> Gedichte und Zitate für alle: Johann Wolfgang Goethe: Wilhelm Meisters Theatralische Sendung (Urmeister): 5. Buch 3.Kapitel

2019-10-12

Johann Wolfgang Goethe: Wilhelm Meisters Theatralische Sendung (Urmeister): 5. Buch 3.Kapitel




Fünftes Buch
Drittes Kapitel

Da sie jeden Augenblick erwarteten, daß jemand kommen und ihnen aufschließen würde, da bald Regen, bald Sturm sie täuschte und sie mehr als einmal den Tritt des erwünschten Schloßvoigts zu hören glaubten, blieben sie eine lange Zeit unmutig und untätig; es fiel keinem ein, in das neue Schloß zu gehen und dort mitleidige Seelen um Hülfe anzurufen. Sie konnten nicht begreifen, wo ihr Freund, der Sekretär, geblieben sei. Sie waren in einer höchst beschwerlichen Lage. Endlich kamen wirklich Menschen, und man erkennte an ihren Stimmen, daß es jene Fußgänger seien, die auf dem Wege hinter den Fahrenden zurückgeblieben waren. Sie erzählten, daß der Sekretär mit dem Pferde gestürzt sei, sich am Fuße stark beschädigt habe und daß man sie auch, da sie im Schlosse nachgefragt, mit Ungestüm hierher gewiesen.

Die ganze Gesellschaft war in der größten Verlegenheit, man ratschlagte, was man tun sollte, und konnte keinen Entschluß fassen. Endlich sah man von weitem eine Laterne kommen und holte frischen Atem; allein die Hoffnung einer baldigen Erlösung verschwand auch wieder, indem sich die Erscheinung näher entdeckte und aufklärte. Es war der Stallmeister des Grafen, dem ein Reitknecht vorleuchtete, und der sich, als er näher kam, sehr eifrig nach der Mademoiselle Philine erkundigte. Sie war kaum aus dem übrigen Haufen hervorgetreten, als er ihr sehr dringend anbot, sie in das neue Schloß zu führen, wo ein Plätzchen für sie bei der Kammerjungfer der Gräfin bestimmt sei. Sie besann sich nicht lange, das Anerbieten dankbar zu ergreifen, faßte ihn bei dem Arme und wollte, da sie den andern ihren Koffer empfohlen, mit ihm forteilen; allein man trat ihnen in den Weg, fragte, bat, beschwor den Stallmeister, daß er endlich, um nur mit seiner Schönen loszukommen, alles versprach und versicherte, daß in kurzem das Schloß eröffnet und sie auf das beste einquartiert werden sollten. Bald darauf sahen sie den Schein seiner Laterne verschwinden und hofften lange vergebens auf das neue Licht, das ihnen endlich nach vielem Warten, Schelten und Schmähen erschien und sie mit einigem Troste und Hoffnung belebte. Ein alter Hausknecht eröffnete die Türe, in die sie mit Gewalt hineindrangen. Ein jeder sorgte nun für seine Sachen, sie abzupacken, sie hereinzuschaffen. Das meiste war, wie die Personen selbst, tüchtig durchgeweicht. Bei dem einen Lichte ging alles sehr langsam. Im Gebäude stieß man sich, stolperte, fiel. Man bat um mehr Lichter, man bat um Feuerung. Der einsilbigte Hausknecht ließ mit genauer Not seine Laterne da, ging und kam nicht wieder.

Nun fing man an, das Haus zu durchsuchen; die Türen aller Zimmer waren offen, große Öfen, gewürkte Tapeten, verzierte Fußböden waren von seiner vorigen Pracht noch übrig, von anderm Hausgeräte nichts zu finden, kein Tisch, kein Stuhl, kein Spiegel, kaum einige ungeheure leere Bettgestelle, alles Schmuckes und alles Notwendigen zur Ruhe beraubt. Die nassen Koffer und Mantelsäcke waren zu Sitzen gewählt, ein Teil der müden Wanderer bequemte sich auf den Fußboden, Wilhelm hatte sich auf ein paar Stufen gesetzt, Mignon lag auf seinen Knien, das Kind war unruhig, und auf seine Frage, was ihm fehlte, antwortete es: "Mich hungert!" Er hatte nichts bei sich, um das Verlangen des Kindes zu stillen, die übrige Gesellschaft war auch aufgezehrt, und er mußte die arme Kreatur ohne Erquickung lassen. Er blieb bei dem ganzen Vorfalle untätig, still in sich gekehrt; denn er war sehr verdrüßlich und grimmig, daß er nicht auf seinem Sinne bestanden und bei dem Wirtshause abgestiegen, wenn er auch auf dem obersten Boden hätte sein Lager nehmen sollen. Die übrigen gebärdeten sich jeder nach seiner Art. Einige hatten einen großen Haufen altes Gehölz in ein ungeheures Kamin des Saales geschafft und zündeten es an mit großem Jauchzen, daß sie sich wenigstens würden trocknen können. Unglücklicherweise war dieses Kamin nur zur Zierde und von oben herein vermauert; der Dampf trat schnell zurücke und erfüllete auf einmal die Zimmer, das dürre Holz schlug rasselnd in Flammen auf, allein auch die Flamme ward herausgetrieben, der Zug, der durch die zerbrochne Fensterscheiben kam, gab ihr eine unstete Richtung, man fürchtete das Schloß anzuzünden, mußte das Feuer auseinanderziehen, austreten, dämpfen, der Rauch vermehrte sich, der Zustand wurde unerträglicher, man kam der Verzweiflung nahe.

Wilhelm war vor dem Rauch in ein entferntes Zimmer gewichen, wohin ihm bald Mignon nachfolgte und einen wohlbekleideten Bedienten, der eine hohe, hellbrennende, doppelt erleuchtete Laterne trug, hereinführte; dieser wendete sich an Wilhelmen, und indem er ihm auf einem schönen porzellanenen Teller Konfekt und Früchte überreichte, sagte er: "Dies schickt Ihnen das junge Frauenzimmer von drüben mit der Bitte, hinüber zur Gesellschaft zu kommen; sie läßt sagen", setzte der Bediente hinzu, "es gehe ihr sehr wohl, und sie wünsche ihre Zufriedenheit mit ihrem Freunde zu teilen." Wilhelm erwartete nichts weniger als diesen Antrag, denn seit geraumer Zeit hatte er Philinen mit entschiedener Verachtung begegnet und sich ihrer kaum in ihren Rollen angenommen; er war auch so fest entschlossen, keine Gemeinschaft mit ihr zu haben, daß er im Begriffe stund, die süße Gabe wieder zurückzuschicken, nur ein bittender Blick Mignons konnte ihn vermögen, sie anzunehmen und im Namen des Kindes dafür danken zu lassen; die Einladung schlug er ganz aus. Er bat den Bedienten, einige Sorge für die angekommene Gesellschaft zu tragen, und erkundigte sich nach dem Sekretär. Dieser lag zu Bette, hatte aber schon, soviel der Bediente zu sagen wußte, einem andern Auftrag gegeben, für die elend Beherbergten zu sorgen.

Der Bediente ging und hinterließ Wilhelmen eins von seinen Lichtern, das er in Ermanglung eines Leuchters auf das Fenstergesims kleben mußte und nun wenigstens bei seinen Betrachtungen die vier Wände des Zimmers erhellet sah. Denn es währte noch lange, ehe die Anstalten rege wurden, die unsere Gäste zur Ruhe bringen sollten. Nach und nach kamen Lichter, jedoch ohne Lichtputzen, dann einige Stühle, eine Stunde weiter Deckbetten, dann Kissen, alles wohl durchnetzt, und es war schon weit über Mitternacht, als endlich Strohsäcke und Matratzen herbeigeschafft wurden, die, wenn man sie zuerst gehabt hätte, höchst willkommen gewesen sein würden.

In der Zwischenzeit war auch etwas von Essen und Trinken eingegangen, das ohne viele Kritik genossen wurde, ob es gleich einem sehr unordentlichen Abhub ähnlich sah und von der Achtung, die man für die Gäste hatte, kein sonderliches Zeugnis ablegte.
Eckermann: Gespräche mit Goethe


Dichtung und Wahrheit

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