> Gedichte und Zitate für alle: Johann Wolfgang Goethe: Wilhelm Meisters Theatralische Sendung (Urmeister): 5. Buch 2.Kapitel

2019-10-12

Johann Wolfgang Goethe: Wilhelm Meisters Theatralische Sendung (Urmeister): 5. Buch 2.Kapitel




Fünftes Buch
Zweites Kapitel

Der Sekretär des Grafen kam oft herüber, um mit der Truppe alles in Richtigkeit zu bringen. Melina legte ihm ein ansehnliches Verzeichnis vor, was man ehemals gespielt haben wollte. Nur ward leider bei dem einen Stücke bemerkt, daß ein unentbehrlicher Akteur inzwischen weggegangen, bei dem andern, daß die Garderobe nicht völlig imstande sei, ein drittes fiel durch irgendeine Ursache aus der Liste. Dabei klagte man sehr, daß die Schauspieler, die man schon lange verschrieben, denen man Reisegeld geschickt, nicht ankommen wollten und wahrscheinlich durch die Kriegsunruhen auf ihrem Wege gehindert worden. Der Sekretär, der einen sehr starken Glauben hatte, ließ sich durch alles dieses nicht abschröcken, sondern hoffte vielmehr mit seinem kleinen Heere Wunder zu tun. Man suchte einige Stücke aus, er gab selbst von seinen Nachspielen her, und so kam man von beiden Seiten in Ordnung, und die Zufriedenheit wuchs täglich. Mit welcher entzückten Vertraulichkeit saßen sie oft beisammen, wenn ihnen der Sekretär von der Gastfreiheit seines Herrn, von der Ordnung, die in dem Hause herrsche, von der Sorgfalt für den geringsten seiner Gäste umständlich erzählte und sie den Vorschmack glücklicher Tage kosten ließ. Außerdem war ein jeder von der Truppe sehr mit sich und den Direktoren zufrieden, indem er zu seinem Teile Rollen erhielt, auf die er sonst nicht leicht hätte Anspruch machen können. Philine erhielt die zärtlichen und empfindungsvollen Liebhaberinnen, die jugendlichen Hauptrollen, ob sie gleich sehr schlecht memorierte und nur an das schnatternde Kammermädchen gewohnt war. Madame Melina, die sich in höchst gesegneten Umständen befand, mußte die ernsthafte Mütterrollen übernehmen, und ihr Mann, der zu jedem Handwerke eher als zum Akteur geboren war, ließ sich die Väter, Onkel und dergleichen gefallen. Ein junger, wohlgebildeter Mensch, welchen man, da die Truppe sich noch beisammen befand, als Knaben behandelt hatte, der schnell in die Höhe schoß und sich nach und nach in dem Umgang und an dem Beispiele Wilhelms bildete, übernahm die ersten Liebhaberrollen. Einige Mädchen und junge Frauen mit leidlichen Gesichtern und ungeschickten Figuren in Gesellschaft ihrer völlig unbedeutenden Männer und Freunde teilten sich in die untergeordneten Gestalten. Nur Mignon, dem man die Rolle der Kammermädchen auftragen wollte, schlug er rund ab und beteuerte, sie werde nicht spielen.

Man schrieb nunmehr aus, lernte fleißig, man lebte voller Hoffnung, aß und trank auf Rechnung des Grafen und genoß von dem Guten, das man erst verdienen sollte, manches voraus.

Indessen hatte Wilhelm mit dem Sekretär auch schon Bekanntschaft gemacht. Dieser war entzückt über die vielen Kenntnisse unseres Freundes. Er bat ihn auf das dringendste, ja mit der Gesellschaft auf das Schloß zu kommen. "Unsere Herrschaften haben große Liebe für die Literatur, besonders für die deutsche, lassen ihr alle Gerechtigkeit widerfahren, und gewiß, man wird Sie sehr wohl empfangen." Er lud ihn, als er einsmalen wiederkehrte, im Namen der Herrschaften selbst auf das dringendste ein und konnte ihm die Ehre und das Glück, das er genießen würde, nicht lebhaft genug vorbilden. Dieser Reiz war für unsern Freund unwiderstehlich, ob ihm gleich der vertrauliche und nachlässige Ton nicht gefiel, womit der junge Mann von den Herrschaften sprach und sie in der Erzählung behandelte, nicht als ob er ihresgleichen sei, sondern als ob sie seinesgleichen wären. Nur da unser Wilhelm sich vorgenommen hatte, mit der Truppe nicht weiter in Verbindung zu bleiben, bat er um die Erlaubnis, auf seine eigne Hand dorthin zu folgen und in dem Gasthofe des benachbarten Ortes abzutreten, welches ihm denn auch gern zugestanden ward.

Desto mehr ärgerte er sich täglich über den Leichtsinn und Unverstand, womit die Schauspieler einem so erhabnen Publiko entgegengingen. Kaum daß sie ihre Rollen recht lesen mochten, geschweige daß sie ordentliche Proben gehalten und sich nach Schuldigkeit bemüht hätten. Sie glaubten nunmehr, es würde sich das alles schon finden. Er unterließ nicht, ihnen das Gewissen zu schärfen, ihnen bange zu machen, daß sie gar bald wieder entlassen werden könnten. Endlich bequemten sie sich einigermaßen, doch war es immer mehr anmutige Hoffnung des Beifalles als Bemühung, ihn zu verdienen, die sie beschäftigte.

Wilhelm ging ihnen von seiner Seite mit gutem Beispiele vor. Er nahm ihre Stücke durch, verbesserte bei Übersetzungen die Sprache, zog Szenen zusammen, richtete Rollen nach dem Geschicke der Akteurs mehr ein, verfertigte neue Übersetzungen einiger französischen kleinen Nachspiele und war damit meistens vom frühen Morgen bis in die tiefe Nacht beschäftigt. Sein Eifer blieb dem Sekretär des Grafen nicht verborgen, und diesem war das Geschick, womit Wilhelm alles, was er angriff, zurechtebrachte, etwas ganz Neues. Er war voller Verwunderung über die Lebhaftigkeit und Richtigkeit des Gefühles, womit unser junger Dichter das Handelnde und Würkende vom Erzählenden und Lehrenden zu scheiden wußte, durch eine geringe Veränderung ganzen Szenen und Stücken eine andere Gestalt zu geben verstund und mit einem glücklichen Humor das Wohlanständige und Schickliche nicht zu beleidigen sorgfältig war. Dadurch ward der Sekretär, der eine außerordentlich gute Vorstellung von sich selbst hatte, bewogen, jenen doch auf alle Weise seiner Freundschaft wert zu achten. Er drang sich ihm von Tag zu Tage mehr auf, vertraute ihm seine Gedanken, Anschläge und Urteile, wobei unser Freund meistens mit einem unangenehmen Gefühl bemerkte, daß der gute Mann nur große Worte gebrauchte, die Ideen und Sachen aber sehr geringfügig waren.

Endlich kam die Zeit herbei, da man sich zur Überfahrt schicken, die Kutschen und Wägen erwarten sollte, die unsere ganze Truppe nach dem Schlosse des Grafen hinüberzuführen bestellt waren. Es fielen schon zum voraus große Streitigkeiten vor, wer mit dem andern fahren, wie man sitzen sollte, und es ward endlich mit Mühe ausgemacht und festgesetzt, doch leider ohne Würkung. Zur bestimmten Stunde kamen weniger Wagen, als man erwartet hatte, und man mußte sich anders einrichten. Der Sekretär, der nicht lange hinterdrein folgte, gab zur Ursache an, daß im Schlosse alles in großer Bewegung sei, weil nicht allein der Fürst einige Tage früher eintreffen werde, als man geglaubt, sondern weil auch unerwarteter Besuch schon gegenwärtig angelangt; der Platz gehe sehr zusammen, sie würden auch deswegen nicht so gut logieren, als man es ihnen vorher bestimmt, welches ihm außerordentlich leid tue.

Man teilte sich in die Wagen, so gut es gehen wollte, und da es leidlich Wetter und der Weg nur einige Stunden war, machten sich die Lustigsten lieber zu Fuße auf den Weg, als daß sie die Rückkehr der Kutschen hätten abwarten wollen. Die Karawane zog mit Freudengeschrei aus, zum erstenmal ohne Sorgen, wie der Wirt zu bezahlen sei. Das Schloß des Grafen stand ihnen wie ein Feengebäude vor der Seele, sie waren die glücklichsten und fröhlichsten Menschen von der Welt, und jeder knüpfte unterweges an diesen Tag nach seiner Art zu denken eine Reihe von Glück, Ehre und Wohlstand.

Ein starker Regen, der unterweges einfiel, konnte sie nicht aus diesen angenehmen Empfindungen reißen; da er aber immer anhaltender und stärker wurde, spürten viele von ihnen eine ziemliche Unbequemlichkeit. Die Nacht kam herbei, und erwünschter konnte ihnen nichts erscheinen als der durch alle Stockwerke erleuchtete Palast des Grafen, der ihnen von einem Hügel entgegenglänzte. Sie konnten die Fenster zählen. Als sie näher kamen, fanden sie auch alle Fenster der Seitengebäude erhellet. Ein jeder urteilte heimlich für sich, welches wohl sein Zimmer werden möchte, und die meisten begnügten sich bescheiden mit einer Stube in der Mansarde oder in den Flügeln.

Als sie durch das Dorf und am Wirtshause vorbeifuhren, ließ Wilhelm halten, um dort abzusteigen; allein der Wirt versicherte, daß er ihm nicht den geringsten Raum anweisen könne. Der Herr Graf habe, weil unvermutete Gäste gekommen, sogleich das ganze Wirtshaus besprochen, die Zimmer seien vom Kammerdiener gestern alle numeriert, ein Verzeichnis darüber gefertiget und angeschrieben worden, wer darinne wohnen solle. Mit größtem Widerwillen mußte also unser Freund mit der übrigen Gesellschaft zum Schloßhofe hineinfahren.

Die Küchenfeuer in einem Seitengebäude und die Geschäftigkeit der Köche war der erste Gegenstand, der sie erquickte und entzückte. Es kamen Bediente mit Lichtern auf die Treppe gesprungen, und die Seele der guten Wanderer quoll über diesen Aussichten auf. Wie sehr verwunderten sie sich also, da sich dieser Empfang in ein entsetzliches Fluchen auflöste. Die Bedienten schimpften auf die Kutscher, daß sie hier hereingefahren; sie sollten umwenden und wieder hinaus, hinten nach dem alten Schlosse zu, hier sei kein Raum für diese Gäste. Einem so unfreundlichen und unerwarteten Bescheide fügten sie noch allerlei Spöttereien hinzu und lachten sich untereinander aus, daß sie durch diesen Irrtum in den Regen gesprengt worden. Es goß noch immer, keine Sterne standen am Himmel, und nun wurde die Gesellschaft durch einen holprichten Weg zwischen zwei Mauern in das alte, innere Schloß gezogen, welches unbewohnt dastand, seit der Vater des Grafen das vordere gebaut hatte. Teils im Hofe, teils unter einem langen, gewölbten Torwege hielten die Wagen still, und die Fuhrleute, welche Anspänner aus dem Dorfe waren, spannten aus und ritten ihrer Wege. Da niemand zum Empfange der Gesellschaft sich zeigte, stiegen sie aus, riefen, suchten, vergebens! Es blieb alles finster und stille. Der Wind blies durch das hohle Tor, und grauerlich waren die alten Türme und Höfe, wovon sie kaum die Gestalten in der Finsternis unterschieden. Sie froren und schauerten, die Frauen fürchteten sich, die Kinder fingen an zu weinen, ihre Ungeduld vermehrte sich mit jedem Augenblicke, und ein so schneller Glückswechsel, auf den keines von der Gesellschaft vorbereitet war, brachte sie alle ganz und gar aus der Fassung.
Eckermann: Gespräche mit Goethe


Dichtung und Wahrheit

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