> Gedichte und Zitate für alle: Johann Wolfgang Goethe: Wilhelm Meisters Theatralische Sendung (Urmeister): 6. Buch 5.Kapitel

2019-10-15

Johann Wolfgang Goethe: Wilhelm Meisters Theatralische Sendung (Urmeister): 6. Buch 5.Kapitel




Sechstes Buch
Fünftes Kapitel

Mignon war einige Tage sehr still gewesen, und als man in sie drang, gestand sie endlich, daß ihr rechter Arm verrenkt sei. "Das hast du deiner Verwegenheit zu danken", sagte Philine und erzählte dabei, wie das Kind im Gefechte seinen Hirschfänger gezogen und, als es seinen Freund in Gefahr gesehen, wacker auf die Freibeuter zugehauen habe, bis endlich einer es beim Arm ergriffen und auf die Seite geschleudert. Man schalt sie, daß sie das Übel nicht eher entdeckt, doch man merkte wohl, daß es darum geschehen, um dem Chirurgus, der sie immer für einen Knaben gehalten, ihr Geschlecht nicht bekannt werden zu lassen. Man sorgte für sie, und sie mußte nunmehr den Arm in der Binde tragen.

Es war ihr das um so empfindlicher, da sie den besten Teil der Pflege und Wartung Philinen überlassen mußte, und die angenehme Sünderin ließ es sich darum nur angelegener sein.

Eines Morgens, als Wilhelm erwachte, fand er sich mit ihr in einer sonderbaren Nähe. Er war auf seinem weiten Lager schlafend ganz an die hintere Seite gerutscht, Philine lag quer über den vorderen Teil hingestreckt, sie schien auf dem Bette sitzend und lesend eingeschlafen zu sein. Ein Buch war ihr aus der Hand gefallen, sie war zurück- und mit ihrem Kopf nahe an seine Brust gesunken, über die sich ihre blonden, aufgelösten Haare wie stromweise ausbreiteten. Die Unordnung des Schlafs erhöhte mehr als Kunst und Vorsatz ihre Reize, eine kindische, lächelnde Ruhe schwebte über ihrem Gesichte, er sah sie eine Zeitlang an und schien sich selbst über das Vergnügen zu tadeln, womit er sie ansah, ja, wir wissen nicht, ob er seinen jetzigen Zustand segnete oder verwünschte, der ihm auch die geringste Bewegung nicht zuließ. Einen kleinen Versuch mochte er denn doch machen, und zwar nicht ganz geschickt, denn sie regte sich bald, und indem sie erwachte, schloß er die Augen leise zu, um ihr nicht zu bekennen, daß er sie so gefunden habe; unterdessen konnte er nicht lassen, mit blinzenden Augenlidern nach ihr zu sehen, wie sie sich zurechtputzte und wegging, nach dem Frühstück zu fragen.

Wilhelm hatte sich verschiedenemal nach Frau Melina und der übrigen Gesellschaft erkundigen lassen, und man war seinen Boten immer unartig begegnet. "Es ist kein Wunder", sagte Philine, "denn ich höre, der Bediente hat auch ihnen Geld gebracht; wenn es aufgezehrt ist, werden sie es schon näher geben." Auch kam Melina würklich nach einigen Tagen und erzählte mit einer anscheinenden Kälte, daß er nunmehr gesonnen sei, mit der Gesellschaft abzureisen. Er verlangte von Wilhelmen ohne große Umstände einigen Vorschuß, den er ihm, sobald sie in H*** wieder zusammentreffen würden, sogleich erstatten wolle.

Wilhelm bewilligte die Forderung, und Philine mußte wider ihren Willen den Beutel ziehen. Sie ward verdrüßlich, als Wilhelm von ihr verlangte, sie sollte mit der übrigen Gesellschaft aufbrechen, und Melina dagegen versicherte, daß er sie nicht mitnehmen werde. Nur kurze Augenblicke verließ sie ihr Gleichmut, denn schnell erholte sie sich wieder, sagte scherzend: "Ich brauche euch beide nicht und will auch ohne euch den Weg schon finden."

Nach und nach kamen einige, von Wilhelmen Abschied zu nehmen, und als er nach dem leichtsinnigen Knaben fragte, den wir in der Gestalt eines Perückenmachers haben kennenlernen, vernahm er, daß derselbe sich vom Waldplatz verloren und nicht wieder zum Vorschein gekommen. Die Abreise der Gesellschaft verzögerte sich einige Tage, weil es bald an diesem, bald an jenem ermangelte.

Eines Morgens brachte Mignon Wilhelmen die Nachricht ans Bette, daß Philine in der Nacht abgereist sei; sie habe im Nebenzimmer alles, was ihm zugehöre, sehr ordentlich zusammengelegt, und im Hause sagten sie, als diesen Morgen der Postwagen vorbeigefahren, habe sie halten lassen, ihren Koffer aufgepackt und sei mit weggefahren. Er hatte Ursache, froh zu sein, daß er sie losgeworden, auch dachte er weiter nicht sonderlich darüber. Er hing vielmehr seinen Gedanken und Einbildungen nach, die ihn mehr als jemals auf das angenehmste beschäftigten.

Unaufhörlich rief er sich jene Begebenheit zurück, welche einen unauslöschlichen Eindruck auf sein Gemüte gemacht hatte. Er sah die schöne Amazone reitend aus den Büschen hervorkommen, sich ihm nähern, absteigen, sich bemühen, hin und wider gehen, er sah das umhüllende Kleid von ihren Schultern fallen, ihr Gesicht, ihre Gestalt glänzen und verschwinden. Tausendmal wiederholte seine Einbildungskraft die Szene, tausendmal rief er sich den Klang ihrer süßen Stimme zurück, ebensooft beneidete er Philine, die ihre Hand geküßt hatte, und ebensooft würde er diese Geschichte für einen Traum, für ein Märchen gehalten haben, wenn nicht das Kleid zurückgeblieben wäre, welches ihm die Gewißheit der Erscheinung versicherte.

Mit der größten Sorgfalt für dieses Gewand war das lebhafteste Verlangen verbunden, sich damit zu bekleiden. Des Morgens, sobald er aufstand, warf er es über und war den ganzen Tag in Sorgen, es möchte ein Flecken oder sonst ein Schade durch den Gebrauch daran kommen. Die Gesellschaft reiste ab, und er ließ sie unter dem Vorwande, als wenn er sich noch nicht auf den Weg wagen dürfte, ziehen, im Herzen aber hatte er ganz andere Gesinnungen.

Die beiden waren bei ihm geblieben, der Harfner, den er brauchte, und Mignon, den er nicht entbehren konnte.
Eckermann: Gespräche mit Goethe


Dichtung und Wahrheit

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