> Gedichte und Zitate für alle: Johann Wolfgang Goethe: Wilhelm Meisters Theatralische Sendung (Urmeister): 3. Buch 5.Kapitel

2019-10-08

Johann Wolfgang Goethe: Wilhelm Meisters Theatralische Sendung (Urmeister): 3. Buch 5.Kapitel




Drittes Buch
Fünftes Kapitel

Es war bald beschlossen, daß Wilhelm heute bleiben, die Bekanntschaft der Direktrice und der übrigen Gesellschaft machen, darauf diesen Abend die Komödie ansehen sollte; morgen früh beizeiten könne er abfahren. Die Reizung war zu groß, als daß er lange hätte widerstehen können, ob er gleich im Anfange einige Schwierigkeiten machte; denn er hatte Wernern versprochen, einen gewissen Tag in einer benannten Stadt zu sein. Dieser Termin ruckte heran; er hatte sich an dem letzten Orte schon länger, als er sollte, aufgehalten, durch den Irrtum des Postillons war er wieder verspätet worden. Des Gehorsames und der Ordnung von jeher gewohnt, hielt er Pflicht und Versprechen um seiner selbst willen heilig, weil er sich nur achtete, insofern er sie erfüllte. Doch seine Neigung überwog alles, er blieb mit dem festen Vorsatze, morgen ganz früh wegzureisen. Madame Melina bat ihn zu Tische, er lud sie nebst ihrem Manne auf sein Zimmer, bestellte das Essen, und als ihn der Wirt nach seinem Namen fragte, den er abends bei dem Kommandanten einzureichen verpflichtet war, gab er sich hier an, wie er sich im Tore genannt hatte, und bat seine Freunde, ihn auch so zu nennen und seinen bekannten Namen zu verschweigen. Bei Tische ging es sehr lustig zu. Madame tat alles mögliche, zu gefallen, ihr Ehegatte machte mitunter einen trocknen Spaß, und Wilhelmen, dem es zum ersten Male seit langer Zeit ganz frei ums Herz wurde, war offen, lebhaft und unterhielt sich mit vielem Feuer von seinen Materien. Man ließ sich den Wein, der durch einen Zufall gut war, schmecken und vergaß des Aufstehens.

Es fehlte Madame Melina nicht an einer Art von Verstand, nur war ihr Geist und Witz nicht ausgebildet. Sie fand manchmal das Gute, doch oft fiel sie aus dem Übertriebenen in das Gemeine. Die Epoche ihrer ersten, vorzüglichsten Bildung war in die Zeit der "bremischen Beiträge" gefallen, sie hatte ihre Partie wider Gottscheden genommen und war auch meistens da stehengeblieben, außer daß Lessings Stücke, die von Zeit zu Zeit auf dem Theater erschienen, ihrem Geiste wieder eine andere Wendung gegeben hatten. In ihrem ledigen Stande war sie in Gelegenheitsgedichten und Madrigalen nicht unglücklich gewesen, und der Truppe hatte sie einige Prologe geschrieben und mit großem Beifall vorgebracht. Sie rezitierte ihrem Wirte einen und den andern, der daran lobte, was zu loben war. Keine fremde Sprache kannte sie, keine auswärtige Literatur, und also war ihr Kreis ziemlich enge. Er durfte noch viel enger sein, und Wilhelm hätte sie in seiner Unschuld für ein ausgebreitetes Genie gehalten, denn sie war das, was ich mit einem Worte eine Anempfinderin nennen möchte. Sie wußte jemanden, um dessen Achtung es ihr zu tun war, mit einer besondern Aufmerksamkeit zu schmeicheln, in seine Ideen, solang es reichte, einzugehen, sobald sie über ihren Horizont waren, mit Ekstase eine solche ihr neue Erscheinung aufzunehmen, sie verstand zu fragen, zu schweigen und, ob sie gleich kein tückisches Gemüt hatte, mit großer Vorsicht aufzupassen, wo des andern schwache Seite sein möchte. Tue man hinzu, daß sie, obgleich nicht mehr jung, doch wohl erhalten war, freundliche Augen und einen hübschen Mund hatte, wenn sie ihn nicht verzog, so wird man begreifen, daß unser Held sich in ihrer Gesellschaft ganz wohl befand.

Die Zeit zum Schauspiele kam herbei, ohne daß man die Direktrice gesprochen hatte. Man gab Holbergs "bramarbas". Madame Melina beschwerte sich über die Rolle der Leonore, über das Platte und Geschmacklose des Stückes, an dem das Publikum einen großen Gefallen zeige. Man schied, und Wilhelm ging nach der Bude. Er fand gar bald die Akteurs, wie er sie zu sehen schon gewohnt war, meistens Leute, die noch in der extemporierten Komödie mitgespielt und sich an einen gewissen individuellen Schritt gewöhnt hatten, in welchem sie sich so sehr gefielen, daß sie auch dieses Stück gleichsam als ein Szenario ansahen und ihm mit Zusätzen und Possen eine noch breitere Gestalt gaben, als es von Natur hatte. Leonore war so artig, als sie heraustrat, ihren Freund sogleich mit den Augen aufzusuchen und einige von denen guten Lehren, über die er sich bei Tische ausgebreitet, sowohl bei dem Rezitieren als in ihren Gebärden nach bester Möglichkeit anzuwenden und zu benutzen. Dies gefiel ihm wohl, und ob sie gleich selten zum Vorscheine kam, vergaß er doch wie gewöhnlich aller übrigen und lobte sie sehr, indem er sie nach Hause führte, über ihr Spiel Anmerkungen machte und sie versicherte, daß sie es weit bringen würde, wenn sie aufmerksam auf sich selbst und auf die Kunst sein wollte. Dieser Diskurs ward auf ihrem Zimmer, wohin sie Wilhelm begleitete, fortgesetzt, man vergaß auch diesmal die Direktrice zu besuchen, wie man sich vorgesetzt hatte, und man bemerkte nicht eher, daß es spät war, als bis Herr Melina in das Zimmer trat. "Ach!" rief sie aus, "wie glücklich wäre ich, wenn ich Ihres Unterrichtes genießen könnte! wie viel glücklicher, wenn Sie mich alle meine Rollen spielen sehen könnten! wie, wenn ich von Ihnen lernen könnte, sie zu spielen!"

Wilhelm zeigte sein Bedauern, man drang auf ihn, noch den morgenden Tag zuzugeben, wo nicht gespielt würde, wo nur frühmorgens eine Probe sei, in welcher er Madame de Retti kennenlernen und man sich übrigens den Tag auf das angenehmste unterhalten könne. Die beiden Eheleute wurden dringend, und sie besonders tat so artig, so halb vertraut und nahm es zuletzt als unmöglich an, daß sie jetzo von ihm Abschied nehmen könnte, daß es ihm auch ohnmöglich ward und er zu bleiben versprach.

Als er auf seine Stube kam und seine Sachen musterte, vermißte er die große lederne Brieftasche, worinnen er alle Dokumente und die zu seinem Geschäfte nötigen Papiere mit sich führte. Anfangs erschrak er, doch bald fiel ihm ein, daß er solche habe bei einem Freunde an dem Orte seines letzten Aufenthaltes stehenlassen. Dort waren noch einige Sachen zurückgeblieben, und er hatte gebeten, man möchte sie ihm nachschicken, wenn er seine Ankunft in einer bestimmten Stadt würde gemeldet haben. Er beruhigte sich deswegen bald und dachte, es mag alsdann alles miteinander kommen, der Aufenthalt kann so groß nicht sein.

Des andern Morgens stieg er früh auf, er fand das ganze Haus noch stille, nur Mignon war schon auf dem Gange. Er tat freundlich gegen das Kind, redete es an, fragte verschiedenes. Es sah ihm scharf in das Gesicht, antwortete aber auf keine Frage und bezeigte nicht die mindeste Rührung noch Neigung zu ihm. Es schien ganz gefühllos. Endlich griff er in die Tasche und reichte ihm ein Stück Geld; die Gesichtszüge der kleinen Kreatur wurden heiterer, sie schien zu zweifeln und zauderte, es zu nehmen; endlich da sie sah, daß es Ernst war, fuhr sie hastig zu und besah die Gabe mit einem sichtbaren Vergnügen in ihren Händen. Er gab nachher Frau Melina seine Verwunderung über die starke Neigung des Kindes zu dem Gelde zu erkennen. "Ich kann Ihnen dieses Phänomen erklären", sagte sie. "Kurz nachdem die Prinzipalin dieses seltsame Geschöpf dem Seiltänzer abgenommen hatte, sagte sie einmal zu ihm: ,Nun bist du mein, du kannst dich nur gut aufführen.’ –, Ich bin dein’, versetzte Mignon, ,ich habe wohl gesehen, daß du mich gekauft hast, was hast du bezahlt?’ Die Prinzipalin sagte aus Scherz: ,Hundert Dukaten; wenn du mir sie wiedergibst, so sollst du frei sein und hingehen, wo du hin willst.’ Seit der Zeit merken wir, daß sie Geld sammelt, wir schenken ihr manchmal Pfenninge, und sie hat mir eine große Schachtel mit Kupfergelde aufzuheben gegeben, daß wir auf den Verdacht gekommen sind, sie sammle zu ihrer Ranzion, zumal da sie neulich fragte, wieviel Pfenninge auf einen Dukaten gingen."
Eckermann: Gespräche mit Goethe


Dichtung und Wahrheit

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