> Gedichte und Zitate für alle: Johann Wolfgang Goethe: Wilhelm Meisters Theatralische Sendung (Urmeister): 4. Buch 5.Kapitel

2019-10-10

Johann Wolfgang Goethe: Wilhelm Meisters Theatralische Sendung (Urmeister): 4. Buch 5.Kapitel


Viertes Buch
Fünftes Kapitel

"Wenn der Kommandant nicht wehrt, so reißen sie die Bude ein, und wir sind ganz und gar zugrunde gerichtet!" rief die Prinzipalin. "Mein lieber Bendel, mein Bester! was habe ich für Sie ausgestanden!" – –

Melina kam und forderte Wilhelmen den Schlüssel zu seiner Stube heimlich ab, der sich um die gute Königin bisher beschäftigt hatte, die nach und nach sich einigermaßen erholte. Ihr Mann kam bald wieder, gab Wilhelmen den Schlüssel zurück und ward von diesem inständig um eine ordentliche Erzählung, um eine Erklärung dieser Verworrenheit gebeten. Melina zog ihn ans Fenster und versetzte: "Das Haus schien noch voller als das erstemal. Die Begierde und das Verlangen, das Stück zu sehen und wieder zu sehen, war allgemein, jedermann vermutete, daß Sie wieder spielen würden. Als der untergeschobene Darius auftrat, entstand ein allgemeines Gemurmel und Gelispel.

Glücklicherweise hatte er im ersten Akte nicht so gar viel und wenig schwere Stellen zu sagen. Jeder tat sein möglichstes. Madame de Retti spielte vortrefflich und wurde mit allgemeinem Beifalle und Händeklatschen belohnt. In der letzten Szene des zweiten Aktes, die das vorige Mal so großen Eindruck gemacht hatte, ging es desto schlimmer. Auf ihm, auf der dringenden und doch bescheidenen Zärtlichkeit des Helden ruht das ganze Glück dieser Szene. Mir wurde selbst bange für ihn. Kein gefühltes Wort ging aus seinem Munde. Im Parterre fingen einige an zu pochen, das Gedächtnis verließ ihn, er stockte mitten in einer wichtigen Stelle, und wenn ihm der Souffleur wieder einhalf, so eilte er mit denen Versen, die ihm wieder ins Gedächtnis fielen, ohne Sinn und Verstand. Der Gegensatz von neulich war zu auffallend; noch war die Art, wie Sie die Szene behandelt, der Eindruck in allen Gemütern, das Pochen wurde lauter, und glücklicherweise, daß der Akt endigte und der Vorhang fiel. Bendel lief wie wütend von dem Theater und schwur, die verfluchten Bretter nie wieder zu betreten. Madame de Retti tat alles, um ihn zu besänftigen, und ließ indessen den dritten Akt anfangen. Meine Frau, von Furcht ergriffen, trat auf und sprach, ohne es selbst zu wissen, die erste Szene besser als jemals. Ihre Schüchternheit machte sie dem Publiko noch angenehmer, und sie erhielt bei mehreren Stellen einen lauten Beifall. Der dritte Akt, in welchem der unartige Mensch nicht erschien, hub sich, die Szene, wo jeder dem Könige Glück wünschet, ging wohl vonstatten, und das Publikum schien wieder besänftiget. Indessen war auch Monsieur Bendel wieder beruhigt worden. Die Verschwornen und die Prinzessin taten zu Anfange des vierten Aktes alles mögliche, aber leider war diese Zeit über mit dem Darius keine Verwandlung vorgegangen. Die Zuschauer erblickten ihn kaum, als ihr Mutwillen schon sich wieder zu regen anfing. Er sollte die wüste Schwelgerei der Tafel pathetisch beschreiben. Unglücklicherweise sind einige Verse in dieser Stelle vor das Unvermögen seiner Zunge und die verwechselten Buchstaben des L und R, die uns schon in den Proben äußerst lächerlich auffielen. Wie von seinem bösen Genius mit Fäusten geschlagen, hielt er immer bei solchen Stellen ein und sagte, indem er den Fehler zu vermeiden glaubte, ihn dem Publiko erst als mit Vorsatz ins Angesicht.

Es entstand ein lautes Gelächter. Er erhub seine Stimme nur mehr, stotterte bald, verfing sich in einigen Quiproquos. Das Pochen, Pfeifen, Zischen, Klatschen und Bravorufen ward allgemein. Gift und Galle, die in ihm kochten, brachen aus, er vergaß, wo und wer er war, trat bis ganz hervor an die Lampen, rief und schimpfte auf ein solches Betragen und forderte einen jeden heraus, der sich gegen ihn so impertinent bewies. Kaum hatte er ausgeredet, als eine Pomeranze geflogen kam und ihn mit solcher Gewalt auf die Brust traf, daß er einige Schritte zurückwich; gleich darauf noch eine, und als er sich bückte, die aufzuheben, ein Apfel, der ihm die Nase quetschte, daß ihm ein Strom von Blut dem Gesichte herunterlief. Außer sich vor Wut, schleuderte er den einen Apfel, den er aufgerafft hatte, in das Parterre zurück. Er mochte jemand hart getroffen haben, denn es entstund gleich darauf ein allgemeiner Aufruhr. Ein Knabe, der Semmeln und Pastetchen zu verkaufen herbeitrug, wurde in dem Augenblicke rein ausgeplündert und der verhaßte Gegenstand damit bedeckt; sogar kam eine alte Dose geflogen, die an dem Helme sich voneinander teilte und ihm Augen und Mund mit stiebendem Tobake erfüllte. Er stampfte, schäumte, nieste, sprudelte, alle andern Akteurs waren hinter die Kulissen geflohen, er allein reizte durch den Trotz seiner Gegenwart den Zorn und das Gelächter der Menge und hätte die Gefahr, die ihm drohte, beinahe zu spät gesehen; denn es brach eine große Anzahl mit Stecken bewaffneter Zuschauer durch das Orchester durch, um das Theater zu ersteigen. Die Prinzipalin ließ den Vorhang herunterwerfen, wodurch einige gequetscht, andere für den Moment ausgeschlossen wurden. Indessen schob sie ihren Liebling, der einen schwarzen, alten Mantel umgeworfen hatte, zur Hintertüre hinaus. Ein großer Teil der Zuschauer nahm, von dem Tumulte erschröckt, selbst die Flucht, und weil die Ausgänge sich sperrten, drang der größte Teil des Parterres auf das Theater. Sie rissen Stücke aus dem Vorhange, schnitten die Stricke ab, daß die Dekorationen herunterfielen, zertraten und zerbrachen alles, was ihnen unter die Füße kam, unter einem Geschreie und Getümmel, daß alles Zureden der Prinzipalin übertäubt ward und unser Schröcken sich vermehrte; doch wurde keiner von uns beleidiget, Vernünftige bedaurten und schützten uns mitten unter dem Tumulte, die Ungestümen suchten das ganze Theater durch nach dem Gegenstande ihrer Rache, und bald drohte uns und unserm Hause ein völliger Untergang. Denn von außen war der versammelte Pöbel mit Gewalt hereingedrungen; der Teil des Volkes, der am Schauspiele den wenigsten Anteil nimmt, weil es Geld kostet, es für eine Schule des Satans hält, Brand, teure Zeit und Landplagen von einer solchen Bande magnetisch herbeigezogen glaubt. Im heiligen Eifer, der durch Raubsucht noch geschärft wurde, schlugen sie gar bald einige Bretter der Wände durch, andere saßen, ehe man es sich versah, auf dem Dache und fingen an, von oben herein abzudecken. Wir sahen unseren Untergang vor Augen, denn wir wagten uns nicht auf die Straße, das Haus wurde jeden Augenblick unsicherer. Wir hatten schon lange nach der Wache gerufen, aber die wenigen Mann staken unter dem Gedränge und konnten sich selbst kaum erwehren. Endlich rettete uns ein Detachement, das der Kommandant, gleich als er den Lärm erfahren, hatte marschieren lassen. Der Offizier nahm uns in Schutz, und Sie haben uns anlangen sehen."
Eckermann: Gespräche mit Goethe


Dichtung und Wahrheit

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