> Gedichte und Zitate für alle: Johann Wolfgang Goethe: Wilhelm Meisters Theatralische Sendung (Urmeister): 4. Buch 13.Kapitel

2019-10-11

Johann Wolfgang Goethe: Wilhelm Meisters Theatralische Sendung (Urmeister): 4. Buch 13.Kapitel




Viertes Buch
Dreizehntes Kapitel

Da der Sänger nach geendigtem Liede ein Glas Wein, das für ihn eingeschenkt dastand, ergriff und es mit freundlicher Miene, sich gegen seinen Wohltäter wendend, austrank, entstand eine allgemeine Freude in der Versammlung. Man klatschte und rief ihm: es möge dieses Glas zu seiner Gesundheit, zur Stärkung seiner alten Glieder gereichen! Er sang noch einige Romanzen und erregte immer mehr Munterkeit in der Gesellschaft.

"Kannst du das Lied, Alter", rief Philine: "Der Schäfer putzte sich zum Tanz’?" – "Sonst", sagte er, "gelang es mir, jetzt weiß ich nicht. Wollen Sie die Schäferin vorstellen?" – "Von Herzen gerne", rief sie aus, "ich habe lange gewünscht, jemanden zu finden, mit dem ich es wieder einmal singen könnte. Nur verwirre dich nicht in den drolligen, rollenden Silben des Refrains." Sie stund auf und setzte sich zu ihm scherzend an die Erde.

Da das Lied nichts weniger als ehrbar ist, können wir es unsern Lesern nicht mitteilen, und da es eigentlich von einem tanzenden, gestikulierenden Paare gesungen werden muß, so verlor es auch bei dieser Aufführung etwas von seiner Stärke; doch wurde es mit dem größten Beifalle aufgenommen, und die feinen, launigen Pfiffe, die geschickten Wendungen und artige Gebärden, womit Philine die Zweideutigkeiten, indem sie sie verbergen zu wollen schien, geltend machte, fand vor aller und auch sogar vor Wilhelms Augen Gnade. Die Gesellschaft war ganz entzückt, da aber unserem Freunde die bösen Folgen ihrer Lust schon längst bekannt waren, suchte er abzubrechen, steckte dem Alten für seine Bemühung einen reichlichen Lohn in die Hand, die andern taten auch etwas, man hieß ihn ruhen und versprach sich des nächsten Abends eine wiederholte Freude von seiner Geschicklichkeit.
Als er hinweg war, sagte Wilhelm zu Philinen: "Ich kann die Moralität Ihres Leibgesanges zwar eben nicht loben, doch wenn Sie mit ebender Naivetät etwas Angenehmes und Schickliches auf dem Theater ausgeführt hätten, so würde Sie eine verdiente Bewunderung zum Range der ersten Aktricen erhoben haben.

Wahrhaftig, dieser Mensch beschämt uns alle! Haben Sie bemerkt, wie richtig der dramatische Ausdruck seiner Romanzen war? Gewiß, es lebte mehr Darstellung in seinem Gesange als in unsern Personen auf der Bühne. Man sollte die Aufführung mancher Stücke eher für eine Erzählung halten und diesen dichterischen Erzählungen eine sinnliche Gegenwart zuschreiben."

"Er beschämte uns in noch einem Punkte", rief Melina, als alles stilleschwieg, "und zwar in einem Hauptpunkte; die Stärke seiner Talente zeigt sich in dem Nutzen, den er davon zieht. Uns, die wir vielleicht in acht Tagen in Verlegenheit sein werden, wo wir eine Mahlzeit hernehmen, bewegt er, unsere Mahlzeit mit ihm zu teilen. Er weiß uns das Geld, das wir so nötig brauchen, um den Ort unserer Bestimmung zu erreichen, durch ein Liedchen aus der Tasche zu locken. Ich habe ihm selbst zwischen Neigung und Widerwillen einige Groschen beigesteuert. Aber wahrhaftig! ich bin auch fest entschlossen, und Sie werden mir nicht zuwider sein, dieses Lehrgeld mit Wucher auf andere zu gewinnen." – "Von Herzen gerne!" riefen einige, "wir sind dabei, wenn sich Gelegenheit findet." – "Die zeigt sich überall", sagte Melina, "man muß nur nicht zu delikat sein. Auf dem Rathause ist ein großer Vorsaal, auf den ich heute frühe schon meine Spekulation machte. Wenn man die Feuereimer weghinge, ein paar alte Rüstungen und Verschläge beiseite schaffte, so fände sich für Theater und Parterre Platz genug. Ich habe die Haken und Balken nachgesehen, wo vorm Jahre eine Seiltänzergruppe ihre Seile und Vorhänge aufhing." – "Sie werden doch nicht", rief Wilhelm, "mit solchem Gesindel sich um die paar Pfennige des hiesigen Publikums beeifern wollen?" – "Ich werde es wohl mit Ihrer Erlaubnis!" versetzte Melina heftig, "denn wir sollen doch nicht immer die großmütigen Toren spielen und wie junge Laffen unser Kapital mitsamt den Interessen verzehren!"
Unserem Freunde stockte das Wort im Munde, denn er fühlte sich und seine Gutmütigkeit, durch die er dieses ganze Geschlecht seit einem halben Jahre war zu nähren gezogen worden, in diesem undankbaren Vorwurfe getroffen. Er sah den niedriggesinnten Direktor mit verächtlichen Augen an und rief ihm zu, indem er die Türe ergriff: "Tun Sie, was Sie wollen, ich werde so bald als möglich meinen Weg weiter suchen und Sie Ihrer Klugheit überlassen:"

Er sprach’s und eilte hinunter, sich auf eine steinerne Bank zu setzen, die vor der Haustüre stand.
Kaum hatte er, gedrückt von verdrüßlichen Gedanken, daselbst Platz genommen, als Philine singend zur Haustüre herausschlenderte und sich zu ihm, ja man dürfte beinahe sagen auf ihn setzte, so nahe rückte sie an ihn an, lehnte sich auf seine Schulter, spielte mit seinen Locken, streichelte ihn und gab ihm die besten Worte von der Welt: Er möchte ja bleiben und sie nicht frühzeitig verlassen.

Endlich, da er sie abzuweisen suchte, schlang sie ihren Arm um seinen Hals und küßte ihn mit dem lebhaftesten Ausdrucke des Verlangens. "Sind Sie toll, Philine", sagte Wilhelm, indem er sich loszumachen suchte, "die öffentliche Straße zum Zeugen solcher Liebkosungen zu machen, die ich auf keine Weise verdiene? Lassen Sie mich los, ich kann nicht und werde nicht bleiben!" – "Und ich werde dich festhalten", sagte sie, "und ich werde dich hier auf öffentlicher Straße so lange küssen, bis du mir es versprichst. Ich lache mich zum Tode", fuhr sie fort, "nach dieser Vertraulichkeit halten mich die Leute gewiß für deine Frau, und die Ehemänner, die so eine anmutige Szene entweder sehen oder davon hören, werden mich als ein Muster einer recht kindlich unbefangenen Zärtlichkeit ihren Weibern anpreisen." Sie liebkosete ihn, eben da einige Leute vorbeigingen, auf das andringlichste, und er, um kein Skandal zu geben, war gezwungen, die Rolle des geduldigen Ehemannes zu spielen.
Wenn die Leute eine Strecke vorbei waren, brach sie in ein unerträgliches Gelächter aus, dann trieb sie wieder voll Übermut allerlei ausgelassene Ungezogenheiten; zuletzt mußte er versprechen, daß er noch heute und morgen und übermorgen bleiben wollte. "Sie sind ein rechter Stock!" sagte sie darauf, indem sie ihm einen Stoß gab und von ihm abließ; "ich habe wahrhaftig niemals so viel Freundlichkeit an den Ältesten und Härtesten umsonst verschwendet." Sie stand mit einigem Widerwillen auf und kehrte lachend zurück. "Ich glaube eben darum, daß ich in dich vernarrt bin", rief sie; "ich will nur gehen und meinen Strickstrumpf holen, daß ich etwas zu tun habe." Diesmal tat sie ihm unrecht. Denn so sehr er von ihr sich zu enthalten strebte, so würde er doch in diesem Augenblicke, wenn eine Laube sie mit Einsamkeit umgeben hätte, ihre Liebkosungen wahrscheinlich nicht unerwidert gelassen haben.

"Erinnerst du dich nicht", sagte sie, "habe ich mein Strickzeug mit zu Tische gebracht?" – "Ich habe nichts gesehen", versetzte er. "So wird es auf meiner Kammer liegen." Und sie ging, nachdem sie ihm einen Blick zugeworfen, in das Haus. Er hatte keinen Beruf, ihr zu folgen, vielmehr empfand er einen Widerwillen und Verdruß über ihr Betragen, doch hob er sich, ohne es selbst recht zu wissen, von der Bank, um ihr nachzugehen.

Er war eben im Begriffe, die Türe hineinzutreten, als ihn ein Knabe aufhielt, der die Gasse heraufgekommen war und ein Päckchen an einem Stocke auf dem Rücken trug. Nach seiner mit Puder bestäubten Kleidung mußte man ihn für einen reisenden Perückenmacher halten, Mit einer offenen, dreisten, lebhaften Zudringlichkeit fragte er Wilhelmen: "Können Sie mir nicht sagen, ist hier eine Gesellschaft Komödianten abgetreten?" – "Es wohnen einige Schauspieler hier", versetzte der Gefragte. Der Wirt des Hauses trat eben herzu, und der junge Pursche fuhr fort: "Es muß eine Mademoiselle dabei sein, die sich Philine nennt, ist sie zu Hause." – "O ja", sagte der Wirt, "oben im zweiten Stocke am Ende des Ganges ist ihre Kammer, ich habe sie eben hinaufgehen sehen." Der Fremdling hörte es mit großen blauen, von Freude leuchtenden Augen an, und ohne sich zu verweilen, war er mit wenigen Sprüngen hinauf.

Insgeheim regte sich ein Verdruß in Wilhelms Busen, er war unentschlüssig, ob er folgen oder bleiben sollte. Ein Reuter, der vor dem Wirtshause stillehielt, dessen gutes Ansehen und fast trutzige Miene ihn aufmerksam machte, hielt ihn auf der Schwelle zurück, besonders da ihm der Wirt wie einem sehr bekannten Freunde die Hand reichte, ihn willkommen hieß und fragte: "Ei, Herr Stallmeister, wie kriegt man Sie einmal wieder zu sehen?" – "Ich will nur hier füttern", versetzte der Fremde, "ich muß gleich hinüber auf das Gut, um in der Geschwindigkeit allerlei einrichten zu lassen; der Graf kommt morgen mit seiner Gemahlin nach, sie werden sich eine Zeitlang drüben aufhalten, um den Prinzen von*** auf das beste zu bewirten, weil er in dieser Gegend wahrscheinlich sein Hauptquartier aufschlägt." – "Es ist schade, daß Sie nicht bei uns bleiben können", versetzte der Wirt, "wir haben gute Gesellschaft." Ein Reitknecht, der nachgesprengt kam, nahm dem Stallmeister das Pferd ab. Er besprach sich mit dem Wirte leise, sah Wilhelmen von der Seite an, und dieser, da er merkte, daß von ihm die Rede sei, begab sich weg und stieg mit einer höchst verdrüßlichen Empfindung die Treppe hinauf.

Oben nahm ihn Madame Melina in Empfang, redete ihm zu und suchte ihm zu zeigen, daß ihr Mann doch so unrecht nicht habe. Er war ärgerlich, wollte keine Gründe hören, und es war ihm angenehm, daß er eine Ursache fand, verdrüßlich zu tun. Madame Melina, die keine üble Laune an ihm gewöhnt war, fand dies höchst befremdend. "Ich sehe, daß ich Ihre Freundschaft verloren habe", rief sie aus und begab sich auf ihr Zimmer. Er folgte ihr nicht nach, wie es sonst geschah, wenn eine kleine Verdrießlichkeit unter ihnen entstand und er seinen Fehler wieder gutzumachen geneigt war.
Auf seiner Stube fand er Mignonen mit Schreiben beschäftigt. Das Kind hatte sich eine Zeit her mit großem Fleiße bemüht, alles, was es auswendig wußte, zu schreiben, und hatte seinen väterlichen Freund das Geschriebene zu korrigieren und ihr Anleitung zu einer schönen Hand zu geben gebeten. Sie war unermüdet und wirklich in wenig Wochen schon weit. Sie machte Wilhelmen, wenn er ruhigen Sinnes war, große Freude; diesmal achtete er wenig drauf, was ihm das Kind zeigte, das sich drüber betrübte, indem es eben seine Sache recht gut gemacht zu haben glaubte und einen Lobspruch erwartete.

Die Unruhe, in der sich Wilhelm befand, trieb ihn, nachdem er eine Zeit sich auf dem Gange verweilt, ob er nichts von Philinen und ihrem jungen Abenteurer entdeckte, den Alten aufzusuchen, durch dessen Harfe er die bösen Geister zu verscheuchen hoffte. Man wies ihn, als er nach dem Manne fragte, auf ein schlechtes Wirtshaus in einem entfernten Winkel des Städtchens und in demselben die Treppe hinauf bis auf den Boden, wo ihm der süße Harfenklang aus einer Kammer entgegenschallte. Es waren herzrührende, klagende Töne, von einem traurigen, ängstlichen Gesange begleitet. Er schlich sich an die Türe, und da es eine Art von Phantasie war, womit der gute Alte fast immer die nämlichen Worte begleitend wiederholte, so konnte der Horcher nach einer kurzen Aufmerksamkeit ohngefähr folgendes verstehen:

Wer nie sein Brot mit Tränen aß,
Wer nie die kummervollen Nächte
Auf seinem Bette weinend saß,
Der kennt euch nicht, ihr himmlischen Mächte.
Ihr führt ins Leben uns hinein,
Ihr laßt den Armen schuldig werden,
Dann überlaßt ihr ihn der Pein;
Denn alle Schuld rächt sich auf Erden.
Die wehmütige Klage drang tief in die Seele des Hörers, es schien ihm, als wenn der Alte manchmal von Tränen gehindert würde fortzufahren, dann klangen die Saiten allein, bis wieder leise in gebrochnen Lauten sich die Stimme dazwischen mischte. Wilhelm stand an dem Pfosten, seine Seele war tief gerührt, die Trauer des Unbekannten schloß sein Herz auf, er widerstand nicht dem Mitgefühle und enthielt sich nicht der Tränen, die des Alten herzliche Klage auch aus seinen Augen hervorlockte. Alle Schmerzen, die seine Seele druckten, lösten sich zugleich auf; er überließ sich ihnen ganz, stieß die Kammertüre auf und stand vor dem Alten, der ein schlechtes Bette, den einzigen Hausrat dieser armseligen Wohnung, zu seinem Sitze zu nehmen genötiget gewesen. "Was hast du in mir für Empfindungen rege gemacht, guter Alter!" rief er aus, "alles, was in meinem Herzen stockte, hast du losgelöst. Laß dich nicht stören, sondern fahre fort, indem du deine Leiden linderst, einen Freund glücklich zu machen." Der Alte wollte aufstehen und etwas reden, Wilhelm litt beides nicht, denn er hatte zu Mittage bemerkt, daß der Mann ungerne sprach; er setzte sich vielmehr zu ihm auf den Strohsack nieder. Der Alte trocknete seine Tränen und fing ganz freundlich zu lächeln an. "Wie kommen Sie hierher? Ich wollte Ihnen diesen Abend wieder aufwarten." – "Wir sind hier ruhiger"., versetzte Wilhelm. "Singe mir etwas, was du willst, das zu der Lage deiner Seele paßt, und tue nur, als ob ich gar nicht hier wäre, es scheint mir, als ob du heute nicht irren könntest. Ich finde dich sehr glücklich, daß du dich in der Einsamkeit so angenehm beschäftigen und unterhalten kannst und, da du überall ein Fremdling bist, in deinem Herzen die angenehmste Bekanntschaft findest." Der Alte sah auf seine Saiten, und nachdem er sanft präludiert, stimmte er an und sang:
Wer sich der Einsamkeit ergibt,
Ach, der ist bald allein.
Ein jeder lebt, ein jeder liebt
Und läßt ihn seiner Pein.
Ja, laßt mich meiner Qual!
O kann ich nur einmal
Recht einsam sein,
Dann bin ich nicht allein.
Es schleicht ein Liebender lauschend sacht,
Ob seine Freundin allein:
So überschleicht bei Tag und Nacht
Mich Einsamen die Pein,
Mich Einsamen die Qual.
Ach, werd ich dann einmal
Einsam im Grabe sein,
Da läßt sie mich allein!
Wir würden zu weitläufig werden und doch die Anmut der seltsamen Unterredung nicht ausdrücken können, die unser Freund mit dem abenteuerlichen Fremden hielt. Auf alles, was der Jüngling zu ihm sagte, antwortete der Alte in der reinsten Übereinstimmung durch Anklänge, die alle verwandte Empfindungen rege machten und ein weites Feld des Denkens eröffneten. Wer einer Versammlung Herrnhuter oder andrer Frommen, die sich auf ihre Weise erbauen, beigewohnt hat, wird sich auch einen Begriff von dieser Szene machen können. Er wird sich erinnern, wie der Liturg seiner Rede einen Teil eines Gesanges einzuflechten weiß, der die Seele dahin erhebt, wohin er wünscht, daß sie ihren Flug nehmen möchte; wie er bald darauf aus einem andern Liede in einer andern Melodie einen Vers hinzufügt und an diesen wieder einen dritten knüpft, der auch die verwandten Ideen der Stelle, der er entwandt ist, mitbringt und durch die neue Verbindung wieder neu und gleichsam individuell wird, als wenn er in dem Augenblicke erfunden worden wäre; wodurch denn aus einem ganz bekannten Kreise von Ideen, aus Liedern und Sprüchen, die vielen zusammen gemein sind, dieser besondern Gesellschaft ihr Nötiges zugeeignet und sie dadurch belebt, gestärkt und erquickt wird –: so erbaute der Alte seinen Gast, indem er die nahen Empfindungen und die entfernten, die wachenden und schlummernden, die angenehmen und schmerzlichen in eine Zirkulation brachte, wodurch unser Freund in einen Zustand versetzt wurde, der sich von seinem bisherigen gedruckten und armseligen Leben wirklich unterschied. Die Gefühle von dem Adel seines Wesens, von der Höhe seiner Bestimmung, das Mitgefühl des Guten und Großen unter den Menschen hervorzubringen, ward aufs neue in ihm lebendig, er pries den Alten und beneidete ihn zugleich, daß er diese Stimmung in seiner Seele hervorgebracht hatte, und wünschte nichts mehr, als mit ihm zu Verbesserung und Bekehrung der Welt gemeine Sache zu machen. Seine alten Ideen von Hoffnung und Zuversicht, die er dem Theater geschenkt hatte, wurden wieder rege, er knüpfte mit unglaublicher Schnelligkeit wieder das Höchste daran, daß ein vernünftiger Mensch, der damals in sein Gehirn hineingeschaut hätte, ihn notwendig müßte für wahnsinnig gehalten haben. Er verließ die elende Kammer mit dem größten Widerstreben, als ihn die Nacht zu weichen zwang, und er war niemals unschlüssiger gewesen, was er tun wollte, könne, solle als auf dem Wege, den er nach dem Quartiere nahm.
Kaum war er zu Hause angelangt, als ihm der Wirt im Vertrauen eröffnete, daß Mamsell Philine an dem Stallmeister des Grafen eine Eroberung gemacht habe; er sei, nachdem er seinen Auftrag auf dem Gute ausgerichtet, in größter Eile zurückgekommen, habe ein Abendessen bestellt, sei eben oben bei ihr, und es scheine, als ob er Anstalten mache, die Nacht dazubleiben. Wilhelm ging, um seinen Verdruß zu verbergen, auf sein Zimmer, als auf einmal ein entsetzliches Geschrei in dem Hause entstand; er hörte eine jugendliche Stimme, die mit Zorn und Drohen durch ein unmäßiges Weinen und Heulen durchbrach, er hörte die Person, von der es kam, oben herunter an seiner Stube vorbei nach dem Hausplatze eilen. Als ihn die Neugierde herunterlockte, fand er den jungen Gesellen, der heute so eifrig nach Mamsell Philinen gefragt hatte. Der Knabe weinte, knirschte, stampfte, drohte mit geballten Fäusten und stellte sich ganz ungebärdig vor Zorn und Verdruß. Mignon stand gegen ihm über und sah ihm mit Verwunderung zu, und der Wirt erklärte einigermaßen diese Erscheinung. Der Knabe sei von seiner Aufnahme bei Philinen lustig und munter gewesen, habe gesungen und gesprungen bis zu der Zeit, da der Stallmeister zurückegekommen, wo er angefangen, seinen Verdruß zu zeigen, die Türe zuzuschlagen und auf und nieder zu rennen. Philine habe ihm befohlen, heute abend bei Tische aufzuwarten, worüber er gleich sein Mißvergnügen bezeigt, auch habe er eine Schüssel mit Ragout, anstatt es auf den Tisch zu setzen, zwischen Mademoiselle und ihren Gast, die ziemlich nahe zusammengesessen, hineingeworfen, worauf ihm der Stallmeister ein paar tüchtige Ohrfeigen gegeben und ihn zur Türe hinausgeschmissen. Er, der Wirt, habe darauf die beiden Personen säubern helfen. Er konnte nicht Worte genug finden, wie übel sie zugerichtet seien. Der Knabe, als er das hörte, fing laut an zu lachen, indem ihm noch immer die Tränen die Backen herunterliefen, er schien sich herzlich darüber zu freuen, bis ihm der Schimpf, den ihm der Stärkere getan, wieder einfiel, wo er wieder von neuem zu heulen und zu drohen anfing. Wilhelm, dem alles doppelt und dreifach verdrüßlich wurde, eilte auf seine Stube und ging vor Langerweile und Unmut zeitig zu Bette.
Sein unruhiger Schlaf wurde durch ein Geräusch unterbrochen, das ihn, da er ohnedies ein wenig erhitzt war, beinahe erschröckt hätte. Er hörte auf dem großen Gange ein Geschlurfe, das mit einem ganz unnatürlichen Ächzen begleitet war und mit einem geheimnisvollen Gerassel und einem leisen Gepolter abwechselte. Er konnte die Töne mit nichts Bekanntem vergleichen, die Neugierde trieb ihn, aufzustehen, und ein Schauer hielt ihn im Bette. Seine eifersüchtige Einbildungskraft, die um Philinens Tür schwebte, verfolgte das Gespenst bis dorthin, und er glaubte zu hören, daß es sich besonders in dem Winkel nicht weit von der Schönen Zimmer aufhielte, als auf einmal ihn ein lauter, durchdringender Schrei aufschröckte und ihn mechanisch aus dem Bette hob. Er hörte gleich darauf ein gewaltiges Gepolter als eines Menschen, der eine steile Treppe herunterfällt, kurz darauf ein stärkeres, als wenn ein anderer hintendreinfiele und beide vor seiner Türe zu liegen kämen. Er riß sie auf und sah beim Schein einer Glaslampe, die gegenüber hing, die seltsamste Gruppe, die eher ein Klump zu nennen gewesen wäre. In ein großes weißes Leintuch gewickelt, lagen zwei Menschen über- und durcheinander auf der Erde, balgten und rauften sich auf das ernstlichste, und eben brachte einer den andern durch einen Vorteil unter sich und schlug wacker mit Fäusten auf ihn zu. Wilhelm hatte kaum seine zweifelhaften Augen auf die Gestalten geworfen, als Philine oben an der Treppe in äußerster Unordnung einer Nachtgestalt mit einem Lichte erschien, das von einem großen Putzen sehr dunkel brannte. Als sie die beiden Kämpfer und Wilhelmen bei ihnen erblickte, schrie sie laut, setzte das Licht auf den Boden und lief nach ihrer Kammer. Das siegreiche Gespenst schlug indessen immer mit einer wütenden Begierde zu, bis Wilhelm endlich einfiel und beide auseinanderbrachte. Wie verwundert war er, als er in dem Siegenden, den er wegriß, den blonden Ankömmling dieses Nachmittages und in dem Besiegten, der schnell aufsprang, den Stallmeister des Grafen erkannte. Beide erschienen nicht in der anständigsten Figur, als das Leintuch zur Erde fiel. Der Streit schien sich mit Wut erneuern zu wollen, und Wilhelm stieß deswegen den Knaben geschwind in sein Zimmer hinein und ersuchte den andern, der mit entsetzlichem Drohen und Fluchen vor ihm stand, sich nur bis morgen früh zu beruhigen und alsdann Genugtuung zu fordern oder zu geben, wie es die Umstände verlangten oder erlaubten. Diese sanften Zureden würden wenig geholfen haben, wenn der Ergrimmte nicht die Schmerzen, die ihm der Fall verursachet, zu empfinden angefangen hätte; er hinkte mit dem Wirte, der auf diesen Lärm auch herbeigelaufen kam, beiseite, und Wilhelm bemächtigte sich des Lichtes, das oben auf der Treppe stand, um seinen neuen Gast zu beleuchten und sich diesen wunderbaren Vorfall aufzuklären.
Eckermann: Gespräche mit Goethe


Dichtung und Wahrheit

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