> Gedichte und Zitate für alle: Johann Wolfgang Goethe: Wilhelm Meisters Theatralische Sendung (Urmeister): 5. Buch 9.Kapitel

2019-10-13

Johann Wolfgang Goethe: Wilhelm Meisters Theatralische Sendung (Urmeister): 5. Buch 9.Kapitel



Fünftes Buch
Neuntes Kapitel

Philine lernte täglich besser, sich bei den Damen einschmeicheln. Wenn sie zusammen alleine waren, unterhielt sich meistens das Gespräch über die Männer, die kamen und gingen, und Wilhelm war nicht der letzte, mit dem man sich beschäftigte. Philine konnte bald merken, daß er die Baronesse interessierte. Diese war darüber verdrüßlich, daß er seit einiger Zeit auf die eigensinnigste Weise sich ihrer Freundschaft und Artigkeit entzogen, sie begriff gar nicht, wie er sich unterstehen konnte, dagegen unempfindlich und mürrisch zu sein. Da Philine viel von ihm zu erzählen und zu reden veranlaßt wurde, war es natürlich, daß sie bald von seinen theatralischen Talenten zu sprechen anfing und nichts so sehr wünschte, als daß ihn die Damen auf der Bühne sehen möchten. Sie setzte als ein Geheimnis hinzu, daß er wirklich ein Schauspieler sei, bei ihrer Truppe schon gespielt habe, nun aber, sie wisse nicht aus was für einer Grille, sich vorsetze, nicht mehr zu agieren. Kaum hatten die Damen diese wichtige Verborgenheit entdeckt, als es ihrer Imagination einen neuen Reiz gab und sie nun nichts sehnlicher wünschten und verlangten, als ihn auf dem Theater zu sehen. Sie konnten nicht ruhen noch rasten, bis Philine versprach, die Unterhandlung zu versuchen, wobei sie auf das inständigste bat, nicht zu verraten, daß sie es entdeckt hätte. Da er ihr schon lange ganz und gar aus dem Wege ging und sie nirgend sprach, so verlangte sie von der Baroneß, daß sie ihr Gelegenheit verschaffen sollte, an ihn zu kommen. Es ward ausgemacht, daß man ihn sollte rufen lassen, als wenn die Damen mit ihm reden wollten; sie sollten nicht gleich zugegen sein und Philine sich statt ihrer in dem Zimmer finden lassen. Die Baronesse war mit dem Vorschlag zufrieden und Philine noch mehr; denn ob es gleich ihr Ernst war, sich den Damen gefällig zu erzeigen, so war es ihr noch viel mehr darum zu tun, für sich selbst zu arbeiten und den unfreundlichen Menschen wieder auf bessere Wege zu bringen.

Der Plan wurde ausgeführt und Wilhelm fand zu seinem großen Erstaunen Philine statt der Baronesse im Zimmer. Sie begegnete ihm mit einer gewissen anständigen Freimütigkeit, in der sie sich bisher geübt hatte. Zuerst scherzte sie im allgemeinen über das gute Glück, das ihn verfolge und ihn auch, wie sie wohl merke, hiehergebracht hätte, darnach warf sie ihm auf eine angenehme Art sein Betragen gegen sie vor, sie brach in Klagen aus, beschuldigte sich selbst, daß sie sonst wohl verdient, wie er ihr begegnet, machte so eine aufrichtige Beschreibung ihres Zustandes, den sie den vorigen nannte, gestand alles und setzte hinzu, daß sie sich selbst verachten müßte, wenn sie nicht in sich fühlte, daß sie sich ändern und seiner Freundschaft wert sein könnte.

Wilhelm war über diese Rede betroffen. Er hatte zu wenig Gebrauch von der Welt, um zu wissen, daß eben ganz leichtsinnige und besserungsunfähige Menschen sich am lebhaftesten anklagen, ihre Fehler mit großer Freimütigkeit bekennen und bereuen, ob sie gleich doch nicht die mindeste Kraft in sich haben, von dem Wege zurückzutreten, auf den eine übermächtige Natur sie hinreißt. Da sie ihn endlich ein wenig erweicht fand, brachte sie ihre Bitte vor, indem sie ihm sagte: wenn er nicht sich des Theaters annehme, wenn er nicht in gewissen Stücken mitspiele, so würden sie sich nicht mehr acht Tage erhalten können. Sie stellte es ihm so leicht und tulich vor, als sie nur konnte, war aber doch nicht imstande, ihm ein Versprechen abzunötigen, sondern mußte sich zuletzt mit einer allgemeinen Zusage vertrösten lassen.
Eckermann: Gespräche mit Goethe


Dichtung und Wahrheit

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