> Gedichte und Zitate für alle: Johann Wolfgang Goethe: Wilhelm Meisters Theatralische Sendung (Urmeister): 5. Buch 8.Kapitel

2019-10-13

Johann Wolfgang Goethe: Wilhelm Meisters Theatralische Sendung (Urmeister): 5. Buch 8.Kapitel



Fünftes Buch
Achtes Kapitel

Indessen hatte sich das gute Verhältnis des Barons und unsrer Schauspieler ein wenig verschoben. Seine Vorliebe für einige derselben wurde von Tag zu Tage merklicher, und notwendig mußte dies die übrigen verdrießen. Er erhob seine Günstlinge ganz ausschließlich und brachte dadurch Eifersucht und Uneinigkeit unter die Gesellschaft. Melina, der sich bei streitigen Fällen ohnedem nicht zu helfen wußte, befand sich in einem sehr unangenehmen Zustande. Die Gepriesenen nahmen es an, ohne sonderlich dankbar zu sein, und die Zurückgesetzten ließen auf allerlei Weise ihren Verdruß spüren und wußten ihrem erst hochverehrten Gönner den Aufenthalt unter ihnen auf ein- oder die andere Weise unangenehm zu machen, ja, es war ihnen ganz gefunden, als ein gewisses Gedicht, dessen Verfasser man nicht kannte, im Schlosse viele Bewegung verursachte. Bisher hatte man sich immer, doch auf eine ziemlich feine Weise, über den Umgang des Barons mit den Komödianten aufgehalten, man hatte allerlei Geschichten auf ihn gebracht, gewisse Vorfälle ausgeputzt und ihnen eine lustige und interessante Gestalt gegeben. Zuletzt fing man an zu erzählen, es entstehe eine Art Handwerksneid zwischen dem Baron und einigen der Schauspieler, die sich auch einbildeten, Schriftsteller zu sein, und auf diese Sage gründete sich das Gedicht, von welchem wir sprachen und welches lautet wie folget:

Ich armer Teufel, Herr Baron,
Beneide Sie um Ihren Stand,
Um Ihren Platz so nah am Thron
Und um manch schön Stück Ackerland,
Um Ihres Vaters braves Schloß,
Um seine Wildbahn und Geschoß.

Mich armen Teufel, Herr Baron,
Beneiden Sie, so wie es scheint,
Weil die Natur vom Knaben schon
Mit mir es mütterlich gemeint.
Ich ward mit leichtem Mut und Kopf
Zwar arm, doch nicht ein armer Tropf.

Nun dächt ich, lieber Herr Baron,
Wir ließen’s beide, wie wir sind:
Sie bleiben des Herrn Vaters Sohn,
Und ich bleib meiner Mutter Kind.
Wir leben ohne Neid und Haß,
Begehren nicht des andern Titel,
Sie keinen Platz auf dem Parnaß
Und keinen ich in dem Kapitel.

Da man hörte, daß der Prinz sehr über das Gedicht gelacht haben sollte, unterstand sich niemand, es übel zu finden, und der Graf, der immer auf seine Art mit dem Baron zu scherzen pflegte, nahm davon Gelegenheit, ihn jämmerlich zu plagen. Man besann sich, wer der Verfasser davon sein könnte, und der Graf, der niemanden gern im Scharfsinn vorließ, fiel auf einen Gedanken, den er sogleich zu beschwören bereit war: es könne sich nur von seinem Pedanten herschreiben, der ein sehr feiner Pursche sei und an dem er schon lange so etwas gemerkt habe. Um sich ein rechtes Vergnügen zu machen, ließ er deswegen an einem Morgen diesen Schauspieler rufen, und derselbe mußte ihm in Gegenwart der Gräfin, der Baronesse und Jarnos das Gedichte nach seiner Art vorlesen, dafür er vieles Lob, Beifall und ein Geschenk erhielt. Der Graf fragte ihn, ob er nicht sonst noch einige Gedichte von seiner vorigen Zeit besitze, welches dieser mit Klugheit abzulehnen wußte. Genug, der Pedante kam zum Rufe eines Dichters, eines Witzlinges, und in den Augen derer, die dem Baron günstig waren, eines Pasquillanten und schlechten Menschen. Der Graf klatschte ihm immer mehr, er mochte seine Rolle spielen, wie er wollte, so daß der arme Mensch zuletzt wirklich aufgeblasen, ja beinahe verrückt wurde und darauf sann, gleich Philine ein Zimmer im Schlosse zu beziehen. Wäre dieses sogleich angegangen, so möchte er einen großen Unfall vermieden haben; denn als er eines Abends spät nach dem alten Schlosse ging und dunkel in dem engen Wege herumtappte, ward er auf einmal angefallen, von einigen Personen festgehalten, indessen andere auf ihn wacker losschlugen und ihn im Finstern so zerdroschen, daß er beinahe liegenblieb und nur mit Mühe zu seinen Kameraden hinaufkroch, die, so sehr sie sich entrüstet stellten, über diesen Unfall ihre heimliche Freude fühlten und sich kaum des Lachens erwehren konnten, als sie ihn so wohl durchgewalkt und seinen neuen und braunen Rock über und über weiß, als wenn er mit Müllern Händel gehabt, bestäubt und befleckt sahen.

Der Graf, als er es erfuhr, brach in einen unbeschreiblichen Zorn aus. Er behandelte diese Tat als das größte Verbrechen, qualifizierte es zu einem beleidigten Burgfrieden und ließ durch seinen Gerichtshalter die strengste Inquisition vornehmen. Der weißbestäubte Rock sollte eine Hauptanzeige geben. Alles, was nur irgend mit Puder und Mehl im Schlosse zu schaffen haben konnte, wurde mit in die Untersuchung gezogen, jedoch vergebens.

Der Baron versicherte bei seiner Ehre feierlich, daß er, wenngleich diese Art von Scherz ihm sehr mißfallen und die Manier, womit selbst der Herr Graf, den er doch als seinen Freund anzusehen alle Ursach habe, sich bei der Sache betragen, ihm sehr unangenehm gewesen sei, habe er doch geglaubt, darüber hingehen zu müssen, und an dem Unfall, der den Poeten oder Pasquillanten, wie man ihn nennen wolle, betroffen, habe er nicht den mindesten Anteil. Die übrige Bewegung der Fremden und die Unruhe des Hauses brachten bald die ganze Sache in Vergessenheit, und der unglückliche Günstling mußte das Vergnügen, fremde Federn eine kurze Zeit getragen zu haben, teuer bezahlen.
Unsere Truppe, die regelmäßig alle Abende fortspielte und durch die Sorgfalt des Sekretärs sehr wohl gehalten wurde, fing nun an, je besser es ihr ging, desto größere Anforderungen zu machen. In kurzer Zeit war ihnen Essen, Trinken, Aufwartung, Wohnung zu gering, und sie lagen ihrem Beschützer an, daß er für sie besser sorgen und ihnen zu dem Genusse und der Bequemlichkeit, die er ihnen versprochen, verhelfen solle. Ihre Klagen wurden lauter und die Bemühungen ihres Freundes immer fruchtloser.

Wilhelm kam indessen fast gar nicht mehr zum Vorscheine. In einem der hintersten Zimmer verschlossen, wozu niemand als Mignon und dem Harfner der Zutritt erlaubt war, lebte und webte er in der Shakespearischen Welt, so daß er außer sich nichts kannte noch empfand. Man erzählt von Zauberern, die durch magische Formeln eine ungeheure Menge allerlei geistiger Gestalten in ihre Stube herbeiziehen. Die Beschwörungen sind so kräftig, daß sich bald der Raum des Zimmers ausfüllt, die Geister, bis an den kleinen Kreis hinangedrängt, um denselben und über dem Haupte des Meisters in ewig drehender Fortwandlung sich bewegend vermehren. Jeder Winkel ist vollgepfropft, jedes Gesims besetzt, Eier dehnen sich aus, und Riesengestalten ziehen sich in Pilzen zusammen. Unglücklicherweise hat der Schwarzkünstler das Wort vergessen, womit er diese Geisterflut wieder zur Ebbe bringen könnte. So saß Wilhelm, und indem eine so große Bewegung in ihm vorging, wurden tausend Empfindungen und Fähigkeiten rege, von denen er keinen Begriff und keine Ahndung gehabt hatte. Nichts konnte ihn aus diesem Zustande reißen, und er war sehr unzufrieden, wenn ja eins wagte zu kommen, um ihn von dem, was auswärts vorging, zu unterhalten. Er wollte gar nicht hören, als ihm jemand die Nachricht brachte, es sollte in dem Schloßhof eine Exekution vorgehen und ein Knabe gestäupt werden, der sich verdächtig gemacht, als wenn er habe stehlen wollen, und auch, da er den Rock eines Perückenmachers trage, wahrscheinlich mit unter den Meuchelmördern gewesen. Er leugne zwar auf das hartnäckigste, und man könne ihn deswegen nicht förmlich bestrafen, wolle ihm aber nur wegen seiner Unfertigkeiten, da er als ein Vagabund einige Tage in der Gegend herumgeschwärmt, sich des Nachts in den Mühlen aufgehalten, endlich eine Leiter an die Gartenmauer angelehnt und herübergestiegen, einen Denkzettel geben und ihn alsdann weiterjagen. Wilhelm mochte von dem ganzen Handel nichts hören, bis Mignon hastig hereinkam und ihn versicherte, der Gefangene sei der blonde Knabe, der die Händel mit dem Stallmeister gehabt, und dieser, der ihn wiedererkannt, sei gegenwärtig die Haupttriebfeder, daß er so streng behandelt werden sollte.

Wilhelm machte sich eilend auf und fand im Schloßhofe schon Zurüstungen, denn der Graf liebte die Feierlichkeit auch bei dergleichen Fällen gar sehr. Wilhelm trat dazwischen und bat, daß man innehalten möchte, indem er den Knaben kenne und vorher erst verschiedenes seinetwegen anzubringen habe. Er hatte Mühe, mit seinen Vorstellungen durchzudringen, und erhielt endlich die Erlaubnis, mit dem Knaben allein zu sprechen. Dieser versicherte ihn, von dem Überfalle, bei dem ein Akteur sollte mißhandelt worden sein, wisse er gar nichts. Seine Absicht, warum er um das Schloß herumgestreift und des Nachts hereingeschlichen, sei gewesen, Philine aufzusuchen, deren Schlafzimmer er ausgekundschaftet gehabt und es auch gewiß würde getroffen haben, wenn er nicht unterwegens aufgefangen worden wäre. Wilhelm, der aus Patriotismus für die Gesellschaft und aus Gutmütigkeit gegen Philine das Verhältnis nicht gern entdecken wollte, sprach mit dem Stallmeister und bat diesen, nach seiner Kenntnis der Personen und des Hauses diese Angelegenheit zu vermitteln und den Knaben zu befreien. "Ehe ich zugebe", sagte er, "daß dieser Pursche mißhandelt werde, so will ich lieber alles entdecken, was drüben in dem Wirtshause vorgefallen und was den Knaben in der Nacht hiehergeführt. Sie werden um Ihrer eignen Ehre willen am besten tun, wenn es möglich, der Sache eine andere Wendung zu geben." Der Stallmeister ging in sich, versprach und tat es wirklich. Man machte eine kleine Geschichte, daß der Knabe zur Truppe gehört habe, von ihr entlaufen sei, doch wieder gewünscht, sich bei ihr einzufinden und aufgenommen zu werden. Er habe deswegen das Mittel ersonnen, bei Nachtzeit einige, von denen er gewußt, daß sie ihm wohlwollten, aufzusuchen; man bezeugte übrigens, daß er sich sonst gut aufgeführt, die Damen mischten sich drein, und er ward entlassen.

Wilhelm nahm ihn auf, und er war nunmehr die dritte Person der wunderbaren Familie, die Wilhelm seit einiger Zeit als seine eigene ansah. Der Alte und Mignon nahmen ihn als schon bekannt in ihre Mitte und alle drei verbanden sich nunmehr zur Aufmerksamkeit, ihrem Freunde und Beschützer zu dienen und ihm etwas Angenehmes zu erzeigen.
Eckermann: Gespräche mit Goethe


Dichtung und Wahrheit

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