> Gedichte und Zitate für alle: Johann Wolfgang Goethe: Wilhelm Meisters Theatralische Sendung (Urmeister): 6. Buch 1.Kapitel

2019-10-14

Johann Wolfgang Goethe: Wilhelm Meisters Theatralische Sendung (Urmeister): 6. Buch 1.Kapitel



Sechstes Buch
Erstes Kapitel

Unsere drei verunglückten Abenteurer waren noch eine ganze Zeitlang harrend und wartend in der seltsamen Lage geblieben, in der wir sie zu Ende des vorigen Buches gelassen haben. Niemand eilte ihnen zu Hülfe, der Abend drohte hereinzubrechen, Philinens Gleichgültigkeit fing an, in Unruhe überzugehen, Mignon lief hin und wider, und die Ungeduld des Kindes nahm mit jedem Augenblicke zu. Endlich, da ihnen der Wunsch gewährt ward und Menschen sich ihnen näherten, überfiel sie ein neuer Schrecken. Sie hörten ganz deutlich, daß ein Trupp Pferde den Weg heraufkamen, den sie auch zurückgelegt hatten; sie dachten nicht anders, als daß es abermals eine Gesellschaft solcher ungebetenen Gäste sein würde, die diesen Waldplatz besuchten, um Nachlese zu halten. Wie angenehm wurden sie dagegen überrascht, als ihnen zuerst aus den Büschen auf einem Schimmel reitend ein Frauenzimmer zu Gesichte kam, die von einem ältlichen Herrn und einigen Kavalieren begleitet wurde. Reitknechte und Bediente folgten nach.

Philine machte zu dieser Erscheinung große Augen, war eben im Begriff zu rufen und die schöne Amazone um Hülfe anzuflehen, als diese schon erstaunt ihre Augen nach der wunderbaren Gruppe wendete, sogleich ihr Pferd lenkte, herzuritt und stillehielt. Sie erkundigte sich eifrig nach dem Verwundeten, dessen Lage in dem Schoße der leichtfertigen Samariterin ihr höchst sonderbar vorzukommen schien. "Ist es Ihr Mann?" fragt sie Philinen. "Es ist nur ein guter Freund", versetzte diese mit einer Art, die Wilhelmen höchst zuwider war. Er hatte seine Augen auf die sanften, stillen, teilnehmenden Gesichtszüge der Ankommenden geheftet, er glaubte nie etwas Liebenswürdigeres gesehen zu haben. Ein weiter Mannsüberrock, der ihr nicht paßte, verbarg ihm ihre Gestalt. Sie hatte, wie es schien, gegen die Einflüsse der kühlen Abendluft dieses Kleid von einem ihrer Gesellschafter geborgt.

Die Ritter waren indes auch näher gekommen und einige abgestiegen, die Dame tat ein Gleiches und fragte mit menschenfreundlicher Teilnehmung nach allen Umständen des Unfalls, der die Reisenden betroffen hatte, nach den Wunden des hingestreckten Jünglings, worauf sie sich schnell umwandte und mit dem alten Herrn seitwärts nach einigen Wagen ging, welche langsam den Berg heraufkamen und auf dem Waldplatz stillehielten.

Nachdem die junge Dame eine kurze Zeit am Schlage der einen Kutsche gestanden und sich mit den Ankommenden unterhalten hatte, stieg ein Mann von untersetzter Gestalt heraus, den sie zu unserm verwundeten Helden führte. An dem Kästchen, das er in der Hand hatte, und an der ledernen Instrumententasche erkannte man ihn bald für einen Wundarzt. Seine Manieren waren eher rauh als einnehmend, doch seine Hand leicht und seine Hülfe willkommen.

Er sondierte genau, erklärte, es sei keine Gefahr, er wolle den Verwundeten so weit verbinden, daß er in das nächste Dorf gebracht werden könne. Jedermann war besorgt, am tätigsten die junge Dame. "Sehen Sie nur", sagte sie, nachdem sie einige Male hin- und hergegangen war und den alten Herrn wieder herbeiführte, "sehen Sie, wie man ihn zugerichtet hat. Und er leidet doch um unsertwillen!" Der Leidende, der es hörte, verstand nicht, was sie damit meinte. Sie ging wie unruhig hin und wider. Es schien, als könnte sie sich nicht von dem Anblick des Verwundeten losreißen und als fürchtete sie zugleich den Wohlstand zu beleidigen, wenn sie stehenbliebe zu der Zeit, da man ihn, wiewohl mit Mühe, zu entkleiden anfing. Der Chirurgus schnitt eben den linken Ärmel auf, als der alte Herr herbeikam und von der Notwendigkeit, den Weg fortzusetzen, sprach. Wilhelm hatte seine Augen auf sie gerichtet und war von ihren Blicken so eingenommen, daß er kaum fühlte, was mit ihm vorging.
Philine war aufgestanden, um der gnädigen Dame die Hand zu küssen, und es war unserm Freunde innig zuwider, daß ein so unreines Wesen jener edlen Natur sich nahen oder sie gar berühren sollte. Die Dame fragte Philine verschiedenes, das Wilhelm nicht erhorchen konnte, endlich kehrte sie sich zu dem alten Herrn, der immer noch mit: einem ganz trocknen Blick dabeistund, und sagte: "Mein lieber Oheim, darf ich auf Ihre Kosten freigebig sein?" Sie zog sogleich den Überrock aus, und man sah, daß es in der Absicht geschah, um ihn dem Verwundeten und Unbekleideten hinzugeben. Wilhelm, den der heilsame Anblick ihrer Augen bisher festgehalten hatte, war erst, als der Überrock fiel, von ihrer schönen Gestalt überrascht. Sie trat näher zu ihm und reichte ihm den Rock, indem sie ihn sanft über ihn hinlegte. In diesem Augenblicke, da er den Mund öffnen und einige Worte des Dankes hervorbringen wollte, würkte der lebhafte Eindruck ihrer Gegenwart so sonderbar auf seine schon angegriffenen Sinnen, daß es ihm auf einmal vorkam, als sei ihr Haupt mit Strahlen umgeben, die sich nach und nach über ihr ganzes Bild ausbreiteten. Der Chirurgus berührte ihn eben unsanfter, indem er die Kugel, welche steckengeblieben war, traf und sie herauszuziehen Anstalt machte. Die Heilige verschwand vor den Augen des Hinsinkenden, er verlor die Kenntnis sein selbst, und als er wieder zu sich kam, waren Reuter und Wagen, die Schöne samt ihrer Begleitung verschwunden.
Eckermann: Gespräche mit Goethe


Dichtung und Wahrheit

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