> Gedichte und Zitate für alle: Johann Wolfgang Goethe: Wilhelm Meisters Theatralische Sendung (Urmeister): 4. Buch 4.Kapitel

2019-10-10

Johann Wolfgang Goethe: Wilhelm Meisters Theatralische Sendung (Urmeister): 4. Buch 4.Kapitel



Viertes Buch
Viertes Kapitel

Der Wirt, den unser Freund um diese Zeit bestellt hatte, trat kurz darauf herein und überreichte das verlangte Konto. Wäre Wilhelm nicht durch Herrn Melina vorbereitet gewesen, so würde ihn die Summe sehr erschröckt haben; denn er fand wirklich, daß er über zweihundert Taler schuldig sei. Gegen die einzelnen Posten war freilich nichts zu erinnern, denn er befand sie beim Durchgehen alle richtig, und der Wirt versicherte, daß er ihn auf das billigste gehalten habe. Er bezahlte die Rechnung bis auf einen kleinen Abzug, wodurch seine Kasse sehr zusammenschrumpfte. Desto ausgebreiteter war die Dankbarkeit des Wirtes, der sich eben empfahl, als Mignon zur Türe herein sprang und rief: "Komm, Herr! Komm! sie bringen sich um!" Das Kind nahm ihn bei der Hand und zog ihn mit sich fort. Er fragte, was es bedeute, allein sie war so außer Atem und schien so stark gelaufen zu sein, daß sie nichts hervorbringen konnte. Sie zog ihn auf den Vorsaal an das Fenster und deutete, indem sie: "Dort! dort!" rief, auf die Straße, wo man nach dem Schauspielhause zu ging. Es schien ihm eine Bewegung in der Gasse zu sein, die er, weil es schon dämmerig geworden war, nicht deutlich erkennen konnte. Kurz darauf näherte sich ein ganzer Trupp in vollem Laufe und mit großem Geschreie dem Gasthofe. Wilhelm erkannte bald, daß eine Anzahl mutwilliger und ungezogener Knaben einer Mannsperson nachliefen, die in der lächerlichsten Gestalt vor ihnen zu fliehen schien und nach dem großen Torwege zu eilte. In einem Blicke erkannte Wilhelm, daß dieser Gejagte Monsieur Bendel selbst sei. –

Wie erstaunte und erschrak unser Freund! Doch er hatte keine Zeit, sich zu erholen, der andere stürzte die Treppe herauf und rannte ihm atemlos entgegen. "Um Gottes willen, was gibt es?" rief Wilhelm in größtem Ernst und Bestürzung und vergaß, über die seltsame Gestalt zu lachen, die vor ihm stand. Denn das große und breite Ungeheuer, das durch seine Heldenkleider, in die es sich nicht schicken konnte, noch breiter und unförmlicher geworden war, hatte einen kurzen schwarzen Mantel umgeworfen, den Crispin zu tragen pflegte, und den er in der Angst ergriff, um seine glänzende Gestalt einigermaßen zu verdecken. Der Helm, dessen Bänder sich verknüpft hatten, war im Laufen zurückgefallen und schlug ihm um die Schultern. Unterwärts sah man die schönen Stiefel und das Schoßkleid hervorschimmern, und sein dummes, großes Gesicht war von Zorn, Furcht und Unsinn in albernen Verzuckungen bewegt und vom Blute und Schmutz besudelt. "Um Gottes willen, was gibt es?" rief Wilhelm aus. "Sie sollen mir es teuer bezahlen!" stotterte der andere. Sein Gesicht glühte, die Augen stunden ihm vor dem Kopfe, seine Brust war voll Atem, und es schien, als ob er bersten wollte. Die Knaben waren die Treppe mit herauf gelaufen, drängten sich, schrien, riefen ihn als den heiligen Niklas, als Rübezahl an und wurden mit großer Not von dem Wirte wieder zum Tore hinaus gebracht.

Der schröckliche Zustand, in den Wilhelm den wüsten Menschen versetzt sah, erregte sein ganzes Mitleiden. Er bat ihn, sich zu beruhigen, alleine jener lief wie rasend auf dem Saale herum, zog den Mantel fester um sich her und brüllte so, daß jeder Dritte in ein lautes Gelächter ausgebrochen wäre. Mit konvulsivischen Gebärden erholte er sich nach und nach und ging zu einer ungestümen und rasenden Heftigkeit über, schimpfte auf Wilhelmen, drohte ihm, und da dieser alle mögliche Mäßigkeit und Vernunft bewies, schien es, als ob der Tobende gar über ihn herfallen wollte. Wilhelm war nicht faul, sprang nach einer Ecke und faßte einen tüchtigen Stock, den er daselbst von ungefähr ersah, und hielt sich, indem er ihn einigemal rasch durch die Luft schwang, den Barbaren vom Leibe. Dieser, der weiter nichts erfassen konnte, griff in vollem Grimm nach dem Schwerte, das an seinen Seiten herumschlug und dessen Klinge glücklicherweise nur von versilbertem Holze war; sie sprang gar bald an der Keule, die unser Held vorhielt, in Stücken, und die Streiche, die Wilhelm führte, waren so rasch und ernstlich, daß der Wüterich genötiget war, sich zurücke zuziehen; da er an einem Spane des Bodens hängenblieb, stürzte er eben der Länge nach hin, in dem Augenblicke, als der Wirt heraussprang, sie auseinander zubringen und seinem jungen, freundlichen und großmütigen Gaste vor allen Dingen beizustehen. ln demselben Momente besetzte ein Unteroffizier mit einigen Mann Wache die Treppe, und Wilhelm, da er das Getümmel auf der Straße sich immer vermehren hörte, sprang an das Fenster und sah zu seinem großen Erstaunen das Kutschtor gleichfalls besetzt und die königliche Familie, deren Kleider durch die Dämmerung blitzten, unter Bedeckung einer Anzahl Soldaten, die das Volk auseinandertrennten, anlangen. Er lief ihnen entgegen, unten an der Treppe fiel ihm Madame Melina ohnmächtig in die Arme. Man brachte sie hinauf, und wer beschriebe das Gedränge, die Gestalten, den Zustand, die Gebärden, die Ausrufungen, und über alles, wer könnte mit Worten das Entsetzen und die Verwirrung unseres Freundes ausdrücken, dem dieser ganze Vorfall ein unbegreifliches Rätsel war, nach dessen Auflösung er vergebens fragte, denn jeder einzelne Ausruf, jedes abgebrochene Wort machte ihn nur immer neugieriger und ungewisser.
Eckermann: Gespräche mit Goethe


Dichtung und Wahrheit

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