> Gedichte und Zitate für alle: Johann Wolfgang Goethe: Wilhelm Meisters Theatralische Sendung (Urmeister): 6. Buch 13.Kapitel

2019-10-17

Johann Wolfgang Goethe: Wilhelm Meisters Theatralische Sendung (Urmeister): 6. Buch 13.Kapitel




Sechstes Buch
Dreizehntes Kapitel

Serlo, dem nichts angelegener war, als Wilhelmen bei seiner Truppe zu besitzen, hatte von ihm ausgeforscht, was er für Handelsfreunde in der Stadt habe, mit denen sein Vater in Verbindung stehe. Sobald als er es erfahren, wußte er sich gar bald zu erkundigen, was für Nachrichten von dem Meisterischen Hause hier und da eingelaufen. Man hinterbrachte ihm, es seien schon seit einiger Zeit Briefe da, welche den Tod des alten Meisters meldeten, die Wittib, glaube man, werde kaum das Trauerjahr abwarten, um einen lang und viel geliebten Freund zu heuraten. Der Schwiegersohn Werner habe die Handlung völlig übernommen, und der ältere Sohn sei auf einer Reise unsichtbar geworden; man denke, da er von Jugend auf etwas Besonderes gezeigt und zur Handlung nicht viel Lust empfunden, er sei bei ausgebrochenem Kriege unter die Soldaten gegangen, um auf diesem Wege sein Glück zu versuchen.

Serlo hielt diese Nachrichten zu seiner Absicht sehr willkommen, eilte damit zu Aurelien und gab ihr nicht undeutlich zu verstehen, daß er diesen Plan auch mit um ihretwillen gemacht habe. "Mein lieber Bruder", sagte sie mit einem tiefen Seufzer, "ich wünsche deinen Unternehmungen alles Gute, und ich bin überzeugt, daß du an diesem jungen Manne eine sehr gute Eroberung machen würdest; was mich betrifft, wünschte ich nicht, daß jemand auf mich Rücksicht nehme, ich gehöre nicht mehr unter die Zahl der hoffenden Wesen, und wer auf mich rechnet, würde sich wahrscheinlich sehr betrogen finden." – "Hoffnung", versetzte Serlo, "ist das schönste Erbteil der Lebendigen, dessen sie sich nicht einmal, auch wenn sie wollten, entäußern könnten, und wenn du zu heilen bist, meine Gute, so ist es dieser Freund allein imstande."

"Bruder", versetzte Aurelie, "du hast die böse Unart, Dinge zu sagen, die man besser verschwiege und der Zeit überließe."

Er lächelte und fragte, ob sie Wilhelmen die Nachrichten überbringen oder es ihm überlassen wollte?’ Sie bat ihn, es selbst zu tun.

Es vergingen einige Tage, ehe Serlo Gelegenheit fand, unsern Freund von dem Schicksale seiner Familie zu unterrichten, indessen verging kein Tag, daß dieser nicht Aurelien näher geworden wäre.
Die Notwendigkeit, sich von ihr verbinden zu lassen, ihre Sorgfalt, ihre Trauer und Gutmütigkeit gewannen ihr die freundschaftlichsten Gesinnungen seines Herzens, und sie fand sich in seinem Umgange sehr erleichtert.

Sie hatte einen gar zierlichen Überzug von schwarzem Taffet über seine Hand verfertigt. "Ich hoffe", sagte sie mit Ernst, "Sie sollen bald geheilt sein, aber ich denke auch, das Merkmal dieser Wunde soll sich Ihr Leben durch nicht verwachsen. Sie sind redlich, mein Freund, doch welcher Mann bedarf nicht einer steten Erinnerung! Verließe Sie Ihr guter Geist und wagten Sie es, Ihre Hand auszustrecken und wider Ihr Gelübde ein Weib zu locken, der Ihr Herz sich nicht geweiht hätte, dann sehen Sie auf die Schramme und ziehen zurück, da es noch Zeit ist."

Serlo ergriff die erste Gelegenheit, unserm Freunde die Nachricht vom Zustande der Seinigen ohne große Vorbereitung zu hinterbringen, und wir können denken, wie sehr Wilhelm davon betroffen war. Ohne ihn zu sich kommen zu lassen, wiederholte Serlo eifrig seinen Antrag. "Sie können es nun ohne Bedenken tun", fügte er hinzu; "weil Ihre Familie die Sorge schon überstanden hat, Sie in der Kriegsgefahr zu glauben, so wird es ihr zu doppelt- und dreifachem Troste gereichen, Sie mit einem angenehmen, gefälligen Gewerbe beschäftiget zu sehen."

Wilhelm hatte ihm nicht viel einzuwenden, als daß ihm dieser Schritt unüberwindlich schiene. Sein Herz war dazu geneigt, und ein Etwas, das keinen Namen hat, widersetzte sich seinem Verlangen.
Serlo bestürmte ihn auf alle Weise, er bot ihm ansehnliche Vorteile an, ja endlich einen Teil des Gewinstes, und da das alles nicht helfen wollte, trat er mit dem stärksten Argumente hervor, das er bis zuletzt aufgespart hatte.

"Sie können mein Verlangen, Sie dem Theater zu gewinnen, nicht besser erkennen, als wenn ich Ihnen noch anbiete, Ihre ganze Gesellschaft zugleich mitzunehmen und Sie dadurch eines beschwerlichen Versprechens zu entledigen."

"Und wie? " sagte Wilhelm halb unwillig, "werden die Menschen, die Sie bisher so sehr verachtet, dadurch besser?" "besser werden sie nicht", antwortete Serlo, "aber es ist die einzige Art, wie sie mir brauchbar werden können. Ich will Ihnen meinen Plan vorlegen, und Sie werden sehen, daß er ohne Sie nicht ausgeführt werden kann. Sie wissen, daß der Akteur, der die ersten Liebhaberrollen bei mir spielt, ob er gleich eine gute Figur und angenehme Stimme hat, doch weit entfernt von der Vollkommenheit ist, die man einem solchen Gegenstande wünschen mag. Es fehlt ihm ein gewisses Feuer, ein Nachdruck, der sich durch ein schmachtendes und gefälliges Wesen nicht ersetzt. Demungeachtet habe ich nicht allein mit ihm zufrieden sein müssen, sondern ich muß auch seine Frau und seinen ganzen Anhang menagieren. Kann ich ihn entbehren, so mögen die übrigen auch ziehen, und ich kann Ihre ganze Truppe alsdann mehr oder weniger brauchen oder unterstecken.

Die Frau meines ersten Liebhabers spielt Mütterrollen, Königinnen und dergleichen; Madame Melina würde sie nicht schlimmer, vielleicht besser machen. Sein Bruder würde durch den sogenannten Laertes ersetzt, der wenigstens Hoffnung gibt, noch um vieles besser zu werden. Zugleich geht ein Frauenzimmer ab, an deren Stelle unsre Philine treten kann, einige andere schicke ich ohnedies fort, bei deren Rollen es gleichgültig ist, ob sie ein wenig besser oder schlimmer gespielt werden; der Pedante und alle sollten ihr Plätzchen finden. Melina soll Garderobemeister werden, um den Motten zu wehren.

Sehen Sie, daß ich mir jetzt nicht widerspreche, indem ich diejenigen anzunehmen erbötig bin, gegen die ich mich so ernstlich gewehrt habe. Löschen Sie sich aus dem Plane weg, und Sie werden finden, daß nicht mehr der geringste Teil daran auszuführen ist. Denken Sie meinen Vorschlägen nach und bedenken, was Sie durch einen solchen Entschluß sich, uns, der verlassenen Gesellschaft und dem Publiko für einen wesentlichen Dienst erzeigen.

Noch ein Wort", sagte Serlo, als er die Tür in der Hand hatte; "wenn Sie sich jetzo nicht entschließen, so tun Sie es vielleicht in vierzehn Tagen. Ich habe gegründete Hoffnung, daß ein Frauenzimmer meine Bühne betreten wird, die noch auf keiner erschienen ist, die aber im stillen wie Sie unsere Kunst mit Leidenschaft geübt, hat. Die schönste, ansehnlichste Gestalt, ein herrliches Organ der Stimme, eine reine, bestimmte Aussprache, ein Betragen! genug, was man wünschen kann. Ich sage das nicht, daß Sie sich in sie verlieben sollen, ich sage es nur, damit Sie sich überzeugen, daß wir Ihrer nicht ganz unwert sind, und gewiß, es wird noch viel besser werden, wenn Sie sich erst zu den Unsrigen rechnen."
Eckermann: Gespräche mit Goethe


Dichtung und Wahrheit

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