> Gedichte und Zitate für alle: Johann Wolfgang Goethe: Wilhelm Meisters Theatralische Sendung (Urmeister): 5. Buch 1.Kapitel

2019-10-12

Johann Wolfgang Goethe: Wilhelm Meisters Theatralische Sendung (Urmeister): 5. Buch 1.Kapitel




Fünftes Buch
Erstes Kapitel

Mit wieviel froherm Mute, mit wieviel leichterm Herzen beginn ich dieses Buch als das vorige, wo ich nur Hindernisse, Sorgen und Unlust meinem Freunde entgegenkommen sah. Wie wünsche ich mir und meinen Lesern Glück, daß er sich einer Laufbahn nähert, die er mit Freude und Ehre betreten wird!

Schon gegen Ende des vorigen Buches konnte man mutmaßen, er werde sich bereden lassen, mit der übrigen Gesellschaft auf das gräfliche Schloß zu gehen; er werde der großen Welt, ihren reichen und vornehmen Bewohnern näherrücken. Welcher Vorteil für ihn, daß er alle Anlage hat, sich in diesem neuen Klima völlig auszubilden. Denn der Druck, die Beängstigung, Kurzsinnigkeit und Not, die bisher fast über ihn den Meister spielten, sollten von seinem Haupte, von seiner Brust sich hinwegheben, wenn ihn ein guter Genius aus der Enge seines Zustandes herausführet, wenn seine Begriffe sich erweitern, wenn er die Gegenstände kennenlernt, nach denen eine edle Seele sich sehnen, an denen sie haften, die sie sich zueignen muß, um ihrer Bestimmung genugzutun und sich glücklich zu fühlen. Es wird in den höhern Klassen nicht an Männern fehlen, die ihn zurechteweisen, die es ihm klarmachen, daß die Natur eines Menschen nicht schlimmer verschoben werden kann, als wenn er sich einer zufälligen Leidenschaft für niedrige Gegenstände überläßt, wenn er einer dunkeln Anhänglichkeit an eine Gesellschaft, deren Glieder nicht von der Art seines Wesens sind, nachgibt und dadurch der Sklave eines Zustandes wird, in welchem die Treue, die schönste und menschlichste Eigenschaft, ihn nur zur Qual und zum Verderben festehält.

Dreimal glücklich sind diejenigen zu preisen, die ihre Geburt sogleich über die untere Stufe der Menschheit hinaushebt, die durch Verhältnisse, in welchen sich manche gute Menschen die ganze Zeit ihres Lebens abängstigen, nicht durchzugehen, auch nicht einmal als Gäste darin zu verweilen brauchen! Allgemein und richtig muß ihr Blick auf dem höheren Standpunkte werden, wie leicht ein jeder Schritt ihres Lebens! Sie sind von Geburt an gleichsam in ein Schiff gesetzt, um bei der Überfahrt, die wir alle machen müssen, sich des günstigen Windes zu bedienen und den widrigen abzuwarten, anstatt daß andere nur vor ihre Person schwimmend sich abarbeiten, vom günstigen Winde wenig Vorteil genießen und im Sturme mit bald erschöpften Kräften untergehen. Welche Bequemlichkeit, welche Leichtigkeit gibt ein angebornes Vermögen! und wie sicher blühet ein Handel, der auf ein gutes Kapital gegründet ist, so aß nicht jeder mißlungene Versuch immer in Untätigkeit versetzt! Wer kann den Wert und Unwert irdischer Dinge besser kennen, als wer sie zu genießen von Jugend auf im Falle war, und wer kann seinen Geist früher auf das Nützliche, das Notwendige, das Wahre leiten, als der sich von so vielen Irrtümern in einem Alter überzeugen muß, wo es ihm noch an Kräften nicht gebricht, ein neues Leben anzufangen. Heil also den Großen dieser Erde! Heil allen, die sich ihnen nähern, die aus dieser Quelle schöpfen, die an diesen Vorteilen teilnehmen können! nochmals Heil dem Genius unsers Freundes, der ihn diesen glücklichen Stufen näher zu führen Anstalt macht!
Eckermann: Gespräche mit Goethe


Dichtung und Wahrheit

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