> Gedichte und Zitate für alle: Johann Wolfgang Goethe: Wilhelm Meisters Theatralische Sendung (Urmeister): 3. Buch 13.Kapitel

2019-10-09

Johann Wolfgang Goethe: Wilhelm Meisters Theatralische Sendung (Urmeister): 3. Buch 13.Kapitel


Drittes Buch
Dreizehntes Kapitel

Das Publikum fing nun an, auf unsern Schriftsteller aufmerksam zu werden. Man zeigte sich ihn einander, daß er es sei, von dem ehestens ein Stück aufgeführet werden sollte, man beschäftigte sich mit ihm in allen Gesellschaften. Er machte die Bekanntschaft vieler Offiziere, Herr von C. brachte ihn in ein Haus, wo eine Dame mit ihren beiden Schwestern das Band eines angenehmen Zirkels war. Sie konnten ihren Gellert auswendig, brachten Rabeners Späße nicht ungeschickt an, sangen Zachariäs Lieder und spielten recht hübsch auf dem Klaviere. Wilhelm war überall gut aufgenommen, weil er sehr bescheiden und doch bei näherer Bekanntschaft treuherzig und lebhaft war. Er befand sich auch recht wohl in dieser neuen Sphäre; nur daß es ihm dabei wie andern jungen Leuten erging. Aus Gutmütigkeit und Biegsamkeit überließ er sich dem herrschenden Tone einer jeden Gesellschaft; in der einen war er sanft, zurückhaltend und unbedeutend, in der andern schwärmte er, mit den Offizieren war er laut und trank auch wohl gelegentlich über die Maßen, welche Abwechselung der Lebensart ihn mit sich selbst in einige Verwirrung setzte.

Der Titel und Inhalt seines Stückes war nunmehr bekannt geworden, mehrere hatten daraus rezitieren hören, einige Liebhaber waren in die Probe geschlichen, man sprach, man urteilte schon von allen Seiten. Die Geistlichkeit wurde aufmerksam, da sie hörte, daß Daniel, der vierte unter den Großen, sollte von einem landstreichenden Komödianten vorgestellet werden. Sie brachten die Sache höheren Ortes an, und in Abwesenheit des Oberamtmanns erging ein Befehl an Madame de Retti, das Stück nicht aufzuführen. Welch ein unerwarteter Fall! welch ein Verdruß! welche Sorge! Herr von C. erfuhr es bald, es ärgerte ihn, und jene Tätigkeit, die er stets für seine Freunde zeigte, war auch hier des Schriftstellers und der Schauspieler Hülfe. Er lief herum, er bewies, überredete. Zum Glücke war Racinens "Athalie" in der Residenz französisch gespielet worden; er zeigte, daß dieses Stück noch viel unverfänglicher sei, indem, obgleich die Geschichte davon in der Bibel stehe, die Schauspieler doch lauter Heiden seien bis auf den einzigen Daniel, welcher ganz vortreffliche moralische Sachen sage. Seine Bemühungen und Gründe, mehr aber noch der Einfluß, den er auf einige verständige und seine Freunde auf unverständige Frauen hatten, brachten diese Sache bald wieder in das Gleis, und das Verbot wurde aufgehoben.

Der Tag war nunmehr angesetzt, und den Abend vorher sollte die letzte Probe sein. Man wollte die Dekorationen und die Kleider auch einmal bei Lichte sehen. Wilhelm lief und rannte den ganzen Tag. Er hatte nicht allein das Theater auf das beste herausstaffiert, sondern er ließ auch das Proszenium und die Logen selbst, die bisher mit armseligen Lappen behängt waren, mit Leinwand, wo es nötig war, beschlagen und mit architektonischen Zieraten bemalen. Er hatte, um die Beleuchtung zu verdoppeln, mehrere Lampen und Plaker angeschafft, und es war ihm dieses Geschäft höchst angenehm und befriedigend, da er alle seine erworbene Kenntnisse und die Ideen, mit denen er sich bisher getragen, überall zum größten Teile anwenden und in Ausübung bringen konnte. Er putzte die Bude so artig heraus, als wenn es eine Christbude gewesen wäre, und gefiel sich so wohl darinne, daß er nicht einmal mittags nach Hause ging, sondern sich das Essen hinaufbringen ließ. Er agierte, rezitierte für sich, machte Plane zu neuen Stücken, und das Herz schlug ihm für Freude und Erwartung, wenn er sich statt der leeren Bänke und Wände so viel übereinander gebaute Köpfe vorstellen konnte.

Abends kam Herr und Frau Melina zuerst und brachten die böse Nachricht, daß Mosje Bendel wieder einen neuen, schweren Anfall seiner Krankheit gehabt hätte. Es habe ihn mit Frost und Hitze angegriffen, das Blut wäre ihm alles nach dem Kopfe gestiegen, und es sei manchmal, als wenn er gar ersticken wolle. Man habe sogleich nach einem Arzte geschickt, der versicherte, es sei ein Übergang wie der vorige auch und habe gar nichts zu bedeuten. Es zeige sich die Wirkung einer Unmäßigkeit, und wenn er sich die Nacht ruhig halte und die verordnete Medizin brauche, so werde er morgen gewiß spielen können. "Sie sind wohl so gut", sagte Madame Melina, "und nehmen heute abend seine Rolle; Sie wissen das Stück ja so, daß Sie es aus dem Kopfe soufflieren könnten, und es ist uns allen ein großer Vorteil, daß Sie die Hauptprobe selbst dirigieren, damit uns die Prinzipalin nicht bald dieses, bald jenes heißt, worüber sie am Ende selbst ungewiß ist."

Die übrigen kamen nach und führten eine gleiche Sprache. Die Musik war auch bestellt. Man suchte schickliche, ernsthafte, prächtige Stücke zwischen die Akte aus verschiedenen Symphonien heraus. Man fing an zu probieren, und Wilhelm, der, um die anderen ins Feuer zu setzen, selbst ins Feuer kam, übertraf sich in Sprache und Spiel. Alle taten das Ihrige, so daß ein jeder mit sich selbst und mit den andern am Ende herzlich zufrieden war.

"Ach, wie anders wird es sein", sagte Madame Melina, "wenn morgen unser schwerer Held auftritt, daß die Bretter knarren und das Theater sich biegen möchte! Wollte doch der Himmel, mein Freund, Sie wären zu dieser Kunst bestimmt und müßten das schöne Talent, das Ihnen die Natur zugegeben, nicht mutwillig verbergen und vergraben!" – "Sie sehen", sagte er, "meine Beste, daß mir leider dahin der Weg verschlossen ist." – "Es scheint nur so", sagte Madame Melina, "ich war in dem nämlichen Falle, es ist nur eine papierne Tüte, die man mit dem Ellenbogen einstoßen kann."

Die Schneider, die mit den Kleidern ankamen, unterbrachen sie, man ging beiseite, man zog sich an, man fand sich schön, nur noch nicht reich genug, es wurde noch mehr Zindel aufzusetzen, noch mehr Flintern anzubringen geboten. Endlich kehrte man nach Hause zurück, und die erste Frage daselbst war, wie sich der Kranke befinde. Man hörte, er schlafe, und es war das erstemal, daß sein Schlafen oder Wachen jemanden außer die Prinzipalin interessieret hatte.
Eckermann: Gespräche mit Goethe


Dichtung und Wahrheit

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