> Gedichte und Zitate für alle: Johann Wolfgang Goethe: Wilhelm Meisters Theatralische Sendung (Urmeister): 6. Buch 2.Kapitel

2019-10-14

Johann Wolfgang Goethe: Wilhelm Meisters Theatralische Sendung (Urmeister): 6. Buch 2.Kapitel




Sechstes Buch
Zweites Kapitel

Nachdem unser Freund verbunden und angekleidet war, eilte der Chirurgus weg, zu ebender Zeit, als ein Bedienter, den die Herrschaft nach dem nächsten Dorfe geschickt hatte, mit einer Anzahl Bauern heraufkam. Sie bereiteten eilig aus abgehauenen Ästen und eingeflochtenem Reisig eine Trage, luden den Verwundeten auf und brachten ihn sachte den Berg hinunter.

Der Harfenspieler half ihnen, der gleichfalls wieder gekommen war; die übrigen Leute schleppten Philinens schweren Koffer, sie schlich mit einigen Bündeln nach, und Mignon sprang bald voraus, bald zur Seite durch die Büsche und blickte sehnlich nach seinem kranken Beschützer hinüber. Dieser lag in seinen warmen Überrock gehüllt ruhig auf der Bahre.

Eine elektrische Wärme schien aus der feinen Wolle in seinen Körper überzugehen, ja sogar ihn in die behaglichste Empfindung zu versetzen. Von seiner ersten Jugend an erinnerte er sich keines so angenehmen Eindrucks, als den die schöne Besitzerin des Kleids auf ihn gemacht hatte, er sah noch den Rock von ihren Schultern fallen, die edelste Gestalt mit Strahlen umgeben vor sich stehen, und seine Seele eilte der Verschwundenen in alle Weltgegenden nach.

So kam der Zug vor dem Wirtshause an, wo die übrige Gesellschaft zum größten Teile sich befand und über ihren Verlust voller Verzweiflung war. Die einzige, kleine Stube des Hauses war von Menschen vollgepfropft; einige lagen auf der Streue, andere hatten die Bänke eingenommen, einige hatten sich hinter den Ofen gedruckt, und Frau Melina erwartete in einer schlechten Kammer ängstlich ihre Niederkunft, die der Schrecken und die üble Behandlung zu beschleunigen drohten. Als die neuen Ankömmlinge gleichfalls herein und Platz nehmen wollten, entstand ein allgemeines Murren, man empfing sie mit Spott und Verdruß, denn man erinnerte sich nur leider zu sehr, daß man auf Wilhelms Rat, unter seiner Anführung den gefährlichen Weg unternommen und sich diesem Unfall ausgesetzt hatte.

Jedermann warf nun die Schuld eines so üblen Ausgangs auf ihn, man widersetzte sich an der Türe seinem Eintritt, man verlangte, er solle anderswo unterzukommen suchen, und Philinen sagte man gar, es werde ihr nichts schaden, wenn sie eine Nacht auf der Gasse zubringen müßte.
Es hätte wohl auch so werden können, wenn nicht der Bediente, dem von seiner schönen Herrschaft ernstlich befohlen war, für die Verlassenen zu sorgen, sich in den Streit gemischt und ihn summarisch abgetan hätte.

Er beteurte mit gewaltigem Fluchen und Drohen, daß er sie alle vor die Türe schmeißen wolle, wenn sie nicht zusammenrücken und den Ankommenden Platz machen würden. Auf diese kräftige Anrede bequemte man sich bald; er bereitete Wilhelm ein Lager auf einem Tische, den er in die Ecke schob. Philine ließ ihren Koffer darnebenstellen und setzte sich darauf; jeder druckte sich, so gut er konnte, und der Bediente begab sich weg, um zu sehen, ob er nicht irgendwo ein bequemeres Quartier für das Ehepaar (dafür hielt er die beiden) ausmachen könne. Kaum war er fort, als das Gemurmel wieder laut zu werden und ein Vorwurf dem andern zu folgen anfing. Jeder erzählte, was er verloren, mit Rückblicken auf die Verwegenheit, durch die man so vieles eingebüßt.

Es fehlte nicht an Schadenfreude über die Wunden unsers Freundes, man enthielt sich nicht, mit innerlichem Grimme Philinen zu verhöhnen und ihr die Weise, wie sie ihren Koffer gerettet, zum Verbrechen zu machen. Aus allerlei Anspielungen und Anzüglichkeiten konnte man schließen, sie habe sich gleich nach der Niederlage und Plünderung gefallen lassen, einen Spaziergang mit dem Anführer der Bande in das Gebüsche zu tun, der ihr dagegen ihre Sachen wieder verschafft. Man machte sich über sittsame Gebärden und Weigerungen lustig, wodurch sie den Schnurrbart ins Feuer gesetzt und ihm einen so hohen Preis abzunötigen gewußt. Sie antwortete nichts und klapperte nur mit den großen Schlössern ihres Koffers, um jene, die sich darüber immer mehr ärgerten, recht von seiner Gegenwart zu überzeugen und die Verzweifelung über ihren eignen Schaden zu vermehren.
Eckermann: Gespräche mit Goethe


Dichtung und Wahrheit

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