> Gedichte und Zitate für alle: Johann Wolfgang Goethe: Wilhelm Meisters Theatralische Sendung (Urmeister): 3. Buch 9.Kapitel

2019-10-08

Johann Wolfgang Goethe: Wilhelm Meisters Theatralische Sendung (Urmeister): 3. Buch 9.Kapitel



Drittes Buch
Neuntes Kapitel

Nach und nach hatte Madame de Retti ihrem theatralischen Gast und Freunde alle Stücke gespielt, worauf sie sich etwas zugute tat, und hatte an manchen Stellen den jungen Kenner überrascht und in Erstaunen gebracht. Die übrigen von der Truppe taten auch ihr möglichstes, besonders da der Beifall des Publikums immer zunahm und eine bessere Zirkulation des Geldes den Kreislauf ihres stockenden Humors völlig wieder herstellte.

Nun fing endlich Wilhelm an, ernstlich an seine Abreise zu gedenken, welche ihm ein guter, warnender Geist manchmal in Erinnerung gebracht hatte.

Die meisten übersetzten Trauerspiele, welche Madame de Retti aufführen ließ, waren, wie jedermann weiß, in schlechte Alexandriner geschmiedet, sie beklagte sich öfters darüber, und Wilhelm übersetzte ihr zuliebe einige starke Stellen in gute Verse, die ihr besonders wohl gefielen, daß sie solche oft mit großem Vergnügen rezitierte. An ruhigen Abenden hatte er manchmal etwas von seinen Arbeiten vorgelesen, die großen Beifall erhielten. Er führte sie sorgfältiger als jene Briefschaften im Grunde seines Koffers mit sich; nur das Trauerspiel "belsazar" hatte er vorzutragen noch keine Stimmung gefunden. Er hatte es immer aufgeschoben, und nunmehro wollte er es ihnen zum Abschiedschmause geben. Er nahm es hervor, sah es an, korrigierte noch ein und den andern schwerfälligen Vers, und ob er es gleich im ganzen nicht billigte, so gefiel es ihm doch meistenteils, da er es wieder durchlas.

Als er damit beschäftigt war, trat Mignon herein. Das Kind bediente ihn als seinen Herrn nunmehr regelmäßig, ob es gleich die andern nicht vernachlässigte. Es trat zu ihm und sagte: "Deine Weste ist blau, du liebst das Blau, ich will deine Farbe tragen." – "Gerne", versetzte Wilhelm, "ich werde dich darum nur lieber sehen", und schenkte ihm ein blau und weißes seidenes Halstuch. "Du gutes Kind", dachte er bei sich selbst, "was wird aus dir werden, wie kann ich für dich sorgen, als daß ich dich deiner Frau auf das dringendste empfehle. Wärst du ein Knabe, so solltest du gewiß mit mir reisen, und ich wollte dich pflegen und dich erziehen, so gut ich könnte." Er ging in der Stube auf und ab, dachte dem Schicksale des Kindes nach und fühlte in einem Augenblicke, daß er es verlassen müsse und daß er es nicht verlassen könne.

Er nahm sein Manuskript und ging zu Madame de Retti hinüber, wohin er eine Schale Punsch bestellt hatte und wo er die Auswahl der Akteurs zusammen fand. "Ich weiß nicht", sagte er, "ob Sie gestimmt sind, ein Stück anzuhören, das vielleicht hie und da zu geistlich ist?"

Sie versicherten alle, daß sie sehr aufmerksam sein würden, ob es gleich nicht durchaus wahr sein mochte, indem einige lieber in der Karte gespielt, andere lieber geschwätzt hätten. Er fing an zu lesen, und es wird um der Folge willen nötig sein, daß wir etwas von dem Inhalte erwähnen.
Der König, sein Charakter, Leben und Wesen ist uns schon im vorigen Buche bekannt geworden. An seinem Hofe hielt sich eine Prinzessin auf mit Namen Kandate, deren Vater von Nebukadnezarn seines Reiches entsetzt worden war. Sie hegte einen heimlichen unversöhnlichen Haß gegen des Überwinders Sohn und sann auf Gelegenheit, sich und den Geist ihres Vaters zu rächen, ja, wenn es möglich wäre, ihren Zustand mit dem Throne zu vertauschen.

Eron, ihr Freund, ein Herr vom alten Hofe, dem es unerträglich fällt, vom jungen Könige vernachlässiget zu werden, der, um zu seinem vorigen Einflusse zu gelangen, alles auf das Spiel setzt, hat mit der Prinzessin eine Verschwörung angezettelt, sie haben sich mit dem medischen Könige Darius in eine Unterhandlung eingelassen und dieser versprochen, ihr Rückhalt, wenn es fehlschlüge, zu sein. Darius selbst hat auf Babylon einen Anschlag; er kommt in fremder Gestalt an Hof und erscheint vor Belsazarn als ein medischer Feldherr; bei den Verschwornen zeigt er sich an als des Geheimnisses kundig, doch auch diese erkennen in ihm den König nicht. In der Nacht, die vor Belsazars Geburtstag hergeht, der zur Ausführung des Vorhabens bestimmt ist, versammeln sich die Verschwornen nach und nach in einer Halle des Palastes, und der Gegenstand der Handlung entwickelt sich allmählich. Der Anschlag Erons ist, die Prinzessin auf den Thron zu heben und sie mit dem Könige der Meder zu vermählen. Der verstellte Darius gibt als Abgesandter Hoffnung dazu, jedoch kein festes Versprechen. Die Prinzessin empfindet, ohne seinen hohen Stand zu vermuten, eine Neigung zu dem verkappten Heiden und wünscht mit ihm den Thron von Babel zu besitzen. Aber ganz andere Wünsche, ganz andere Sorgen nährt die Brust des Fürsten. Sosehr er wünscht, das Reich einem unwürdigen Könige zu entreißen, so widrig ist ihm die Verräterei, die ihm darzu die Hände bietet. Und, o sonderbares Schicksal! es mischt sich auch hier die Liebe hinein. Die Gemahlin Belsazars, Nitokris, hat sein Herz gerührt, er brennt für sie mit der stärksten Leidenschaft und fürchtet, daß sie dem Mörder ihres Gemahles ihr Herz und ihre Hand nie gönnen werde. Er sucht die Verschwornen durch allerlei Vorstellungen zu bereden, ihr Unternehmen noch einige Zeit aufzuschieben, und sie gehen zu großem Verdrusse des Erons unschlüssig auseinander.

Wilhelm, der das Stück fast auswendig wußte, las es sehr gut und mit vielen Nuancen des Ausdruckes. Ein jeder Zuhörer suchte sich schon in Gedanken eine Person aus, die er vorzustellen gedachte, ein jeder pries den jungen Schriftsteller und trank seine Gesundheit in einem Glase Punsch. Die Prinzipalin war von der Rolle der Prinzeß, als wenn sie ihr zur Ehre geschrieben sei, ganz entzückt, bat sich einen Augenblick das Manuskript aus und las sogleich einige stolze, unruhige, herrische Stellen.

Wilhelm, der ein so großes Vergnügen empfand, als etwa ein Schiffbaumeister fühlen mag, wenn er sein erstes großes Fahrzeug von dem Stapel in das Wasser läßt und es zum erstenmal vor seinen Augen schwimmen sieht, erhöhte seine Geister durch den feurigen Trank, fing den zweiten Akt an, dessen ersten Monolog wir in dem vorigen Buche gesehen haben.

Der junge König, des festen Entschlusses, seinen Geburtstag mit der Verehrung der Götter und der Betrachtung über sich selbst anzufangen, will nach Danielen schicken, um sich mit ihm zu unterhalten. Ein Hofmann, der dazwischen kommt, zerstreut ihn, und er übergibt sich dem Strome der für ihn zubereiteten Feste. Kaum daß er die Glückwünsche seiner Gemahlin anhören mag, deren Gegenwart ihm lästig ist, weil er wohl fühlt, er begegne ihr, der zartesten, liebenswürdigsten Fürstin, nicht wie er sollte. Der Monolog trägt ihre stillen Klagen vor, in denen sie Darius unterbricht. Diese letzte Szene wurde nicht mit dem Beifalle aufgenommen, den sie verdiente, denn sie war für diese Zuhörer zu fein angelegt. Der junge Held zeigt seine Leidenschaft, indem er sie zu verbergen sucht, und die Empfindungen der Königin für ihn bleiben verborgen, ob sie gleich mit offenem, guten Herzen spricht. Auch nach vollendetem zweiten Akte wiederholte man allgemeine Lobeserhebungen, auf die sich ein älterer und mit dem Publiko näher bekannter Dichter weniger als unser Freund zugute getan hätte.

Die erste Schale Punsch war leer, man bestellte eine zweite, und der Wirt, der schon darauf vorbereitet war, brachte sie sogleich. Mit noch mehr Begeisterung fing man an, den dritten Akt zu lesen und zu hören. Die Königin vertraut in einem Gespräche mit Danielen dem weisen Manne ihr ganzes feines Herze; die stille Duldsamkeit ihres Schicksales, die innere Sicherheit ihres guten Wesens machen ihre Gestalt höchst liebenswürdig. Man sieht den Darius neben ihrem Gemahle, die Erscheinung des jungen Helden macht ihr einen glücklichen Eindruck, und die Empfindung seiner Würde leuchtet wie ein sanfter Schein über der trüben Dämmerung ihres Zustandes. Sie fühlt nichts Arges in dieser angenehmen Empfindung, und Daniel ist weise genug, sie nicht zu stören. Eine Hofdame der Königin tritt hinzu und erzählt den Gang des Festes bis zu dem Augenblicke. Der König tritt herein, umgeben von den Großen seines Reiches, die ihm ihre Glückwünsche bringen, die Königin und Daniel fügen die ihrigen hinzu. Man erhebt sich zu dem Gastmahle, und Nitokris entschuldigt sich, nicht dabeizusein. Es wird ihr leicht zugestanden, und so schließt sich der dritte Akt.

Die Betrachtung, ob man hätte einen der vier großen Propheten auf das Theater bringen sollen, wurde reiflich durchgedacht, und diese kritischen Überlegungen verminderten ein wenig den guten Eindruck dieses Aufzuges.

Zu Anfange des vierten erscheint Eron mit einem Verschwornen höchst verdrießlich, daß eine so kostbare Gelegenheit, ihr Vorhaben auszuführen, ihnen entschlüpfen soll. Er fängt an, dem medischen Abgesandten zu mißtrauen, und möchte wohl gar vermuten, daß dieser andere geheime Absichten habe, vielleicht seinen König ohne ihre Beihülfe auf den Thron zu setzen und die Prinzessin ganz und gar auszuschließen. Er entdeckt ihr, die vor Verdruß über das unsinnige Schwelgen von der Tafel aufgestanden und herbeikömmt, seine Vermutung. Sie beschließen, ihren Anschlag hinter dem medischen Fürsten auszuführen, ein wachsames Auge auf ihn zu haben und ihn allenfalls, bis die Tat vorüber, selbst gefangenzunehmen. Darius tritt eben zu ihnen mit einer lebhaften Beschreibung des wüsten Unsinnes der Tafel, wovon er unvermerkt sich entfernt hat. Er erzählt, daß eben die güldnen und silbernen Geschirre, die dem Gotte der Juden geweiht seien, herbeigeholt werden und man dem König göttliche Ehre erzeige. Eron verläßt sie, mit einem Winke an die Prinzessin, des Fremden Gesinnungen zu erforschen. Ihre Unterhaltung läuft sehr kalt ab; Eron kommt zurück, erzählt die schröckliche Geschichte des erschienenen Wunders und dringt auf die Vollbringung der Tat, da die Götter selbst ein Zeichen geben. Darius sucht vergebene Ausflüchte.

Zu Anfange des fünften Aktes erscheint der niedergeschlagene König, den die Deutung der geheimnisvollen Worte schröckt; sein berauschter Geist sieht überall Schröcknisse, und nur seine Gemahlin steht ihm in diesem traurigen Zustande bei. Nach einer rührenden Szene verläßt er sie und wird in dem Augenblicke von den Verschwornen ermordet.

Die Prinzessin tritt auf, maßt sich des Reiches an, läßt die Königin bewachen. Sie befiehlt, den bisher gefangengehaltenen Fremden wieder freizugeben; Darius, der seine Wache überwältigt hat, kommet selbst, an der Spitze medischer Soldaten, die durch einen geheimen Weg in die Stadt gedrungen, herein, entdeckt sich, zeigt sich als Herrn, die Verschwornen fallen ihm zu, er überläßt der Prinzessin einen königlichen Anteil von Gütern und Reichtümern und tröstet die betrübte Königin auf eine so gute Art, daß den Zuschauern Hoffnung genug zu seinem künftigen Glücke übrigbleibt, obgleich der Vorhang fällt.

Nun ging es an ein Schwätzen, an ein Schreien, ein jeder redete nur von sich selbst, und keiner hörte sich selbst vor dem andren. Das Stück müsse gespielt werden, waren sie alle laut einig.
Wilhelm, der sie alle entzündet sah, war höchst ergötzt, so viele Menschen durch das Feuer seiner Dichtkunst angeflammt zu haben. Er glaubte, was in ihm loderte, auf ihnen verbreitet zu sehen, er fühlte sie wie sich und mit sich über das Gemeine erhöht. Er sprach Worte voll Geistes, voll Adel und Liebe.

Der sorgfältige Wirt hatte indes ihre Schale nie leer werden lassen, und es schmeckte den Gästen immer besser. Sie jauchzten ihren Beifall laut, und ihre Freude ward immer ungezogener. Sie tranken Wilhelms Gesundheit hoch und schrien, daß es ihm zum Abscheu klang und seine durch manches Glas Punsch und die Rezitation des Stückes erhöheten Geister gewaltsam und unbehäglich niedergedrückt wurden. Der Lärm wurde immer ärger, sie wiederholten die Gesundheit des Dichters und der Kunst und schwuren, daß nach solch einem Feste niemand wert sei, aus diesen Gläsern und Gefäßen zu trinken, sie schmissen mit Gewalt die Stengelkelche an die Decke; die Prinzipalin wehrte vergebens. Sie zerschlugen den Punschnapf, und die Neige floß herunter. Die Gläser, die nicht entzweigehen wollten, wurden gewaltsam gegen die Wände geschmissen und fuhren zurückprallend mit den zerschinetternden Fensterscheiben klingend auf die Straße. Ein und der andere lag überfüllt in der Ecke, andere taumelten, alle rasten, man sang, man heulte, und Wilhelm, nachdem er den Wirt herbeigerufen, schlich sich mit einer verworrenen, höchst unangenehmen Empfindung in sein Zimmer.
Eckermann: Gespräche mit Goethe


Dichtung und Wahrheit

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