> Gedichte und Zitate für alle: Johann Wolfgang Goethe: Wilhelm Meisters Theatralische Sendung (Urmeister): 6. Buch 6.Kapitel

2019-10-15

Johann Wolfgang Goethe: Wilhelm Meisters Theatralische Sendung (Urmeister): 6. Buch 6.Kapitel



Sechstes Buch
Sechstes Kapitel

Er hatte sich einen Plan ausgesonnen. Erst wollte er die hülfreiche Herrschaft aufsuchen, um seine Dankbarkeit an den Tag zu legen, alsdann der wandernden Truppe nachfolgen, um, wie er es zugesagt, bei seinem Freunde, dem Direktor in H***, für sie die möglichsten Vorteile zu erhalten. Das Verlangen, seine Erretterin wiederzusehen, wuchs mit jedem Tage, und er beschloß zuletzt, auf das baldigste seinen Weg anzutreten. Er ging mit dem Geistlichen zu Rate, wo der Ort liege, den die edle Familie zu ihrem Sitze während des Krieges erwählt, und ob nicht etwa von ihr selbst einige Nachrichten irgendwo zu finden sein möchten. Der Pfarrer, der hübsche Kenntnisse hatte, durchblätterte Büschings Geographie, durchsuchte die Karte, schlug genealogische Handbücher auf und konnte weder den Namen des Orts in allen niedersächsischen Gegenden noch unter dem ganzen Reichsadel einen ähnlichen Familiennamen finden.

Wilhelm wurde unruhiger und immer unruhiger, je länger es währte, und seine Unruhe verwandelte sich endlich in Bestürzung, als der Harfenspieler ihm entdeckte: er habe Ursache zu glauben, daß der Bediente den wahren Namen der Herrschaft verschwiegen und, es sei aus welcher Ursache es wolle, einen falschen angegeben. Der Alte erhielt Auftrag, der Spur zu folgen, allein dadurch gewann man der Hoffnung nur wenige Tage Frist, er kam zurück und brachte keine befriedigende Nachricht.

Bei der lebhaften Bewegung des Kriegs hatte man in den umliegenden Orten auf soviel Reuter mehr oder weniger nicht achtgegeben, die Gesellschaft hatte auch, wie es schien, jene Nacht noch eine Strecke Wegs zurückgelegt, so daß der ausgesendete gute Alte keine Spur finden, geschweige verfolgen konnte, ja er mußte sich zuletzt, weil er in Gefahr kam, für einen Juden und Spion angesehen zu werden, zurückziehen und ohne Ölblatt vor seinem Herrn und Freunde erscheinen. Er legte strenge Rechenschaft ab, wie er dem Auftrage gehorcht, um allen Verdacht von Nachlässigkeit von sich abzulehnen. Er suchte auf alle Weise die Betrübnis Wilhelms zu lindern, rief in sein Gedächtnis zurück, was er von jenem Bedienten erfahren, und brachte jene Mutmaßung vor, zu der ihm dessen Reden Gelegenheit gegeben hatten. Wilhelm wurde wenig hierdurch erbaut, weil sich dadurch nichts von allem dem, was er zu wissen verlangte, raten noch schließen ließ. Eine einzige Aufklärung war ihm wichtig, indem er darnach einige rätselhafte Worte der schönen Verschwundenen deuten konnte.

Die räuberische Bande hatte eigentlich nicht der armen wandernden Truppe, sondern jener Herrschaft aufgepaßt, von deren Zug sie Nachricht gehabt und welche an dem bestimmten Orte zu überfallen sie nach der ganzen Stellung des Kriegstheaters höchst sonderbare und forcierte Märsche mußte gemacht haben, wenn es anders würklich Truppen waren, woran man noch zu zweifeln hatte.

Glücklicherweise für die Vornehmen und Reichen waren die Geringen und Armen zuerst auf den Platz gekommen und hatten das Schicksal erlitten, das jenen zubereitet war. Darauf bezogen sich auch die Worte der jungen Dame, deren sich Wilhelm noch gar wohl erinnerte. Wenn er nun vergnügt und glücklich sein konnte, daß ein vorsichtiger Genius ihn zum Opfer, eine vollkommene Sterbliche zu retten, bestimmt hatte, so war er doch dagegen nahe an der Verzweiflung, daß er sie nicht wiederfinden, nicht wiedersehen sollte und dieser schönen Hoffnung wenigstens für den Augenblick gänzlich entsagen mußte.
Eckermann: Gespräche mit Goethe


Dichtung und Wahrheit

Keine Kommentare: