> Gedichte und Zitate für alle: Johann Wolfgang Goethe: Wilhelm Meisters Theatralische Sendung (Urmeister): 4. Buch 1.Kapitel

2019-10-09

Johann Wolfgang Goethe: Wilhelm Meisters Theatralische Sendung (Urmeister): 4. Buch 1.Kapitel





Viertes Buch
Erstes Kapitel

Kennst du das Land, wo die Zitronen blühn,
Im grünen Laub die Goldorangen glühn,
Ein sanfter Wind vom blauen Himmel weht,
Die Myrte still und froh der Lorbeer steht,
Kennst du es wohl?
Dahin! Dahin
Möcht ich mit dir, o mein Gebieter, ziehn!

Kennst du das Haus, auf Säulen ruht sein Dach,
Es glänzt der Saal, es schimmert das Gemach,
Und Marmorbilder stehn und sehn mich an:
Was hat man dir, du armes Kind, getan?
Kennst du es wohl?
Dahin! Dahin
Möcht ich mit dir, o mein Gebieter, ziehn!

Kennst du den Berg und seinen Wolkensteg?
Das Maultier sucht im Nebel seinen Weg,
In Höhlen wohnt des Drachen alte Brut,
Es stürzt der Fels und über ihn die Flut:
Kennst du ihn wohl?
Dahin! Dahin
Geht unser Weg; Gebieter, laß uns ziehn!

Unter denen Liedchen, die Mignon sang, hatte sich Wilhelm eins gemerkt, dessen Melodie und Ausdruck ihm besonders wohl gefiel, ob er gleich die Worte nicht alle verstehen konnte. Er verlangte es von ihm, ließ sich es erklären, merkte es sich und übersetzte es in die deutsche Sprache, oder vielmehr, er ahmte es nach, wie wir es unsern Lesern mitteilen. Zwar die kindische Unschuld des Ausdruckes ging mit der gebrochenen Sprache verloren, und der Reiz in der Melodie konnte mit nichts verglichen werden. Sie fing jeden Vers mit Feier, mit einer Pracht an, als wenn sie auf etwas Merkwürdiges aufmerksam machen, etwas Wichtiges erzählen wollte. Bei der dritten und vierten Zeile wurde der Gesang dumpfer und düsterer. Das "Kennst du es wohl?" druckte sie geheimnisvoll und bedenklich aus, in dem "Dahin! Dahin!" lag eine unwiderstehliche Sehnsucht, und das "Gebieter, laß uns ziehn!" wußte sie, so oft sie es sang, zu modifizieren, daß es bald bittend, dringend, treibend, hastig und vielversprechend war.

Einsmal, als sie es wiederholt hatte, hielt sie nach geendigtem Liede einen Augenblick inne, sah ihren Herrn scharf an und fragte: "Kennst du das Land?" – "Es muß wohl Italien gemeint sein", versetzte Wilhelm; "woher hast du das Liedchen?" – "Italien !" versetzte Mignon; "gehst du nach Italien, so nimm mich mit, es friert mich hier." – "bist du in Italien gewesen, liebe Kleine?" sagte Wilhelm. Das Kind war still und nichts weiter aus ihm zu bringen.

Doch ich weiß nicht, warum wir uns mit der kleinen Kreatur abgeben zu einer Zeit, da wir unsern Helden selbst in einer kritischen Situation verlassen haben.

Es wird kaum einer unserer Leser sein, der nicht zu erfahren wünschte, wie es Wilhelmen auf dem Theater ergangen, und doch fast keiner, der sich es nicht besser vorstellte, als wir es erzählen könnten. Auch finden wir ihn erst auf seinem Zimmer wieder nachdenklich, ausgekleidet sitzen.
Er sah vor sich nieder, war in tiefen Betrachtungen, und wenn er die Halbstiefel nicht erblickt hätte, die man ihm auszuschnüren vergessen, so hätte er sein ganzes Abenteuer für einen Traum gehalten. Noch klang ihm der laute Beifall, das betäubende Klatschen der Menge in die Ohren, noch fühlte er die Bewegung von Loge zu Loge sich bei einer schönen und starken Stelle verbreiten, und er empfand bei diesem ersten seltsamen Versuche, was er sich als das Glück des Meisters ehmals gedacht hatte. Er genoß ganz den köstlichen Eindruck, der Mittelpunkt zu sein, worauf eine Masse versammelter Menschen ihre Aufmerksamkeit richtet, und wenn wir gleichnisweise reden dürfen, sich als der Schlußstein eines großen Gewölbes zu fühlen, wohin tausend Steine, ohne ihn zu belästigen, drucken und der sie ohne Arbeit und Gewalt bloß durch seine Lage zusammenhält, da sie sonst schnell in einen verworrenen Schutt zusammenstürzen würden. Seine Einbildungskraft ließ sie auch nach vollendetem Stück nicht auseinander, er hielt sie noch wenigstens dem Geiste nach zusammen und war überzeugt, daß jeder einzelne zu Hause mit den Seinigen und in den Seinigen die guten, edlen Taten und lebendigen Eindrücke des Stückes nachempfinden würde. Er hatte nicht verlangt, zu Abend zu essen, Mignonen zum ersten Male unbemerkt weggeschickt und dachte nicht eher zu Bette zu gehen, als sein heruntergebranntes Licht ihn dazu nötigte. Den andern Morgen, nachdem er sich in einem langen Schlafe erholt hatte, stieg er auf, wie aus einem Rausche erwachend. Der Überrest der Schminke auf seinen Backen und die in wundersamen Locken noch durcheinanderfallenden Haare machten ihm seinen gestrigen Zustand wieder lebendig und bei nüchternem Mute einen seltsamen Eindruck auf ihn.

Es währte nicht lange, so trat Herr Melina herein, dessen Besuche er bisher, und besonders so früh, nicht gewohnt war. "Meine Frau läßt Sie grüßen", sagte er, "und wenn ich eifersüchtig werden könnte, so müßte ich es diesmal sein, denn sie gebärdet sich wie eine Närrin über Sie und Ihr gestriges Spiel." – "Ich danke ihr", sagte Wilhelm, wenn sie mit mir zufrieden sein will. So viel kann ich versichern, ich weiß nicht, wie ich gespielt habe, und Sie werden mir das gerne glauben. Überhaupt dünkt mich, hätten alle ihre Sache recht gut gemacht, und ich bleibe ihnen dafür vielmals verbunden." – "Nun, nun! mehr oder weniger!" sagte Herr Melina.

Sie sprachen weiter über das Stück, die Aufführung und den Effekt verschiedener Szenen. Endlich sagte Melina: "Erlauben Sie, daß ich als Freund etwas erinnre, denn ich fürchte, Sie vergessen eine sehr notwendige Sache. Der Beifall des Publikums ist ganz hübsch und gut; nur wünschte ich, Sie nutzten ihn auch, wie Sie ihn verdienen. Die gestrige Einnahme war sehr ansehnlich, und die Prinzipalin muß einen schönen Taler Geld in der Kasse haben: Versäumen Sie diesen Zeitpunkt nicht, wieder zu dem Ihrigen zu kommen; denn ich habe Ihnen nachgerechnet, wieviel Sie ihr teils geborgt, teils zur Aufführung des Stückes verwendet haben. In den zwei letzten Tagen ließen Sie noch vieles geschwind bestellen und machen, davon Ihnen die Zettel auch auf den Hals kommen. Soviel ich weiß, haben Sie den Wirt bisher auch nicht bezahlt, der Ihnen eine ziemliche Rechnung machen wird, und ich wünschte nicht, daß Sie in Verlegenheit gerieten."

Mitten auf dem angenehmen Pfade des geistigen Genusses war es unserm Freunde höchst verdrießlich, auf einmal diese Kluft häuslicher Kümmerlichkeit vor sich eröffnet zu sehen. "Ich will mein Geld durchzählen", sagte er, "wenn die Zettel kommen, sie bezahlen und gelegentlich mit der Prinzipalin reden." – "Mein Freund", rief Herr Melina, "bedenken Sie, was Sie tun, und nehmen Sie dieses Augenblickes wahr! Jetzo gleich auf der Stelle muß es geschehen, da Madame de Retti das eingenommene Geld noch nicht ausgegeben hat oder keine Ausflüchte findet, es zu verleugnen; ich stehe Ihnen nicht bis gegen Mittag dafür." – "Sie wird so schlecht nicht denken", versetzte Wilhelm, "und mir das Meinige vorenthalten. Sie versprach noch gestern in dem kritischen Augenblicke, mich auf das gewisseste zu bezahlen, und wir tun ihr wohl Unrecht, denn vielleicht ist sie eben beschäftigt, die Summe, die sie mir schuldig ist, zusammenzuzählen und sich von der Verbindlichkeit gegen mich zu befreien." – "Sie müssen sie schlecht kennen", sagte Herr Melina, "und schlecht auf ihr bisheriges Betragen achtgegeben haben. Wenn es ihr Ernst gewesen wäre, so hätte sie lange ihre Schuldigkeit tun und Sie nach und nach bezahlen können. Auf diesem Wege richten Sie nichts mit ihr aus, und ich muß drauf bestehen, daß Sie Ernst brauchen. Wissen Sie denn, was Sie schon angewendet haben, und haben Sie einen Überschlag gemacht, was Ihnen bevorsteht?" – "Ich denke", sagte Wilhelm, "alles mit sechshundert Talern zu endigen, und lassen Sie’s auch mit den siebzigen, die ich Ihnen geliehen, siebenhundert machen. Ich rechne fünfzig Taler auf die Rechnung des Wirtes, und es bleibt mir so viel übrig, daß ich auf keine Weise in Verlegenheit kommen kann." – "Sie scheinen mir Ihre Kasse nicht sehr ordentlich zu führen", versetzte der andre. "Ich wette, Sie haben schon achthundert Taler ausgegeben, seitdem Sie hier sind. Sehen Sie nach, ich bitte Sie, und verzeihen, daß ich so dringend bin."

Wilhelm ging mit einigem Widerwillen nach seinem Koffer und war höchst erstaunt, als er seines Freundes Rechnung eintreffen und seine Pakete weit mehr, als er dachte, geschmolzen fand. "Sie haben recht", sagte er, "indessen ist mir doch nicht bange." – "Es schickt sich nicht für mich", versetzte jener, "zu fragen, wie viel Ihnen gegenwärtig übrigbleibt, nur so viel muß ich Ihnen sagen, bereiten Sie sich auf hundert Taler Handwerkszettel und auf eine Rechnung des Wirtes von wenigstens zweihundert Talern." – "Es ist unmöglich!" rief Wilhelm aus. "Verzeihen Sie", versetzte der andre, "meiner Neugierde, sie hatte eine löbliche Absicht; ich habe mir gestern das Buch des Wirtes zeigen lassen und finde wirklich, daß sie so hoch angestiegen ist. Ihre Gastfreiheit und Freigebigkeit konnte Ihnen nicht wohlfeiler zu stehen kommen." Der Überschlag war bald gemacht, daß nach dieser Rechnung Wilhelmen von seiner Barschaft kaum hundert Taler übrigblieben. Er war bestürzt, und Melina drang schärfer auf ihn. "Sie sehen, daß da gar nicht zu scherzen ist", sagte er. "Wir haben die Prinzipalin in Händen, denn alles, was sie hat und besitzt, ist Ihnen als Pfand verschrieben, und wir können uns dessen sogleich bemächtigen. Ehe sie sich zugrunde richten und aus der Stadt hier vertreiben läßt, tut sie gewiß das möglichste, und Sie kommen zu dem Ihrigen. Bestehen Sie drauf, daß Ihnen Ihr erstes Kapital sogleich und das übrige nach und nach von der Einnahme bezahlt werde, daß sie die noch ausstehende Handwerksleute gleichfalls übernimmt, und so retten Sie noch, was möglich ist, denn ganz ungerupft kommen Sie doch nicht davon. Ich bitte Sie, ziehen Sie sich an und gehen zu ihr hinüber. Wenn ich es nicht mit ihr zu verderben fürchtete und es zudringlich ließe, so wollte ich Ihnen gern diesen fatalen Gang ersparen."

Ein junger Prinz, der eben auf die Jagd reiten will, kann einem remonstrierenden Finanzminister nicht mit größerm Widerwillen gestiefelt und gespornt Audienz geben, als Wilhelm in dem Augenblicke dem Verlangen seines Freundes folgte. Wie anders dachte er diesen Morgen zuzubringen! Er hoffte sich mit seinen Freunden und Freundinnen zu letzen, mit ihnen das gestrige Abenteuer, das Vergnügen, den Beifall nachzukosten und zu genießen.
Eckermann: Gespräche mit Goethe


Dichtung und Wahrheit

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