> Gedichte und Zitate für alle: Johann Wolfgang Goethe: Wilhelm Meisters Theatralische Sendung (Urmeister): 6. Buch 14.Kapitel

2019-10-17

Johann Wolfgang Goethe: Wilhelm Meisters Theatralische Sendung (Urmeister): 6. Buch 14.Kapitel



Sechstes Buch
Vierzehntes Kapitel

Es ist die Eigenschaft der menschlichen Seele, daß sie sich dann am schnellsten erhebt, wenn sie am stärksten niedergedruckt wird.

Zu denen Lasten, die unserm Freunde auflagen und ihn nach und nach gleichsam eingequetscht hatten, gesellte sich nun der Tod seines Vaters, das Schicksal der Seinigen und preßte sein Gemüt so gewaltsam zusammen, daß er irgendwo einen Ausgang suchen mußte. Bedauren und Schmerz über den Verlust des guten Alten, dessen Existenz mit der seinigen von den ersten Jahren her verwebt war, halb fremdes Gefühl gegen seine Mutter, weniges Interesse am Gewerbe seines Schwagers, seine eigne Fehler, seine Geschichte, alles wendete und kehrte sich auf und nieder und mehr als einmal durcheinander. Endlich fühlte er die ganze Stärke seiner Jugend, schüttelte sich und trat mit einem freien, mutigen Blick vor die Gegenwart, hinter welche sich fröhliche Bilder der Zukunft drängten.

"Da steh ich nun", sagte er zu sich selbst, "nicht am Scheidewege, sondern am Ziele und wage nicht, den letzten Schritt zu tun, wage nicht, es zu ergreifen.

Ja, wenn ein Beruf, eine Sendung deutlich und ausdrücklich war, so ist es diese. Alles geschieht gleichsam bloß zufällig und ohne mein Zutun, und doch alles, wie ich mir es ehemals ausgedacht, wie ich mir’s vorgesetzt. Sehr sonderbar! Der Mensch scheint mit nichts vertrauter zu sein als mit seinen Hoffnungen und Wünschen, die er lange im Herzen nährt und erhält, und doch, wenn sie ihm einst begegnen, wenn sie sich ihm gleichsam aufdringen, erkennt er sie nicht und weicht vor ihnen zurück. Alles, was ich mir vor jener unglücklichen Nacht, die mich von Marianen entfernte, nur träumen ließ, steht vor mir und bietet sich mir selbst an. Hieher wollte ich flüchten, und ich bin sachte hieher geleitet worden; bei Serlo wollte ich unterzukommen suchen, er sucht nun mich und macht mir Bedingungen, die ich als ein Anfänger nicht erwarten konnte. War es denn bloß Liebe zu Marianen, die mich ans Theater fesselte? oder war es die Liebe der Kunst, die mich an sie fester knüpfte? War jene Aussicht, jener Ausweg nach dem Theater bloß einem unordentlichen, unruhigen Menschen willkommen, der ein Leben fortzusetzen wünschte, das ihm die Verhältnisse der bürgerlichen Welt nicht gestatteten, oder war es alles anders, reiner, würdiger? Und wenn so damals deine Gesinnungen waren, welchen Anlaß hast du gehabt, sie zu verändern? und ist jetzo der Schritt nicht viel mehr zu billigen, da er keine Nebenabsichten hat als solche, die niemand zweideutig finden kann?" Er ging nun die Umstände alle wieder durch, die ihn einluden, reizten, drangen, und er fand zuletzt, daß er dazu genötigt sei. Daß er seinen Mignon bei sich behalten könne, daß er seinen Harfner nun nicht zu verstoßen brauche, schienen wichtige Gründe der Entscheidung.

Und doch, wie es in solchen Fällen zu gehen pflegt, wenn sich die ganze Schwere der Überzeugung auf eine Schale gelegt hat, wirft sich auf einmal das ganze Gegengewicht in die andere und hindert den Entschluß. Doch auch dieses fiel für die Sache vorteilhaft aus. "Das erstemal, daß ich das Theater betrat", sagte er zu sich selbst, "ward ich überrascht und hingerissen, auch war es nur ein flüchtiger Versuch; jetzo, da es aufs Leben dauern soll, habe ich Zeit und Muße, alles genug zu überdenken und zu erwägen."

Als er bei sich diese Betrachtungen hin und wider warf, öffnete sich seine Tür, und es traten Aurelie, Philine und Serlo unvermutet herein; es war ein Einfall von Philinen, welchem Serlo gerne folgte, von dem sich Aurelie gleichsam mitziehen ließ, ob sie schon die Urheberin desselben ohnerachtet ihrer Verstellung durch und durch sah und von Herzen haßte. Sie begrüßten ihn auf das freundlichste, und Philine sagte scherzend: "Wir sind gekommen, ein Jawort zu holen." Wilhelm wollte einiges darauf versetzen. "Ein Ja", sagte sie, "oder kein Wort, wir wollen Ihnen gern erlauben zu schweigen, aber wenn Sie den Mund auftun wollen, so sei es, um uns alle glücklich zu machen." – "Ich habe kein Recht", sagte Aurelie, "Sie um eine so wichtige Gefälligkeit zu bitten, aber wenn ich es hätte, so würde ich es gebrauchen, um den mancherlei Gründen, die Sie entscheiden müssen, noch ein größeres Gewicht zu geben; also ein Ja, wenn es möglich ist." – "Ein Ja", sagte Serlo, "ein kleines Wort! Die Unentschlossenheit taugt zu nichts, es ist der schlimmste Zeitverderb! Wenn man einmal seinen Vorsatz gefaßt hat, gibt sich das übrige alles von selbst."

"Ein kleines Ja", sagte Philine schmeichelnd. "Ja denn", versetzte Wilhelm. Aurelie faßte seine noch verbundene Rechte mit einer bescheiden-wahren Freude, Philine ergriff die Linke, und indem sie sich herunterneigte und zugleich schnell die Hand nach ihren Lippen führte, drückte sie einen lebhaften Kuß darauf, dem er nicht wehren konnte; Serlo umarmte ihn froh und treuherzig. Er konnte ihnen nichts wiedergeben, denn er stand wie betäubt in ihrer Mitte und fiel ohngeachtet ihrer Gegenwart in ein stilles Nachsinnen. Seine Gedanken schweiften hin und wider, und auf einmal erfüllte der Waldplatz wieder seine Einbildungskraft. Auf einem Schimmel kam die liebenswürdige Amazone aus den Büschen, nahte sich ihm, stieg ab, ihr menschenfreundliches Bemühen hieß sie gehen und kommen, sie stand, das Kleid fiel von ihren Schultern und deckte den Verwundeten, ihr Gesicht, ihre Gestalt glänzte wieder auf und verschwand.
Eckermann: Gespräche mit Goethe

ENDE

Dichtung und Wahrheit

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