> Gedichte und Zitate für alle: Johann Wolfgang Goethe: Wilhelm Meisters Theatralische Sendung (Urmeister): 1. Buch 17.Kapitel

2019-10-05

Johann Wolfgang Goethe: Wilhelm Meisters Theatralische Sendung (Urmeister): 1. Buch 17.Kapitel





Erstes Buch 
Siebzehntes Kapitel

Es geschieht gar selten, daß zwei junge, gleich unschuldige Seelen Hand in Hand den Weg der Liebe miteinander ausgehn, harmlos vor sich hinwallen und, in schlingenden Pfaden verloren, sich wider Vermuten an Orte geführt sehen, die sie sich weit entfernt glaubten. Denn wie die Natur fast durchaus Unerfahrenheit der Erfahrenheit untergeordnet hat, so ist's auch hier; ein Teil wird immer die Rolle des Freundes spielen, der, in einer Gegend schon bekannt, den Ankömmling in ihre Schönheiten einweihen will. Schweigend lenkt er ihn unmerklich hie- oder dorthin, läßt ihm bei diesem und jenem Anblick sein Entzücken, ohne zu verraten, was für Großes ihm bevorsteht, läßt ihn mühsam auf- und absteigen, wo es nicht nötig wäre, um eine angenehme Aussicht von der Seite zu zeigen, wo sie eben die meiste Wirkung tut, und der andere, er merke die List oder nicht, dankt seinem Führer für die liebevolle Mühe.

So bescheiden Wilhelm war und ganz im Glauben an Marianens Tugend, stiegen seine Liebkosungen an ihr unmerklich mit jedem Tage, und sie, ohne ihn aus dem Besitze des zu setzen, was er sich anmaßte, hielt ihn nur auf jeder Stufe eine Zeitlang auf, wo ihn seine Liebe und Ehrfurcht ohnedas ein wenig ausruhen hießen. Ihre Verlegenheit, ihr ohnmächtiger Widerstand, den sie seinen Küssen entgegensetzte, ihr tiefes Nachdenken, in das sie oft verfiel, setzte ihn in solche entzückte Leidenschaft, daß er mit allen Fasern seines Lebens an ihr hing. Mariane lernte das Glück der Liebe, das ihr fremd war, in seinen Armen erst kennen, und die Herzlichkeit, mit der er sie an seinen Busen drückte, die Dankbarkeit, der es oft an ihrer Hand gnügte, durchdrang sie, und täglich lebte sie freier auf. Oft wünschte sie nunmehr ernstlich bei sich, von jener Verbindung, die wir oben erwähnten, deren Gedanke ihr täglich widriger ward, los zu sein. Aber wie loskommen? Jeder weiß, wie schwer der Mensch angeht, einen entscheidenden Schritt zu wagen, daß Tausende eher ihr Leben in abschleichendem Schicksal kümmerlich jedem neuen Tag hinüberschleppen! Und nun gar ein Mädchen in diesen Umständen! Sie hatte sich gar bald, wie nebenher, nach Wilhelms Vermögen, nach seinen Verhältnissen erkundigt, da sie denn wohl sah, daß sie keinen Ersatz dessen, was sie ihm aufzuopfern wünschte, hoffen könnte. Schon was ihm an Interessen von einem Kapital, das die Großmutter ihren Enkeln noch bei Lebzeiten der Eltern bestimmt hatte, zufiel, hatte er alles an Marianen gewendet, sie überlegte hin und her, und wenn sie keinen Ausweg sah, überließ sie sich wieder eine Weile dem Geratewohl, dem Leben und der Liebe. Täglich aber versanken mehr die Leichtigkeit, Lebhaftigkeit, Witz, wodurch sie im Anfang ihrer Leidenschaft einander fest zu binden, zu unterhalten gesucht und jede Liebkosung gewürzt hatten. Sonst scherzten sie oft in kleinen Szenen aus diesem oder jenem Stück, verspotteten einander mit lieblichen Neckereien irgendeines Dichters, und wenn der Gereizte ihr zuletzt um den Hals fiel und sie mit einem Kuß bestrafte und sie durch so eine selige Katastrophe das Vergangne zu Lügen machten, da waren's die höchste Zeiten der Liebe, nun aber, da sie sich in diesen Freuden übernahmen, hatte es eine Wirkung auf Wilhelms Kopf, als wär er in Bier berauscht, er ward dumpf und unbehaglich in seinem Sehnen, daß er auf allerlei kleine Eifersucht und Neckereien fiel, das man ihm wohl verzeihen muß, denn er war schlimmer dran, als der einem Schatten nachläuft, denn er hielt in seinen Armen, er berührte mit seinen Lippen, was er nicht genießen, woran er sich nicht sättigen sollte. Mariane, die seine Qual nicht verkannte, hätte wohl schon in manchen Augenblicken das Glück, das er so sehnlich wünschte, mit ihm geteilt, sie fühlte in sich, daß er weit mehrers wert war, als sie ihm geben konnte, aber seine Verwirrung und seine Liebe verdunkelten ihm seine Vorteile, und ihre Stille, ihre Unruhe, ihre Tränen, ihre fliehende Umarmungen – lieblichste Töne der ergebenden Liebe – warfen ihn außer sich in überdrängten Schmerz zu ihren Füßen, bis sie beide zuletzt in dämmernden Augenblicken des Taumels sich in den Freuden der Liebe verloren, die das Schicksal den Menschenkindern aufspart, um sie für so viel Druck und Leiden, Mangel und Kummer, Harren, Träumen, Hoffen und Sehnen einigermaßen zu entschädigen.
Eckermann: Gespräche mit Goethe



Dichtung und Wahrheit

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