> Gedichte und Zitate für alle: Johann Wolfgang Goethe: Wilhelm Meisters Theatralische Sendung (Urmeister): 1. Buch 15.Kapitel

2019-10-05

Johann Wolfgang Goethe: Wilhelm Meisters Theatralische Sendung (Urmeister): 1. Buch 15.Kapitel




Erstes Buch
Fünfzehntes Kapitel

Unter dieser Zeit hatte Wilhelm abends in einem Gasthause, wo er Fremde auf ein Glas Wein traktierte, Bekanntschaft mit zwei Schauspielern gemacht. Sie fanden ihn so wohl vom Theater unterrichtet, so einen guten Begriff von der Kunst des Schauspielers, daß sie an ihm den rechten Mann zu finden glaubten, dem sie ihre Meisterschaft in verschiednen Rollen mit Ehren vortragen könnten. Sie luden ihn daher auf nächstens zu sich, wo sie ihm verschiedenes zu deklamieren versprachen; schwer verbarg er seine Freude, als sie ihm beiher sagten, Madame B. würde auch wohl von der Gesellschaft sein. – Ich nenne sie hier Madame und erinnre mich, sie vorher als Mädchen eingeführt zu haben. Um alles Mißverständnis aufzuheben, will ich gleich hier entdecken, daß sie eine Gewissensheurat mit einem Menschen ohne Gewissen eingegangen war; er verließ kurz drauf die Gesellschaft, und sie war, bis auf weniges, wieder Mädchen wie vorher; den Namen, den sie einmal hatte, behielt sie und galt wechselsweise für Jungfrau, Frau und Witwe. Wilhelmen war dran gelegen, sie für das letzte zu halten, und er fand wirklich die stärksten Gründe auf dieser Seite.

Verlegenheit und Herzklopfen, als er sie sah, machten ihn lebhafter und angenehmer, er war sehr gefällig gegen sie, und das würde sie auch ohne seine sonst gute äußerliche Eigenschaften aufmerksam auf ihn gemacht haben. Man fing damit an, was nächstens sollte gespielt werden, sprach von neuen Stücken, vom deutschen Theater, daß wir's dem französischen bald gleichtäten, daß es Sünde sei, nur übersetzte Stücke drauf zu spielen, daß große Herren anfingen, sich seiner anzunehmen, und vom Stande der Schauspieler, daß er täglich ehrbarer und geehrter werde. In Ausführung dieses letzten übertraf Wilhelm sie alle. "Es ist ein unerhörtes Vorurteil", rief er aus, "daß die Menschen einen Stand schänden, den sie um so vieler Ursachen zu ehren hätten. Wenn der Prediger, der die Worte Gottes verkündiget, darum billig der Hochwürdigste im Staat ist, so kann man den Schauspieler gewiß ehrwürdig preisen, der uns die Stimme der Natur ans Herz legt, der mit Fröhlichkeit, Ernst und Schmerz wechselnde Anfälle auf die harte Brust der Menschen wagt, um ihr dunkel eingehülltes Gefühl rein zu stimmen und den göttlichen Klang der Verwandtschaft und Liebe untereinander hervorzulocken. Wo ist ein Sicherplatz gegen die Langeweile wie das Schauspielhaus, wo verbindet sich die Gesellschaft angenehmer, wo müssen die Menschen eher gestehen, daß sie Brüder sind, als wenn sie, an der Gestalt, an dem Munde eines einzigen hangend, alle in einer Empfindung schwebend emporgetragen werden? Was sind Gemälde und Statuen gegen das lebendige Fleisch von meinem Fleisch, gegen das andre Ich, das leidet, fröhlich ist und jede gleichgestimmte Nerve in mir unmittelbar berührt? Und wo läßt sich mehr Tugend vermuten, bei dem gedrückten Bürger, der in ängstlich schmutzigem Gewerb seine Nahrung zusammenschleppt, oder bei dem, dessen Kunst, die ihm Brot gibt, zugleich die edelsten, größten Gefühle der Menschheit durchdringt, der Tugend und Laster täglich in seiner Blöße studiert und darstellt und die Schönheit und Häßlichkeit am lebhaftesten fühlen muß, eh er sie andre so lebhaft empfinden lassen kann? Ich glaube wohl, daß bei manchen durch ein herumschweifendes Leben, Mangel und Druck sich diese Würde verdunkelt, aber eben drum, wie grausam ist es, die übrigen, die dem Bessern entgegenstreben, durch beschränkten Stolz zurückzustoßen." Er fuhr noch eine Weile recht herzlich fort, daß alle sehr verwundert dastanden, und ob ihnen gleich mitunter manches eingefallen war, worauf seine Apologie nicht zu passen schien, waren sie doch durchaus zufrieden und versicherten am Ende, daß es sehr wahr sei, wie ihnen Unrecht geschähe, dazu Madame B. auch eins und das andre sagte, bald aber den Diskurs auf die treffliche Art, wie Wilhelm es vorgetragen hätte, zu lenken wußte und ihm das Kompliment machte, er müßte schon mehr agiert haben. Obgleich dies ihm etwas unerwartet kam, weil er hier weder zu agieren noch deklamieren geglaubt, sondern frischweg, wie's ihm ums Herz war, ausgeschüttet hatte, so nahm er doch gleich das Wort auf, hielt's für einen Übergang zu einem andern Diskurs und versicherte sehr ehrlich, daß er immer viel Liebe zum Theater hätte, könnte sich aber leider nie gnug tun. Die andern versicherten, daß es für einen Liebhaber schon immer viel, wenn er einigermaßen ein- oder die andre Rolle gut spielte, allein Theater zu haben, wie man's heißt, dazu gehöre ein großes Studium, das nur dem Akteur aufbehalten sei. Das war Wilhelmen nicht ganz recht, er bildete sich ziemlich ein, was sie Kunst nennten, zu besitzen, doch ließ er's vorübergehn. Jeder bot nunmehr einen Monolog an vor Wilhelmen zu deklamieren; der eine, der im tragischen Affekt weder Vater noch Bruder kannte und das Kind im Mutterleib nicht schonte, drang vor und setzte mit dem belobten Selbst- und Geistergespräch aus "Richard dem Dritten" sich in Schweiß und seinen Gast in Schröcken; die übrigen, die auf das Ende paßten, fielen teils mit komischen, teils mit empfindsamen Stellen ein, und jeder tat sein möglichstes, dem jungen Kenner vor den andern in die Augen zu fallen; er war so aufmerksam, als er's bei der doppelten Hindernis, der Nähe seiner Geliebten und dem Monolog, den er auch zu rezitieren im Kopf herumwarf, sein konnte, lobte erstlich alles im ganzen und dann noch besonders jede Stelle, von welcher sie ihn fragten, ob er auf diesen oder jenen Ausdruck wohl achtgegeben habe? Es war bei ihm dies weder Lüge noch Kurzsichtigkeit, vielmehr verleitete ihn der Wunsch, viel Gutes zu finden, dahin, daß er vieles gut fand, und wenn's ihm auch sehr schwante, es sei nicht ganz just, ließ er's doch meist aus Gutmütigkeit durchwischen, warf die Schuld auf sich, seinen Humor, oder dachte wohl gar nicht weiter drüber. Madame B. und Wilhelm konnten nun nicht einig werden, wer zuerst seine Probe ablegen sollte; endlich fand sich's im Diskurs, daß er die Rolle Meilefonts und sie Miß Sara gespielt hatte, auch ein Gegenwärtiger ungefähr den Norton auswendig wußte; so wurden sie gar bald eins, zusammen zu probieren. Wilhelm zog sich so viel möglich in unbehagliche Düsternheit zusammen, Sara schwebte in sanften Klagen und trug den fürchterlichen Traum recht ängstlich vor, wußte es auch dabei so gut zu machen, daß in den schmeichelnden Stellen zu unterscheiden schwer war, ob sie dem Helden des Stücks oder dem Schauspieler schönetat; darüber war Wilhelm von ihrer Aktion so bezaubert, daß er sie für die erste Aktrice von Deutschland hielt. Man wechselte nach geendigtem Versuch Lob und Zufriedenheit, und gewiß, Wilhelm hatte einige Stellen, wo sein Gefühl hinreichte, fürtrefflich ausgedruckt, auch würde sich die Bewunderung der Zuschauer mit Neid vermischt haben, wenn sie sich nicht selbst hätten sagen können, daß er an allen Orten, wo er in ihre Künste einen Eingriff wagte, weit hinter ihnen zurückbliebe. Man blieb noch eine Zeit beisammen, Wilhelm begleitete Madame nach Hause, wo er ihre Einladung, ob er noch mit heraufkommen wollte, leider ausschlagen mußte, um regelmäßig abends an seinem Familientische zu sein, doch behielt er sich diese Erlaubnis vor; und nachts und nächsten Tags kam ihr Bild ihm so oft vors Gesicht, daß er ganz zerstreut und ungeschickt in seiner Arbeit war. Abends, da er den Laden zumachte, faßte ihn eine unsichtbare Hand beim Schopf, er fühlte sich fortgeführt und fand sich wie im Traum auf dem Kanapee sitzend, an der Seite seiner Angebeteten.
Eckermann: Gespräche mit Goethe



Dichtung und Wahrheit

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