> Gedichte und Zitate für alle: Johann Wolfgang Goethe: Wilhelm Meisters Theatralische Sendung (Urmeister): 5. Buch 4.Kapitel

2019-10-12

Johann Wolfgang Goethe: Wilhelm Meisters Theatralische Sendung (Urmeister): 5. Buch 4.Kapitel




Fünftes Buch
Viertes Kapitel

Durch die Unart und den Übermut einiger leichtfertiger Gesellen vermehrte sich die Unruhe und das Übel der Nacht, indem sie sich einander neckten, aufweckten und sich wechselweise allerlei Streiche spielten. Der andere Morgen brach an unter lauten Klagen über ihren Freund, den Sekretär, daß er sie so getäuscht und ihnen ein ganz andres Bild von der Ordnung und Bequemlichkeit, in die sie kommen würden, gemacht habe. Doch zu ihrer großen Verwunderung und Troste hatten sie sich kaum zusammengerafft, als der Graf selbst mit einigen Bedienten erschien und sich nach ihren Umständen erkundigte. Er war sehr entrüstet, als er hörte, wie übel es ihnen ergangen, und der Sekretär, der geführt herbeihinkte, verklagte den Haushofmeister, wie befehlswidrig er sich bei dieser Gelegenheit gezeigt, und glaubte, ihm ein rechtes Bad angerichtet zu haben. Der Graf befahl sogleich, daß alles in seiner Gegenwart zur möglichsten Bequemlichkeit der Gäste geordnet werden sollte. Es kamen einige fremde Offiziere, die von den Aktricen sogleich Kundschaft nahmen, und in ihrem Beisein ließ sich der Graf die ganze Gesellschaft vorstellen, redete einen jeden bei seinem Namen an und mischte einige Scherze in die Unterredung, daß alle über einen so gnädigen Herrn ganz entzückt waren. Endlich mußte Wilhelm auch an die Reihe, an den sich Mignon anhing. Wilhelm entschuldigte sich so gut er konnte über seine Freiheit, der Graf hingegen schien es als ganz bekannt anzunehmen. Ein Herr, der neben dem Grafen stund, den man für einen Offizier hielt, ob er gleich keine Uniform anhatte, sprach besonders mit unserm Freunde und zeichnete sich vor allen andern aus. Große, helle, blaue Augen leuchteten unter einer hohen Stirne hervor, nachlässig waren seine bräunlichen Haare aufgeschlagen, und seine mittlere Statur zeigte ein sehr wackres, festes und bestimmtes Wesen. Seine Fragen waren sehr lebhaft, und er schien sich auf alles zu verstehen, wornach er fragte.

Hinterdrein erkundigte sich Wilhelm nach diesem Manne bei dem Sekretär; dieser wußte nicht viel Gutes von ihm zu sagen. Er habe den Charakter als Major, sei eigentlich der Günstling des Prinzen, versehe dessen geheimste Geschäfte und werde für dessen rechten Arm gehalten, ja, man habe Ursache zu glauben, er sei sein natürlicher Sohn. In Frankreich, England, Italien sei er mit Gesandtschaften gewesen, er werde überall sehr distinguiert, und das mache ihn einbildisch und unleidlich; er wähne die deutsche Literatur aus dem Grunde zu kennen und erlaube sich allerlei schale Spöttereien gegen dieselbe. Er, der Sekretär, vermeide alle Unterredung mit ihm, und Wilhelm werde wohl tun, darinne zu folgen. Man nenne den Fremden Jarno, wüßte aber nicht recht, was man aus dem Namen machen sollte.

Wilhelm wußte darauf nichts zu sagen, denn er empfand gegen den Fremden, ob er gleich etwas Kaltes und Abstoßendes hatte, eine gewisse Neigung.

Die Gesellschaft wurde in dem Schlosse eingeteilt, und Melina befahl sehr strenge, sie sollten sich nunmehro ordentlich halten, ein jeder seine Rollen auf das beste lernen, die Frauen besonders wohnen. Er schlug Vorschriften und Lehren an alle Türen an, die aus vielen Punkten bestanden und auch die Summe der Strafgelder enthielten, die ein jeder Übertreter in eine gemeine Büchse zu entrichten hatte. Diese Verordnungen wurden wenig geachtet. Es kam ein Schwarm junger Offiziere nach dem andern, die nicht eben auf das feinste mit den Aktricen spaßten, die Akteure zum besten hatten und die ganze kleine Polizeiordnung, noch ehe sie Wurzel gefaßt, zugrunde richteten. Man jagte sich durch die Zimmer, verkleidete sich, versteckte sich, und es wurden gar bald Versuche gemacht, paarweise in die Winkel zu kriechen. Melina, der anfangs einigen Ernst zeigen wollte, ward mit allerlei Mutwillen auf das Äußerste gebracht, und als ihn bald darauf der Graf holen ließ, um den Platz zu sehen, wo das Theater aufgerichtet werden sollte, ward das Übel nur immer ärger. Die jungen Herren ersannen sich allerlei platte Späße, durch Hülfe einiger Akteure wurden sie noch plumper, und es schien, als wenn das ganze alte Schloß vom wütenden Heere besessen sei; auch endigte es nicht eher, als bis es zur Tafel gerufen ward.

Der Graf hatte Melina in einen großen Saal geführt, der noch zum alten Schlosse gehörte und an das neue anstieß und zu einem kleinen Theater vortrefflich zu gebrauchen war. Er hatte ihm daselbst gezeigt, wie er es wollte eingerichtet haben. Melina gab dem Grafen in allem reche, teils aus Respekt, teils, weil er absolut nichts von der Sache verstund. Indessen kam er doch, Wilhelmen um Rat zu fragen und ihn zu bitten, daß er ihm in dieser Angelegenheit beistehen möge. Es ward nun alles in großer Eile vorgenommen, das Theatergerüste aufgeschlagen, ausgezieret. Was man von Dekorationen in dem Gepäcke hatte und brauchen konnte, angewendet und das übrige mit Hülfe einiger geschickten Leute des Grafen verfertigt. Wilhelm griff selbst mit an, half die Perspektive bestimmen, die Umrisse abschnüren und war höchst beschäftigt, daß es nicht unschicklich werden sollte, als wenn es ganz seine eigne Sache wäre.

Der Graf, der öfters dazukam, war sehr zufrieden damit, zeigte, wie sie das, was sie wirklich taten machen sollten, und ließ dabei ungemeine Kenntnisse jeder Kunst sehen. Nun fing das Probieren recht ernstlich an, wozu sie auch Raum und Muße genug gehabt hätten, wenn sie nicht von den vielen anwesenden Fremden immer gestört worden wären. Denn es kamen täglich neue Gäste an, und ein jeder wollte die Gesellschaft in Augenschein nehmen. Der Sekretär hatte Wilhelmen einige Tage mit der Hoffnung hingehalten, daß er der Gräfin, welcher er durch ein Versehen mit der übrigen Gesellschaft präsentiert worden war, noch besonders vorgestellt werden sollte. "Ich habe", sagte er, "dieser vortrefflichen Dame so viel von Ihnen und Ihren geistreichen und empfindungsvollen Stücken erzählt, daß sie nicht erwarten kann, Sie zu sprechen und Sie ein und das andere vorlesen zu hören. Halten Sie sich ja gefaßt, auf den ersten Wink hinüberzukommen, denn bei dem nächsten ruhigen Morgen werden Sie gewiß gerufen werden." Er nannte ihm darauf einige von seinen Nachspielen, welche er zuerst vorlesen sollte, wodurch er sich ganz besonders empfehlen würde. Die Dame bedaure es gar sehr, daß er zu einer solchen unruhigen Zeit eingetroffen und sich mit der übrigen Gesellschaft in dem alten Schlosse schlecht behelfen müsse.

Mit großer Sorgfalt nahm darauf Wilhelm das Stück vor, womit er seinen Eintritt in die große Welt machen sollte. "Du hast", sagte er, "bisher im stillen für dich gearbeitet und vielen Beifall von einem zahlreichen Publiko für eins deiner Stücke erhalten, du mußt immer noch zweifelhaft sein, ob du auf dem rechten Wege bist und ob du soviel Talent als Neigung zum Theater hast; vor den Ohren solcher geübter Kenner, im Kabinette, wo weiter keine Illusion dazukommt, ist ein weit gefährlicherer Stand als anderwärts, und ich möchte doch auch nicht gerne zurückbleiben, diesen Genuß an meine vorigen Freuden knüpfen und die Hoffnung auf die Zukunft erweitern." Er nahm daher einige Stücke durch, las sie mit der größten Aufmerksamkeit, korrigierte hier und da, rezitierte sie sich laut vor, um auch in Sprache und durch Ausdruck recht gewandt zu sein, und steckte das, welches er am meisten geübt, womit er die größte Ehre einzulegen glaubte, in die Tasche, als er an einem Morgen hinüber vor die Gräfin gefordert wurde.

Der Sekretär hatte ihn versichert, sie würde allein mit einer guten Freundin sein. Als er in das Zimmer trat, kam die Baronesse von C*** ihm mit vieler Freundlichkeit entgegen, freute sich, seine Bekanntschaft zu machen, und präsentierte ihn der Gräfin, die sich eben frisieren ließ und neben deren Stuhl er mit großer Verwunderung Philinen knien und allerlei Torheiten machen sah. "Das schöne Kind", sagte die Baroneß, "hat uns allerlei vorgesungen. Endige Sie doch das angefangne Liedchen, damit wir nichts davon verlieren."

Wilhelm hörte das Stückchen mit großer Geduld an, indem er doch die Entfernung des Friseurs wünschte, eh er seine Vorlesung anfangen wollte. Man bot ihm eine Tasse Schokolade an, wozu ihm die Baroneß selbst den Zwieback reichte. Es schmeckte ihm kaum, weil seine Gedanken ganz von dem Stücke, das er vorlesen wollte, erfüllt waren und er die Gefühle seines Herzens denen beiden Damen mitzuteilen sich sehnte. Philine war ihm auch im Wege, die ihm als Zuhörerin oft schon unbequem gewesen war. Er sah mit Schmerzen dem Friseur auf die Hände und hoffte in jedem Augenblicke mehr auf die Vollendung des Baues.

Indessen war der Graf hereingetreten, und er erzählte von den heut zu erwartenden Gästen, von der Einteilung des Tages und was sonst etwa Häusliches vorkommen mochte. Da er hinausging, ließen einige Offiziere bei der Gräfin um die Erlaubnis bitten, ihr, weil sie noch vor Tafel wegreiten müßten, aufwarten zu dürfen. Des Kammerdiener war indessen fertig geworden, und sie ließ die Herrn hereinkommen. Die Baronesse gab sich inzwischen Mühe, unsern Freund zu unterhalten und ihm viele Achtung zu bezeigen, die er mit Ehrfurcht, obgleich etwas zerstreut, aufnahm. Er fühlte manchmal nach dem Manuskripte in der Tasche, hoffte auf jeden Augenblick, und fast wollte seine Geduld reißen, als ein Galanteriehändler hereingelassen wurde, der seine Pappen, Kasten, Schachteln unbarmherzig eine nach der andern eröffnete und jede Sorte seiner Waren mit einer diesem Geschlechte eignen Zudringlichkeit vorwies. Die Gesellschaft vermehrte sich. Die Baroneß sah Wilhelmen an und sprach der Gräfin in die Ohren; er bemerkte es, ohne zu verstehen, was es bedeuten sollte, bis es ihm endlich zu Hause klar wurde, als er sich nach einer ängstlich durchharrten Stunde wegbegab. Er fand ein schönes englisches Portefeuille in seiner Rocktasche. Die Baronesse hatte es ihm heimlich beizustecken gewußt, und gleich darauf folgte der Gräfin kleiner Mohr, der ihm eine artig gestickte Weste überbrachte, ohne recht deutlich zu sagen, woher sie komme.
Eckermann: Gespräche mit Goethe


Dichtung und Wahrheit

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