> Gedichte und Zitate für alle: Johann Wolfgang Goethe: Wilhelm Meisters Theatralische Sendung (Urmeister): 4. Buch 7.Kapitel

2019-10-10

Johann Wolfgang Goethe: Wilhelm Meisters Theatralische Sendung (Urmeister): 4. Buch 7.Kapitel



Viertes Buch
Siebentes Kapitel

Er warf in größter Verwirrung und Verlegenheit sein Haupt auf dem Kissen hin und her, der Schlaf war nicht so gefällig, seinen Zustand zu lindern. Der Verlust seines Geldes, die Angst der Seinigen, seine alten Wünsche und seine gegenwärtigen Verbindungen wurden ihm in der Seele lebhaft. Die Schimpfworte des Offiziers summten ihm in den Ohren, und es war ihm unterträglich, in einer solchen Gesellschaft zu sein, ob er sich gleich dadurch nicht beleidigt finden konnte. Der Wahn seiner Jugend zerstreute sich wie eine schöne Nebelwolke, die sich um einen dürren Berg bewegt. Er bedauerte sich, das Theater und die Dichtkunst. "Ach!" rief er aus, "möchten doch so viele törichte Jünglinge durch mein Beispiel klug werden, die diesem Irrlichte nachlaufen, die sich von dieser Sirene aus der vorgeschriebenen Fahrt ihres Wandels locken lassen!" Er hatte einige Stunden in so abwechselnden, verdrüßlichen Gedanken gelegen und war einem Krieger zu vergleichen, der mit seiner Mannschaft von einem Feinde unversehens umzingelt ist. Bald ersteigt er einen Berg, bald rekognosziert er das Tal, bald hofft er von dem Flusse Rettung und fängt, nachdem er den ganzen Kreis geschlossen gefunden, mit abwechselnden Gedanken, sich durchzuschlagen oder sich zu ergeben, seine Untersuchung und Überlegung wieder von vornen an.

Er hörte einiges Geräusch in dem Hause, es schien ihm, als wenn Fremde ankämen oder abgingen, er hörte einen Wagen fahren, Koffer schleppen, konnte nicht genau untersuchen, ob es hinauf- oder hinabging. Des Morgens trat Melina, der schon früher auf gewesen und nach den Schildwachen gesehen hatte, vor sein Bette und rief: "Stehen Sie auf, mein Freund, und besehen mit mir das leere Nest! Die Vögel sind ausgeflogen, und unser Glück ist, daß wir uns vorgesehen haben."
Wilhelm war verwundert und konnte nicht ganz begreifen, was er meinte. Genug, die Prinzipalin hatte sich diese Nacht mit Mosje Bendel in der Stille davongemacht. Man erfuhr nunmehr, daß ihr der Kommandant habe sagen lassen, sie solle ohne weitere Umstände den wüsten Menschen, der dem Publiko so unangenehm sei, hinwegschaffen, weil er ihr sonst vor nichts stehe und sie sich gewärtigen müsse, daß ihn der Pöbel auf der Gasse angreifen und einen Tumult erregen würde. Sie hatte, wie alles zur Ruhe war, den Wirt hinaufkommen lassen und ihm diesen Befehl entdeckt, von ihm verlangt, daß er Postpferde und einen Wagen kommen lasse, sie wolle Herrn Bendel bis auf die nächste Station begleiten und alsdann wieder zurückkehren. Er habe es im Anfange nicht glauben wollen, doch sei er auf ihr Geheiß noch geschwind zu dem Adjutanten gegangen, der ihm versichert, daß es wahr sei. Sie habe ihm darauf, um ihm ihren Ernst zu zeigen, etwas Geld für Rechnung des Herrn Bendel auf Abschlag gegeben und ihn auf die bewachte Kasse und Garderobe gewiesen und dabei gesagt, es wäre ja natürlich, daß sie diese nicht im Stiche lassen würde, so wie sie auch nur etwas weniges von Kleidung mitnehmen wollen.

"Mein guter Freund", sagte Melina, "diesmal hat Euch Eure Klugheit verlassen, denn Ihr werdet sie nicht wieder zu sehen kriegen, und diesem Herrn" – er deutete auf Wilhelmen – "gehört die Garderobe und die Kasse und was nur da sein mag als Pfand und für bare Auslagen zu; doch seid nur ruhig, wir wollen sehen, wie wir auseinanderkommen und einer dem andern seinen Schaden übertragen hilft." Es befand sich noch ein großer Koffer in ihrer Stube. Melina behauptete, man müsse ihn aufbrechen, man werde ihn mit Stroh und Steinen ausgefüllt finden, andere waren anderer Meinung, und man ließ ihn stehen.

Die Nachricht verbreitete sich mit dem anbrechenden Morgen. Alle Akteurs, die teils im Hause, teils auswärts wohnten, kamen eilends zusammen. Man fragte, man ratschlagte, man verwarf, nahm sich vor und unterließ wieder, ein jeder rief und glaubte das Beste gefunden zu haben, und ein jeder mußte vor der lauten Meinung seines Nachbars schweigen. Einige, die das Theater, da sie das Wirtshaus noch mit Soldaten besetzt sahen, besucht hatten, fanden dort alles in der schröcklichsten Unordnung. Den meisten war Madame de Retti noch ihre Gage schuldig. Ein jeder fragte nach der Kasse, nach dem Gelde, und Melina wußte sich recht viel, daß er wenigstens einen Teil gerettet hatte. Er bat die übrigen, ruhig zu sein und abzuwarten, wie sich die Sachen auseinanderlegen würden.

Er holte darauf einen Notarius, der jene Pfandverschreibung für Wilhelmen aufgesetzt. Man schloß sich ein, man überlegte, ging zum Oberamtmann, und Wilhelm war so verdrüßlich, so von der Beschwerde und Langeweile dieses Handels aus aller guten Laune gesetzt, wie es wahrscheinlich unsere Leser auch sein würden, wenn wir fortführen, das Detail dieses Konkurses genau zu erzählen.
Eckermann: Gespräche mit Goethe


Dichtung und Wahrheit

Keine Kommentare: