> Gedichte und Zitate für alle: Johann W. v. Goethe: Romanfragment als Briefroman konzipiert

2019-10-14

Johann W. v. Goethe: Romanfragment als Briefroman konzipiert







... ist das Stillschweigen Erlaubnis.

Arianne an Wetty.

ICH kann Waltern nicht widerlegen, Wetty, aber ich wollte schwören‚ daß er unrecht hat; ihm mögen seine Gedanken ‚genugtun, wenn ich damit zufrieden wäre, so wäre ich Walter. Nein, Wetty, unsere Empfindungen liegen tiefer, als daß man sie mit einer superfiziellen Erkenntnis, so kavalierement durch Stolz und Eigennutz erklären könnte. Es ist mit der Liebe wie mit dem Leben, wie mit dem Atem holen. Freilich ziehe ich die Luft in mich; willst du das auch Eigennutz nennen? Aber ich hauche sie wieder aus, und sage mir, wenn du in der Frühlingssonne sitzest und für Wonne dein Busen stärker atmet, ist das Hauchen nicht eine größere Wonne als das Atemholen, denn das ist Mühe, jens ist Ruhe; und wenn uns die Entzückung manchmal aus voller Brust die Frühlingsluft einziehen macht, so ist es doch nur, um sie von ganzen Herzen wieder ausgeben zu dürfen. Und ebenso ists mit der Liebe, und ihr meint, leben und nicht leben wäre eins. O meine Freundin, was nicht lebt, hat keine anziehende Kraft, es fließt keine Atmosphäre von ihm aus, deren Wirbel uns hinreißen könnten. Der kältste Sinn ist das Sehen, Erkenntnis ist sein Gefühl, und drum behaupte ich, daß man das nie mit einem zärtlichen Herzen lieben kann, was allein Ansprache macht, unsern Augen zu gefallen. Ein Edelstein ist das herrlichste Werk der toten Natur, aber er ist tot; und die eifrigste Betrachtung davon ist doch immer kalt; man muß ein Holländer sein, um mit einer Tulpe zu sympathisieren, und dann ist auch die Sympathie dieser Wassermänner sehr phlegmatisch.

Ich habe heute früh eine sonderliche Erfahrung hierüber gehabt. Und so, meine Liebe, halt ich das Sehen für eine Vorbereitung der übrigen Sinne, denn der Geruch ist Genuß und das Gehör und der Geschmack, das Sehen nicht. Aber das Habenwollen, wovon ich rede, ist nicht Geiz; der wäre
geizig, der eine Tulpe, ein Edelgestein oder Dukaten lieben könnte. Ich, was mir nicht antwortet, damit rede ich nicht. Grüße deinen Walter, und sag ihm, wir wollten Freunde bleiben.
Leb wohl.

Auf einer Stube mit Ihrem W., an einem Tische sogar, in einerlei Beschäftigung, an Sie zu schreiben, aber wahrhaftig nicht mit gleicher Empfindung. Einen Brief, ohne Zweifel mit Gedanken, mit Worten, die ohngefähr sein werden, was man Vorwürfe nennt, werden Sie von seiner Feder zu erwarten haben, die mit aufgebrachter Eilfertigkeit über das Papier schnorrt. Ich weiß nicht, was er
schreibt, aber ich kanns raten; ein Brief wie der Ihrige—Sie konnten vermuten, daß er mir kommuniziert werden würde—ist eben nicht dasjenige Desert, das unserm Gaumen sonderlich gefällt, und unsern Kopf und unser Blut in Ruhe läßt. Er empfindet, was ich auch empfunden habe, Ich habe Mitleiden mit ihm. Mitleiden, wie man es mit einem Kranken hat, dem man, um größere Schmerzen zulindern, Blasen ziehen muß. Ich bin ruhig, wie er bewegt ist, und doch war eine Zeit, da ich bewegter war, als er ist. Eh nun, die Zeit wird auch den Sturm in seinem Herzen legen; die Zeit—und—wenn er klug ist—ein ander Mittel, das noch probater gefunden wird als das.

Es ist bitter, sehr bitter, meine zärtliche Freundin, eine so liebliche Aussicht empfindungsvoller Hoffnungen so verfinstert zu sehen. Verfinstert? O da wäre noch Hoffnung, daß es wieder Tag werden könnte. Verschwunden! Unwiederbringlicher verschwunden als die Jahre der Jugend, und die Blüten der Schönheit. Und doch muß man einmal erfahren, daß Mädchen—Mädchen sind, und daß ihnen ein Mann ein Mann ist. Lieber Gott, fühlte Ihr armer Liebhaber diese Wahrheit so lebendig als ich, er würde über Ihren Brief so wenig erstaunt sein als ich. Er ist ein guter Mensch, und wundert sich sehr, da seine Co— o Beständigkeit, wir kennen einander. Ich bin auch verlassen worden. Manche Träne, manches Lied hat mich mein Unglück gekostet. Aber wieviel Dank bin ich Ihnen schuldig, daß Sie mich an Ihrem Busen allen Trost finden ließen, den ein Verlaßner wünschen kann. Denn was konnte ich verloren haben, da die liebenswürdige xxx in die feurigsten Umarmungen versunken auf meinem Schoß zitterte. Nelly war mein süßes Mädchen, das einzige, das ich je geliebt habe; aber gewiß, meine Freundin, unsre gestohlnen freundschaftlichen Augenblicke in der dämmernden kleinen Stube haben mich überzeugt, daß ich Netten verzeihen muß, wenn sie mich in den Armen eines andern vergißt. Und Sie hatten mich auch so vergessen, das war natürlich; mein Freund war mein Nachfolger, das war mir angenehm; aber leid war mirs, daß Sie ihm eine ewige Liebe hoffen ließen, ich dächte doch, Sie hätten Ihr Herz besser kennen sollen.

Nun, das ist vorbei; Ihr Liebhaber rast, aber das wird sich geben. Sie werden sehen, wie er ehstens in einen sitt und tugendsamen Freund verwandelt sein und auf den Fuß mit Ihnen stehen wird, wie ich jetzt stehe. Unverbrüchlich und heilig wird das schöne Bündnis sein, denn abgedankte Liebhaber sind die besten Freunde, wenn man sie menaschieren kann.

Nun, an Freunden kann es Ihnen nicht fehlen. Nur hüten Sie sich, es sind nicht alle Liebhaber so geduldig. Und ich bitte Sie, erinnern Sie sich oft des Vergangnen, um auf die Zukunft nichts zu versprechen. Und wenn Ihr kleines Stübchen, das so oft der Zeuge unsrer seligen Trunkenheit war, das, wie ich nicht zweifle, auch meinen Freund oft glücklich gesehen hat, wenn diese liebe romantische Höhle nun auch künftig den Schauplatz der Freuden eines neuen Liebhabers abgibt; o möchte sich der betrogne Glückliche nicht schmeicheln, ein Frauenzimmer könne uns mehr gewähren als den gegenwärtigen Genuß. Leben Sie wohl, meine liebste Freundin.

Das Lachen ist der Empfindung feindseliger als die Kälte dem Mai.

Lieber schlimm aus Empfindung als gut aus Verstand.

Wie die Sicherheit des Ausdrucks dem Gedanken des Redners Flügel gibt, so die Musik der Empfindung.

Was ist die Harmonie anders als die Regeln, und die Melodie anders als die Ausübung.

Die ganze Natur ist eine Melodie, in der eine tiefe Harmonie verborgen ist.

Ich bin vergnügt; ich bin glücklich! Das fühle ich, und doch ist der ganze Inhalt meiner Freude ein wallendes Sehnen nach etwas, das ich nicht habe, nach etwas, das ich nicht kenne.

Wenn das Herz das Gute freiwillig annehmen kann, so findet es sich immer eher, als wenn man ihm aufdringen will.

Man adoptiert einen Gedanken, eine Meinung eines Freundes, ohne dran zu denken, da man gegen die herrlichste Sentenz einer Strafpredigt einen unüberwindlichen Widerwillen fühlt.

Ja, der Haß gegen die Hofmeister ist ein ewiges Grundgesetz der Natur,


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