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2019-10-24

Hermann Türck: Goethe und sein Faust - 7. Kapitel Seite 2





Dieses unbefangene und unmittelbare Anschauen der Natur und ihrer mannigfaltigen Gebilde, hier in unserem Falle also das Studium der Skelette der verschiedenen Tiere, geschieht eben mit dem magischen oder genialen Bück, der frei ist von hergebrachten Meinungen und eingewurzelten Vorurteilen und nur geleitet wird von der Idee der wundervollen Einheit, Übereinstimmung und Harmonie, die dem Schaffen der wirkenden Natur zu Grunde liegt:

,,Wie alles sich zum Ganzen webt.
Eins in dem andern wirkt imd lebt."

Bei diesem magischen oder genialen Schauen ist es nicht der einzelne Mensch mit seiner irdischen Unvollkommenheit und Beschränktheit, der die Wahrheit erfaßt, sondern in ihm ist die Allnatur oder die Gottheit selber wirksam, wie Goethe später zu Eckermann ausführlich und deutlich äußert. Nicht in seinem eigenen beschränkt menschlichen Lichte schaut das Genie, sondern im Lichte der Natur, wie sich Paracelsus ausdrückte, im Lichte der wirkenden Natur, der Gottheit. Dann ruft Faust beim Anschauen des Zeichens des Makrokosmos, des Symbols der wirkenden Allnatur mit ihrer wundervollen Harmonie und Einheit aus:

,,War es ein Gott, der diese Zeichen schrieb? . .
Bin ich ein Gott? mir wird so licht!
Ich schau' in diesen reinen Zügen
Die wirkende Natur vor meiner Seele liegen."

Faust ist freilich andererseits nichts weniger als ein Gott, sondern ein armer Erdensohn: ,,ein furchtsam weggekrümmter Wurm", wie der Erdgeist sich ausdrückt. Aber in diesem Erdenwurm lebt doch etwas Göttliches und tritt in einzelnen Momenten zutage in dem, wenn auch verworrenen, unklaren Streben zur Einheit und zur Harmonie, die das Wesen der Allnatur, das Wesen Gottes ausmacht. Dieses Streben zur Einheit, das nicht aus klein-menschlicher Einbildung und einem von vornherein zurechtgelegten System herauswächst, dieses Streben zur Einheit, das vielmehr dazu führt, mit selbstlosester Hingebung nur die Natur, nur die Gottheit sprechen zu lassen und so nicht mit dem eigenen gelehrten Licht, sondern im Lichte der Natur zu schauen, dieses Streben zur Einheit macht die großen Entdeckungen erst möglich. Dieses Licht der Natur dringt sich dem genialen Menschen auf, wie das Licht der Sonne. Darum schreibt Goethe an Frau von Stein mit Bezug auf seine naturwissenschaftlichen Entdeckungen: „Es zwingt sich mir alles auf, ich sinne nicht mehr darüber, es kommt mir alles entgegen ... Es paßt alles und schließt sich an, weil ich kein System habe und nichts will als die Wahrheit um ihrer selbst willen." In einem genialen, symbolisch gesprochen der Magie ergebenen Menschen wirkt also die Allnatur oder die Gottheit selber, und da Gott oder die Allnatur trotz der unendlichen Mannigfaltigkeit der Erscheinungen eine immer wiederkehrende ewige Einheit, Übereinstimmung und Harmonie in sich enthält, so wird der Blick des genialen Menschen nicht durch die Mannigfaltigkeit zerstreut und abgelenkt, sondern sucht immer wieder diese ewige Einheit und Übereinstimmung. Das Wesen des genialen Menschen stimmt in einem Grundzuge, nämlich in dem Zug zur Einheit, mit dem Wesen Gottes oder der Allnatur überein; und darum bietet sich dem genialen Menschen auf einer gewissen Entwicklungsstufe die Wahrheit gleichsam von selber dar: „Ich sinne nicht mehr darüber, es kommt mir alles entgegen." Der andere gemeinsame Grundzug der Schöpfertätigkeit Gottes und des Genies besteht in dem Spieltrieb und hängt mit dem ersten Grundzug innigst zusammen. Ganze Sonnensysteme werden in einem ewigen Spiel Gottes oder der Allnatur immer wieder zertrümmert und bis in ihre allerletzten einfachsten Bestandteile zerlegt, um dann immer wieder aus diesen einfachsten Bestand teilen stufenförmig in einer unendlichen Folge der mannigfaltigsten und immer höher entwickelten Formen, vom Uratom bis zum Gehirn eines Genies allerersten Ranges, aufgebaut zu werden, und ebenso schafft das Genie in seiner Weise und erschaut im freien Spiel des Geistes die ursprüngliche Einfachheit und die durch alle Entwickelungsstufen hindurch bis zu den höchsten Formen festgehaltene Einheit.

Mit der Entdeckung des Zwischenkieferknochens war es für Goethe entschieden, daß Mensch und Tier einen einheitlichen Ursprung besitzen, daß sie aus einer und derselben Wurzel entsprungen sind. Wie der Mensch aus einem einfacheren Säugetier sich entwickelt hat, so sind alle Formen stufenweise aus einfacheren hervorgegangen, bis wir zum Ursprung aller Tiere kommen, zum winzigsten Lebewesen im Meere. Im zweiten Teil des ,,Faust" hat Goethe in dem Schicksal des Homunculus diese Lehre verkündet. Der Homunculus ist das körperlose Menschlein, das der Famulus Wagner in einer gläsernen Retorte künstlich hergestellt hat. Es ist gleichsam nur die Idee des Menschen, die ideale Form ohne Fleisch und Blut. Als einer bloßen Idee des Menschen hat ihm der Dichter das Unkörperliche, das Geistige des Menschen zugeteilt, so daß es ihm nicht an sehr hohen geistigen Eigenschaften fehlt, wohl aber an dem materiellen Schwergewicht. In Begleitung des weisen Philosophen Thales läßt ihn daher der Dichter zu Proteus wandern, um von diesem, dessen Eigenschaft es ist, sich beständig zu verwandeln und unendlich viele Gestalten anzunehmen, zu erfragen, „wie man. entstehn und sich verwandeln kann." Will doch Homunculus, der als bloße Idee, als bloß geistige Einheit vorgestellt wird, auch leiblich entstehen und sich so lange verwandeln, bis er auch materiell die höchsten Stufen erklommen hat und Mensch geworden ist. Als sie den Proteus nun treffen und ihn, den viel Beweglichen und alle Gestalten Annehmenden, endlich stand zuhalten zwingen, ruft er verwundert aus:

„Ein leuchtend Zwerglein! Niemals noch gesehn!"

Thales schildert nun den Homunculus mit den Worten:

„Es fragt um Rat und möchte gern entstehn.
Er ist, wie ich von ihm vernommen,
Gar wundersam nur halb zur Welt gekommen.
Ihm fehlt es nicht an geistigen Eigenschaften,
Doch gar zu sehr am greiflich Tüchtighaften.
Bis jetzt gibt ihm das Glas allein Gewicht,
Doch war' er gern zunächst verkörperlicht."

Proteus gibt ihm darauf den Rat, im kleinen anzufangen, indem er zunächst im kleinsten einfachsten Lebewesen im Meere sich verkörperlicht, und Thales redet ihm zu, dem Proteus zu folgen und von vorn die Schöpfung anzufangen, mit dem niedrigsten Lebewesen zu beginnen und sich dann die ganze Entwickelungsreihe hindurch bis zum Menschen allmählich emporzuarbeiten. Homunculus zerschellt darauf, dem Rate folgend, das ihn schützende Glas an der Gondel der Galatea, der Göttin der Liebe, die an die Stelle der Venus getreten ist. Der leuchtende Inhalt der gläsernen Retorte, aus dem das geistige Menschlein, der Homunculus, bestand, fließt mm ins Meer und wird zu jenen winzigen Lebewesen, die das Meerleuchten hervorrufen. Eros aber ist es, der Gott der Liebe, der alle Entwickelung beherrscht, denn die Liebessehnsucht zieht die Wesen zueinander und führt sie immer höherer Entwickelung entgegen. Proteus, der sich in alle Formen Verwandelnde, rät also dem Hommiculus:

„Im weiten Meere mußt du anbeginnen
Da fängt man erst im kleinen an 
Und freut sich, Kleinste zu verschlingen, 
Man wächst so nach und nach heran 
Und bildet sich zu höherem Vollbringen."

Und Thales drängt ihn:

„Gib nach dem löblichen Verlangen, 
Von vorn die Schöpfung anzufangen! 
Zu raschem Wirken sei bereit! 
Da regst du dich nach ewigen Normen, 
Durch tausend, abertausend Formen, 
Und bis zum Menschen hast du Zeit."

Und als nun Homunculus dem Rate folgend von Proteus getragen sich ins Meer stürzt und von mächtiger und süßer Liebessehnsucht bewegt leuchtend den Muschelwagen der Galatea umschwimmt, schildert dies Nereus mit den Worten:

„Welch neues Geheimnis in Mitte der Scharen 
Will unseren Augen sich offengebaren? 
Was flammt um die Muschel, um Galatees Füße? 
Bald lodert es mächtig, bald lieblich, bald süße,
Als war' es von Pulsen der Liebe gerührt."

Thales, der den Zusammenhang kennt, erklärt dem Nereus die wunderbare Erscheinung und sagt voraus, daß Homunculus sein gläsernes Gehäuse an dem Muschelwagen der Liebesgöttin zerbrechen wird, so daß der leuchtende Inhalt ins Wasser fließen und sich in Milliarden mikroskopischer lebender Wesen verwandeln kann, die ein prächtiges Meerleuchten hervorrufen:

„Homunculus ist es, von Proteus verführt . . . 
Es sind die Symptome des herrischen Sehnens,
Mir ahnet das Ächzen beängsteten Dröhnens;
Er wird sich zerschellen am glänzenden Thron; 
Jetzt flammt es, nun blitzt es, ergießet sich schon."

Die Sirenen aber schildern das nun entstehende wundervolle Meerleuchten:

„Welch feuriges Wunder verklärt uns die Wellen,
Die gegen einander sich funkelnd zerschellen?
So leuchtet's und schwanket und hellet hinan:
Die Körper, sie glühen auf nächtlicher Bahn, 
Und ringsum ist alles vom Feuer umronnen;
So herrsche denn Eros, der alles begonnen!"

Gerade um diese Zeit, als Goethe, den Naturstudien mit einem göttlichen Eifer hingegeben, die folgenreiche Entdeckung des Zwischenkieferknochens machte, also im Jahre 1784, wurde ihm auch Spinoza wieder nahe gebracht, der am klarsten, einleuchtendsten und überzeugendsten die alte Lehre der Mystik von der Einheit Gottes mit der Allnatur ausgesprochen hat. Ist aber Gott und die Allnatur eins, so liegt nichts Widergöttliches in der Lehre, daß auch der Mensch durchaus ein Naturwesen ist und völlig in den großen Zusammenhang hineingehört, in dem alle Naturwesen miteinander stehen. Der Mensch und die anderen Lebewesen sind Kinder derselben einheitlichen großen Natur. Die anderen Lebewesen sind daher unsere Brüder; darum läßt der Dichter seinen Faust in der Szene „Wald und Höhle" den erhabenen Geist mit den Worten anrufen:

„Du führst die Reihe der Lebendigen 
Vor mir vorbei, und lehrst mich meine Brüder 
Im stillen Busch, in Luft und Wasser kennen."

Den Anstoß zu der neuen Beschäftigung mit Spinoza gab unseres Dichters Freund Friedrich Heinrich Jacobi, mit dem er sich schon 1774 sehr eifrig über Spinoza unterhalten hatte. Im Juli 1780 hatte Jacobi Lessing besucht und diesem Goethes 1774 entstandenes Gedicht „Prometheus" zu lesen gegeben, in der Meinung, Lessing werde daran Anstoß nehmen, weil in diesem Gedicht gegenüber der zu menschlich vorgestellten Gottheit eine freie Anschauung herrscht, die man aus Goethes Anhängerschaft an Spinoza deuten konnte. Jacobi vertrat den kirchengläubigen Standpunkt und hoffte, in Lessing einen Bundesgenossen zu finden. Dieser dagegen erklärte sich offen für Spinozas Allnatur, die „Eins und Alles" ist. Es gebe, sagte Lessing, keine andere Philosophie als die des Spinoza. Jacobi gab dies zu, behauptete aber, daß man eben dabei auf einen Fatalismus, auf einen Gott ohne Verstand und Willen komme ; er aber, Jacobi, glaube, daß es eine verständige persönliche Ursache der Welt und einen freien Willen des Menschen gebe, und darum müsse er, Jacobi, Spinozas Gegner sein. Im folgenden Jahre starb Lessing. Jacobi erfuhr, daß Moses Mendelssohn eine Darstellung des Charakters Lessings zu schreiben beabsichtige, und ließ ihn daher wissen, daß Lessing, in seiner letzten Zeit wenigstens, ein Anhänger Spinozas gewesen sei. Daraus entwickelte sich ein Streit zwischen Jacobi und Mendelssohn, ob und inwieweit Lessing wirklich Spinozist gewesen und wie die Lehre Spinozas selber aufzufassen sei. Jacobi glaubte, Herder und Goethe als Kampfgenossen gegen den Spinozismus gewinnen zu können, schrieb ihnen darüber und schickte ihnen auch 1783 und 1784 im Manuskript Teile seiner Schrift „Über die Lehre des Spinoza in Briefen an den Herrn Moses Mendelssohn", die auch das Gespräch zwischen Jacobi und Lessing über Spinoza enthielten. Es ging Jacobi aber dabei ebenso, wie es ihm mit Lessing gegangen war. Statt Bundesgenossen in seinem Kampf gegen den Spinozismus zu finden, stieß er auf entschiedene Gegner, die unbedingt an Spinoza festhielten. Jacobi kam 1784 nach Weimar, um durch seinen persönlichen Einfluß Herder und Goethe auf seine Seite zu ziehen, mußte aber unverrichteter Sache wieder abreisen. Goethe, angeregt durch den ganzen Streit, begann sich nun in die Schriften Spinozas von neuem zu vertiefen, wobei ihm Herder und Frau von Stein Gesellschaft leisteten. Herder schrieb an Jacobi im Dezember 1784: „Goethe hat, seit Du weg bist, den Spinoza gelesen, und es ist mir ein großer Probierstein, daß er ihn ganz so verstanden, wie ich ihn verstehe." Und Goethe selber schreibt an Jacobi im Januar 1785: „Ich lese den Spinoza und lese ihn wieder und erwarte mit Verlangen, bis der Streit über seinen Leichnam losbrechen wird." Im November 1784 schreibt Goethe an Knebel: „Ich lese mit der Frau von Stein die Ethik des Spinoza. Ich fühle mich ihm sehr nahe, obgleich sein Geist viel tiefer und reiner ist, als der meinige." Und an Jacobi, im Gegensatz zu diesem, der, an der kirchlichen Auffassung Gottes und Christi festhaltend, Spinoza einen Atheisten nannte und von ihm annahm, daß seine Lehre im Gegensatz zur Lehre Christi stände, schreibt Goethe am 9. Jimi 1785: „Spinoza beweist nicht das Dasein Gottes, das Dasein ist Gott, und wenn den Spinoza andere deshalb Atheum", einen atheistischen Philosophen, „schelten, so möchte ich ihn theissimimi ja christianissimum," den gottgläubigsten und allerchristlichsten Philosophen „nennen und preisen". Dieser Ausspruch Goethes aus dem Jahre 1785 deckt sich vollkommen mit dem, was wir von Lavater über dessen Unterhaltung mit Goethe über Spinoza aus dem Jahre 1774 wissen. Goethe äußerte damals zu Lavater, ,,keiner habe sich über die Gottheit dem Heiland so ähnlich ausgedrückt wie Spinoza". Er stellte also schon damals, 1774, bald nach seinem ersten Studium der Werke Spinozas, dessen Gottesauffassung neben die Gottesauffassung Jesu Christi, und jetzt, nachdem er mit noch mehr Muße imd Gründlichkeit als vor elf Jahren die „Ethik" Spinozas in Gesellschaft Herders und der Frau von Stein studiert hatte, wiederholte er seine damals geäußerte Meinung, daß die Lehre Christi und die Lehre Spinozas nicht im Gegensatz zueinander ständen, sondern innig übereinstimmten und zusammen gehörten. Auf Spinoza näher einzugehen, werden wir noch im nächsten Kapitel Gelegenheit haben, wenn wir von Herders Schrift, betitelt ,,Gott" zu sprechen haben werden, in der Herder den Anfang von Spinozas Schrift „Über die Verbesserung des Verstandes" übersetzt und ausführlich behandelt hat. Goethe erhielt Herders ,,Gott' an seinem Geburtstage, den 28. August 1787, in Rom. —

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