> Gedichte und Zitate für alle: Johann Wolfgang Goethe: Wilhelm Meisters Theatralische Sendung (Urmeister): 4. Buch 15.Kapitel

2019-10-12

Johann Wolfgang Goethe: Wilhelm Meisters Theatralische Sendung (Urmeister): 4. Buch 15.Kapitel




Viertes Buch
Funfzehntes Kapitel

Der Sekretär kam. Es war ein kleiner, hagerer, lebhafter Mensch, einer von denen, welche man damals Freunde der schönen Wissenschaften nannte und die man eigentlich Liebhaber des Unnützen und Mittelmäßigen hätte nennen sollen; denn indem sie den Kreis notwendiger und brauchbarer Kenntnisse verließen, glaubten sie sich dem Schönen und Angenehmen ausschließlich zu übergeben. Allein sie betrogen sich hierinne gar sehr; denn ein jeder, der in sich die Lust fühlte, auch etwas hervorzubringen, liebte nur das Schöne, insofern es in seinem Gesichtskreise lag, und sein Geschmack ergriff gar gerne das Gemeine und Mittelmäßige für etwas Gutes und Vortreffliches, weil er alsdann mit ebendem Rechte seine Geburten zu demselbigen Range erheben konnte, und so beglückten eine große Anzahl Junger und Alter sich mit wechselseitiger Verehrung. Der Sekretär, vor dem sie sich alle fürchteten, vor dem Melina besonders in Ängsten war, er möge als ein Kenner gar bald die schwache Seite des kleinen Haufens entdecken, gar leicht übersehen, daß sie eigentlich keine formierte Truppe seien, indem es fast in jedem vorgegebenen Stücke an den Hauptrollen fehlte, setzte sie gar bald außer aller Verlegenheit, indem er sie mit dem größten Enthusiasmus begrüßte, sich glücklich pries, eine deutsche Gesellschaft so unvermutet zu finden, mit ihr in Verbindung zu kommen und die vaterländischen Musen in das Schloß seines Herrn einzuführen. Er brachte bald nach diesem Willkommen ein Manuskript aus der Tasche und bat sie, eine Komödie, die er selbst verfertiget, anzuhören. Willig schlossen sie einen Kreis und freuten sich, mit so geringen Kosten die Gunst dieses notwendigen Mannes sich befestigen zu können, obgleich ein jeder nach der Dicke des Heftes übermäßig lange Zeit befürchtete. Auch fand es sich wirklich so. Es war ein Stück in fünf Aufzügen von der Art, die gar kein Ende nehmen, dergleichen die Deutschen, wenn es nicht anders ungerechte Vorwürfe flüchtiger, ausländisch gesinnter Geister sind, mehrere haben sollen. Unter dem Lesen hatte jeder Zuhörer Raum genug, an sich selber zu denken und ganz sachte aus der Demut, in der sie sich noch vor einer Stunde fühlten, zu einer glücklichen Selbstgefälligkeit emporzusteigen und von da aus die anmutigen Aussichten zu überschauen, die sich ihnen so unerwartet aufgetan hatten. Der entzückte Schriftsteller verlor auch nichts bei diesen heimlichen Abwesenheiten, denn sie bezeigten ihren Beifall nur desto öfter, und wenn einer ein Stelle als fürtrefflich bezeichnete, fielen die andern im Chorus mit ein.

Der Handel war also bald geschlossen. Er versprach, sie im Wirtshause auszulösen, freie Wohnung und Tafel auf dem Schlosse und zuletzt einen Zuschuß zum Reisegelde, wenn sie wieder abgingen. Die Frauen versicherte er, es werde ohne Geschenke von Kleidern und kleinen Nippes nicht abgehen, so daß alle miteinander gleichsam durch ein Zauberwort zu andern Menschen umgeschaffen wurden. Statt daß sie heute früh sich noch in kriechender Demut herumdrückten, ganz bescheiden ein Glas Bier von dem Wirte forderten, gegen jedermann höflich und behutsam, auch untereinander still und einig waren, so entstand nunmehr ein Rufen, Schreien, Befehlen, Schelten in dem Hause, jeder verlangte etwas Besseres als der andere, verlangte es geschwinder, daß dem Wirte der Kopf herumging und er glauben mußte, seine Hausgesellschaft habe sich um das Doppelte und Dreifache vermehrt.

Frau Melina suchte über Wilhelmen zu gewinnen, daß er mit ihnen gehen sollte, wozu er sich nicht entschließen konnte. "Ich werde wohl meinen Weg endlich für mich nehmen müssen", sagte er zu ihr halblaut, daß es Mignon nicht hören konnte, der ohnweit davon stand und auf das Gespräch heimlich lauerte.
Eckermann: Gespräche mit Goethe


Dichtung und Wahrheit

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