab' ich mich der Magie ergeben, 
Ob mir durch Geistes Kraft und Mund
Nicht manch' Geheimnis werde kund."

Das heißt, er hatte sich seinem eigenen Genius anvertraut. Nicht mehr mit den Augen der anderen Gelehrten, die in ihren Überlieferungen befangen sind, sondern mit den eigenen, von diesem Genius erleuchteten Augen wollte er die Natur anschauen. In Goethes ganzem Wirken erkennen wir den Einfluß des Genius oder einwohnenden Dämons, Dämon hier in gutem, nicht in bösem Sinne verstanden, nach dem griechischen Worte Daimon, das eine Gottheit bedeutet. Nach Goethes Sprachgebrauch ist das Dämonische eben das Schöpferisch-Geniale, so daß zum Beispiel nach seiner eigenen Erklärung Eckermann gegenüber der Teufel Mephistopheles ganz und gar nichts Dämonisches an sich hat, weil er nicht schöpferisch tätig sein, sondern nur als oberster der Philister zerstörend und auflösend wirken kann. Goethe hatte sich also, in gleicher Weise wie sein Faust, von der zu großen Schätzung der hergebrachten Lehren der Wissenschaft frei gemacht, hatte sich auf seine eigenen Füße gestellt und sich der Leitung seines eigenen Genius überlassen. Ein glänzendes Beispiel dafür, wie der frei gewordene geniale Geistarbeitet, sehen wir hier an Goethes Entdeckung des Zwischenkieferknochens. Die hergebrachte falsche Lehre besagte, daß der Mensch sich von den Tieren in einem oder mehreren Merkmalen so deutlich unterscheide, daß von einem gemeinsamen Ursprung, von einer Entwicklung aller mannigfaltigen Formen und so auch der Form des Menschen aus einer einfachen Urform keine Rede sein könne. Je genauer man nun in die Anatomie eindrang und diese Formen kennen lernte, desto weniger Unterschiede zwischen dem Menschen und den anderen Säugetieren im Knochenbau konnte man festhalten, bis man endlich nur noch in diesem Zwischenkieferknochen, der beim Menschen fehlen sollte, den Ausschlag gebenden Unterschied erblicken zu müssen meinte. Dieses Fehlen des Zwischenkieferknochens sollte deutlich zeigen, daß eine völlige Übereinstimmung im Aufbau des Menschen und der Tiere und eine gemeinsame Entwicklung aus einer einfachen Urform nicht angenommen werden könne. Selbst die größten Autoritäten waren so befangen in dieser Beziehung, daß sie das, was ihre eigenen Augen ihnen hätten zeigen können, doch nicht sahen, auch als Goethe den Zwischenkieferknochen gefunden hatte und ihnen in deutlichen Zeichnungen, die sie leicht nachprüfen konnten, vor Augen legte. Der Genius oder Dämon aber, der im Zusammenhang mit der Allnatur, mit der schaffenden Kraft Gottes stehend überall die Einheit sucht, aus der die Mannigfaltigkeit der Erscheinungen sich erst allmählich entwickelt, machte unserm großen Goethe die hergebrachte Lehre von dem Fehlen des Zwischenkieferknochens beim Menschen als einen vermeintlichen Beweis dafür, daß Mensch und Tier keinen einheitlichen Ursprung besitzen könnten, durchaus verdächtig. Nun fing Goethe an, selber, mit eigenen Augen sich die Natur anzuschauen:

„Und wenn Natur dich unterweist, 
Dann geht die Seelenkraft dir auf.'

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