> Gedichte und Zitate für alle: Johann Wolfgang Goethe: Wilhelm Meisters Theatralische Sendung (Urmeister): 2. Buch 7.Kapitel

2019-10-07

Johann Wolfgang Goethe: Wilhelm Meisters Theatralische Sendung (Urmeister): 2. Buch 7.Kapitel



Zweites Buch
Siebentes Kapitel

Schon unter dem Verhör war der Gedanke in Wilhelmen aufgestiegen, er müsse den jungen Gefangenen vormals an einem andern Orte gesehen haben; das Gesicht schien ihm bekannt, das Wesen hingegen fremd; den Namen Melina konnte er sich auf keine Weise erinnern. Indem der Gerichtsdiener ihm die Türe der Verwahrung aufmachte, er hereintrat und den Fremden wieder ins Gesicht faßte, rief er, wie mit einer Art von augenblicklicher Inspiration, aus: "Ei, Herr Pfefferkuchen, sind Sie es, den ich wiederfinde? und ist es möglich, daß ich Sie eine ganze halbe Stunde habe verkennen dürfen?" – "Sind Sie es", rief jener, "mit dem ich das Vergnügen hatte, in M. nebst einigen Kameraden und unserer angenehmen Mariane einen vergnügten Abend zuzubringen? Wahrscheinlich hat meine veränderte Frisur, eine andere Kleidung und ein anderer Name, Sie irregemacht." Wilhelm stutzte und wußte bei sich selbst nicht, welchem von den dreien oder allen zusammen er die Ursache seiner Verblendung geben sollte.

Wenn es uns erlaubt ist, in seine Seele eine Mutmaßung zu wagen, so lag es wohl darin: Jener Pfefferkuchen, den er kannte, war eigentlich ein stumpfer, kurzer, enger Mensch ohne die Grazie des Adels in seinen Bewegungen und Betragen. Sein Wesen war so gemein wie sein Name, und außer einer starken Stimme und einer gewissen Heftigkeit, womit er leidenschaftliche Rollen spielte, war nichts, das ihn einigermaßen ausgezeichnet hätte; und dieses Bild war in Wilhelms Seele geblieben. Melina hingegen, dem er in Ketten begegnete, den er vorm Richtstuhle sah, war durch seinen Zustand in eine stille Traurigkeit versetzt, er rührte die andern, weil er selbst gerührt war, und ein standhaftes Betragen auf dem Gipfel der Gefahr erhöhte sein Wesen einen Augenblick und verbreitete einen edeln Anstand über seine ganze Person.

"Wie sind Sie zu dem ganz fremden Namen gekommen?" sagte Wilhelm. "Er ist so gar entfernt nicht von dem vorigen", antwortete jener. "Namen haben einen großen Einfluß auf die Vorstellung der Menschen. Der meinige gab zu Spöttereien Anlaß, und er war mir selbst zuwider. Weil man auch an verschiedenen Orten Honigkuchen statt Pfefferkuchen sagt, so übersetzte ich ihn Melina, sobald ich Gelegenheit hatte, an einem fremden Orte zum ersten Male aufzutreten." – "Ich zweifle, ob jemand die Etymologie herausfinden werde", versetzte Wilhelm.

Melina (welchen Namen wir ihm nicht mißgönnen wollen) fing darauf an, Wilhelmen seine ganze Geschichte zu erzählen, und dieser brennte vor Verlangen, etwas Näheres von Marianen zu hören, wornach er auch, sobald es sich nur einigermaßen schickte, mit bescheidenen Fragen sich erkundigte. "Unsere Truppe hat sehr viel an ihr verloren", sagte der andere. "Ist sie abgegangen?" versetzte Wilhelm. "Ja", sagte jener, "und zwar auf eine unangenehme Art. Als wir damals von M. weggingen, nahmen wir unsern Weg nach der ***Messe. Mariane war in der letzten Zeit immer traurig gewesen, und so blieb sie es auch im Wagen, wo ich einige Stationen bei ihr saß. Gewöhnliche Streitigkeiten, die bei dem beschwerlichen Transport einer Truppe entstehen, waren ihr gleichgültig, sie ließ sich alles gefallen, sie scherzte und sang nicht wie sonst, und die lächerlichen Zufälle, die einem oder dem andern begegneten, konnten ihr keine freundliche Miene abzwingen. Sie wurde darüber oft berufen, aber auch dies schien ihr weder Unruhe noch Verlegenheit zu machen, wir konnten nichts davon begreifen. Auf einmal hörten wir zu ***, wo wir übernachtet hatten, einen großen Streit zwischen ihr und dem Direktor. Es hatte dieser aus der Stadt, wo wir hinwollten, wie wir nachher erfuhren, einen Brief von den Anverwandten eines jungen Menschen erhalten, mit dem sie in Verbindung gestanden hatte. Der Brief war drohend und erniedrigend für sie und den Direktor, der darüber heftig mit ihr zusammenkam und sie endlich zu dem Entschluß brachte, die Gesellschaft zu verlassen. Sie ging auch wirklich nicht weiter, sondern blieb in dem Wirtshause, das wir verließen, zurück. Da aus dem Briefe sichtbar war, daß unsere alte Theaterschneiderin mit um die Geschichte wußte, so nahm der Direktor, der sie längst gerne los gewesen wäre, diesen Vorwand, um auch ihr den Abschied zu geben. Die beiden Frauens blieben also allein, viele der Gesellschaft bedaurten sie. Ich habe mich in der Folge oft nach ihr erkundigt und nichts wieder von ihr erfahren."

Wilhelm ward über diese Geschichte so nachdenklich, daß er eine ganze Weile nicht zuhörte, als Melina zu der seinigen überging und über das, was ihm geschehen war, sich ausbreitete, vorzüglich aber wegen der Zukunft seine Gesinnungen erklärte. Still und in sich gekehret, starr vor sich hinsehend, stand Wilhelm vor ihm, und jener erklärte diese Abwesenheit für ein nachdenkliches Aufmerken. Wie verwundert war er daher, als Wilhelm zuletzt auf seine Frage: "Glauben Sie denn, daß ich wohl tue und bei diesem Metier besser fahren werde?" aufsehend und ohne sich zu besinnen antwortete: "O ja! Ich bin überzeugt, daß Sie kein besseres erwählen können und daß Ihre Gattin, soviel ich sie kenne, auch auf dem Theater ihr Glück machen wird. Sie hat eine angenehme Gestalt, einen guten Anstand, eine gefällige Stimme und Jugend genug, um sich in einer neuen Laufbahn zu finden."

Unser Freund konnte sich nicht anders denken, als daß der Schauspieler mit seiner jungen Gattin das Theater aufsuchen würde. Es schien ihm ebenso natürlich und notwendig, als daß der Frosch das Wasser sucht. Nicht einen Augenblick hatte er daran gezweifelt, vielmehr glaubte er, das, was ihm seine eigene Seele sagte, von dem andern während seiner Abwesenheit gehört zu haben, der ihm indessen ganz das Gegenteil vorgetragen hatte und mit einiger Verwunderung sagte: "Sie müssen mich nicht verstanden haben, mein Herr, denn ich habe mir vorgenommen, nicht wieder auf das Theater zurückzukehren, vielmehr eine bürgerliche Bedienung, sie sei auch welche sie wolle, anzunehmen, wenn ich nur eine erhalten kann." – "Darum tun Sie sehr übel", versetzte Wilhelm, "es ist schon ohne besondere Ursache nicht ratsam, die Lebensart, die man ergriffen hat, zu verändern, und überdies wüßte ich keine, die Ihnen so viele Annehmlichkeiten darbietet als die eines Schauspielers." – "Man sieht, daß Sie keiner gewesen sind", versetzte jener. Darauf sagte Wilhelm: "Wie selten ist der Mensch mit dem Zustande zufrieden, in dem er sich befindet; er wünscht sich immer den seines Nächsten, aus welchem sich dieser gleichfalls heraussehnet." – "Indes bleibt doch ein Unterschied", versetzte Melina, "zwischen dem Schlimmen und dem Schlimmern. Die Erfahrung, nicht die Ungeduld macht mich so handeln. Ist wohl ein kümmerlicheres, unsichereres und mühseligeres Stückchen Brot in der Welt? Beinahe wäre es ebensogut, es vor den Türen zu betteln. Was hat man von dem Neide seiner Mitgenossen, von der Parteilichkeit des Direktors, von der übeln Laune des Publikums auszustehen! Wahrhaftig, man muß ein Fell haben wie ein Bär, der in der Gesellschaft von Affen und Hunden an der Kette herumgeführt und geprügelt wird, um bei dem Tone eines Dudelsacks vor Kindern und Pöbel zu tanzen."

Wilhelm dachte allerlei bei sich selbst, was er jedoch dem guten Menschen nicht ins Gesicht sagen wollte. Er ging also nur von, ferne mit dem Gespräch um ihn herum. Jener ließ sich desto aufrichtiger und weitläufiger heraus. "Täte es nicht not", sagte er, "daß der Direktor jedem Stadtrate zu Füßen fiel’, um nur die Erlaubnis zu haben, vier Wochen zwischen der Messe ein paar Groschen mehr an einem Orte zirkulieren zu machen! Ich habe den unsrigen, der insoweit ein guter Mann war, oft bedauret, wenn er mir gleich zu anderer Zeit zu Mißvergnügen Ursache gab. Ein guter Akteur steigert ihn, die schlechten kann er nicht loswerden, und wenn er seine Einnahme einigermaßen der Ausgabe gleichsetzen will, so ist es dem Publikum gleich zuviel. Das Haus steht leer, und man muß, um nur nicht gar zugrunde zu gehen, mit Schaden und Kummer spielen. Nein, mein Herr, da Sie sich unsrer, wie Sie sagen, annehmen mögen, so bitte ich Sie, sprechen Sie auf das inständigste mit den Eltern meiner Geliebten! Man versorge mich hier, man gebe mir einen kleinen Schreiber- oder Einnehmerdienst, und ich will mich glücklich schätzen."

Nach noch einigen gewechselten Worten schied Wilhelm mit dem Versprechen, morgen ganz früh die Eltern anzugehen und zu sehen, was er ausrichten könne. Kaum war er allein, so brach er vor sich in diese Worte aus: "Du unglücklicher Melina, der du noch immer Pfefferkuchen heißen solltest, nicht in deinem Stande, sondern in dir liegt das Armselige, über das du nicht Herr werden kannst! Welcher Mensch in der Welt, der ohne innern Beruf ein Handwerk, Kunst oder irgendeine Lebensart ergriffe, könnte er, müßte er nicht wie du seinen Zustand unerträglich finden? Wer mit einem Talente zu einem Talente geboren ist, findet in demselben sein schönstes Dasein! Nichts ist auf der Erde ohne Beschwerlichkeit, nur der innere Trieb, die Lust, die Liebe helfen uns Hindernisse überwinden, Wege bahnen und uns aus dem engen Kreise, worinnen sich andere kümmerlich abängstigen, emporheben. Dir sind die Bretter nichts als Bretter, und die Rollen, was einem Schulknaben sein Pensum ist, und die Zuschauer siehst du an, wie sie sich selbst an Werkeltagen vorkommen. Dir könnte es also freilich einerlei sein, hinter einem Pult über liniierten Büchern zu sitzen und die Zinsen einzutragen, welche hungrige Untertanen bringen. Du fühlst nicht das zusammenbrennende, zusammentreffende Ganze, das allein durch den Geist erfunden, begriffen und ausgeführt wird; du fühlst nicht, daß in den Menschen ein besserer Funke lebt, der, wenn er keine Nahrung erhält, wenn er nicht geregt wird, von der Asche täglicher Bedürfnisse und Gleichgültigkeit tiefer bedeckt und doch so spät und fast nie erstickt wird. Du fühlst in deiner Seele keine Kraft, ihn aufzublasen, in deinem eigenen Herzen keinen Reichtum, um dem erweckten Nahrung zu geben. Der Hunger treibt dich, und der Mangel ängstiget dich, die Unbequemlichkeiten sind dir zuwider, und es ist dir verborgen, daß in jedem Stande diese Feinde lauren, die nur mit Freudigkeit und Gleichmut zu überwinden sind. Du tust wohl, dich in jene Grenzen einer gemeinen Stelle zu sehnen, denn welche würdest du wohl ausfüllen, die Geist und Mut verlangt! Gib einem Soldaten, einem Staatsmanne, einem Geistlichen deine Gesinnungen, und mit ebensoviel Recht wird er sich über das Kümmerliche seines Standes beschweren können. Ja, hat es nicht sogar Menschen gegeben, die von aller Menschlichkeit und Lebensgefühl so ganz verlassen waren, daß sie das ganze Leben und Wesen der Sterblichen für ein Nichts, für ein kummervolles und staubgleiches Dasein erklärt haben? Regten sich lebendig in deiner Seele die Gestalten würkender Menschen, wärmte deine Brust ein teilnehmendes, belebendes Feuer, verbreitete sich über deine ganze Gestalt die Stimmung, die aus dem Innersten kommt, wären die Töne deiner Kehle, die Worte deiner Lippen lieblich anzuhören, fühltest du dich genug in dir selbst, so würdest du dir gewiß Ort und Gelegenheit aufsuchen, dich in andern fühlen zu können."
Unter solchen Worten und Gedanken hatte sich unser Freund ausgekleidet, und er stieg mit einem Gefühle des innigsten Behagens zu Bette und erzählte sich einen ganzen Roman, was er an der Stelle des Unwürdigen morgenden Tages tun würde, welche Phantasien ihn in das Reich des Schlafes sanft hinüberbegleiteten und dort, von ihren Geschwistern, den Träumen, mit offenen Armen aufgenommen, durch sie gestärkt und neu belebt, das ruhende Haupt unsres Freundes mit dem Vorbilde des Himmels umgaben.

Am frühen Morgen war er schon wieder erwacht und dachte seiner vorstehenden Unterhandlung nach. Er überwand gar bald die kleine Verlegenheit, sich ganz fremden Menschen in einer so wichtigen Sache zu nähern. Er kam vor das Haus, und das Herz klopfte ihm für Unruhe. Er trug sein Anbringen bescheiden vor und fand gar bald mehr und weniger Schwierigkeiten, als er sich vermutet hatte. Geschehen war es einmal, und wenngleich außerordentlich strenge und harte Leute sich gegen das Vergangene und nicht zu Ändernde doch mit Gewalt setzen und das Übel dadurch zu vermehren pflegen, so hat es dagegen gewöhnlich auf die Gemüter der Menschen eine unwidersprechliche Gewalt, und das unmöglich Geschienene, das er wirklich sieht, nimmt neben dem Gemeinen seinen Platz ein, wie wir schon oben zu bemerken Gelegenheit gehabt haben. Es war also bald ausgemacht, daß Herr Melina die Tochter heuraten sollte, dagegen sollte sie wegen ihrer Unart kein Heuratsgut kriegen und versprechen, ihr Mütterliches noch einige Jahre gegen geringe Interessen in des Vaters Händen zu lassen. Der zweite Punkt wegen einer bürgerlichen Versorgung fand schon größere Schwierigkeiten. Man wollte das ungeratene Kind nicht vor Augen sehen, man wollte die Verbindung eines hergelaufenen Menschen mit einer so angesehenen Familie, welche sogar mit einem Superintendenten verwandt war, sich durch die Gegenwart nicht beständig aufrücken lassen; man könne ebensowenig hoffen, daß die fürstlichen Kollegien ihm eine Stelle anvertrauen würden. Beide Eltern waren gleich stark dagegen, und Wilhelm, der sehr eifrig dafür sprach, ob er gleich im Grunde dem Menschen, den er geringschätzte, die Rückkehr auf das Theater nicht gönnte und überzeugt war, daß er eines solchen Glückes nicht wert sei, konnte er nichts ausrichten. Hätte er die geheime Triebfedern gekannt, so würde er sich die Mühe gar nicht gegeben haben, sie zu überreden, denn der Vater, der seine Tochter gerne bei sich behalten wollte, haßte den jungen Menschen, weil seine Frau, eh dieser dem Mädchen den Hof machte, selbst ein Auge auf ihn geworfen hatte, und diese konnte in ihrer Stieftochter eine glückliche Nebenbuhlerin nicht vor Augen leiden. Ich führe die Befreiung beider Liebenden, ihre Aufnahme zu Hause und das Ende dieser Geschichte nicht weitläufig aus. Genug, Melina mußte wider seinen Willen mit seiner jungen Braut, die schon größere Lust bezeigte, die Welt zu sehen und sich der Welt sehen zu lassen, nach einigen Tagen abreisen und einen Ort suchen, wo eine Truppe ihre Nahrung fand.
Eckermann: Gespräche mit Goethe


Dichtung und Wahrheit

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