> Gedichte und Zitate für alle: Johann Wolfgang Goethe: Wilhelm Meisters Theatralische Sendung (Urmeister): 3. Buch 8.Kapitel

2019-10-08

Johann Wolfgang Goethe: Wilhelm Meisters Theatralische Sendung (Urmeister): 3. Buch 8.Kapitel



Drittes Buch
Achtes Kapitel

Am allerlustigsten ging es zu, wenn Wilhelm sie einlud und auf seine Kosten traktierte; da zeigten sie sich so fröhlich und guten Mutes, als wenn sie den Mangel nicht kennten oder nie zu befürchten hätten. Eines Tages, als sie bei einer solchen Mahlzeit saßen, fiel es ihnen ein, die Charaktere verschiedener Personen nachzuahmen, und ein jeder wählte sich etwas Besonderes. Der eine stellte einen Betrunkenen vor, der andere einen pommerischen Edelmann, einer einen niedersächsischen Schiffer, der andre einen Juden, und als Wilhelm und Madame Melina nichts für sich finden konnten, weil sie in der Nachahmung nicht sehr geübt waren, so sagte Madame de Retti scherzend: "Sie können nur die Verliebten spielen, denn dies ist wohl das allgemeinste Talent." Sie selbst machte, indem sie einen runden Strohdeckel statt des Hütchens sich auf den Kopf band, eine Tirolerin auf das artigste, welches um so angenehmer auffiel, als ihre neckischen Einfälle und ihr drolliges Wesen mit der Hoheit, die man sonst an ihr gewohnt war, einen gefälligen Kontrast machten. Sie hatten angenommen, als wären sie eine Gesellschaft, die sich auf dem Postwagen zusammengefunden, im Wirtshause gegenwärtig abgestiegen und im Begriffe sei, bald wieder fortzufahren. Ein jeder spannte seine Einbildungskraft an, aus den gemeinen Vorfällen, die solchen Gesellschaften zu begegnen pflegen, die merkwürdigsten und komischsten Situationen herauszuziehen und sie mit mehr oder weniger Geschmack anzuknüpfen und auszuführen. Man beschwerte sich, man schraubte einander, Vorwürfe, Drohungen, lustige Aussichten und was nur erdenklich war, wurden in Bewegung gebracht, daß Wilhelm zuletzt, dem seine Rolle ohnedem diesmal nicht sehr natürlich war, als Zuschauer herzlich lachte und der Prinzipalin versicherte, daß ihn lange kein Stück so wohl unterhalten habe.

"Wie leid ist es mir", sagte sie, "daß wir um das Extemporieren gebracht sind, es hat mich hundertmal gereut, daß ich selbst mit schuld daran gewesen; nicht daß man hätte die alten Unschicklichkeiten beibehalten und gute Stücke nicht darneben aufführen sollen. Wenn man nur einmal die Woche extemporiert hätte, so wäre der Akteur in der Übung, das Publikum in dem Geschmack an dieser Art geblieben, und man hätte mancherlei Nutzen herausziehen können, denn das Extemporieren war die Schule und der Probierstein des Akteurs. Es kam nicht darauf an, eine Rolle auswendig zu lernen und sich einzubilden, daß man sie spielen könne, sondern der Geist, die lebhafte Einbildung, die Gewandtheit, die Kenntnis des Theaters, die Gegenwart des Geistes zeigte sich mit jedem Schritt auf das klärste; der Schauspieler war durch die Not gezwungen, sich mit allen Ressourcen, die das Theater anbietet, bekannt zu machen, er wurde darauf recht einheimisch, wie der Fisch im Wasser, und ein Dichter, der Gabe genug gehabt hätte, diese Werkzeuge zu brauchen, würde auch auf das Publikum einen großen Effekt gemacht haben. Allein ich ließ mich leider von den Kunstrichtern hinreißen, und weil ich selbst ernsthaft war, an Possen und Schwänken keinen Gefallen hatte und mich glücklich fand, eine, Chimène, Rodogune, Zaire, Mérope vorzustellen, hielt ich mich und meine Truppe für zu vornehm, als daß ich die Zuschauer wie bisher belustigen sollte. Ich verbannte den Hanswurst, begrub den Harlekin, und wenn diesen durch die Umstände erlaubt gewesen wäre, ein eigenes Theater zu errichten, so hätten sie mich als eine Königin, die ihren Minister und General zu Zeit der Not abdankt und darüber schwachen und platten Widersächern in die Hände fällt, gar trefflich parodieren können. Und welcher deutsche Schriftsteller hat uns bisher für das, was wir hingegeben, entschädigt? Wenn wir die Übersetzung der Molièrischen Stücke nicht gehabt hätten, wir hätten uns nicht zu retten gewußt, da unsere besten Originalschauspiele das Unglück haben, nicht theatralisch zu sein."

Wilhelm versetzte eins und das andere dagegen, als sie dem Akteur, der den Juden vorstellte und gegen ihr über saß, zurief: "Nicht wahr, Alter, wenn wir Verstand und Glück genug gehabt hätten, unsern Plan zu rechter Zeit auszuführen, so hätten wir den Deutschen ein treffliches Geschenk machen können, das der Grund eines Nationaltheaters geworden wäre und von den besten Köpfen hätte benutzt und verfeinert werden können. Wir sprachen oft über die Vorteile der italienischen Masken, über das Interesse, daß jeder einen bestimmten Charakter, Heimat und Sprache hat, über die Bequemlichkeit, daß ein Akteur sich in eine einzelne Personnage recht hineinstudieren kann und alsdann, wenn er geistreich immer in gleichem Charakter handelt, statt das Publikum zu ermüden, jederzeit gewiß ist, es zu entzücken. Wir dachten auch etwas auf deutsche Weise in dieser Art hervorzubringen; unser Hanswurst war ein Salzburger, unsern Landjunker wollten wir aus Pommern nehmen, unsern Doktor aus Schwaben, unser Alter sollte ein niedersächsischer Handelsmann sein, wir wollten ihm eine Art von Matrosen als Diener geben, unsere Verliebten sollten Hochdeutsch sprechen und aus Obersachsen sein, und die schöne Leonore oder wie wir sie nennen wollten, sollte ein Leipziger Stubenmädchen als Kolumbine bei sich haben. Wir wollten den Schauplatz in Häfen, Handelsstädte, auf große Messen verlegen, um diese Leute alle geschickt zusammenzubringen. Wir wollten selbst einen reisenden Arlekin, Pantalon, Brighella aufführen und durch diese Kontraste unsere Stücke noch mannigfaltiger und reizender machen. Unser Einfall war nur obenhin. Wie vieles hätte man durch Zeit und Muße dazugewinnen können! Ein jeder neuer Akteur, der zur Truppe gekommen wäre, brachte vielleicht wieder einen neuen Einfall, eine auffallende Nachahmung irgendeiner Landesart mit, wie wir denn auch besonders die Juden nicht vergessen hatten. Manche Menschen haben Scherze, die ihrem Individuo besonders wohl anstehen. Die Figuren hätten auch durch irgendeinen Fehler, Stottern, Hinken oder was man gewollt hätte, noch eine nähere charakteristische Bestimmung erhalten, und wir glaubten wenigstens damals, wir müßten viel Glück damit machen. Aber leider schlugen unsere Versuche fehl, die wir zum Trutz der Puristen, mit denen wir uns wieder entzweit hatten, dem Publiko vortrugen. Man nahm die Besten gegen uns ein, und die ersten Versuche, die vor einigen Jahren gewiß Beifall erhalten hätten, fielen gänzlich, Sie leisteten auch das nicht, was wir im Sinne hatten; die Akteurs waren aus der Übung, es fehlte uns an Leuten, die Charaktere mannigfaltig zu machen, und wir mußten uns eben zurückeziehen, unser Vorhaben aufgeben und dem Strome folgen, in dem wir noch schwimmen. Ich bin nun überzeugt, daß man ohne ein Wunder diese Epoche nicht wieder zurückebringen kann. Wir sind wie Leute, die auf einen unbequemen oder schlechten Weg geraten, aber bei dem allen nun einmal zu weit vorwärts sind, um zurückezukehren und den andern von Anfange betreten zu können."

Sie wollte noch verschiedenes hinzufügen, als sie draußen einen großen Lärmen hörten, kurz darauf Mignon zur Türe hineinstürzte und eine fremde Mannsperson ihr drohend folgte.

"Wenn diese Kreatur Ihnen gehört", sagte der Unbekannte, "so strafen Sie solche über ihre Ungezogenheit in meiner Gegenwart ab. Sie hat mir ins Gesicht geschlagen, daß mir noch die Ohren sumsen und der Backen brennt." – "Wie kommst du dazu, Mignon." fragte Wilhelm. Mignon, der sich hinter Wilhelms Stuhl ganz ruhig hingestellt hatte, antwortete: "Ich habe Hände, ich habe Nägel, ich habe Zähne, er soll mich nicht küssen." – "Wie", rief Wilhelm aus, "mein Herr? also sind Sie wohl der angreifende Teil? Was berechtigt Sie, von dem Kinde zu fordern, was unschicklich ist?" – "Ich werde wahrhaftig", antwortete der Fremde, "mit einer solchen Kreatur keine große Umstände machen sollen. Ich wollte sie küssen, und sie hat sich impertinent aufgeführt, ich verlange Satisfaktion." – "Mein Herr", versetzte Wilhelm, dem der Trutz des Fremden das Blut in Bewegung brachte, "Sie würden am besten tun, das Kind um Verzeihung zu bitten und ihm für die Lektion zu danken, und so bleibt der Vorteil immer noch auf Ihrer Seite." Darauf versetzte der Fremde stolz und drohend: "Wenn Sie mir versagen, was Sie mir schuldig sind, so will ich dem ungezogenen Ding mit der Peitsche schon Sitten lehren, wo ich sie finde." – "Mein Herr.", rief Wilhelm aus, indem er aufsprang und ihm die Augen für Zorne funkelten, "und ich schwöre, daß ich dem Hals und Beine brechen will, der dem Kinde ein Haar krümmt." Er wollte noch mehr sagen, aber der Zorn verhinderte ihn, und er hätte, um ihn auszulassen, wahrscheinlich den Fremden zur Türe hinausgeschmissen, welches die erste Gewalttätigkeit gewesen wäre, welcher er sich in seinem Leben schuldig gemacht, wenn ihn nicht Madame Melina heimlich bei dem Rockzipfel gefaßt und ihn gegen sich gezogen hätte.

Der Fremde stutzte über diese Begegnung, und da es die übrige Gesellschaft merkte, wurde auch ihr Mut lebendig, und sie fielen alle, besonders die Frau Prinzipalin, mit unfreundlichen Worten über ihn her, daß er vor das rätlichste hielt, sich zurückezuziehen und mit heimlichem Brummen und Drohen die Gesellschaft zu verlassen. Man hielt sich über ihn, da er weg war, auf, besonders wurde über seinen linken feuerroten Backen gescherzt, Mignon gelobt, Wilhelm ließ noch ein paar Flaschen Wein bringen, man ward munter, lustig und vertraut.

Des Abends saß Wilhelm in seiner Stube und schrieb; es klopfte an seiner Türe, und Mignon trat herein mit einem Kästchen unter dem Arme. "Was bringst du mir?" rief Wilhelm ihr entgegen. Mignon hatte die rechte Hand auf das Herz gelegt und machte, indem er den rechten Fuß hinter den linken brachte und beinah mit dem Knie die Erde berührte, eine Art von spanischem Kompliment mit der größten Ernsthaftigkeit. Eine gleiche Verbeugung folgte mitten in der Stube, und endlich, als er gegen Wilhelmen herankam, kniete er ganz auf das rechte Knie nieder, stellte die Schachtel auf den Boden, faßte Wilhelms Füße und küßte sie mit großem Eifer, doch ohne eine anscheinende Bewegung des Herzens, ohne einen Ausdruck von Rührung oder Zärtlichkeit. Wilhelm, der nicht wußte, was er daraus machen sollte, wollte sie aufheben, allein Mignon widerstand und sagte in einem sehr feierlichen Tone: "Herr, ich bin dein Sklave, kaufe mich von meiner Frau, daß ich dir alleine zuhöre." Sie nahm hierauf das Kästchen von dem Boden und erklärte ihm, so gut sie konnte, daß dieses ihr Erspartes sei, um sich loszukaufen; sie bat ihn, es anzunehmen, und, weil er reich sei, das, was an hundert Dukaten fehlte, zuzulegen, sie wollte es ihm reichlich wieder einbringen und ihn bis an seinen Tod nicht verlassen. Sie brachte das alles mit großer Feierlichkeit, Ernst und Ehrfurcht vor, so daß Wilhelm bis in das Innerste seiner Seele bewegt ward und ihr nicht antworten konnte. Sie kramte darauf ihre Barschaft aus, deren Anblick Wilhelm ein freundliches Lächeln abzwang. Alle Sorten waren abgesondert und in Röllchen und Papierchen verteilt. Sie hatte sich für Silber und Kupfer besondere Kerbhölzchen gemacht und auf die verschiedenen Seiten die verschiedenen Sorten mit abwechselnden Zeichen eingeschnitten. Unbekannte und einzelne Münzen hatte sie am untersten Ende der Stäbchen wieder besonders angemerkt und legte nach diesem wunderbaren Sortenzettel ihrem Herrn und Beschützer ihre Schätze vor. Wilhelm merkte wohl, daß der Vorfall von diesem Mittag einen tiefen Eindruck auf sie gemacht hatte. Er suchte sie zu beruhigen, indem er versprach, ihr Geld aufzuheben und für sie zu sorgen, und bemühte sich vergebens, ihr begreiflich zu machen, daß er sie nicht bei sich behalten und mitnehmen könne. Sie verließ ihn, indem sie rückwärts zur Türe ging mit ebenden Verbeugungen, mit denen sie gekommen war, und grüßte von der Zeit an, wo sie ihm begegnete oder zu ihm trat, ihn jederzeit auf diese Weise, indem sie sich in einiger Entfernung hielt.
Eckermann: Gespräche mit Goethe


Dichtung und Wahrheit

Keine Kommentare: