> Gedichte und Zitate für alle: Hermann Türck: Goethe und sein Faust - 8. Kapitel Seite 1

2019-10-24

Hermann Türck: Goethe und sein Faust - 8. Kapitel Seite 1





8. Goethes Verjüngung in Italien. Erneutes dichterisches Schaffen. „Tasso, „Iphigenie', „Egmont'. Herders „Gott'. Weiterarbeit am „Faust: Hexenküche, Wald und Höhle.

Die mannigfachen Geschäfte hatten unserem rastlosen Freunde doch noch immer Zeit gelassen, seinen wissenschaftlichen und dichterischen Neigungen nachzugehen; ja, gerade seine amtliche Tätigkeit hatte ihm Gelegenheit geboten, den Naturwissenschaften näher zu treten, zu denen ihn sein Geist damals mehr als zur Dichtung hinzog. Dabei war er im Innersten, bei all seinen Plänen, Vorsätzen und Unternehmungen, sich selbst, wie er sagt, geheimnisvoll treu geblieben; er hatte
sein gesellschaftliches, moralisches, politisches und kunstschöpferisches Leben in einem verborgenen Knoten zusammengebunden. Aber schließlich mußte er merken, daß es zu viel für ihn wurde. Was ihn in Weimar auf die Dauer zu sehr drückte, das waren doch die ihm innerlich fremden amtlichen Obliegenheiten, ferner die für ein so großes Genie zu enge geistige Atmosphäre und schließlich auch das unangenehme Klima. Das Gefühl, daß ihm infolge seiner angestrengten Tätigkeit im rauhen Thüringen die Elastizität des Geistes zu schwinden beginne, trieb ihn zu dem Entschluß, die Last der Geschäfte abzuschütteln, seine Seele, so lange es noch nicht zu spät war, zu erfrischen und sich ganz der Neigung seiner künstlerischen Natur hinzugeben. Der enge weimarische Kreis mit seiner alle Kräfte anspannenden amtlichen Tätigkeit war nachgerade zu beschwerlich geworden. Die Ausflüge nach Ilmenau, dem Harz, Karlsbad und anderen Orten konnten auf die Dauer auch nicht genügen. Das gespannte, zum Teil gedrückte Leben hatte im Laufe der Zeit zu viel Falten in seine Seele geschlagen, so daß er durch einen kühnen Ruck sich in ein neues, verjüngendes Dasein retten mußte. Und wo konnte er das besser, als in dem Lande, nach dem schon lange seine Sehnsucht gegangen war, auf dem klassischen Boden Italiens. Daß der Herzog ihm einen längeren Urlaub mit Beziehung seines Gehaltes nicht verweigern würde, durfte er annehmen. Zu den Kosten eines behaglichen längeren Aufenthaltes in Italien mußte aber noch das Honorar beitragen, das er für eine Gesamtausgabe seiner Werke von dem Leipziger Verlagsbuchhändler Göschen erhielt. Diese Ausgabe sollte acht Bände umfassen, von denen Goethe die vier ersten noch vor seiner Abreise in Ordnung brachte. Er fuhr dann zunächst nach Karlsbad, wohin ihm der Herzog und Herder folgten und wo er auch Frau von Stein traf, die aber bald darauf nach Hause zurückkehrte. Er selber beabsichtigte, an seinem Geburtstage, den 28. August 1786, heimlich aufzubrechen, mußte aber noch einige Tage zugeben und reiste erst am 3. September von Karlsbad ab, um seine große Reise anzutreten. Morgens um drei Uhr, ohne irgend einem seine Absicht verraten zu haben, verließ er den Ort. Er fuhr allein in einem Postwagen; nur einen Mantelsack und einen Dachsranzen nahm er mit, in denen sich auch seine unvollendeten Schriften, seine Karten, Reisebücher und ein botanisches Werk von Linne befanden. In dem Brief an den Herzog, in dem er um längeren Urlaub bat, schrieb er: „Sie sind glücklich, Sie gehen einer gewünschten und gewählten Bestimmung (in der preußischen Armee) entgegen. Ihre häuslichen Angelegenheiten sind in guter Ordnung, auf gutem Wege, und ich weiß, Sie erlauben mir, daß ich nun an mich denke; ja, Sie haben mich selbst oft dazu aufgefordert. Im allgemeinen (in der Kammer und im Konseil) bin ich in diesem Augenblick gewiß entbehrlich, und was die besonderen Geschäfte betrifft, die mir aufgetragen sind, diese hab' ich so gestellt, daß sie eine Zeit lang bequem ohne mich fortgehen können, ja ich dürfte sterben, und es würde keinen Ruck tun. Noch viele Zusammenstellungen dieser Konstellation übergehe ich und bitte Sie nur um einen unbestimmten Urlaub. Durch den zweijährigen Gebrauch des Bades hat meine Gesundheit viel gewonnen, und ich hoffe auch für die Elastizität meines Geistes das Beste, wenn er eine Zeit lang, sich selbst gelassen, der freien Welt genießen kann. Die vier ersten Bände (der Gesamtausgabe) sind endlich in Ordnung; Herder hat mir unermüdlich treu beigestanden. Zu den vier letzten bedarf ich Muße und Stimmung; ich habe die Sache zu leicht genommen und sehe jetzt erst, was zu tun ist, wenn es keine Sudelei werden soll. Dieses alles und noch viele zusammentreffende Umstände dringen und zwingen mich, in Gegenden der Welt mich zu verlieren, wo ich ganz unbekannt bin. Ich gehe ganz allein, unter einem fremden Namen, und hoffe von dieser etwas sonderbar scheinenden Unternehmung das Beste."

In seinem Tagebuch schreibt Goethe: ,,Auf dieser Reise, hoffe ich, will ich mein Gemüt über die schönen Künste beruhigen, ihr heilig Bild recht in die Seele prägen und zu stillem Genuß bewahren." Um sich „von den physisch-moralischen Übeln zu heilen, die ihn in Deutschland quälten und ihn zuletzt unbrauchbar machten", um die Elastizität des Geistes wieder zu erlangen, wollte er den Geheimrat, den Minister und Herrn ablegen, sich von keinem mehr bedienen lassen, ein sorgen- und etikettenloses Studentenleben genießen und wieder ein einfacher Mensch werden.

Von Karlsbad reiste er durch Bayern und Tirol. In Innsbruck belud er sich mit Steinen für seine mineralogischen Studien. Auf dem Brenner nahm er seine „Iphigenie" vor und schloß das erste Stück seines an Frau von Stein gerichteten Tagebuches ab. Im Angesicht des Gardasees ließ er das erste Selbstgespräch seiner sich nach der Heimat sehnenden Priesterin Iphigenie in Versen neu erklingen. Über diese Umarbeitung sagt Bielschowsky in seinem bekannten Werk: „Der Vers brachte nicht bloß melodischeren Klang in das Stück, auch den Ausdruck besserte und klärte er." Wieviel schöner die Fassung in Versen als die in Prosa bei der Iphigenie ist, mögen die von Bielschowsky angeführten Proben erweisen. Es heißt in der ersten Szene des ersten Aktes in der ursprünglichen Fassung: „Mein Verlangen steht hinüber nach dem schönen Lande der Griechen, und immer möcht' ich übers Meer hinüber." Jetzt:

„Und an dem Ufer steh ich lange Tage,
Das Land der Griechen mit der Seele suchend,
Und gegen meine Seufzer bringt die Welle
Nur dumpfe Töne brausend mir herüber."

Ferner in der fünften Szene des vierten Aktes lautet die erste Fassung: ,,Sie aber lassen sich's ewig wohl sein am goldenen Tisch. Von Berg zu Bergen schreiten sie weg, und aus der Tiefe dampft ihnen des Riesen erstickter Mund, gleich andern Opfern, ein leichter Rauch." Nunmehr:

„Sie aber, sie bleiben
In ewigen Festen.
An goldenen Tischen.
Sie schreiten vom Berge
Zu Bergen hinüber:
Aus Schlünden der Tiefe
Dampft ihnen der Atem
Erstickter Titanen
Gleich Opfergerüchen
Ein leichtes Gewölke."

Bielschowsky bemerkt noch dazu: „Zwischen Akten und Protokollen, jungen Rekruten und hungernden Strumpfwirkern war die erste Fassung der Iphigenie zustande gekommen. Die Lücken und Ecken, die aus dieser unharmonischen Umgebung ihr anhingen, waren während des Weimarer Amtslebens nicht zu tilgen. Als er aber auf der italienischen Reise in einer anmutig großen Welt mit freiem Gemüt sich völlig in die Seele des Gedichtes versenken konnte, verspürte er jede leise Unebenheit der Motivierung, jede Schwankung des Tons, jeden härteren Übergang in der Färbung; und er ruhte nicht mit Glätten und Abtönen, Vertiefen und Erhöhen, bis die Dichtung jenen edeln Bildwerken glich, die in Italien in stiller Erhabenheit auf ihn niederblickten."

Neben der Dichtung beschäftigte ihn auf der Reise wieder sein Naturstudium mit dem echt faustischen, magisch-genialen Triebe, in der Ungeheuern Mannigfaltigkeit der Erscheinungen das einheitliche Grundgesetz zu erkennen. So zeigte ihm, wie er berichtet, im Botanischen Garten zu Padua eine Fächerpalme in der anschaulichsten Weise die ganze Stufenleiter der Veränderungen der Pflanze; der Gärtner mußte ihm eine Reihe Blätter bis zur Hälfte abschneiden, die er in einigen Pappen wie einen Fetisch mit sich führte. Immer lebendiger wird ihm in diesem so viele neue Pflanzen bietenden Garten der Gedanke der Entwickelung aller Pflanzengestalten aus einer einzigen.

In Venedig blieb er drei Wochen. Die unausgesetzt weitergeführte Umarbeitung der „Iphigenie" blieb in der letzten Woche seines dortigen Aufenthaltes liegen, weil ihm die Lösung einer Schwierigkeit im vierten Akte nicht gelingen wollte. Auf Florenz verwandte er nur drei Stunden, weil ihn jetzt die Ungeduld trieb, endlich Rom zu erreichen. Am 29. Oktober 1786 langte er dort an, mit dem herzerhebenden Gefühl, daß ihm der sehnlichste Wunsch seines Lebens gewährt sei: die ewige Stadt zu sehen. Sein erster Gang war zu dem Maler Wilhelm Tischbein, der auf Goethes Empfehlung vom Herzog von Gotha nach Italien gesandt worden war. Freudigste Überraschung ergriff den vom Dichter des „Götz" begeisterten Künstler, als er Goethe plötzlich vor sich sah, und so einfach und rein gemütlich, so innig herzlich, daß er es gar nicht fassen konnte. Tischbein sollte ihm in seinem Hause ein kleines Stübchen zum Schlafen und zum Arbeiten und ein einfaches Essen verschaffen, was leicht gelang. Auch zwei andere junge Maler wohnten dort, Schütz und Bury. Diese drei bildeten Goethes nächsten Kreis. Tischbein bewohnte den ersten Stock, auf dem zweiten hatte Goethe einen kleinen, eine weite Aussicht auf den Monte Pincio bietenden Saal mit daran stoßender Schlafstube. ,,Wir gehen fleißig hin und wieder", schreibt er von Rom. ,,Ich mache mir die Plane des alten und neuen Roms bekannt, betrachte die Ruinen, die Gebäude, besuche ein und die andere Villa; die größten Merkwürdigkeiten werden ganz langsam behandelt, ich tue nur die Augen auf und geh und komme wieder," Mächtig wirkte besonders das Pantheon, St. Peter und der Apoll von Belvedere, dann aber schien ihm wieder gegen das Kolosseum alles andere klein. Eine sehr folgenreiche Bekanntschaft machte Goethe gleich am dritten Tage. Es war der Schweizer Maler Heinrich Meyer, dessen gründliche Kenntnisse und biedere Treuherzigkeit Goethe anzogen. Er gewann in Meyer einen seiner treuesten Mitarbeiter und einen Freund fürs Leben.

Im November meldete endlich Goethe seinen weimarischen Freunden, dem Herzog, der Frau von Stein und Herder, seine Ankunft in Rom. Von da an schrieb Goethe jeden Sonntag an Frau von Stein, meist auch an Herder, der ihm von allen Freunden am nächsten stand. Das Tagebuch bis Venedig kam im Januar in Frau von Steins Hände.

Goethe machte in dieser Zeit auch die Bekanntschaft des acht Jahre jüngeren Karl Philipp Moritz, der seine seltsamen Schicksale dem Roman „Anton Reiser" zugrunde gelegt hatte. Der Umgang mit dem Dichter, schrieb Moritz, sei ihm ein unverhofftes Glück, da es bei allen Schönheiten der Natur und Kunst nichts Höheres gebe, als einen harmonischen Gedankenwechsel.

Goethe fühlte, wie sehr es ihm an technischen Kenntnissen fehle; darum sah er sich Gebäude, Antiken und Gemälde meist in Gesellschaft von Baukünstlern, Bildhauern und Malern an.
«Unter den Bildhauern schätzte er besonders den fünf Jahre älteren Alexander Trippel. Goethe nahm in dieser Zeit auch die Umänderung seiner „Iphigenie" wieder vor und vollendete diese Arbeit schon im Dezember 1786. Neben den großartigen Gebäuden, neben dem Apoll von Belvedere und Raphaels Loggien hatten jetzt die kolossalen Köpfe des Zeus von Otricoli,der Jimo Ludovisi und ferner die Medusa Rondanini seine Liebe gewonnen, so daß er nicht ruhte, bis er Abgüsse von ihnen besaß. Auch die großartigen Wandgemälde Michel Angelos in der Sixtinischen Kapelle ergriffen ihn tief. Bei seinem Streben nach Allseitigkeit zog ihn auch die Geschichte Roms an. Die Altertümer, die Münzkunde, selbst die römische Politik und Verwaltung erregten seine Aufmerksamkeit. Dazwischen machte er auch botanische Beobachtungen. Da er aber alles mit freiem Gemüte trieb, so fühlte er von dieser Inanspruchnahme aller seiner tätigen und sinnenden Kräfte die lebendigste Wirkung in seinem ganzen Wesen und fand selber, daß er „bis auf das Knochenmark verändert, wahrhaft wiedergeboren sei". Tischbein machte um diese Zeit einen Entwurf zu dem bekannten großen Gemälde von Goethe, das diesen sitzend, in einen großen weißen Mantel gehüllt, einen Reisehut auf dem Kopfe darstellt.

Der Verkehr mit diesem ausgezeichneten Künstler war für Goethe äußerst angenehm und förderlich; er schreibt darüber: ,,Das Stärkste, was mich in Italien hält, ist Tischbein; ich werde nie, und wenn auch mein Schicksal wäre, das schöne Land zum zweiten Mal zu besuchen, so viel in so kurzer Zeit lernen können, als jetzt in Gesellschaft dieses ausgebildeten, erfahrenen, feinen, mir mit Leib und Seele anhängenden Mannes." Im Beginn des neuen Jahres machte Goethe auch die Bekanntschaft der acht Jahre älteren Malerin Angelika Kaufmann, die sich schon 1763 zu Rom durch ihre Kunst einen Namen erworben hatte, eine Engelseele, von zarter Weiblichkeit, tiefer Empfindung und reinem Gemüt, so daß sich Goethe innigst zu ihr hingezogen fühlte.

Im Februar 1787 fuhr er mit Tischbein nach Neapel. Zweimal stieg er auf den Vesuv und besuchte auch Pompeji. Im März reiste er mit dem ihm von Tischbein empfohlenen Landschaftsmaler Kniep nach Sizilien. Er nahm die beiden ersten Akte des „Tasse" mit und durchdachte während der Reise den neuen Plan dieses Stückes. In Palermo, dessen Anblick mit „dem schönsten aller Vorgebirge der Welt" stark auf ihn wirkte, blieb er 16 Tage. Dann ging es nach dem durch ein Erdbeben zerstörten Messina, das nichts weiter als eine Trümmerwüste war. Im Mai kehrte Goethe nach einer gefährlichen Seefahrt von Messina nach Neapel zurück. Von dort aus besuchte er zum zweiten Male Paestum, dessen Tempelreste einen so tiefen Eindruck auf ihn machten, daß er sie fast für die herrlichste Idee hielt, die er von seiner ganzen Reise mitnehme. An den Herzog schrieb er um diese Zeit: „Geben Sie mich mir selbst, meinem Vaterlande, geben Sie mich sich selbst wieder, daß ich ein neues Leben und mit Ihnen anfange. Ich habe ein so großes und schönes Stück Welt gesehen, und das Resultat ist, daß ich nur mit Ihnen und in dem Ihrigen leben mag. Kann ich es weniger von Detail überhäuft, zu dem ich nicht geboren bin, so kann ich zu Ihrer und zu vieler Menschen Freude leben." Bevor er von Neapel abreiste, genoß er noch aus der Ferne das Schauspiel einer vom Gipfel des Vesuv nach dem Meere sich ergießenden mächtigen Lava.

Im Juni 1787 war er wieder in Rom, wo er sich dann noch bis zum April 1788 aufhielt. Da Tischbein nach Neapel ging, bezog Goethe für den Sommer dessen großen Saal, wo sich sein fast vollendetes Bild befand. Von jetzt ab üben Angelika Kaufmann und Heinrich Meyer auf ihn den bedeutendsten Einfluß aus. Auch Moritz, dessen Kenntnis der Geschichte und der Altertümer ihm zustatten kam, ebenso Bury und Schütz, blieben seine nahen Genossen. Eifrig arbeitete er, trotz der brennenden Hitze, die ihn den größten Teil des Tages zu Hause hielt, am ,,Egmont", nicht wenig dadurch angeregt, daß eben in Brüssel ganz ähnliche Szenen sich abspielten, wie er sie in seinem Drama dargestellt hatte. Er dichtete den „Egmont", wie er selbst sagt, mit großer Freiheit des Gemüts und großer Gewissenhaftigkeit in der sichern Aussicht, daß die Bühne sich sofort des Stückes bemächtigen werde. An den Herzog schrieb er im August 1787, er denke Neujahr den ,,Tasso", Ostern den „Faust" zu vollenden, was ihm nur in dieser Abgeschiedenheit möglich sei; daneben würden auch die kleineren Sachen für die Ausgabe seiner Schriften fertig werden. Dadurch, daß diese Rekapitulation, diese Wiedervergegenwärtigung seines Lebens und Wirkens ihn zwinge, seine neuere Manier nach seiner ersten zurückzubilden, lerne er sich selbst, seine Engen und Weiten kennen. 

Auch seinen botanischen Gedanken hing er in dieser Zeit eifrig nach. Eine Nelke, an der aus der Hauptblume vier andere herausgewachsen, war ihm als eine Bestätigung seiner Auffassung so erfreulich, daß er sie als Triumph seiner Lehre zeichnete, wodurch er zu noch größerer Einsicht in deren Grundbegriff gelangte. Um diese Zeit war es, daß der Bildhauer Trippel von ihm auf Bestellung des Prinzen von Waldeck eine Marmorbüste verfertigte, die wir jetzt auf der Bibliothek in Weimar bewundern können. Anfang September 1787 gelang dann unserm Dichter die Vollendung seines ,,Egmont".

Sehr eifrig betrieb er das Zeichnen, und zwar studierte er zunächst den Kopf und seine Teile, was ihn die antiken Bildwerke erst recht verstehen lehrte. Abends wurde Perspektive getrieben. Im Dezember durchwanderte er bei schönstem Wetter das vulkanische Gebirge von Frascati bis Nemi. Näher als je stand ihm der „stille, einsam fleißige Meyer, der ihm zuerst die Augen über das Detail, über die Eigenschaften der einzelnen Formen der Bildwerke aufgeschlossen hatte". Nachdem Goethe das Zeichnen des Kopfes vollendet hatte, begann er im Januar 1788 die übrigen Körperteile und schloß am Ende des Monats mit der Zeichnung der Hand. In diese Zeit fällt wahrscheinlich die Anknüpfung eines Verhältnisses zu einer schönen Römerin, die ihm wohl als Modell beim Zeichnen gedient hatte. Sie wurde später die Gattin eines wohlhabenden, sich in Rom ansiedelnden Engländers.

Ende Februar 1788 brachte Goethe die Pläne zu ,,Faust" und „Tasso" in Ordnung und dichtete in der herrlichen Umgebung der Villa Borghese die Szene in der ,, Hexenküche"; auch die Szene ,,Wald und Höhle" muß um diese Zeit entstanden sein. Goethe schreibt darüber in seiner italienischen Reise unterm 1. März: „Ich habe den Mut gehabt, meine drei letzten Bände (der Gesamtausgabe) auf einmal zu überdenken, und ich weiß nun genau, was ich machen will; gebe nun der Himmel Stimmung und Glück, es zu machen. Es war eine reichhaltige Woche, die mir in der Erinnerung wie ein Monat vorkommt. Zuerst ward der Plan zu Faust gemacht, und ich hoffe, diese Operation soll mir geglückt sein. Natürlich ist es ein ander Ding, das Stück jetzt oder vor fünfzehn Jahren ausschreiben; ich denke, es soll nichts dabei verlieren, besonders da ich jetzt glaube, den Faden wieder gefunden zu haben. Auch was den Ton des Ganzen betrifft, bin ich getröstet; ich habe schon eine neue Szene ausgeführt, und wenn ich das Papier räuchere, so dächt' ich, sollte sie mir niemand aus den alten herausfinden. Da ich durch die lange Ruhe und Abgeschiedenheit ganz auf das Niveau meiner eigenen Existenz zurückgebracht bin, so ist es merkwürdig, wie sehr ich mir gleiche und wie wenig mein Inneres durch Jahre und Begebenheiten gelitten hat."

Dies ist eine äußerst wichtige und bedeutsame Äußerung Goethes über die Entstehung seines „Faust": der Dichter ist der Gleiche geblieben und steht innerlich genau auf demselben Standpunkt, den er eingenommen, als er fünfzehn Jahre früher, also 1773 bzw. 1774, den „Faust" niederzuschreiben begonnen hatte. Alle jene Fausterklärer sind daher im Irrtum, die annehmen, Goethe habe während dieses Zeitraumes innerlich sehr bedeutende Wandlungen durchgemacht, die ihm seine eigene ursprüngliche Auffassung des Faustproblems schließlich fremd erscheinen ließen, so daß er, als er nach fünfzehnjähriger Pause wieder an die Arbeit ging, nunmehr in ganz anderem Sinne seine Dichtung weiterführte, als er es ursprünglich zu tun beabsichtigt hatte. An verschiedenen Stellen konnten wir bereits wahrnehmen, wie folgerichtig Goethe die ihm zuerst im Jahre 1769 bei der Lektüre der Schriften des Paracelsus, des Thomas von Kempen und anderer mittelalterlicher Schriftsteller aufgegangene Idee des Faustgedichtes weiter entwickelte, und wie sein eigenes Leben und Wirken damit übereinstimmte. Auch in der „Hexenküche", die er in einer völlig anderen Umgebung, unter dem blauen Himmel Italiens, unter den Eindrücken der klassischen Kunst und Kultur geschrieben hat, weht derselbe nordische Hauch und ist der Einfluß derselben Schriften zu spüren, die er um die Zeit der ersten Entstehung des Faustgedankens gelesen hat, wobei ihm sein ausgezeichnetes Gedächtnis die besten Dienste leistete. Unter den alchimistischen Werken, die er mit Fräulein von Klettenberg zusammen in den Jahren 1768 und 1769 studiert hat, nennt er auch die Werke des Basilius Valentinus, und schlagen wir diese auf, so finden wir darin Verse, die in ihrem Ton in höchst merkwürdiger Weise an die Verse anklingen, die die Hexe während der Zeremonien zur Verabreichung des Verjüngungstrankes an Faust aus einem Buche deklamiert. Die Hexe spricht:

,,Du mußt verstelm! 
Aus Eins mach Zehn, 
Und Zwei laß gehn, 
Und Drei mach gleich, 
So bist du reich.
Verlier die Vier! 
Aus Fünf und Sechs,
So sagt die Hex', 
Mach Sieben und Acht,
So ist's vollbracht: 
Und Neun ist Eins, 
Und Zehn ist keins. 
Das ist das Hexen-Einmal-Eins."

In Basilii Valentini ,,Chymische Schriften", Fünfte Edition Hamburg 1740, S. 65 und 145 heißt es:

„Sind zwei und drei und doch nur eins. 
Verstehst du's nicht, so triffst du keins . . .
Ein Zeuge red't mit höchster Stimm', 
Wer gar nichts gilt, ist leer im Sinn: 
Fünfzig ist mehr den fünf die Zahl, 
Und sind doch nur zween überall:
Tausend beschließen's End zugleich, 
Wer dies versteht, der ist ganz reich."

Was den inneren Gehalt der Hexenszene anlangt, so spiegelt sich in der Verjüngung Fausts, die auf italienischem Boden gedichtet wurde, die Verjüngung Goethes wieder, die er in Italien erlebt hat. So schreibt er in der ,italienischen Reise" unterm 6. September 1787: ,,Mir geht es immer an Leib und Seele gut, und fast kann ich hoffen, radikaliter kuriert zu werden. Alles geht mir leicht von der Hand, und manchmal kommt ein Hauch der Jugendzeit, mich anzuwehen." Mit seinen Studien der menschlichen Gestalt und der klassischen Kunst in Italien hängt wohl das Entzücken zusammen, das Goethe seinen Faust beim Anschauen der weiblichen Gestalt im Zauberspiegel der Hexenküche ergreifen läßt, wo er ganz hingerissen ausruft:

„Was seh ich? Welch ein himmlisch Bild
Zeigt sich in diesem Zauberspiegel! 
O Liebe, leihe mir den schnellsten deiner Flügel, 
Und führe mich in ihr Gefild! 
Ach wenn ich nicht auf dieser Stelle bleibe, 
Wenn ich es wage, nah zu gehn. 
Kann ich sie nur als wie im Nebel sehn! — 
Das schönste Bild von einem Weibe! 
Ist's möglich, ist das Weib so schön? 
Muß ich an diesem hingestreckten Leibe 
Den Inbegriff von allen Himmeln sehn?
So etwas findet sich auf Erden?"

Von Interesse ist es und wahrscheinlich vom Dichter mit aller Absicht so geordnet, daß Faust dieses große Entzücken über den Anblick eines herrlichen weiblichen Körpers empfindet, noch bevor er den verjüngenden Trank der Hexe zu sich genommen hat. Der Trank verjüngt ihn also nur körperlich; seine Seele, sein Gemüt war auch schon vorher der größten Begeisterung für die Schönheit der Welt und des menschlichen Körpers fähig. Freilich, je jünger der Mensch ist, je mehr Saft und Kraft noch in ihm ist, mit desto freudigeren, verliebteren Augen wird er alles um sich her betrachten, und desto schöner wird ihm daher auch alles erscheinen. Denn die Liebe verschönt, sie läßt alles in verklärtem Lichte erblicken. So meint auch Mephistopheles ironisch, der durch den Trank der Hexe verjüngte Faust werde bald in irgendeinem der ihm begegnenden jüngeren und hübscheren weiblichen Wesen das Muster aller Frauen, die schönste, vor sich zu sehen glauben.  Als daher Faust am Schluß der Hexenküchenszene den Wunsch äußert:

„Laß mich nur schnell noch in den Spiegel schauen! 
Das Frauenbild war gar zu schön!"

antwortet Mephistopheles:

„Nein! Nein! Du sollst das Muster aller Frauen 
Nun bald leibhaftig vor dir sehn,"

Und leise setzt der Teufel hinzu:

„Du siehst, mit diesem Trank im Leibe,
Bald Helenen in jedem Weibe."

Keine Kommentare: