> Gedichte und Zitate für alle: Johann Wolfgang Goethe: Wilhelm Meisters Theatralische Sendung (Urmeister): 3. Buch 10.Kapitel

2019-10-08

Johann Wolfgang Goethe: Wilhelm Meisters Theatralische Sendung (Urmeister): 3. Buch 10.Kapitel



Drittes Buch
Zehntes Kapitel

Den Sonntagmorgen, der auf diese wüste Nacht folgte, hatte Wilhelm größtenteils verschlafen, und er fand sich bei dem Erwachens verstimmt. Sein Vorsatz, abends, wenn die Vorlesung vorbei wäre, noch einzupacken, endlich an Wernern zu schreiben, Postpferde zu bestellen und heute frühe abzufahren, war unerfüllt geblieben. Er zog sich an und dachte nach, was er tun sollte. Mignon kam herein, brachte wie gewöhnlich Wasser und fragte, was er befehle. Der Anblick des Kindes ermunterte ihn, denn es hatte sein weiß und blau seidenes Halstuch umgebunden, hatte sich bei den Komödiantinnen verschiedene Läppchen blauen Taft zusammengebettelt und sie als Aufschläge und Kragen an sein Westchen mit Geschicklichkeit angeheftet, daß es ganz artig ließ. Sie brachte ein Kompliment von der Prinzipalin, die sich das gestrige Stück nur auf diesen Morgen ausbat. Er schickte es mit der Versicherung, daß er bald nachfolgen würde.

Als er hinüberkam, fand er Madame Melina und de Retti beide beschäftigt, sich das Stück, besonders die Szenen der Prinzessin und Königin, vorzulesen. "Wir müssen es spielen", rief ihm die Prinzipalin entgegen, "Sie müssen es uns lassen," Madame Melina schickte ihren besten Blick nach ihm und bat auf das freundlichste. Es war das erstemal, daß die beiden Frauen ganz einig waren. Die Prinzipalin fühlte sich schon ganz in der Rolle der Prinzessin, Madame Melina wünschte sehnlich, die junge Königin zu spielen. Man schlug einen jungen, hübschen Menschen, der sich zu bilden anfing, zum Belsazar vor. Ein gewandter alter Akteur sollte den Eron machen, Daniel ward Herrn Melina zuteil, zur Hofdame fand sich auch eine Aktrice, und die übrigen Rollen waren unbedeutend; außer der Rolle des Darius, wozu Madame de Retti ganz zuletzt und gleichsam mit Scham ihren Liebling, Herrn Bendel, in Vorschlag brachte.

Dieser Mensch, den wir, wenn wir es nicht für unanständig und ein Wortspiel dem guten Geschmacke ungenießbar hielten, kurz und gut Herr Bengel nennen und seinen Charakter und Wesen dadurch mit einem Worte bezeichnen würden, war eine ungeschickte, breite Figur ohne den mindesten Anstand, ohne Gefühl. Er hatte nicht nur keine Eigenschaften des Akteurs, sondern er hatte auch alle Fehler, die einen Schauspieler verwerflich machen. Nur eins zu bedenken, so nudelte er mit der Sprache, wenn wir mit diesem Ausdrucke einen näselnden und durch eine unbehülfliche Zunge schlecht artikulierten Ton bezeichnen dürfen. Kleine Augen, dicke Lippen, kurze Arme, eine breite Brust und Rücken; genug, er hatte vor den Augen seiner Frauen Gnade gefunden. Wir haben uns bisher gehütet, dieser leidigen Figur anders als nur im Vorbeigehen zu erwähnen, und tun es auch hier wider Willen, besonders da er zu großem Verdrusse unsers Helden zum Vorschein kommt.

Der betroffene Schriftsteller wandt verschiedenes gegen diese Person ein, jedoch mit Mäßigung, weil er das Verhältnis kannte, allein er wurde widerlegt, und leider widerlegte ihn die Unmöglichkeit, denn es war niemand bei der Truppe, der diese Rolle besser als er ausgeführt hätte. Man meinte, daß er doch den Grafen Essex mit Beifall gespielt; nur war leider dieser Graf Essex, worin ihn Wilhelm wohl gesehen hatte, ein schwerer Stein auf des jungen Autors Herz.

Man redete so lang und so viel, daß endlich Wilhelm, der alte Hoffer, es doch wieder möglich dachte, daß der Schauspieler durch Fleiß und Mühe bei dieser Rolle sich wieder verbessern könnte, und idealisierte ihn schon in seinem Geiste. Endlich gab er nach, und es ward beschlossen, so bald als möglich an das Werk zu gehen.

Man hatte bei dieser Gelegenheit die ganze Truppe durchgegangen und auch von Mignon und von der Ungeschicklichkeit des Kindes, irgend etwas zu repräsentieren, gesprochen. Wilhelm hatte sie in einigen Stücken gesehen, wo sie kleine Rollen so trocken, so steif und, wenn man sagen soll, eigentlich gar nicht spielte. Sie sagte ihre Lektion her und machte, daß sie fortkam. Er nahm sie zu sich und ließ sie manchmal rezitieren, aber auch da war er auf keine Weise mit ihr zufrieden. Wenn er sie bat, sich anzugreifen, so war ihr Ausdruck auf gemeinen und bedeutenden Stellen gleich angespannt, sie sprach alles mit einer phantastischen Erhebung, und wenn er das Natürliche von ihr verlangte, wenn er sie bat, ihm nur nachzusprechen, begriff sie niemals, was und wie er es wollte.
Dagegen hörte er sie einsmals auf einer Zither klimpern, die mit unter dem Theaterhausrat war. Er sorgte davor, daß sie ordentlich bezogen wurde, und Mignon fing an, in abgebrochenen Zeiten darauf allerlei zu spielen und zu phantasieren, immer, wie gewöhnlich, in wunderbaren Stellungen. Bald saß sie auf der obersten Sprosse einer Leiter mit übereinandergeschlagenen Füßen wie die Türken auf ihren Teppichen, bald spazierte sie auf den Dachrinnen der Hofgebäude, und der klagende Ton ihrer Saiten, zu dem sich auch manchmal eine angenehme, obgleich etwas rauhe Stimme gesellte, machte alle Menschen aufmerksam, staunen und stutzen. Einige verglichen sie einem Affen, andere anderen fremden Tieren, und darinne kamen sie überein, daß etwas Sonderbares, Fremdes und Abenteuerliches in dem Kinde stecke. Man konnte nicht verstehen, was sie sang, es waren immer dieselben oder doch sehr ähnlichen Melodien, die sie nach ihren Empfindungen, Gedanken, Situationen und Grillen verschiedentlich zu modifizieren schien. Nachts setzte sie sich auf Wilhelms Schwelle oder auf den Ast eines Baumes, der unter seinem Fenster stand, und sang auf das anmutigste. Wenn er sich hinter den Scheiben blicken ließ oder sich in der Stube bewegte, war sie weg. Sie hatte sich ihm so notwendig gemacht, daß er morgens nicht ruhen konnte, bis er sie sah, und nachts spät rief er meistens noch nach einem Glas Wasser, um ihr eine gute Nacht zu wünschen. Wenn er seiner Neigung gefolgt hätte, würde er sie als seine Tochter behandelt und sich sie ganz und gar zugeeignet haben.
Eckermann: Gespräche mit Goethe


Dichtung und Wahrheit

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