> Gedichte und Zitate für alle: Johann Wolfgang Goethe: Wilhelm Meisters Theatralische Sendung (Urmeister): 5. Buch 6.Kapitel

2019-10-13

Johann Wolfgang Goethe: Wilhelm Meisters Theatralische Sendung (Urmeister): 5. Buch 6.Kapitel




Fünftes Buch
Sechstes Kapitel

In einer ländlichen Szene sollten Kinder das Stück mit einem Tanze eröffnen, der das Spiel vorstellte, wo eins herumgehen und dem andern einen Platz abgewinnen muß. Darauf sollten sie mit andern Scherzen abwechseln und zuletzt zu einem immer wiederkehrenden Reihentanze ein Lied singen, welches auf das Lob der Treue gerichtet war. Darauf sollte der alte Harfenist mit Mignon herbeikommen und ihnen seinen Gesang zur Ergötzung anbieten. Es sollten sich mehrere Landleute versammeln, der Alte verschiedne Lieder zum Lobe des Friedens, der Ruhe, der Freude singen und Mignon darauf den Eiertanz tanzen. In dieser unschuldigen Freude werden sie durch eine kriegerische Musik gestört und die Gesellschaft von einem Trupp Soldaten überfallen. Die Mannspersonen setzen sich zur Wehre und werden überwunden, die Mädchen fliehen und werden eingeholt. Es scheint alles im Getümmel zugrunde zu gehen, bis zuletzt eine Person, über deren Bestimmung er noch ungewiß war, herbeikommt, und die Nachricht, daß der Heerführer nicht weit sei, alles zur Ruhe bringt. Hier wird der Charakter des Helden mit den schönsten Zügen geschildert, mitten unter den Waffen Sicherheit versprochen und der Übermut und die Gewalttätigkeit in Schranken gebracht. Es wird ein allgemeines Fest zu Ehren des großmütigen Heerführers begangen.

Die Damen waren mit dem Plane sehr zufrieden; nur behaupteten sie, es müsse notwendig etwas Allegorisches in dem Stücke sein, um es dem Herrn Grafen angenehm zu machen. Wilhelm tat den Vorschlag, den Anführer der Soldaten als den Genius der Zwietracht und der Gewalttätigkeit zu bezeichnen und zuletzt die Minerva herbeikommen zu lassen, ihm Fesseln anzulegen, Nachricht von der Ankunft des Helden zu geben und dessen Lob zu preisen. Dieser Vorschlag wurde mit beiden Händen angenommen und Wilhelm beredet, das Stück ungesäumt zu schreiben und in Verse zu bringen. Die Baronesse übernahm nachher, den Grafen zu überzeugen, daß es der von ihm angegebne Plan mit einiger Veränderung sei; nur bestand sie darauf, daß bei dem Feste, womit das Stück schließen sollte, notwendig die Büste und die verzogene Namen erscheinen müßten, weil sie sonst alle Unterhandlung vergeblich hielte.

Wilhelm, der sich schon im Geiste vorgestellt hatte, wie fein er seinen Helden aus dem Munde der Minerva preisen wollte, gab nur mit dem größten Widerwillen in diesem Punkte nach, überlegte sodann, wie etwa die Rollen könnten ausgeteilt und die nötigen Figuren herbeigeschafft werden, und empfahl sich ehrfurchtsvoll den Damen, die ihn mit vieler Freundlichkeit entließen. Die Baroneß, die ihn versicherte, daß er ein unvergleichlicher Mensch sei, begleitete ihn bis an die kleine Treppe, wo sie ihm mit einem Händedruck gute Nacht gab.

Befeurt durch ihre schönen Blicke und den aufrichtigen Anteil, den sie an der Sache nahm, ward ihm der Plan, der durch die Erzählung schon wieder gegenwärtig geworden war, ganz lebendig. Er brachte den größten Teil der Nacht und den andern Morgen damit zu, um den Dialog sowohl als die Lieder recht schön zu versifizieren. Er war so ziemlich fertig, als er in das neue Schloß gerufen wurde, wo er hörte, daß die Herrschaft, die eben frühstückte, ihn sprechen wollte. Er trat in den Saal, die Baroneß kam ihm wieder zuerst entgegen, und unter dem Vorwande, als wenn sie ihm einen guten Morgen sagen wollte, lispelte sie heimlich zu ihm: "Sagen Sie nichts von Ihrem Stücke, als was Sie gefragt werden." – "Ich höre", rief ihm der Graf zu, "Sie sind recht fleißig und arbeiten an dem Vorspiele, das wir zu Ehren des Prinzen geben wollen. Man sagt mir, Sie werden eine Minerva darinnen anbringen, und es wird nötig, daß wir uns beizeiten vorbereiten, wie die Göttin gekleidet werden soll, damit wir nicht gegen das Kostüm verstoßen. Ich lasse deswegen aus meiner Bibliothek alle Bücher herbeibringen, worin sich das Bild derselben befindet."

In eben dem Augenblick traten einige Bedienten mit großen Körben voll Büchern allerlei Formates in den Saal. Montfaucon, die Sammlung antiker Statuen und Gemmen, mythologische Schriften wurden aufgeschlagen und die Figuren verglichen. Dies war nicht genug, des Grafen vortreffliches Gedächtnis erinnerte sich aller Minerven, die etwa noch auf Titelkupfern, Vignetten, Medaillen oder sonst vorkommen. Der Sekretär mußte ein Buch nach dem andern aus der Bibliothek herbeischaffen, so daß der Graf zuletzt in einem Haufen von Büchern saß. Endlich, da ihm keine mehr einfiel, rief er mit Lachen aus: "Ich wollte wetten, daß nun keine Minerve mehr in der ganzen Bibliothek sei, und es möchte wohl das erstemal begegnen, daß eine Büchersammlung so ganz und gar des Bildes ihrer Schutzgöttin entbehren muß." Die ganze Gesellschaft freute sich über den Einfall, und besonders Jarno, der den Grafen immer mehr Bücher herbeizuschaffen gereizt hatte, lachte ganz unmäßig. "Nunmehr", sagte der Graf, indem er sich zu Wilhelmen wendete, "ist es eine Hauptsache, welche Göttin meinen Sie, Minerva oder Pallas, die Göttin des Krieges oder der Künste?" – "Sollte es nicht am schicklichsten sein, Ihro Exzellenz", versetzte Wilhelm, "wenn man es unbestimmt ließe und sie eben, weil sie in der Mythologie eine doppelte Person spielt, auch hier auf eine doppelte Weise schicklich erschiene? Sie meldet einen Krieger an, aber nur um das Volk zu beruhigen, sie preist einen Helden, indem sie seine Menschlichkeit erhebt, sie überwindet die Gewalttätigkeit und stellt die Freude und Ruhe unter dem Volke wieder her."

Die Baronesse, der es bange wurde, Wilhelm möchte sich verraten, schob geschwinde den Leibschneider der Gräfin dazwischen, der seine Meinung geben mußte, wie ein solcher antiker Rock auf das beste gefertigt werden könnte. Dieser Mann, in Maskenarbeiten erfahren, wußte die Sache sehr leicht zu machen, und da Madame Melina ohnerachtet ihrer hohen Schwangerschaft die Rolle der himmlischen Jungfrau übernommen hatte, so wurde er angewiesen, ihr das Maß zu nehmen, und die Gräfin bezeichnete, wiewohl mit einigem Unwillen ihrer Kammerjungfern, die Kleider aus der Garderobe, welche dazu verschnitten werden sollten. Auf eine geschickte Weise wußte die Baroneß Wilhelmen wieder bei Seite zu schaffen und ließ ihn bald darauf wissen, sie habe die übrigen Sachen auch besorgt. Sie schickte ihm sogleich den Musikum, der des Grafen Hauskapelle dirigierte, daß dieser teils die notwendigen Stücke konponieren oder schickliche Melodien aus dem Musikvorrate aufsuchen sollte.

Nunmehr ging alles nach Wunsche, der Graf fragte dem Stücke nicht weiter nach, sondern war hauptsächlich mit der transparenten Dekoration beschäftigt, welche am Ende des Stückes die Zuschauer überraschen sollte. Seine Erfindung und die Geschicklichkeit seines Konditors brachten zusammen wirklich eine recht angenehme Erleuchtung zuwege. Denn auf seinen Reisen hatte er die größten Feierlichkeiten dieser Art gesehen, viele Kupfer und Zeichnungen mitgebracht und wußte, was dazu gehörte, mit vielem Geschmacke anzugeben. Unterdessen endigte Wilhelm sein Stück, gab einem jeden seine Rolle, und der Musikus, der sich zugleich auf den Tanz verstund, richtete das Ballett ein, und so ging alles zum besten.

Nur ein unerwartetes Hindernis legte sich in den Weg, das ihm eine böse Lücke zu machen drohte. Er hatte sich den größten Effekt von Mignons Eiertanze versprochen, und wie erstaunt war er daher, als das Kind ihm, mit seiner gewöhnlichen Trockenheit, zu tanzen abschlug, versicherte, es sei nunmehr sein und werde nicht mehr auf das Theater gehen. Er suchte es durch allerlei Zureden zu bewegen und ließ nicht eher ab, als bis es bitterlich zu weinen anfing, da er denn diesen Wunsch aufgab, den Alten allein erscheinen ließ und die Szene ein wenig wendete.

Philine, die eins von den Landmädchen machte und in dem Reihentanz die einzelne Stimme singen und die Verse dem Chore zubringen sollte, freute sich recht ausgelassen darauf. Es ging ihr auch vollkommen nach Wunsche, sie hatte ihr besonderes Zimmer, war immer um die Gräfin, die sie mit ihren Affenpossen unterhielt und dafür täglich etwas geschenkt bekam. Ein Kleid zu diesem Stücke wurde auch für sie zurechtegemacht, und weil sie von einer leichten, nachahmenden Natur war, so hatte sie sich bald aus dem Umgange der Damen so viel gemerkt, als sich für sie schickte, und war in kurzer Zeit voller Lebensart und guten Betragens geworden. Die Sorgfalt des Stallmeisters nahm mehr zu als ab, und da die Offiziere auch stark auf sie eindrangen und sie sich in einem so reichlichen Elemente befand, fiel es ihr ein, auch einmal die Spröde zu spielen und auf eine geschickte Weise sich in einem gewissen vornehmen Ansehen zu üben. Kalt und fein wie sie war, fehlte es ihr nicht acht Tage, so kannte sie die Schwächen des ganzen Hauses, daß, wenn sie eine Kreatur gewesen wäre, Absichten zu haben, sie gar leicht ihr Glück hätte machen können. Allein auch hier bediente sie sich ihres Vorteils nur, um sich zu belustigen, um sich einen guten Tag zu machen und impertinent zu sein, wo sie merkte, daß es ohne Gefahr geschehen konnte.

Die Rollen waren gelernt, eine Hauptprobe des Stückes ward befohlen, der Graf wollte dabeisein, und es fing seiner Gemahlin an bange zu werden, wie er es aufnehmen würde. Die Baronesse berief Wilhelmen heimlich, und man zeigte, je näher die Stunde herbeirückte, immer mehr Verlegenheit. Denn es war doch eben ganz und gar nichts von der Idee des Grafen übriggeblieben. Jarno, der eben hereintrat, wurde in das Geheimnis gezogen. Es freute ihn herzlich, und er war geneigt, seine gute Dienste den Damen anzubieten. "Es wäre zwar schlimm", sagte er, "gnädige Frau, wenn Sie sich aus dieser Sache nicht allein heraushelfen sollten, doch auf alle Fälle will ich im Hinterhalte liegenbleiben." Die Baronesse erzählte, wie sie bisher dem Grafen das ganze Stück, aber nur immer stellenweise und ohne Ordnung erzählt habe, daß er also auf jedes einzelne vorbereitet sei, nur stehe er freilich in Gedanken, das Ganze werde mit seiner Idee zusammentreffen. "Ich will mich", sagte sie, "heut abend in der Probe zu ihm setzen und ihn zu zerstreuen suchen. Den Konditor habe ich auch schon vorgehabt, daß ja die Dekoration am Ende recht schön ausfällt, dabei aber doch an einigen Flecken was Geringes fehlt." – "Ich wüßte einen Hof", versetzte Jarno, "wo wir so tätige und kluge Freunde brauchten, als Sie sind, gnädige Frau. Ich will meinem Bedienten", setzte er hinzu, "befehlen, daß er sich nicht weit von Ihnen in der Probe im Saale postieren soll; geht es mit Ihren Künsten nicht mehr fort, so winken Sie ihm und tragen ihm eine Kleinigkeit zu holen oder auszurichten auf. Auf dieses Zeichen will ich den Grafen aus der Probe holen und ihn nicht eher wieder hineinlassen, bis Minerva auftritt und von der Illumination bald Sukkurs zu hoffen ist. Ich hab ihm schon seit einigen Tagen etwas zu eröffnen, das seinen Vetter betrifft und das ich immer aus Ursachen noch aufgeschoben habe, heute abend aber völlig nötig wird. Es wird ihm auch das eine Distraktion geben und zwar nicht die angenehmste."

Wilhelm eilte mit einiger Verwunderung über die Art, wie man mit dem Hausherrn umging, zu der Gesellschaft, die memorierte, sang und sich auf das beste bereitete. Einige Geschäfte hinderten den Grafen, zu Anfang der Probe zu sein, dann unterhielt ihn die Baroneß. Jarnos Hülfe war gar nicht nötig, denn indem der Graf genug zurechtzuweisen, zu verbessern und anzuordnen hatte, vergaß er sich ganz und gar darüber, und da Frau Melina zuletzt nach seinem Sinne sprach und die Illumination gut ausfiel, bezeugte er sich vollkommen zufrieden. Doch wie alles vorbei war und sie zum Spiele gingen, schien es ihm erst aufzufallen und er den allzu großen Unterschied zu bemerken. Auf einen Wink fiel nun Jarno aus seinem Hinterhalte hervor, der Abend verging, die Nachricht, daß der Prinz wirklich komme, bestätigte sich, man ritt einigemal aus, die Avantgarde in der Nachbarschaft kampieren zu sehen. Das Haus war voller Lärmen und Unruhe, und unsere Schauspieler, die nicht immer zum besten von denen unwilligen Bedienten versorgt wurden, mußten, ohne daß jemand sonderlich sich ihrer erinnerte, in dem alten Schlosse ihre Zeit in Erwartungen und Übungen zubringen.
Eckermann: Gespräche mit Goethe


Dichtung und Wahrheit

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