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2019-10-25

Hermann Türck: Goethe und sein Faust - 9. Kapitel Seite 1





9. Heimkehr und Verbindung mit Christiane Vulpius. Vollendung des „Tasso'. Das „Faust', Fragment**. Freundschaftsbund mit Schiller.



Auch die letzte Zeit in Rom brachte Goethe mit dem eifrigsten Studium der Kunst und Natur zu. Alle Schätze des Menschengeistes suchte er auf sich herbeizuraffen wie sein Faust. Nachdem er die großen Kunstwerke als Ganzes auf sich hatte wirken lassen, bemühte er sich jetzt, die einzelnen Teile durch sorgfältigstes Studium genau kennen zu lernen. So berichtet er unterm 14. März 1788: „Diese Woche habe ich einen Fuß modelliert, nach vorgängigem Studium der Knochen und Muskeln, und werde von meinem Meister gelobt. Wer den ganzen Körper so durchgearbeitet hätte, wäre um ein gutes Teil klüger, versteht sich in Rom, mit allen Hilfsmitteln und dem mannigfaltigen Rat der Verständigen. Ich habe einen Skelettfuß, eine schöne auf die Natur gegossene Anatomie, ein halb Dutzend der schönsten antiken Füße, einige schlechte, jene zur Nachahmung, diese zur Warnung, und die Natur kann ich auch zu Rate ziehen; in jeder Villa, in die ich trete, finde ich Gelegenheit, nach diesen Teilen zu sehen; Gemälde zeigen mir, was Maler gedacht und gemacht haben. Drei, vier Künstler kommen täglich auf mein Zimmer, deren Rat und Anmerkung ich nutze, unter welchen jedoch, genau besehen, Heinrich Meyers Rat und Nachhilfe mich am meisten fördert. Wenn mit diesem Winde, auf diesem Elemente ein Schiff nicht von der Stelle käme, so müßte es keine Segel oder einen wahnsinnigen Steuermann haben. Bei der allgemeinen Übersicht der Kunst, die ich mir gemacht habe, war es mir sehr notwendig, nun mit Aufmerksamkeit und Fleiß an einzelne Teile zu gehen."

Ebenso setzte Goethe seine botanischen Studien eifrig fort; er sagt darüber: „Die Gesetzlichkeit der Pflanzenorganisation, die ich in Sizilien gewahr worden, beschäftigte mich zwischen allem durch, wie es Neigungen zu tun pflegen, die sich unseres Inneren bemächtigen und sich zugleich unseren Fähigkeiten angemessen erzeigen. Ich besuchte den botanischen Garten, welcher, wenn man will, in seinem veralteten Zustand geringen Reiz ausübte, auf mich aber doch, dem vieles, was er dort vorfand, neu und unerwartet schien, einen günstigen Einfluß hatte. Ich nahm daher Gelegenheit, manche seltenere Pflanzen um mich zu versammeln und meine Betrachtungen darüber fortzusetzen, sowie die von mir aus Samen und Kernen erzogenen fernerhin pflegend zu beobachten." 

Schwer wurde es Goethe beim Abschied von Rom, auch von der ihm herzlich vertraut gewordenen Angelika Kauffmann sich zu trennen ; in ihren Hausgarten pflanzte er einen selbstgezogenen Pinienzweig, der dort bis zu Ihrem Tode gedieh. 

Am 22. April 1788 verließ er Rom. In Florenz ließ er sich diesmal Zeit, die reichen Kunstschätze zu genießen. Hier lag ihm auch der „Tasso" wieder lebhaft im Sinne. Am 18. Juni endlich kehrte er nach fast zweijähriger Abwesenheit, als ein neuer Mensch, aus der großen Welt in das kleine, ihm doch so lieb gewordene Weimar zurück. Er selber war ein Neuer geworden, aber die Freunde hatten sich inzwischen nicht erneuert; ja, gerade Frau von Stein, zu der er mit der herzlichsten Liebe zurückkehrte, hatte sich während seiner Abwesenheit ganz von ihm abgewandt. Der frische, glückliche Zug an ihm ärgerte sie; daß er sie so lange hatte entbehren und dabei hatte glücklich sein können, vergab sie ihm nicht. Sie war ihm gegenüber kalt, verschlossen tmd abweisend und verdarb ihm völlig die frohe Stimmung des Wiedersehens. Kein Wunder, daß es ihm, der immer eines weiblichen Wesens zu einem nahen vertrauten Verkehr bedurfte, daß es ihm, der verjüngt durch seinen Aufenthalt in Italien und durch seine intensive Beschäftigung mit der bildenden Kunst von der Lust am sinnlich Körperlichen erfüllt war, so ging wie seinem Faust nach seiner Verjüngung, nämlich daß er in dem ersten ihm begegnenden jungen anmutigen weiblichen Wesen eine Helena sah und sich ihrer bemächtigte.

„Du siehst mit diesem Trank im Leibe 
Bald Helenen in jedem Weibe."

Christiane Sophie Vulpius, die eben 23 Jahre alt gewordene Tochter des 1786 verstorbenen Amtsarchivars Vulpius, eine kleine niedliche Blondine mit schönen blauen Augen, hübschem Näschen und schwellenden Lippen, überreichte dem Herrn Geheimrat Goethe im Park eine Bittschrift ihres zwei Jahre älteren Bruders, der in Jena Jurisprudenz, Geschichte und Diplomatik studiert hatte und dann als Schriftsteller aufgetreten war. Goethe, der ihn mehrfach unterstützt und gefördert hatte und ihm auch jetzt wieder helfen sollte, tat, was in seinen Kräften stand. Christiane aber hatte bei dieser Gelegenheit einen so freundlichen Eindruck auf sein Herz gemacht, daß er sich ernstlich um sie bemühte. Sie gab sich ihm rasch und ganz hin, und noch waren keine vier Wochen nach seiner Rückkehr aus Italien vergangen, da war sie völlig sein eigen. Er war von ihren Reizen, ihrer Gutmütigkeit, ihrer Naivität und dem Glücke, das sie in der Liebe des hoch stehenden Mannes genoß, ganz hingerissen und verlebte glückliche Tage, wie er sie ähnlich in Rom in einer flüchtigen Verbindung mit einer schönen Römerin genossen hatte. Frau von Stein erfuhr zunächst nichts davon. Goethe besuchte sie zuweilen, sie erwiesen sich auch gegenseitig Gefälligkeiten, aber von der enthusiastischen Anbetung, die er ihr früher entgegengebracht hatte, war nichts mehr zu spüren. Am 22. Juli 1788 reiste Frau von Stein auf ihr Gut Kochberg. Im September besuchte Goethe sie dort, wo er auch Schillers spätere Gattin, die 21jährige Lotte von Lengefeld, antraf. Von dort aus fuhr man nach Rudolstadt zur Oberhofmeisterin von Lengefeld, wo Schiller sich gerade aufhielt. Dieser lernte hier den berühmten, zehn Jahre älteren Dichter kennen, auf dessen Bekanntschaft er schon lange neugierig gewesen und den er bereits einmal durch Frau von Stein hatte grüßen lassen. Goethe und Schiller unterhielten sich freundlich sowohl im Hause wie auf einem Spaziergange an der Saale, doch kam es zu keiner vertrauteren, eingehenderen Aussprache. Der vorher erfolgte Besuch Goethes bei Frau von Stein in Kochberg hatte ihn noch mehr von ihr entfernt, da sie ihm nichts weniger als herzlich entgegengekommen war. Um so glücklicher fand er sich in seinem Zusammenleben mit Christiane. Er liebte sie mit so warmer Neigung, daß er noch zehn Jahre später in einem auf der Reise an sie gerichteten Briefe bedauert, nichts, wäre es auch nur einen Pantoffel, von ihr mitgenommen zu haben.

Im März 1789 kam Frau von Stein hinter Goethes geheim gehaltene Liebschaft mit Christiane. Ihre Erbitterung war grenzenlos, und ihre Rache bestand darin, daß sie ein kleines Drama „Dido" schrieb, worin ein Dichter Ogon gebrandmarkt wird, der selbstsüchtige frühere Geliebte einer Freundin Didos. Frau von Stein läßt ihn darin von sich sagen: ,,Ich war einmal ganz im Ernst an der Tugend in die Höhe geklettert, aber es bekam mir nicht, ich wurde so mager dabei; jetzt, da ich wieder im Laster stecke, jetzt seht mein Unterkinn, meinen wohl gerundeten Bauch, meine Waden." Goethe war nämlich in zwischen ein wenig korpulent geworden, daher diese bissige Anspielung. Noch im Jahre 1796 nannte Frau von Stein in einem an Schillers Gattin gerichteten Brief Goethe „den dicken Geheimrat", und in einem andern Brief aus demselben Jahr an Lotte von Schiller warf sie die Bemerkung hin: „Vielleicht macht die Berlitz jetzt, da sie lustig, munter, dick und fett ist, mehr Eindruck auf Goethe, als da sie mager und sentimentalisch war; sie sieht auch etwas gemeiner aus." Christianen nannte Frau von Stein nur „Goethes Kammerjungfer" oder Goethes „Füchsin", weil das lateinische Wort vulpes Fuchs bedeutet. Als Goethe im Jahre 1806 seinem Bunde mit Christiane endlich die kirchliche Weihe geben ließ, schrieb Frau von Stein: „Goethe hat bei dem allgemeinen Unglück nichts verloren; während der Plünderung hat er sich mit seiner Maitresse öffentlich in der Kirche trauen lassen." Aber auch anderen gegenüber und bei Gelegenheiten, wo sie gar keinen Grund hatte, erbittert zu sein, zeigte Frau von Stein, daß sie innerlich" durchaus kalt war.

Als Schillers Gattin gefährlich erkrankt war, schrieb Frau von Stein: „Wie leid täte sie mir, wenn sie stürbe. Und doch würde ihr wohler sein, als in der immer angespannten unnatürlichen Existenz mit einem schönen Geist wie Schiller. Die schönen Geister trocknen einem das Leben aus." Bei Schillers Tode bemerkt Frau von Stein in einem Briefe: „Ich war immer gegen die Heirat von Lolo mit Schiller, da er ein äußerst kränklicher Mensch war." Nebenbei bemerkt, hatte Frau von Stein selber die Heirat Schillers mit Lotte von Lengefeld aufs angelegentlichste gefördert. Nicht Schiller und Goethe waren in Wahrheit die idealen Schriftsteller der Frau von Stein, sondern Dichter wie Kotzebue. Egmonts Klärchen nannte Frau von Stein eine ,, Dirne". An Schillers Handschuh tadelte sie den Vers „Er wirft ihr den Handschuh ins Gesicht" als ,,unschicklich". Für die wunderbare Sprache, den dichterischen Gehalt von Schillers „Braut von Messina" hatte sie kein Gefühl; sie meinte: „Ich unterstehe mich nicht, darüber zu urteilen, weil mir unter den Dingen, die mir auf dieser Erde abfallen, auch die Illusion der Poesie vergangen ist. Ich weiß nicht, warum man sich mit poetisierten Leiden noch plagen lassen soll, da man in der Wirklichkeit schon derer genug besitzt." Kotzebues Stücke dagegen gefielen ihr ebenso wie der großen Menge, und Frau von Stein gestand selber: ,,Ich habe leider den Geschmack des Publikums, also eigentlich den gemeinen." Goethe hat an Frau von Stein die wundervollsten und bedeutendsten, später zu seiner „Italienischen Reise" benutzten Schilderungen aus Italien gesandt, in der Meinung, sie genieße sie wirklich. Frau von Stein dagegen bekennt ihrem Sohne Fritz, daß sie sich aus keiner anderen Beschreibung Italiens etwas mache als aus der Kotzebues. So hat sich schließlich Frau von Stein doch nicht als gleichgestimmte Seele erwiesen, und Eduard Engel, dem ich diese Notizen verdanke, nimmt an, daß Goethe sich ihr gegenüber in der größten Täuschung befand, die ihm je einem der wichtigsten Menschen seines Lebensganges gegenüber begegnet sei. 

Goethe hatte immer das Bedürfnis, sein übervolles Herz zu entladen, seine enthusiastische Liebe auf einen Gegenstand zu richten, von dem er annahm, daß er eine Vollkommenheit besitze, die ihm selber versagt sei, und Frau von Stein konnte äußerst bestrickend wirken, wenn sie wollte. So wurde sie der Gegenstand für Goethes enthusiastische Bewunderung und Liebe für lange Jahre, bis der große Mann, durch seine Reise nach Italien aus ihrem Bannkreise entfernt, zu einer unbefangeneren Stellung ihr gegenüber gelangte. Frau von Stein hat dann noch durch ihr kaltes und abstoßendes Benehmen, als er mit übervollem Herzen aus Italien zu ihr zurückkehrte, das ihrige dazu beigetragen, ihr schönes Bild in seiner Seele zu verdecken. Wo Goethe freudiges Mitempfinden mit all dem Großen und Schönen, das er in Italien in sich aufgesammelt, zu finden glaubte, stieß er nur auf kaltes, kleinliches, nörgelndes Wesen. Für Goethes Art, sich in andere Menschen enthusiastisch hineinzudenken, die er für besser und höherstehend als sich selber hielt, ist eine Stelle in Werthers Leiden bezeichnend, die zugleich zeigt, daß der Dichter seine eigene Natur sehr wohl kannte. Es heißt dort: „Unsere Einbildungskraft, durch ihre Natur gedrungen, sich zu erheben, durch die phantastischen Bilder der Dichtkunst genährt, bildet sich eine Reihe Wesen hinauf, wo wir das Unterste sind, und alles außer uns herrlicher erscheint, jeder andere vollkommener ist, und das geht ganz natürlich zu. Wir fühlen so oft, daß uns manches mangelt, und eben, was uns fehlt, scheint uns oft ein anderer zu besitzen, dem wir denn auch alles dazu geben, was wir haben, und noch eine gewisse idealische Behaglichkeit dazu, und so ist der Glück liche vollkommen fertig, das Geschöpf unserer selbst."

In der enthusiastischen Liebe Tassos zur Prinzessin ist ein Widerhall von Goethes Verhältnis zu Frau von Stein enthalten. Wie Goethes begeisterte Hingabe und leidenschaftliche Glut die Frau von Stein des öfteren veranlaßte, ihn in seine Schranken zu weisen, so läßt der Dichter auch Tasso seiner Liebe zur Prinzessin den leidenschaftlichsten Ausdruck geben, dem sie sich dann entzieht. Wie Goethe in Frau von Stein, so hat Tasso in der Prinzessin einen heiligen Engel gesehen. Beide, Tasso und Goethe, waren an kleine Fürstenhöfe gekommen, die der Pflege von Kunst und Wissenschaft ein lebendiges Interesse entgegenbrachten, und beide Dichter hatten, in dem engen Verkehr mit dem Hofe, die Aufgabe, Leben und Dichtung in inneren Einklang zu bringen. Tasso war aber nicht imstande, diese Aufgabe zu lösen, das ist das Tragische seines Geschickes. Goethe war glücklicher, er verstand zu entsagen und den Schmerz des Lebens in der Kunst zu überwinden und zu verklären. So hat er auch durch Tassos Mund aussprechen lassen, was ihn selber tief bewegte, und hat so mit seinen Erlebnissen abgeschlossen. Der ,,Tasso", an den er im Juli 1789 die letzte Hand legte, erschien in der Gesamtausgabe von Goethes Schriften 1790 und machte keinen großen Eindruck auf das Publikum. Erst im Jahre 1807 betrat Tasso nach langer stiller Vorbereitung und von Goethes vorzüglichstem Schüler Pius Alexander Wolff ein studiert die Bühne. 

Der Gesamtausgabe von Goethes Werken sollte im siebenten Bande auch der „Faust" eingefügt werden. Aber wenn Goethe auch den Faden in Italien wiedergefunden und einige neue Szenen gedichtet hatte, so konnte doch von einer schnellen Fertigstellung dieses tiefsten und gewaltigsten Werkes für die nun zum Abschluß gelangende Gesamtausgabe keine Rede sein. Goethe mußte sich damit begnügen, die Bruchstücke des „Faust", wie er sie zum Teil ausgefeilt und verändert hatte, als ,,Fragment" zum Abdruck zu bringen. ,,Faust ein Fragment von Goethe" lautet der Titel des auch in zwei Sonderausgaben 1790 bei Göschen in Leipzig erschienenen Werkes. Von dem, was wir aus dem Manuskript des ,,Urfaust" schon kennen, fehlt im „Fragment" der Monolog Valentins: „Wenn ich so saß bei einem Gelag", es fehlt ferner der erste Teil des Gesprächs zwischen Faust und Mephisto vor dem Hause Gretchens in der Nacht bis zu Mephistos Worten: „Ein bißchen Diebsgelüst, ein bißchen Rammelei." Es fehlt im Fragment ferner die ganze Szene in Prosa, in der Faust dem Mephisto die wütendsten Vorwürfe Gretchens wegen macht, ferner die kleine Szene am Rabenstein, und endlich fehlt die ganze Kerkerszene. Die im „Urfaust" in Prosa gedichteten Szenen beabsichtigte der Dichter erst in Verse zu bringen, bevor er sie veröffentlichte. Er tat dies auch später mit der Kerkerszene, während die andere Prosaszene des „Urfaust" im vollendeten ersten Teil unter der Überschrift „Trüber Tag, Feld" unverändert zum Abdruck gelangte. Die Kerkerszene wirkt in Prosa zu grell; die Verse mildem den furchtbaren Inhalt, während die krasse Wirkung der Prosaszene, in der Faust dem Teufel wütend entgegentritt, dem Inhalt der Szene ganz gut angepaßt ist. Das 1790 im Druck erschienene Faustfragment schließt daher mit der Domszene mit Gretchens Worten: „Nachbarin, euer Fläschchen," während sie ohnmächtig hinsinkt. Neu hinzugekommen ist im Fragment die Szene in der „Hexenküche" und die Szene „Wald und Höhle", beginnend mit dem Monolog Fausts:

„Erhabner Geist, du gabst mir, gabst mir alles. 
Warum ich bat"

bis zu den Worten Mephistos:

„Schön! Ihr schimpft, und ich muß lachen. 
Der Gott, der Bub und Mädchen schuf.
Erkannte gleich den edelsten Beruf, 
Auch selbst Gelegenheit zu machen."

Die Schülerszene ist im Faustfragment bereits in vollendeter Gestalt enthalten. Neu hinzugekommen ist im Fragment aber auch das letzte Drittel von dem Gespräch zwischen Faust und Mephisto, beginnend mit den Worten Fausts:

„Und was der ganzen Menschheit zugeteilt ist. 
Will ich in meinem innern Selbst genießen,"

bis zum Schluß der Szene. 

Beschauen wir uns dieses neue Stück genauer, so finden wir, nur in anderer Form, den alten Unendlichkeits- und Vollkommenheitsdrang des Übermenschen Faust wieder. Jeder einzelne Mensch ist durchgängig immer nur ein Bruchstück in seinen Anlagen und Fähigkeiten sowie auch in seinen Schicksalen, und selbst die größten, genialsten Menschen haben nur ein bestimmtes Gebiet, auf dem sie Großes leisten, und auch da sind sie dem Geschick unterworfen und in mannigfaltiger Weise eingeschränkt. Faust aber möchte ein Universalgenie sein, er möchte auf allen Gebieten des Lebens das Größte erreichen, das Höchste leisten, und alles das, was Menschen in Wohl und Weh erfahren, selber durchkosten bis zum äußersten, er möchte in alle Tiefen tauchen und zu den höchsten Höhen der Menschheit hinaufsteigen, um alles Menschliche mit allem Licht und Schatten, mit allem Glück und Elend, in seinem Busen zu hegen:

„Und was der ganzen Menschheit zugeteilt ist,
Will ich in meinem Innern Selbst genießen.
Mit meinem Geist das Höchst' und Tiefste greifen,
Ihr Wohl und Weh auf meinen Busen häufen.
Und so mein eigen Selbst zu ihrem Selbst erweitern,
Und, wie sie selbst, am End' auch ich zerscheitern."

Mephisto, der den trocknen, philisterhaften, gewöhnlichen, egoistisch praktischen Verstand vertritt, weist den Übermenschen Faust darauf hin, daß dem Menschen niemals etwas Ganzes, Vollkommenes zuteil wird. Das Ganze, das Vollkommene ist nur von Gott zu erleben, dem Teufel umgekehrt dient nur die selbstsüchtige Vereinzelung, Zersplitterung und Zerstörung, der Mensch aber schwankt zwischen Gott und Teufel hin und her, bald selbstlos aufbauend, bald selbstsüchtig zerstörend, bald dem Vollkommenen, dem Ganzen sich nähernd, bald der Vereinzelung hingegeben und der Vernichtung anheimfallend, bald im Lichte des Tages wandelnd, bald in finstere Nacht gehüllt, immer im Kampf mit sich und mit den Elementen ; darum sagt Mephistopheles:

„O glaube mir, der manche tausend Jahre
An dieser harten Speise kaut,
Daß von der Wiege bis zur Bahre
Kein Mensch den alten Sauerteig verdaut!
Glaub unser einem, dieses Ganze
Ist nur für einen Gott gemacht.
Er findet sich in einem ew'gen Glänze,
Uns hat er in die Finsternis gebracht.
Und euch taugt einzig Tag und Nacht."

Faust antwortet darauf: „Allein ich will!" Das heißt, er will das Unmögliche möglich machen, und der Teufel soll ihm dabei helfen. Dieser aber bringt es ihm durch seinen Spott zum Bewußtsein, wie ungereimt die ganze Forderung ist : Da in Wirklichkeit ein einzelner Mensch unmöglich alles zu leisten, alles zu genießen, alles zu durchleben vermag, da es auch viele Eigenschaften der Menschen gibt, die einander völlig widersprechen und sich ausschließen, so daß sie an demselben Menschen zu gleicher Zeit gar nicht vorhanden sein können, so soll Faust auf Mephistos höhnischen Rat einen Dichter damit beauftragen, ihm eine solche in Wirklichkeit unmögliche menschliche Allseitigkeit wenigstens anzudichten; auf Fausts bestimmt geäußerten Befehl „Allein ich will!" antwortet Mephisto daher voll Hohn:

„Das läßt sich hören!
Doch nur vor einem ist mir bang:
Die Zeit ist kurz, die Kunst ist lang.
Ich dächt', Ihr ließet Euch belehren.
Assoziiert Euch mit einem Poeten,
Laßt den Herrn in Gedanken schweifen.
Und alle edlen Qualitäten
Auf Euren Ehrenscheitel häufen.
Des löwen Mut,
Des Hirsches Schnelligkeit,
Des Italieners feurig Blut,
Des Nordens Dankbarkeit.
Laßt ihn Euch das Geheimnis finden,
Großmut und Arglist zu verbinden
Und Euch, mit warmen Jugendtrieben,
Nach einem Plane zu verheben.
Möchte selbst solch einen Herren kennen,
Würd' ihn Herrn Mikrokosmus nennen."

Mikrokosmos heißt zu deutsch die kleine Welt im Gegensatz zum Makrokosmos, der großen Welt, dem Weltganzen, in dem die größten Gegensätze nebeneinander bestehen können. Mikrokosmos würde Mephistopheles einen solchen erdichteten Menschen nennen, als eine kleine Welt, die alle erdenklichen entgegengesetzten Eigenschaften in sich vereinigt, wie den Mut des Löwen und die Schnelligkeit des Hirsches, wie das feurige Blut des Italieners und die ausdauernde gelassene Ruhe und Standhaftigkeit des Nordländers. Faust wird durch den Hohn Mephistos überzeugt, daß er etwas verwirklicht wünscht, was ihm auch der Teufel nicht zu verschaffen vermag, weil es eine Unmöglichkeit an sich ist, und darum bricht er, der nicht als Gott im Universum und auch nicht als Genosse des Erdgeistes, des göttlichen Geistes auf dieser Erde, zu wirken vermag und daher wenigstens zu allen Höhen und Tiefen des Menschenwesens dringen wollte, in die verzweifelten Worte aus:

„Was bin ich denn, wenn es nicht möglich ist,
Der Menschheit Krone zu erringen,
Nach der sich alle Sinne dringen?"

Der trockene Verstand in Mephistopheles antwortet ihm, daß alles Sehnen in die Höhe nichts hilft; der Mensch mag tun, was er will, er bleibt immer in den Schranken seiner unvollkommenen
Menschlichkeit stecken:

,,Du bist am Ende — was du bist.
Setz dir Perücken auf von Millionen Locken,
Setz deinen Fuß auf ellenhohe Socken,
Du bleibst doch immer, was du bist."

Und Faust, der jetzt überzeugt ist, daß der trockene Verstand hier recht behält, daß alle seine Arbeit, all sein Streben und Sehnen ihn nicht über das hinausführt, was bereits in ihm liegt, daß sein eifrigstes und leidenschaftlichstes Bemühen ihn keinen Schritt dem Unendlichen näher führt und aus dem unvollkommenen, einseitig angelegten einzelnen Menschen kein alle Anlagen der Menschheit in sich entwickelndes allumfassendes Wesen macht, bestätigt die Worte Mephistos:

„Ich führs, vergebens hab ich alle Schätze
Des Menschengeists auf mich herbeigerafft.
Und wenn ich mich am Ende niedersetze.
Quillt innerlich doch keine neue Kraft;
Ich bin nicht um ein Haar breit höher.
Bin dem Unendlichen nicht näher."

Diese Szene hat Goethe unter dem Eindruck seiner Rückkehr aus Italien geschaffen. Wie hat er dort mit allen Kräften danach gerungen, auf allen Gebieten des Lebens, der Kunst und Wissenschaft sich zu vervollkommnen, alle Schätze des Menschengeistes auf sich herbeizuraffen. Was stand ihm dort nicht alles zu Gebote, und mit welchem Fleiß, mit welchem Eifer hat er alles benutzt. Und zurückgekehrt in sein Heim, nach den ersten freudigen Mitteillungen, wie fühlte er sich da wieder klein und beengt. Selbst sein Liebesglück mit Christiane schützte ihn nicht vor ganz verzweifelten Stunden. So äußerte er an seinem Geburtstag am 28. August 1788, im vorigen Jahre habe er Herders Büchlein „Gott" bekommen, um in diesem Jahre „an keinen Gott" (der ihm helfen könne) „mehr zu glauben".

Mephistopheles gibt dem verzweifelnden Faust den Rat, das Nachdenken, das Spekulieren über unmögliche Dinge sein zu lassen und statt dessen lieber praktisch die ganze Sache zu betreiben, ins volle Leben hineinzuspringen und es nach Kräften zu genießen. Wozu ist es nötig, meint der Teufel, daß Faust in eigener Person alle irdischen Vollkommenheiten erringe? Wenn Faust die einzelnen vorzüglichen Eigenschaften anderer zu benutzen vermöge, so sei das ebensoviel wert, als wenn er diese Eigenschaften selber besitze. Es wäre ja sicher zum Beispiel eine große körperliche Vollkommenheit, wenn Faust mit der Kraft und Schnelligkeit von sechs Rossen zu laufen vermöchte; wenn er aber über das Geld verfüge, um sich sechs Hengste zu halten und von ihnen im Fluge dahinziehen zulassen, so bewege er sich ebenso schnell von der Stelle, als hätte er selber vierundzwanzig Beine, und darauf komme es doch praktisch allein an. Was man benutzt, was man genießt, gehört einem ebenso gut wie das, was man selbst ausführt, meint Mephisto :

,,Mein guter Herr, Ihr seht die Sachen,
Wie man die Sachen eben sieht;
Wir müssen das gescheiter machen,
Eh* uns des Lebens Freude flieht.
Was Henker  freilich Hand' und Füße
Und Kopf und H--- , die sind dein;
Doch alles, was ich frisch genieße,
Ist das drum weniger mein?
Wenn ich sechs Hengste zahlen kann.
Sind ihre Kräfte nicht die meine?
Ich renne zu und bin ein rechter Mann,
Als hätt' ich vierundzwanzig Beine.
Drum frisch! laß alles Sinnen sein.
Und grad' mit in die Welt hinein!
Ich sag' es dir: ein Kerl, der spekuliert,
Ist wie ein Tier, auf dürrer Heide
Von einem bösen Geist im Kreis herumgeführt.
Und rings umher liegt schöne grüne Weide."

Fausts Absicht war es ja, sich dem Leben, der Natur selber zuzuwenden, darum geht er ohne weiteres auf den Vorschlag Mephistos ein, wenn auch ein ganz anderes Ziel verfolgend, als dieser meint. Faust fragt nur: „Wie fangen wir das an?" Worauf Mephisto antwortet:

„Wir gehen eben fort.
Was ist das für ein Marterort?
Was heißt das für ein Leben führen,
Sich und die Jungens ennuyieren?
Laß du das dem Herrn Nachbar Wanst!
Was willst du dich das Stroh zu dreschen plagen?
Das Beste, was du wissen kannst.
Darfst du den Buben doch nicht sagen.
Gleich hör' ich einen auf dem Gange!"

Faust:

Mir ist's nicht möglich, ihn zu sehn.

Mephistopheles:

Der arme Knabe wartet lange,
Der darf nicht ungetröstet gehn.
Komm, gib mir deinen Rock und Mütze;
Die Maske muß mir köstlich stehn.
Nun überlaß es meinem Witze!
Ich brauche nur ein Viertelstündchen Zeit;
Indessen mache dich zur schönen Fahrt bereit!"

Während nun Faust in sein Zimmer geht, um sich für die Abreise auszurüsten, und bevor der Schüler eintritt, hält Mephistopheles ein Selbstgespräch, in dem er schon im voraus den Triumph genießt, das hochstrebende Genie zu sich in den Schlamm gezogen zu haben. Daß der Übermensch Faust ihm recht geben mußte in betreff der Unmöglichkeit der Erreichung einer alle menschlichen Seiten umfassenden Existenz und sich nun seiner Führung anvertraut, um das Leben kennen zu lernen, erfüllt den Teufel mit der stolzen Zuversicht, ihn bereits vollständig in seinen Krallen zu haben. Für Mephisto, der den trocknen, philisterhaften Verstand darstellt, gibt es nichts Höheres im Menschenleben, als das, was er die Vernunft und die Wissenschaft nennt. Wer unvernünftig wird ins Leben hineinstürmt und den festen Boden der hergebrachten Lehren der Wissenschaft verläßt, wer von den geheiligten Autoritäten und Koryphäen der Wissenschaft abweicht und es wagt, mit eigenen Augen zu sehen, sich auf seine eigenen Füße zu stellen, seinem eigenen Genius den Flug zu gestatten, der muß zugrunde gehen, wie jeder Philister behauptet; und der Erzphilister Mephistopheles, er ist ja der Urfeind des göttlichen Genius, und die magische Gabe des Genies ist für ihn nur Blend- und Zauberwerk, das den Menschen irreführt und in den Abgrund stürzen läßt. Daß Faust in seinem übereilten Streben nach dem Vollkommenen die Freuden und Genüsse des Erdenlebens bisher vernachlässigt hatte, gibt dem Teufel die Gewißheit, daß Faust nun, wenn er erst diese Freuden und Genüsse zu kosten bekommen wird, nach so langer Entbehrung sich nur um so gieriger darauf stürzen und unersättlich daran haften bleiben wird, alles vergessend, was von hohem, göttlichem Streben früher in ihm gelebt hat. Mephistopheles in Fausts langem Kleide, ganz in dem Sinne eines gewöhnlichen weisen Professors redend, der auch jeden für verloren erachtet, der die Pfade der hergebrachten lehren verläßt imd eigene Wege wandelt, sagt daher:

„Verachte nur Vernunft und Wissenschaft,
Des Menschen allerhöchste Kraft,
Laß nur in Blend- und Zauberwerken
Dich von dem Lügengeist bestärken.
So hab' ich dich schon unbedingt  —
Ihm hat das Schicksal einen Geist gegeben,
Der ungebändigt immer vorwärts dringt.
Und dessen übereiltes Streben
Der Erde Freuden überspringt.
Den schlepp' ich durch das wilde lieben.
Durch flache Unbedeutenheit,
Er soll mir zappeln, starren, kleben.
Und seiner Unersättlichkeit
Soll Speis' und Trank vor gier'gen Lippen schweben;
Er wird Erquickung sich umsonst erflehn,
Und hätt' er sich auch nicht dem Teufel übergeben.
Er müßte doch zugrunde gehn!"

Der Erzphilister Mephisto, der Gegner Gottes, glaubt nicht an das göttliche Genie in Faust, das diesen davor bewahren muß, an den Freuden und Genüssen dieser Welt ein derartiges Gefallen zu finden, daß er ganz darin aufgeht und daran kleben bleibt wie die Fliegen am Leim. In Wahrheit wird Faust wohl alle niederen, hohen und höchsten Güter dieser Welt kennen lernen, kosten und genießen, aber das Bild des ewigen, wahrhaft vollkommenen und einzigen Gutes, das auf dem Grunde, seiner Seele ruht, wird ihn immer wieder dahin bringen, alles Irdische an dem Maßstab dieses höchsten Ideals zu messen, alles Irdische infolgedessen immer wieder als unzulänglich zu erkennen und sich auf diese Weise davon zu befreien. 

Mit der Herausgabe des Fragments war die Faustdichtung für eine Weile abgetan. Es ist das große Verdienst Schillers, den Dichter zur Weiterführung seines unsterblichen Werkes mehrfach aufgefordert und angeregt zu haben, bis Goethe endlich wieder mit der Arbeit begann und den ersten Teil vollendete. Im Oktober 1790 hörte Goethe in Jena wieder Vorlesungen bei Professor Loder und besuchte bei der Gelegenheit auch Schiller. Das Gespräch führte auf Kant. Goethes Vorstellungsart schien Schiller zu sinnlich, sie tastete ihm zuviel, doch hielt er ihn für einen großen Mann, weil sein Geist nach allen Richtungen hin forsche und sich ein Ganzes zu erbauen suche. Im Juni 1794 lud Schiller, der die Horen herausgab, Goethe zur Mitarbeiterschaft ein. Dieser kam dann im Juli nach Jena, wo er mit Schiller über das Schöne und die Kunst ein eingehendes Gespräch führte, das ihm einen seltenen geistigen Genuß gewährte. Zwischen ihren Ideen fand sich eine unerwartete Übereinstimmung, die aus der größten Verschiedenheit der Gesichtspunkte hervorgegangen war; jeder konnte dem anderen etwas geben und von ihm wieder empfangen. So knüpfte sich das schönste, edelste und fruchtbarste Freundschaftsbündnis zwischen den beiden großen Männern. Im November 1794 schrieb dann Schiller an Goethe: ,,Mit nicht weniger Verlangen als Wilhelm Meisters Lehrjahre würde ich die Bruchstücke von Ihrem Faust, die noch nicht gedruckt sind, lesen; denn ich gestehe Ihnen, daß mir das, was ich von diesem Stücke gelesen, der Torso des Herkules ist. Es herrscht in diesen Szenen eine Kraft und eine Fülle des Genies, die den ersten Meister unverkennbar zeigt, und ich möchte diese große und kühne Natur, die darin atmet, so weit als möglich verfolgen." Goethe antwortete ihm darauf am 2. Dezember 1794: „Von Faust kann ich jetzt nichts mitteilen ; ich wage nicht, das Paket aufzuschnüren, das ihn gefangen hält. Ich könnte nicht abschreiben, ohne auszuarbeiten, und dazu fühle ich mir keinen Mut. Kann mich künftig etwas dazu vermögen, so ist es gewiß Ihre Teilnahme." Erst drei Jahre später sollte diese Teilnahme Schillers an dem größten Werk seines Freundes diesen zur Weiterarbeit veranlassen. 1797 hatte Goethe eine Reise nach Italien zusammen mit seinem Freunde Heinrich Meyer geplant. Meyers angegriffene Gesundheit und andere ungünstige Umstände nötigten Goethe, diesen Plan aufzugeben, nachdem er lange in der Schwebe gehangen hatte. In dieser Zeit der Unruhe und der Ungewißheit griff Goethe zu der Weiterarbeit am Faustgedicht als einem Mittel, sich abzulenken und sich selbst zu beruhigen. Zunächst aber wandte er sich an Schiller, um von diesem zu hören, wie dieser sich eine Fortsetzung des ,,Faust" vorzustellen vermöge. Wie Goethe sich dabei ausdrückte und was Schiller ihm darauf antwortete, wollen wir im nächsten Kapitel genauer betrachten. —

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