> Gedichte und Zitate für alle: Johann Wolfgang Goethe: Wilhelm Meisters Theatralische Sendung (Urmeister): 4. Buch 16.Kapitel

2019-10-12

Johann Wolfgang Goethe: Wilhelm Meisters Theatralische Sendung (Urmeister): 4. Buch 16.Kapitel





Viertes Buch
Sechzehntes Kapitel

Als Wilhelm für sich allein das, was er heute gesehen und gehört, wiederholte und überlegte, rief er aus: "Wie schwankend ist doch das Urteil des Menschen, selbst der Verständigsten! Dieser vornehme Herr, dieser erfahrne Weltmann, ein großer Kenner, wendet, wahrscheinlich durch einen launigen Irrtum des Augenblickes, seinen Beifall dem Elendesten und Abgeschmacktesten der ganzen Gesellschaft zu, und eine witzige, kluge, fürtreffliche Dame schenkt ihre Gunst einer liederlichen Kreatur, die sich die Verachtung jeder wohldenkenden Seele recht mit Fleiß zuzuziehen bemüht scheint, und sie halten ihren Sekretär für einen Kenner, ja wohl für einen guten Schriftsteller. Es wird nicht lange währen, so müssen ihnen die Augen aufgehen, der Betrug ist zu greifen. Indes geschieht doch so vielen andern unrecht, und der Einfluß des Höhern und Angesehnern, der nützen und helfen sollte, schadet."

Diese Gedanken wurden durch eine Rückkehr auf sich selbst unterbrochen; denn er schwankte zwischen Zweifel und Notwendigkeit. Er konnte voraussehen, daß er mit auf das Schloß des Grafen werde gehen müssen, und hatte tausend Ursachen, es nicht zu tun. Wenn sich der Mensch in Umständen befindet, die zu dem Raume, den sein Geist einnehmen sollte, in keinem Verhältnisse stehen, wenn er eingeengt, umwunden und verstrickt ist und er lange dagegen gearbeitet hat, gewöhnt er sich endlich zu einer dunkeln, gutmütigen Geduld und folgt gelassen den trüben Pfaden seines Schicksales. Wenn dann manchmal ein Blitz aus einer höheren Sphäre ihn umleuchtet, schaut er freudig auf, die Seele erhebt sich, er fühlt sich wieder, doch bald, von der Schwere seines Zustandes niedergezogen, gibt er das geahndete Glück mit gelindem Murren wieder auf und überläßt sich nach geringem Widerstreben der Gewalt, die den Stärkern wie den Schwachen dahinreißt. Und doch kann man einen solchen Menschen glücklich nennen in Vergleich mit andern, die sich in Umständen befinden, in denen sich unser Freund befand.

Seit jener Überraschung, die ihn auf das Theater brachte, hatte er noch nicht Zeit gehabt, zu sich selbst zu kommen. Die heimlichen Wirkungen jenes Schrittes gingen immer in seinem Herzen fort, ohne daß er sich dessen bewußt war, nur gleichsam im Traume erinnerte er sich jenes glücklichen Abends, wo er sich seiner liebsten, innigsten Leidenschaft im Taumel ergeben hatte; die süße Befriedigung des Beifalles labte ihn noch in stiller Erinnerung, er nährte ein heftiges Bedürfnis, sich jenen Genuß wieder zu verschaffen. Die Anhänglichkeit des Kindes, dieser geheimnisvollen Kreatur, gab seinem Wesen eine gewisse Konsistenz, mehr Stärke und Gewicht, welches immer geschieht, wenn zwei gute Seelen sich miteinander vereinigen oder auch nur sich einander nähern. Die flüchtige Neigung zu Philinen regte seine Lebensgeister zu einer anmutigen Begierde, mit Harfenspiel und Gesang erhub ihn der Alte zu den höchsten Gefühlen, und er genoß in Augenblicken mehr würkliche und würdigere Glückseligkeit, als er sich von seinem ganzen Leben erinnerte. Dagegen legten sich alle leidige irdischen Lasten auf die andere Schale: die Gesellschaft, in der er sich befand und die man beinahe schlecht nennen durfte, ihre Unfähigkeit als Schauspieler und die Einbildung auf ihre Fähigkeiten, die unerträgliche Ansprüche Philinens, die enge Politik Melinas, die Forderungen seiner Frau, die Notwendigkeit, das teure Kind früher oder später seinem Schicksale zu überlassen, der Mangel an Gelde und an irgendeinem schicklichen Mittel, ihm abzuhelfen. So schwankte die Schale herüber und hinüber, oder vielmehr, aus so widersprechend gefärbten Faden war das Gewebe gewebt, daß es wie ein übel schielender Taft zugleich angenehme und widrige Farben aus einer Falte dem Auge entgegenwarf, und wenn mir Gleichnisse zu häufen erlaubt ist, wie aus Seide und grobem Hanfe war diese Flechte gezwirnt, geflochten und verknotet darzu, daß es unmöglich war, eins von dem andern zu sondern, und unserm Helden nichts übrigblieb, als sich in diese Bande zu ergeben oder alles miteinander durchzuschneiden. Solche Umstände sind es, in denen sich ein guter, auch entschloßner Mensch jahrelang hinschleppt und weder Hand noch Fuß zu rühren wagt, in einem immer leidenden Zustande bleibt, wenn ihn die größte Not nicht zu wählen und zu handeln treibt. Aber auch alsdann ist ihm nicht geholfen. Selten, daß der Mensch fähig ist und daß es ihm das Schicksal zuläßt, nach einer Reihe von Leiden, nach einer Folge von Verbindungen mit sich selbst und andern ganz reine Wirtschaft zu machen; man entschließt sich so ungern zum Bankerotte wie zum Tode und sucht sich mit Borgen und Zahlen und Vertrösten, mit Pallieren und Flicken so lange hinzuhalten als möglich. Der Geist beschäftigt sich, arbeitet immer, wie er zu einem freien, ganzen, reinen Zustande gelangen könne, und der Augenblick nötigt ihn immer, in der Enge halb, vielleicht gar schief zu handeln, ein Übel für das andre zu ergreifen und, wenn das Glück groß ist, aus dem Regen in die Traufe zu schwanken; dies ist es, was, oft wiederholt, Herr über den besten Kopf wird, was heftige, leidenschaftliche Menschen in eine Art von Wahnsinn versetzt, der in der Folge ganz und gar unheilbar werden muß.

Wie sehr fühlte Wilhelm die Beschwerden dieses Zustandes, und wie vergebens arbeitete er, um sich daraus zu versetzen! Sein altes bürgerliches Verhältnis war schon wie durch eine Kluft von ihm getrennt und er in einen neuen Stand aufgenommen und eingeweiht, da er noch als Fremdling in dessen Vorhöfen zu verweilen glaubte. Sein Geist ward vom Hin- und Widersinnen müde. Er ging endlich gedankenlos im Zimmer auf und nieder, sein gepreßtes Herz strebte nach Erleichterung, und eine bängliche Wehmut bemächtigte sich seiner. Er warf sich in einen Sessel und war sehr bewegt. Mignon trat herein und fragte: ob sie ihn aufwickeln dürfe? Das Kind war eine Zeit her stiller und immer stiller geworden, Wilhelm hatte sie, ohne es zu merken, vernachlässigt, sie fühlte es desto tiefer.

Nichts ist rührender, als wenn eine Liebe, die sich im stillen genährt, eine Treue, die sich im verborgenen befestiget hat, endlich dem, der ihrer bisher nicht wert gewesen, zur rechten Stunde nahekömmt und offenbar wird. Die lang und streng verschlossene Knospe war reif, und Wilhelms Herz konnte nicht empfänglicher sein. Sie stand vor ihm und sah seine Unruhe. "Herr!" rief sie aus, "wenn du unglücklich bist, was soll aus Mignon werden?" – "Liebes Geschöpf", sagte er, indem er ihre Hände nahm, "du bist auch mit unter meinen Schmerzen." Sie sah ihm in die Augen, die von verhaltenen Tränen blinkten, und kniete mit Heftigkeit vor ihm nieder; er behielt ihre Hände, sie legte ihr Haupt auf seine Knie und war ganz stille. Er spielte mit ihren Haaren und war freundlich. Sie blieb lange ruhig. Endlich fühlte er eine Art Zucken durch alle ihre Glieder, das ganz sachte anfing und sich stärker verbreitete. "Was ist dir, Mignon?" rief er aus, "was ist dir?" Sie richtete ihr Köpfchen auf und sah ihn an, fuhr auf einmal nach dem Herzen, wie mit einer Gebärde, die Schmerzen verbeißt. Er hub sie auf, und sie fiel auf seinen Schoß, er druckte sie an sich und küßte sie. Sie antwortete durch keinen Händedruck, durch keine Bewegung. Sie hielt ihr Herz fest, und auf einmal tat sie einen Schrei, der mit krampfigen Bewegungen des Körpers begleitet war. Sie fuhr auf und fiel auch sogleich wie an allen Gelenken gebrochen vor ihm nieder. Es war ein gräßlicher Anblick. "Mein Kind!" rief er aus, indem er sie aufhob und fest umarmte, "mein Kind, was ist dir?" Die Zuckung dauerte fort, die vom Herzen sich den schlotternden Gliedern mitteilte, sie hing nur in seinen Armen. Er schloß sie an sein Herz und benetzte sie mit seinen Tränen. Auf einmal schien sie wieder angespannt und angespannter, wie eins, das den höchsten körperlichen Schmerz erträgt; und bald, mit einer neuen Heftigkeit wurden alle ihre Glieder wieder lebendig, und sie warf sich ihm, wie ein Ressort, das zuschlägt, um den Hals, indem in ihrem Innersten wie ein gewaltiger Riß geschah, und in dem Augenblicke floß ein Strom von Tränen aus ihren geschlossenen Augen in seinen Busen. Er hielt sie fest. Sie weinte und weinte, und keine Zunge spricht die Gewalt dieser Tränen aus. Ihre langen Haare waren aufgegangen und hingen von der Weinenden nieder, und ihr ganzes Wesen schien in einen Bach von Tränen unaufhaltsam dahinzuschmelzen. Ihre starren Glieder wurden gelinder, es ergoß sich ihr Innerstes, und in der Verirrung des Augenblickes fürchtete Wilhelm, sie werde in seinen Armen zerschmelzen und er nichts von ihr übrigbehalten. Er hielt sie nur fester und fester. "Mein Kind!" rief er aus, "mein Kind! du bist ja mein! wenn dich das Wort trösten kann! du bist mein! Ich werde dich behalten! dich nicht verlassen!" Ihre Tränen flossen noch immer. Endlich richtete sie sich auf. Eine weiche Heiterkeit glänzte von ihrem Gesichte. "Mein Vater!" rief sie, "du willst mich nicht verlassen! willst mein Vater sein! Ich bin dein Kind!"

Sanft fing vor der Türe die Harfe an zu klingen, der Alte brachte seine herzlichsten Lieder dem Freunde zum Abendopfer, der, sein Kind immer fester in den Armen haltend, des reinsten, unbeschreiblichsten Glückes genoß.
Eckermann: Gespräche mit Goethe


Dichtung und Wahrheit

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