> Gedichte und Zitate für alle: Johann Wolfgang Goethe: Wilhelm Meisters Theatralische Sendung (Urmeister): 3. Buch 3.Kapitel

2019-10-07

Johann Wolfgang Goethe: Wilhelm Meisters Theatralische Sendung (Urmeister): 3. Buch 3.Kapitel






Drittes Buch
Drittes Kapitel

Als Wilhelm in den Gasthof kam, traf er Herrn Narziß auf dem Vorsaal stehend an und ersuchte ihn, einen Augenblick mit ihm auf die Stube zu kommen. Er fand an ihm einen guten, muntern Purschen, der mit großer Leichtigkeit und vielem Leichtsinne seine Schicksale erzählte und nichts weniger als Herr von der Truppe war. Als ihm Wilhelm zu seinem Sukzesse Glück wünschte, nahm er es mit ziemlicher Gleichgültigkeit auf. "Wir sind es gewohnt", sagte er, "daß man über uns lacht und unsere Künste bewundert, aber wir werden durch einen außerordentlichen Beifall um nichts gebessert, denn der Entrepreneur zahlt bei guter wie bei schlechter Einnahme jedem seine bestimmte Gage fort." Wilhelm erkundigte sich nach verschiedenem, das der andre alles pünktlich beantwortete und zuletzt eilig tat und sich beurlaubte. "Wo wollen Sie denn so schnell hin, Monsieur Narziß," sagte Wilhelm. Der junge Mensch lächelte und gestand, seine Figur und Talente haben ihm einen Beifall zugezogen, an dem ihm mehr gelegen sei, er habe von einigen Frauenzimmern in der Stadt zärtliche Billetts erhalten und sei auf diesen Abend und diese Nacht dringend eingeladen. Er fuhr fort, mit der größten Aufrichtigkeit seine Abenteuer zu erzählen, und hätte Namen, Straßen und Häuser angezeigt, wenn nicht Wilhelm, der sich vor einer solchen Indiskretion entsetzte, es abgelehnt und ihn entlassen hätte.

Sein junger Reisegefährte hatte inzwischen Mamsell Landerinette unterhalten und gab bei dem Abendessen nicht undeutlich zu verstehen, mit was für Hoffnungen sie ihm geschmeichelt habe.
Es verstrichen noch einige Tage, die Wilhelm mit Einkassieren verschiedener Schuldposten zubrachte, und ob er gleich nicht mit Schärfe verfuhr, sehr gütig und nachsichtig war, so glückte es ihm doch, und er hätte mit dem, was er zu Hochstädt erhalten, beinahe funfzehnhundert Taler eingenommen. Davon Wernern in nächstem Briefe Nachricht zu geben und ihm den größten Teil zu überschicken, machte ihm eine außerordentliche Freude. Er empfahl sich auch einigen Handelsleuten, denen sein Wesen so wohl gefiel, daß sie Bestellungen machten, die er sorgfältig notierte. Endlich fand er vor gut, seine Reise weiter fortzusetzen, und weil hier seine Gesellschaft sich zerschlagen hatte, nahm er eine Postchaise, packte seinen Koffer auf und fuhr bei guter Zeit ab, um vor Nacht auf der nächsten Station anzulangen.

Die Zeit war ihm unter allerlei Gedanken verstrichen, die Nacht kam herbei, und er merkte, da der Postillon seinen Weg in dem Walde, in den sie geraten waren, bald hier- bald dorthin nahm, daß er den rechten möchte verloren haben. Er fand es auch wirklich so, als er sich darnach erkundigte, doch versicherte der Schwager, er könne nicht weit von dem Orte seiner Bestimmung ab sein. Es war tief in der Nacht, als sie bei einem Dorfe anlangten und sich um die Gegend erkundigten. Sie waren ganz und gar von der Straße abgekommen, und indem sie sich von ihr in einem fast rechten Winkel entfernt hatten, lag die Station, wo sie hin wollten, wohin noch überdies kein grader Weg ging, auf sechs Stunden ab, und Wilhelm verlangte, daß der Postillon die Nacht über hierbleiben und ihn des andern Morgens dorthin bringen sollte. Der Postillon bat dringend, daß er ihn gerade nach Hause wieder zurückkehren lassen möge, er sei noch neu im Dienst und habe, weil er die Pferde so abgetrieben, alles von seinem Herrn zu befürchten; er wolle sagen, daß er ihn auf die nächste Station geliefert, und hoffe mit dieser Lüge durchzukommen; dafür wolle er ihm gegen ein Billiges einen alten Reisewagen des Pfarrers und Bauernpferde verschaffen, um die er sich schon erkundigt; diese könnten ihn an den nächsten Ort, welches eine ansehnliche Landstadt sei und nur drei Stunden von hier liege, morgen früh beizeiten bringen, wo er alsdann wieder Postpferde nehmen und ohne Beschwerlichkeit in seine Route einfallen könnte. Der Wirt redete ihm selbst zu, und weil er gutmütig war, so ließ er es geschehen.

Des andern Morgens, als ihn sein neuer Fuhrmann gegen die Stadt brachte und er sie liegen sah, hörte er von demselben, daß eine starke Garnison drinne sei und daß man an den Toren scharf examiniere. "Es kommt mir immer wunderbar vor", sagte Wilhelm bei sich selbst, "wenn ich meinen Namen angeben und mich Meister nennen soll. Ich täte wahrlich besser, mich Geselle zu heißen, denn ich fürchte immer, ich werde in dem Gesellenstande stecken bleiben. Ich werde es auch zum Scherze tun, besonders da ich niemanden kenne und niemanden zu besuchen habe. Der Namen ist nicht wohlklingend, aber bedeutend; übersetzt kläng er auch besser, doch wir wollen bei unsrer Muttersprache bleiben." Er kam unter das Tor und wurde so aufgeschrieben. Es war noch früh, als er vor dem Gasthofe anlangte, der Wirt sagte ihm, daß seine meisten Zimmer von einer Truppe Komödianten, die sich hier befinden, genommen seien, doch werde er noch ein ganz artiges Stübchen vor sich finden, das in den Garten gehe. "Muß mich denn das Schicksal", rief Wilhelm heimlich aus, "immer zu diesen Leuten führen, mit denen ich doch keine Gemeinschaft haben will noch soll!" Er antwortete dem Wirt, daß er kein Zimmer brauche, daß er nur einen Augenblick abtreten und alsdann Postpferde fordern wolle, um sogleich weiterzugehen.

An den Torpfosten war der gestrige Komödienzettel noch angeschlagen, und zu seiner größten Verwunderung fand er den Namen von Herrn und Frau Melina drauf. "Ich muß ihnen doch einen guten Morgen sagen", dachte er, und indem kam ein junges Geschöpf die Treppe heruntergesprungen, das seine Aufmerksamkeit erregte. Ein kurzes Westchen mit geschlitzten spanischen Ärmeln und weiten Beinkleidern stund dem Kinde gar artig, lange, schwarze Haare hatte es in Locken und Zöpfe um den Kopf gewunden. Er sah es scharf an und konnte nicht gleich einig werden, ob er es für einen Knaben oder für ein Mädchen halten sollte, doch entschied er sich bald für das letztere und grüßte, als sie bei ihm vorbei kam, mit einem guten Morgen diese Erscheinung, fragte, ob etwa Herr und Frau Melina schon aufgestanden wären. Mit einem schwarzen, scharfen Seitenblick sah sie ihn an, indem sie an ihm vorbei und in die Küche lief, ohne zu antworten. Er schickte den Wirt hinauf und trat gleich nach ihm in die Stubentüre.
Eckermann: Gespräche mit Goethe


Dichtung und Wahrheit

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