> Gedichte und Zitate für alle: Johann Wolfgang Goethe: Wilhelm Meisters Theatralische Sendung (Urmeister): 4. Buch 14.Kapitel

2019-10-11

Johann Wolfgang Goethe: Wilhelm Meisters Theatralische Sendung (Urmeister): 4. Buch 14.Kapitel



Viertes Buch
Vierzehntes Kapitel

Der Knabe sprang wie ein unsinniger Bacchante in der Stube herum, als Wilhelm hineintrat, schlug mit den Beinen aus, warf den Kopf zurücke, vagierte mit den Armen und jauchzte mit einer ausgelaßnen Fröhlichkeit. Er triumphierte über den Sieg, den er davongetragen, über die Rache, die er genommen, über die Freude, die er gestört, und Wilhelm mußte, bis dieser Paroxysmus vorüber war, die Fragen, die er an ihn zu tun hatte, aussetzen.

Zwar ließ sich das Verhältnis dieses jungen Menschen leicht erraten, und er erzählte nichts Unerwartetes, als er Wilhelmen seine Geschichte vertraute, die kürzlich folgende war: Er habe als Lehrbursche in Abwesenheit des Gesellen Philinen frisieren müssen, sie habe ihn an sich gezogen, und er habe eine Art von Bedienten bei ihr gemacht, bis er sich zuletzt mit ihr aus Eifersucht überworfen und von ihr gelaufen. Seine Leidenschaft aber habe ihm keine Ruhe gelassen, daß er sie immer wieder aufsuchen müssen; dreimal habe er schon den Ort des Aufenthaltes nach ihr verändert, und wenn er sich schon verredet und verschworen, von ihr zu lassen, so habe er doch immer, wenn sie weg gewesen, keine Rast noch Ruhe gehabt, sie müsse es ihm angetan haben. Er wolle nun aber auch nichts mehr von ihr wissen. Bei dieser Erzählung wurde er so weich, fing unbändig zu weinen an, warf sich auf die Erde und zeigte einen ausgelassenen Schmerz. Wilhelm glaubte die ganze Geschichte, so wie er sie ihm erzählt hatte, ob es sich gleich in der Folge zeigte, daß er nicht streng bei der Wahrheit geblieben war; allein er erzählte so gut, so treuherzig und wußte dem, was er wirklich empfunden, was ihm wirklich geschehen war, so einen Glanz zu geben, daß dadurch die Lücken versteckt wurden und das Wahrscheinliche Gewißheit erhielt. Dabei ging es unserm Freunde wie harmlosen Lesern solcher Schriften, wo entweder Kunst oder Zufall Wahrheit und Lügen durcheinandergeknetet haben, so daß der Klügere in einen schweren Streit gerät, ob er eins mit dem andern annehmen oder beides zusammen verwerfen soll. Gegen Morgen ward bei dem jungen Abenteurer der Gedanke lebendig, daß der Stallmeister es wohl schwerlich dabei werde bewenden lassen und er auf alle Fälle den kürzern ziehen müsse. Er suchte deswegen in der Stille sein Bündelchen zusammen, empfahl sich Wilhelmen und eilte seines Wegs.

Der Morgen ging in Erwartung der hohen Herrschaft hin, die zwar nur einen Augenblick in dem Gasthofe absteigen sollte, aber doch die Aufmerksamkeit und Neugierde aller Gäste, wie es zu geschehen pflegt, beschäftigte. Man wußte von dem Grafen, daß er ein Herr von großen Kenntnissen und vieler Welt war. Er hatte viel gereist, und man sagte von ihm, er habe in allen Sachen einen entschiedenen Geschmack. Die wenigen Sonderbarkeiten, mit deren Geschichte man sich von ihm trug, kamen nicht in Betrachtung, vielmehr konnte man von der Liebenswürdigkeit seiner Gemahlin zu sprechen kein Ende finden. Indes hatte sich jeder so sauber als möglich angezogen und seinen Posten ausgedacht, wo er sie wollte vorbeiziehen sehen. Als sie in einem hochbepackten englischen Wagen, von dem zwei Bedienten heruntersprangen, vorfuhren, war Philine nach ihrer Art am ersten bei der Hand und stellte sich unter die Türe. "Wer ist Sie?" sagte die Gräfin im Hereintreten. "Eine Schauspielerin, Ihro Exzellenz zu dienen", war die Antwort, indem der Schalk mit einem gar frommen und demütigen Gesichte sich neige und der Dame den Rock küßte. Ihr Gemahl, als er von den Leuten, die er umherstehen sah, ein Gleiches hörte, erkundigte sich nach dem letzten Orte ihres Aufenthaltes, ihrer Anzahl und ihrem Direktor. "Wenn es Franzosen wären", sagte er zu der Gräfin, "so könnten wir dem Prinzen eine unerwartete Freude machen, daß er bei uns seine Lieblingsunterhaltung anträfe." – "Es käme darauf an", sagte die Dame; "wenn diese Leute nicht ungeschickt sind, so wäre es doch immer etwas, und unser Sekretär würde sie schon zustutzen."
Sie gingen auf ihr Zimmer, und der wachsame Melina präsentierte sich als Direktor oben an der Treppe. "Ruf Er Seine Leute zusammen", sagte der Graf, "und stell Er mir sie vor, daß ich sehe, was an ihnen ist, und bring Er mir Seine Liste von den Stücken, die Er spielen könnte." Melina eilte mit einem tiefen Bücklinge, und in kurzer Zeit stand das Völklein vor dem Grafen im Zimmer. Sie druckten sich vor- und hintereinander, die einen präsentierten sich schlecht aus großer Begierde zu gefallen und die andern nicht besser, weil sie sich leichtsinnig in ihrer Art darstellten. Die Frauen bezeugten der Gräfin, die außerordentlich gnädig und gut war, ihre Ehrfurcht; der Graf musterte indes die Truppe. Er ließ einen jeden sagen, was er gewöhnlich für Rollen spiele, ließ ihn etwas rezitieren und äußerte gegen Melina sein Urteil, welches dieser jederzeit mit der größten Devotion aufnahm. Er sagte jedem, worauf er sich besonders zu legen, was er in seiner Figur und Stellung zu bessern habe, zeigte ihnen einleuchtend, woran es den Deutschen immer fehle, und ließ so außerordentliche Kenntnisse sehen, daß alle in der größten Demut vor so einem erlauchten und erleuchteten Kenner und Beschützer standen und sich keiner Atem zu holen getraute. "Wer ist der Mensch dort in der Ecke?" fragte der Graf, indem er nach der Türe zu sah und noch einen, der ihm nicht vorgestellt worden war, erblickte. Es mußte sich eine hagere Figur in einem zerrissenen Rocke und schlechten Perücke, die sich bisher verborgen gehalten, gleichfalls nähern. Es pflegte dieser Mensch, der sonst gar nicht in Betrachtung kam, gewöhnlich den Pedanten, Magister und Poeten zu spielen und mußte meistens die Rolle übernehmen, wenn jemand Schläge kriegen oder begossen werden sollte. Er hatte sich gewisse kriechende, lächerliche, furchtsame Bücklinge angewöhnt, und seine stockende Sprache, die zu seinen Rollen paßte, machte gewöhnlich das Volk lachen, so daß er doch nicht ganz verstoßen war. Er nahte sich auf ebendie Weise dem Grafen, neigte sich vor demselbigen und beantwortete seine Fragen auf die Art, wie er sich in seinen Rollen auf dem Theater zu gebärden pflegte. Der Graf sah ihn mit einer gefälligen Aufmerksamkeit eine Zeitlang als wie mit Überlegung an und rief, indem er sich zu der Gräfin wendete: "Mein Kind, betrachte mir diesen Mann genau, ich hafte dafür, dies ist ein großer Schauspieler oder kann einer werden." Der Mensch machte von ganzem Herzen einen albernen, verschämten Bückling, so daß der Graf überlaut lachen mußte. "Geh Er nur! geh Er nur!" rief der Herr aus; "Er machet Seine Sachen exzellent. Ich wette, dieser Mensch kann spielen, was er will, und es ist schade, daß man ihn bisher zu nichts Bessers gebraucht hat."

Dieser außerordentliche Vorzug war für alle andere ein Donnerschlag, nur für Melina nicht, der mit einer ehrfurchtsvollen Miene drauf versetzte: "Ach ja, es hat wohl ihm und mehreren von uns nur ein solcher Kenner und eine solche Aufmunterung gefehlt, wie wir sie an Euer Exzellenz zu finden das Glück haben." Der Graf trat zu seiner Gemahlin ans Fenster und schien sie über etwas zu fragen. Man sah, daß sie auf das lebhafteste mit ihm übereinstimmte und ihn eifrig zu bitten schien. Drauf kehrte er sich gegen die Gesellschaft und sagte: "Ich kann mich gegenwärtig nicht aufhalten, ich will meinen Sekretär zu euch schicken, und wenn ihr billige Bedingungen macht und euch recht viel Mühe geben wollt, so bin ich nicht abgeneigt, euch auf einige Zeit zu mir zu nehmen." Jedes bezeugte seine große Freude darüber, und besonders küßte Philine mit der größten Lebhaftigkeit der Gräfin die Hände. "Sieht Sie, Kleine!" sagte die Dame, indem sie dem leichtfertigen Mädchen die Backen klopfte, "sieht Sie, mein Kind, da kommt Sie wieder zu mir. Ich will schon mein Versprechen halten, Sie muß sich nur besser anziehen." Philine entschuldigte sich, daß sie wenig auf ihre Garderobe zu wenden habe, und sogleich befahl die Gräfin, daß ihre Kammerfrauen einen englischen Hut und ein seidnes Halstuch, das leicht auszupacken war, heraufgeben sollten. Es kam, und sie putzte selbst Philinen an, die fortfuhr, sich mit einer scheinheiligen, unschuldigen Miene gar anmutig dabei zu gebärden und zu betragen.

Als der Graf weg war, brachte man mit großem Freudengeschrei und Jubel diese Nachricht Wilhelmen. Er wünschte ihnen Glück und ließ sich erzählen, was vorgefallen war, welches er mit einiger Verwunderung anhörte. Philine produzierte ihr Geschenke, und da er ihr einen verdrüßlichen Seitenblick zuwarf, ging sie singend aus der Stube. Melina bat ihn, er möchte sich doch geschwind mit ihm zusammensetzen, was sie für Stücke dem Grafen, als ob sie solche schon gespielt hätten, angeben könnten. "Sie haben doch nichts von mir gesagt?" fiel Wilhelm ein. "Ich glaubte mich nicht dazu berechtigt", sagte Melina. "Sie werden doch auf alle Fälle mit hinübergehen", sagte Madame mit aller Lebhaftigkeit. "Ich bin es nicht willens", versetzte Wilhelm. Der Taumel, daß sich nun wieder auf einige Wochen glückliche Aussichten eröffneten, ergriff die ganze Gesellschaft, und jeder ward lebendig, tat Vorschläge, sprach von Rollen, die er spielen würde, und die Klügsten gingen in die Küche und bestellten ein besseres Mittagessen, als man bisher einzunehmen gewohnt war.
Eckermann: Gespräche mit Goethe


Dichtung und Wahrheit

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