> Gedichte und Zitate für alle: Johann Wolfgang Goethe: Wilhelm Meisters Theatralische Sendung (Urmeister): 3. Buch 6.Kapitel

2019-10-08

Johann Wolfgang Goethe: Wilhelm Meisters Theatralische Sendung (Urmeister): 3. Buch 6.Kapitel



Drittes Buch
Sechstes Kapitel

Um zehn Uhr fand sich Wilhelm auf dem Theater ein, und die ganze Truppe versammelte sich um ihn. Er sah sich um und suchte, ob er eine Gestalt fände, die ihn anzöge, und glaubte bald in diesem, bald in jenem Blicke Teilnehmung zu finden. Madame de Retti, die hereintrat, zog endlich allein seine Aufmerksamkeit auf sich. Ihr ganzes Wesen war männlich, ihr Gang und Betragen stolz, ohne beleidigend zu sein. Die andern stunden als ihre Hofleute um sie herum. Dem Fremden begegnete sie mit Freundlichkeit und Achtung. Während der Probe setzte sie sich zu dem Ankömmlinge, um ihn von theatralischen Angelegenheiten zu unterhalten. Dabei war sie unverwendet aufmerksam auf das Spiel der Akteurs. Den einen ermunterte sie durch einen Scherz, mit dem andern ging sie schon nicht so glimpflich um. Die Neulinge in der Kunst wies sie zurechte und den Eingebildeten sagte sie ein belehrend Wort, ohne sie zu beleidigen oder zu beschämen. In der Stille bedauerte sie gegen Wilhelmen, daß es so wenig Schauspielern Ernst sei, und besonders, daß man sie dahin nicht bringen könne, die Proben wichtig zu traktieren. Ihre Gesinnungen hierüber hörte unser Freund sehr gerne, weil es die seinigen waren. "Ein Schauspieler", sagte er, "sollte nichts Angelegneres haben, als auf das pünktlichste zu memorieren. Schon bei der ersten Probe sollte er seine Rolle ganz auswendig wissen, um alsdann die vielerlei Schattierungen, die sie annimmt, sorgfältig zu studieren. Sein Gehen und Kommen, Bleiben und Stehen, sein Tun und Lassen und jede Gebärde sollte er in den verschiedenen Proben verschiedentlich durchdenken, um sich dadurch des Mechanischen zu versichern, daß er bei der Aufführung sich ganz seinem Herzen, seiner Laune und dem Glück überlassen könnte. Dadurch würde auch eine Mannigfaltigkeit in sein Spiel kommen, daß ein Stück bei mehreren Vorstellungen den Zuschauern immer neu bliebe. Wie verschieden kann der Sänger eine einzige haltende Note, einen einzigen Gang ausdrücken, ohne aus dem Charakter der Arie hinauszugehen, wenn er Methode hat und abwechselnde Manieren mit Geschmack anzuwenden weiß. Ebenso ist es auch mit den Rollen, wo ein eingeschränkter Akteur nur Ketten und Banden, ein kluger und gewandter Schauspieler aber eine freie Laufbahn erblickt."

Madame de Retti war sehr erfreut, die guten Lehren, welche sie so oft ihren Schauspielern und meist vergebens geprediget, aus dem Munde des Dritten zu hören. Das Gespräch wurde lebhafter, und Wilhelm war schon von ihren großen theatralischen Einsichten ganz bezaubert. Man vergaß der Probierenden zu nicht geringem Verdrusse der Madame Melina, die sich unter ihnen befand und die Aufmerksamkeit ihres neuen Freundes von sich abgelenkt sah. Wilhelm war nunmehro ganz in seinem Elemente und fast das erstemal in seinem Leben im Gespräch über seine Lieblingsmaterie mit einer Person, die darinne weit bekannter war als er, die durch ihre Erfahrung das bestätigen, ausbreiten, berichtigen konnte, was er sich in seinem Winkel ausgedacht hatte. Wie vergnügt war er, wenn er mit ihr zusammentraf, wie aufmerksam, wenn ihm etwas Neues aufstieß, und wie sorgfältig im Fragen und im Zergliedern, wenn sie mit ihm nicht einer Meinung war! Sie berief sich im Gespräche auf verschiedene Stücke, die er von ihr und ihrer Truppe sollte aufführen sehen.
Seine Zweifel waren geschwinder als gestern gehoben, er versprach, noch einige Tage dazubleiben, und überlegte bei sich selbst, seine Reise sei ja ohnedies willkürlich und eine Woche auf oder ab würde an denen Schuldforderungen, die nunmehro schon Jahre stehen, nicht viel verschlimmern. Er überließ sich ganz seiner Neigung, und in der Gesellschaft beider Frauen, mit Gesprächen, Lesen, Rezitieren, mit dem Besuche des Schauspieles und der Unterhaltung darüber verstrich eine Woche und noch eine, ehe er es bemerkte.

Ehe der Mensch sich einer Leidenschaft überläßt, schaudert er einen Augenblick davor wie vor einem fremden Elemente; doch kaum hat er sich ihr ergeben, so wird er, wie der Schwimmer von dem Wasser, angenehm umfaßt und getragen, er befindet sich in dem neuen Zustande wohl und gedenkt nie eher an den festen Boden, bis ihn die Kräfte verlassen oder der Krampf ihm droht, ihn unter die Wellen zu ziehen.

Auch ward ihm Mignons Gestalt und Wesen immer reizender. In allem seinem Tun und Lassen hatte das Kind etwas Sonderbares. Es ging die Treppe weder auf noch ab, sondern es sprang, es stieg auf den Geländern der Gänge weg, und ehe man sich’s versah, saß es oben auf dem Schranke und blieb eine ganze Weile ruhig. Auch hatte Wilhelm bemerkt, daß es für jeden eine besondere Art von Gruß hatte, und seit einiger Zeit grüßte sie ihn mit beiden über die Brust geschlagnen Armen. Manche Tage antwortete sie mehr auf verschiedene Fragen und immer sonderbar; doch konnte man nicht unterscheiden, ob es Witz oder Mangel des Ausdruckes war, indem sie ein gar gebrochenes, mit Französisch und Italienisch durchflochtenes Deutsch sprach. In seinen Diensten war es unermüdet, früh mit der Sonne auf; abends verlor es sich zeitig, und Wilhelm erfuhr erst spät, daß es in einer Dachkammer auf der nackten Erde schlafe und durch nichts zu bewegen sei, ein Bett oder einen Strohsack anzunehmen. Er fand sie oft, daß sie sich wusch, und sie war immer reinlich gekleidet, obgleich fast alles doppelt und dreifach an ihr geflickt war.

Man sagte ihm auch, daß sie alle Morgen ganz frühe in die Messe ging, und da er nach einem sehr frühen Spaziergang, den er gemacht hatte, bei der Kirche vorbeiging und hineintrat, so fand er sie in einer Ecke bei der Kirchtüre mit ihrem Rosenkranze knien und sehr andächtig beten. Sie bemerkte ihn nicht, er ging nach Hause und machte sich tausend Gedanken über diese Gestalt und konnte sich nichts Bestimmtes dabei denken.
Eckermann: Gespräche mit Goethe


Dichtung und Wahrheit

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