> Gedichte und Zitate für alle: Johann Wolfgang Goethe: Wilhelm Meisters Theatralische Sendung (Urmeister): 3. Buch 11.Kapitel

2019-10-09

Johann Wolfgang Goethe: Wilhelm Meisters Theatralische Sendung (Urmeister): 3. Buch 11.Kapitel



Drittes Buch
Elftes Kapitel

Die Rollen wurden ausgeschrieben und gelernt. Ein jeder nahm mehr oder weniger Wilhelms guten Rat an, las mit ihm in seiner Gegenwart die Szenen, selbst die Direktrice hörte auf seine Erinnerungen. Man befliß sich einer wahren, gefühlten, starken Deklamation. In kurzer Zeit ward durch diese Einigkeit eine solche Harmonie in das Stück gebracht, daß auch selbst die Proben angenehm und gut zu hören waren. Madame Melina gab sich die größte Mühe, und Wilhelm versäumte nicht, sie in dem Eifer zu unterstützen. Sie konnte ihre Rolle in wenig Tagen auswendig; Wilhelm mußte sie ihr stellenweise vorsagen, sie szenenweise mit ihr spielen, und sie kam dem rechten Ausdrucke ziemlich nahe. Nur freilich war die stille Reinheit, die sanfte Höhe, die innerliche Zärtlichkeit der Königin nicht in ihrem Charakter; es war ein gewisser Ton, eine gewisse gesetzte Rührung, die sie nicht ausdrücken konnte, doch blieb es schon immer sehr viel, und Wilhelm ward täglich zufriedner.

Mit dieser Übereinstimmung der Akteurs untereinander und mit dem Stücke machte die Roheit, die Unart und Albernheit des Mosje Bendels den allerschlimmsten Kontrast. Er war von Natur einbildisch und hatte eine große Meinung von seinem Spiele; diesmal aber war er doppelt und dreifach ungezogen, weil er auf Wilhelmen, für den die Direktrice so viele Achtung bezeigte, eine grimmige und unbändige Eifersucht empfand, die sich manchmal auf eine ungezogene Art und besonders bei dem Lernen und Probieren des Stückes zeigte. Da der leidige Mensch alle Tage trank und kaum des Morgens nüchtern war, so wurde dadurch seine schlechte und wüste Aufführung nur immer unleidlicher. In seinem Verdrusse schüttete er noch mehr Wein in sich und wurde bei seiner übervollblütigen Konstitution etlichemal auf dem Theater von einer Art von Schwindel überfallen, daß man ihn nach Hause bringen und ihm zur Ader lassen mußte. So störete er den Frieden, die Ordnung und die Annehmlichkeit der studierenden und probierenden Gesellschaft, die sich lange nicht so angenehm und einig gefühlt hatte und die bei der Aussicht einer reichlichen Einnahme, die ihr dieses Stück verschaffen sollte, doppelten und dreifachen Eifer zeigte.

Wilhelm machte indessen eine neue Bekanntschaft. In dem Schauspiele hatte er einigemal neben einem Offiziere gesessen und gefunden, daß er mit gutem Geschmacke von den Stücken und den Akteurs urteilte. Er war bisher aus Langerweile manchmal auf die Promenade gegangen, wo dieser Mann gewöhnlich zu ihm trat und sich mit ihm von literarischen Angelegenheiten unterhielt. Mit größter Verwunderung und Anteil fragte er endlich Wilhelmen, ob es wahr sei, daß bald ein Stück von ihm selbst würde aufgeführet werden. Wilhelm gestund es, und jener bezeugte eine freundliche Teilnehmung. Der Offizier war eine von den guten Seelen, die an dem, was andern widerfährt und was andere leisten, einen herzlichen Anteil zu nehmen von der Natur gestimmt sind. Sein Stand, der ihn zu einem harten, trotzigen Geschäfte verdammte, hatte ihn, indem er ihn mit einer rauhen Schale umzog, in sich noch weicher gemacht. In einem strengen Dienste, wo alles seit Jahren in der bestimmtesten Ordnung ging, wo alles abgemessen, die eherne Notwendigkeit allein die Göttin war, der man opferte, wo die Gerechtigkeit zur Härte und Grausamkeit ward und der Begriff von Mensch und Menschheit gänzlich verschwand, war seine gute Seele, die in einem freien und willkürlichen Leben ihre Schönheit würde gezeigt und ihre Existenz würde gefunden haben, gänzlich verdruckt, seine Gefühle abgestumpft und fast zugrunde gerichtet worden. Das unschuldige Vergnügen, das ihm übrigblieb, war die aufkeimende deutsche Literatur. Er war darinne bis auf jede Kleinigkeit bekannt, es wußte, was wir hatten und nicht hatten, er hoffte, er wünschte, und ob er gleich einige fremde Sprachen besaß und ihre besten Schriftsteller las, so gab er doch in seinem Herzen dem engen Haushalte seines Vaterlandes vor jenen Reichtümern den Vorzug, indem er sich ihnen näher fühlte. Er war auf so eine gute Weise parteiisch und versprach sich alles, was er nicht vorzeigen konnte, von dem nächsten Geschlechte. Man konnte ihn einen wahren Patrioten nennen, einen von denen, die in der Stille zur Aufnahme und Aufmunterung der Wissenschaften bei uns, ohne es zu wissen und zu wollen, so vieles beigetragen haben.

Sie gingen manchmal zusammen auf das Billard, manchmal spazieren und wurden einander wechselsweise gar vieles. Wilhelm, der außer dem dramatischen Fache nicht sehr bewandert war, wurde durch ihn in die weiteren Kreise der schönen Literatur hinausgeführt, und es verging kein Tag ohne Nutzen und ohne die Freude einer neuen geistigen Bekanntschaft. Als Herr von C. das Trauerspiel seines jungen Freundes durchlas, war er entzückt und erstaunt. Er gab ihm vor allen, die in deutschen Versen abgefaßt und bekannt waren, den Vorzug und bat ihn, ja auf dem Wege fortzufahren, und wünschte ihm nur mehr Welt- und Menschenkenntnis, um seinen Stücken den echten Wert und das rechte Gepräge geben zu können. "Dieses Stück", sagte er, "so wohl es mir gefällt, ist nur von innen heraus geschrieben, es ist ein einziger Mensch, der fühlt und handelt. Man sieht, daß der Autor sein eignes Herz kennt, aber er kennt die Menschen nicht." Wilhelm gab dies gern und noch mehr zu, schüttete das Kind mit dem Bade aus, ließ sich aber doch ganz gerne widerlegen, als der Offizier den eigentlichen Wert des Stückes mit Kenntnis und Verstand bestimmte.
Eckermann: Gespräche mit Goethe


Dichtung und Wahrheit

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