> Gedichte und Zitate für alle: Johann Wolfgang Goethe: Wilhelm Meisters Theatralische Sendung (Urmeister): 6. Buch 7.Kapitel

2019-10-15

Johann Wolfgang Goethe: Wilhelm Meisters Theatralische Sendung (Urmeister): 6. Buch 7.Kapitel



Sechstes Buch
Siebentes Kapitel

Wilhelm empfand einige Tage Philinens Abwesenheit, er hatte an ihr eine treue Wärterin, eine muntere Gesellschaft verloren, er war nicht mehr gewohnt, allein zu sein. Mignon suchte die Lücke aufs beste auszufüllen, denn seitdem jene leichtfertige Schöne mit ihren Bemühungen und Freundlichkeiten den Verwundeten gleichsam umstellt, hatte sich die Kleine zurückgezogen und war stille für sich geblieben, nun aber, da sie wieder freies Feld gewann, öffnete sich die ganze Lebhaftigkeit, mit der sie unserm Freunde zugetan war, sie war eifrig, ihm zu dienen, und munter, ihn zu unterhalten. Auch ofte, wenn er las oder für sich denken wollte, unterbrach sie ihn mit Fragen, ob er Eltern habe und Geschwister und wie es in seinem Hause aussehe. Er fing an zu antworten, und unter dem Erzählen, indem er des Kindes Verlangen befriedigte, ward ihm der Zustand der Seinigen, die er so lange aus dem Gesicht verloren, wieder lebendig.

Und nun regte sich in ihm der alte Kampf. Er tadelte sich und sein unverzeihliches Hinschlendern, daß er nicht nach Hause geschrieben, nicht von sich Nachricht gegeben; er nahm sich’s vor und verschob’s.

An eine Rückkehr zu den Seinigen war gar nicht zu denken. Er hatte in H*** zu tun, er wollte einen Brief von Melina abwarten, er fühlte sich als Schuldner der mißgeleiteten Gesellschaft. Er überlegte, dachte und hatte hundert Ursachen, dahin zu gehen, wohin ihn sein Herz trieb. Und so versäumte er natürliche, angeborne Pflichten, indem er willkürliche, selbstaufgeladene heilig hielt.

Doch läßt sich auch manches zu seiner Entschuldigung sagen, besonders dürfen wir nicht verschweigen, daß er stille die Spur Marianens aufsuchte, die er in H*** vielleicht anzutreffen hoffte. Wir haben lange dieses Fadens nicht erwähnt, der durch sein ganzes Dasein fortzog. Er gestand sich selbst kaum das heimliche Verlangen, sie wiederzufinden, sie in seine Arme zu schließen und sie wegen seiner Härte um Vergebung zu bitten. Seine ersten Träume, seine Hoffnungen wachten wieder bei ihm von Zeit zu Zeit auf, und die sehnlichsten Erinnerungen banden ihn wieder ans Theater, ja sogar an die schlechte Gesellschaft. Nur seit der Erscheinung jener zu bald verschwundenen Heiligen nahm sein Gemüt eine andere Richtung. Sich ihr nahen, wie er sehnlich wünschte, hieß schon aus dem Zustande heraustreten, in dem er sich befand, und ein zwiespältiges Verlangen zog ihn aus einer Welt in die andere.

Sein Gemüt abzuleiten, seinen Empfindungen eine andere Wendung zu geben, war nichts geschickter als die Shakespearischen Schriften, denen er sich von Tag zu Tag mehr ergab. Besonders hatte Hamlet alle seine Aufmerksamkeit angezogen.

Wir haben schon im vorigen Buche gesehn, daß er die Rolle des Prinzen studiert, und es ist natürlich, daß er mit den stärksten Stellen, den Selbstgesprächen und jenen Auftritten angefangen, wo Kraft der Seele, Erhebung, Lebhaftigkeit Spielraum haben und ein freies, edles Gemüt in gefühlvollem Ausdrucke sich zeigen kann. Auch die Last der tiefen Schwermut war er geneigt auf sich zu nehmen, und die Übung der Rolle verschlang sich dergestalt in sein einsames Leben, daß endlich er und Hamlet eine Person zu werden anfingen.

Zuletzt, da er einzelne Stellen genug durchgearbeitet hatte, nahm er das Ganze in einer Folge vor sich, und da wollte manches nicht passen; bald schien sich der Charakter, bald der Ausdruck zu widersprechen, und es kam unserm Freunde fast unmöglich vor, einen Ton zu finden, in welchem die ganze Rolle, mit allen ihren Abweichungen und Schattierungen, gespielt werden könnte. Er bemühte sich lange in diesem Labyrinthe vergebens, bis er endlich einen Weg fand, auf dem er zu seinem Ziele zu gelangen hoffte. Er ging das Stück nunmehr bloß in der Absicht durch, um zu sehen, was von dem Charakter Hamlets vor dem Tode seines Vaters sich für eine Spur zeige, und er glaubte, sie bald gefunden zu haben.

Sanft und edel geboren, wuchs die königliche Blume unter den unmittelbaren Einflüssen der Majestät hervor. Der Begriff des Rechten und der fürstlichen Würde, das Gefühl des Guten und Anständigen und der Höhe seiner Geburt entwickelten sich zugleich in ihm, er war ein Fürst, ein geborner Fürst, und wünschte zu regieren, nur damit der Gute ungehindert gut sein möchte. Angenehm von Gestalt, gesittet von Natur, gefällig von Herzen aus, das Muster der Jugend und die Freude der Welt, ohne irgendeine vorstehende Leidenschaft, war seine Liebe zu Ophelien ein stilles Vorgefühl süßer Bedürfnisse und sein Eifer zu ritterlichen Übungen durch das Lob geschärft, das man einem Dritten beilegte; er kannte die Redlichen und wußte die Ruhe zu schätzen, die ein aufrichtiges Gemüt an dem aufrichtigen Busen des Freundes genießt. Bis auf einen gewissen Grad hatte er in Künsten und Wissenschaften das Gute und Schöne erkennen und würdigen gelernt. Das Abgeschmackte war ihm zuwider, und wenn in seiner zarten Seele der Haß aufkommen konnte, so war es nur eben so viel, um bewegliche, falsche, armselige Höflinge zu verachten und spöttisch mit ihnen zu spielen.

Gelassen in seinem Wesen, in seinem Betragen einfach, weder im Müßiggange behaglich noch allzu begierig nach Beschäftigung, halb verwöhnt durch ein akademisches Hinschlendern, mehr Fröhlichkeit der Laune als des Herzens, ein guter Gesellschafter, nachgiebig, bescheiden, besorgt und eher eine Beleidigung vergessend, die man ihm, als die man dem Rechten, Guten und Anständigen antut.

Nachdem sich Wilhelm diese Züge gesammelt und sie mit Stellen belegt, ward ihm der Begriff viel leichter, nur sah er zum voraus, daß er einen großen Teil der Stellen anders, als er sie bisher rezitiert, künftig werde behandeln müssen.

Es war über dieser Arbeit Abend geworden, und unvermerkt schwebte das Bild der hülfreichen Schönen wieder vor seinem Gemüte; er hing den süßen Vorstellungen nach, und ein Verlangen bemächtigte sich seiner, das er nie in seinem Busen gefühlt.

Mignon und der Alte hatten schon eine Weile in dem Nebenzimmer zur Harfe gesungen, endlich machte eine unbekannte Melodie unsern Freund aufmerksam, er horchte, Mignon sang:

Nur wer die Sehnsucht kennt,
Weiß, was ich leide!
Allein und abgetrennt
Von aller Freude,
Seh ich ans Firmament
Nach jener Seite.
Ach, der mich liebt und kennt,
Ist in der Weite!
Es schwindelt mir, es brennt
Mein Eingeweide.
Ach, wer die Sehnsucht kennt!
Nur wer die Sehnsucht kennt,
Weiß, was ich leide !
Eckermann: Gespräche mit Goethe


Dichtung und Wahrheit

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