> Gedichte und Zitate für alle: Johann Wolfgang Goethe: Wilhelm Meisters Theatralische Sendung (Urmeister): 1. Buch 21.Kapitel

2019-10-05

Johann Wolfgang Goethe: Wilhelm Meisters Theatralische Sendung (Urmeister): 1. Buch 21.Kapitel





Erstes Buch
Einundzwanzigstes Kapitel

Der Direktor unserer Schauspielergesellschaft hatte schon verschiedentlich mit dem Abzug gedroht; denn obgleich die Stadt nicht ganz gering war und sich manche wohlhabende Bürger, auch reiche Müßiggänger darinne fanden, so konnte er doch sein Konto außer den Messen nicht finden. Vielen war das Drama von Bub, Dame, König und Aß interessanter, die übrige Theaterfreunde reflektierten auf den halben Gulden oder behalfen sich mit Freibilletts; zum Abonnieren hatten sie durchaus keinen Sinn, und so ging die Kunst nach Brote, wie's in dieser Welt hergebracht ist, da man nicht leicht eine Idee vom Spaß haben kann als gratis. Dies war nun zwar oft ein blinder Lärm, der aber doch das Publikum aufs neue zu kommen und Wilhelmen dringendere Anstalten zu machen bewegte. Werner nahm nun wirklich Teil an den Handelsgeschäften, und Wilhelm, der nie aus seiner Vaterstadt gekommen war, hatte ihn, der sich auf verschiedenen fremden Plätzen umgesehen hatte, überzeugt, daß für den Unerfahrnen auch eine solche Reise höchst nötig sei. Sie waren über eine gewisse Summe Geldes übereingekommen, die Werner schaffen und sich nach und nach wieder bezahlt machen sollte; und wenn Wilhelm bei sich diesen Betrug ganz für heilig hielt und überzeugt war, daß ihn seine Eltern und Verwandten in der Zukunft dafür segnen sollten, so war doch der Gedanke an den ersten Augenblick, da sie's erfahren würden, ein Steinchen, an dem seine Imagination sich manchmal wund stieß. Endlich schien die Gesellschaft im Ernst ihren Aufenthalt nicht länger fristen zu wollen. Norman, Wilhelms Nebenbuhler, beschleunigte seine Reise, um Marianens Liebe noch wenige Tage zu genießen, und Wilhelm faßte sich nun schließlich und letztens zusammen, um sie auf ewig zu besitzen und sich ans Theater mit unauflöslichen Banden zu knüpfen.

Werner, den er nun stärker antrieb, ihm das Mittel zur vorgegebenen Reise zu erleichtern, argwohnte nichts Übels, denn die Klugheit vermutet nicht das Außerordentliche. Er dachte, es ist gut, daß es sich eben so trifft und Wilhelm einen Ort, der ihm so oft eine unschickliche Liebe ins Gedächtnis rufen muß, bald nach dem Gegenstande verläßt.

Wilhelm war die letzte Zeit in seinen Gängen geheimer geworden; dies ließ den andern eine Beßrung schließen, hielt ihn von weitern Maßregeln ab und gab ihm alle Bereitwilligkeit, die Wilhelm wünschen konnte.

Auf der andern Seite war es Marianen ein willkommnes Wort, als Wilhelm von ihr die Erlaubnis bat, sie einige Tage nicht zu sehen; sie kriegte dadurch Luft, ihren ungestümen Norman, dem ihr Herz nicht entgegenging, wenigstens in einiger Fassung zu bewillkommen. Wilhelm saß nun bei sich zu Hause, kramte unter seinen Papieren, musterte seine Besitztümer, was ihm wohl bei seiner Wanderung in die Welt nützlich sein könnte. Was nach seiner bisherigen Bestimmung schmeckte von Büchern und sonst, ward alles abseits gelegt. Nur die Werke des Geschmacks, Dichter und Kritiker, wurden als bekannte Freunde unter die Erwählten gestellt, und da er bisher sehr wenig von den letzten profitiert hatte, so erneuerte sich seine Begierde darnach, als er sie schamrot jetzo wieder durchsah und fand, daß sie vom Buchbinder her noch unaufgeblättert waren. Er hatte sie sich in der völligen Überzeugung, wie notwendig solche Werke seien, angeschafft und niemals in dem Studio derselben vom Flecke kommen können. Einen Teil der Zeit wandte er auch an, um an Marianen einen langen Brief zu schreiben; er bedurfte der Schrift, um alles recht rund und voll zu sagen, wie er's bei sich in seinem Herzen fühlte; denn ob er gleich auf dem Theater eine auswendig gelernte Rolle frischweg deklamierte und sich auch im gemeinen Leben weitläufig über Meinungen und Grillen perorierend herausließ, so stockte es ihm doch oft in der Kehle, wenn er seine Empfindungen lebhaft mitteilen sollte; er konnte nie große Worte gnug finden, um das, was er fühlte, auszudrücken, und wenn er der Worte zu viel machte, fand er doch, daß es nicht recht mit dem, wie's in ihm war, zusammenstimmen wollte; das Schreiben half ihm aus dieser Verlegenheit, denn wie wir einem abwesenden Geliebten eine herrlichere Gestalt zu geben gewohnt sind, so finden wir auch nichts Ungereimtes in einem erhöhten Ausdruck unsrer Gefühle, welchen die allem Romantischen so feindselige Gegenwart mehrenteils mißbilligt. Der Brief, den er Marianen schrieb, war folgender:
Eckermann: Gespräche mit Goethe


Dichtung und Wahrheit

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