> Gedichte und Zitate für alle: Johann Wolfgang Goethe: Wilhelm Meisters Theatralische Sendung (Urmeister): 6. Buch 12.Kapitel

2019-10-16

Johann Wolfgang Goethe: Wilhelm Meisters Theatralische Sendung (Urmeister): 6. Buch 12.Kapitel



Sechstes Buch
Zwölftes Kapitel

Unser Freund stand nun zwischen Bruder und Schwester inne, die ihm gleich wert waren und deren jedes eine Hälfte seines Wesens ergriff, nährte und beschäftigte. Das Schicksal Aureliens rührte ihn tief, ohne daß er Zärtlichkeit für sie empfunden hätte, ihr leidenschaftlicher Verstand rief seine Gutmütigkeit aus ihrem kindlichen Taumel zurück und leitete ihn aus der idealischen Welt in die wahre herüber; er erstaunte, indem er sich gleichsam selbst erst gewahr wurde und durch die Vergleichung mit andern auf seinen eignen Platz gewiesen ward. Auch konnte er keinen erwünschtern Lehrer und Führer in seiner Lieblingskunst antreffen, als Serlo war, der nicht allein auf dem Theater wie in seinem eignen Elemente auf das vorteilhafteste erschien, sondern auch über die Kunst, die er von Jugend auf übte, gedacht hatte. Er war im eigentlichsten Verstand auf den Brettern geboren, hatte als Kind schon den Harlekin, der aus dem Ei kriecht, den Amor, der aus einer Wolke kommt, und den allerliebsten Schornsteinfegerjungen mit der kleinen weißen Leiter zum großen Vergnügen des Publikums vorgestellt. Als Knabe übte er seine ersten schelmischen Talente an der Monotonie der übrigen Schauspieler und wußte jeden so vollkommen in Stimme und Wesen und Gebärden nachzuahmen, daß jeder, ob er sich gleich verspottet fühlte, dennoch über ihn lachen mußte. Ein vortreffliches Gedächtnis kam ihm zu Hülfe, er wußte ganze Stücke auswendig, und sein glückliches Naturell fand jeden Ausdruck, nur das Rührende, Herzliche nicht. Unruhe und Furcht vor den Folgen einiger leichtfertiger Streiche trieben ihn, da er kaum vierzehn Jahr alt war, von den Seinigen weg. Wenig verlegen, sein Fortkommen zu finden, wagte er vor Hohen und Niedern, vor dem Volke und vor Kennern ein noch unerhörtes Schauspiel, indem er ganz allein ganze Trauer- und Lustspiele aufzuführen sich unterstand, in jedem Zimmer, in jedem Garten sich aus dem Stegreife ein Theater zurechtzubauen wußte und ohne Illusion der Szene durch glücklichen Vortrag den Zuschauer unterhielt und ergötzte. Alle forcierten Charaktere ahmte er vortrefflich nach, die Stimme der Weiber und Kinder gleichfalls bis zum Betören, und niemand hat wohl besser als er die Karikatur eines jüdischen Rabbinen vorgestellt; den vertrackten Eifer, den sinnlichen, ekelhaften Enthusiasmus, die verrückten Gebärden, das verworrene Gemurmel, das scharftönende Geschrei, die weichlichen Bewegungen und augenblicklichen Anspannungen, die Verschrobenheit eines veralteten Unsinns hatte er so fürtrefflich ergriffen und gab sie in einem solchen Brennpunkte wieder, daß diese Abgeschmacktheit einen jeden geschmackvollen Menschen auf eine Viertelstunde glücklich machen konnte. Er hatte die Gefälligkeit, unsern Freund nach und nach mit allen solchen Kunststücken zu bewirten, und dieser hatte seine außerordentliche Freude daran; denn obgleich dieses alles völlig außer seiner Manier lag, so war es doch das erste, was er im wahren dramatischen Geist und Sinne kennenlernte, und er konnte auch für sich daraus Lehren und Beispiel nehmen.

Es wäre dieses alles fürtrefflich und gut gewesen, wäre nicht Melina mit den Seinigen manchmal als ein böser Geist im Hintergrunde erschienen. Diese Unglücklichen, denen es allenthalben zu fehlen anfing, trauten einige Zeitlang Philinens Worten, auch hatten sie noch nicht ganz aufgegeben, durch sie zu Brote zu kommen, nur setzten sie Wilhelmen schärfer zu, daß er auch das Seinige beitragen solle. Dargegen hatte er seinen Freund Serlo zu bereden gesucht, diesen aber beredete man zu nichts, was nicht zu seinem Vorteile war, vielmehr suchte er nach und nach unserm Freunde begreiflich zu machen, wie schön es sei, wenn er sich selbst entschlösse, auf das Theater zu gehen. Besonders war er dringender nach der Entdeckung, die ihm Philine heimlich gemacht hatte, daß Wilhelm schon einmal gespielt habe und daß es also desto wahrscheinlicher sei, man werde seine Leidenschaft für die Bühne eher nützen und ihn fesseln können. Nachdem auf diese Weise Wilhelm einen ganzen Nachmittag bei Serlo zugebracht hatte, eilte er zu Aurelien, die er auf ihrem Ruhebette fand.

Sie schien stille. "Glauben Sie noch, morgen spielen zu können?" fragte er. "O ja", versetzte sie lebhaft, "Sie wissen, daran hindert mich nichts. Wenn ich nur ein Mittel wüßte, um das Klatschen unsers Parterres abzulehnen, sie meinen es gut und werden mich noch umbringen. Vorgestern dachte ich, das Herz müßte mir reißen. Sonst konnte ich es wohl leiden, wenn ich mir selbst gefiel, wenn ich lange studiert, mich vorbereitet hatte und das willkommene Zeichen, es sei gelungen, von allen Enden widertönte. Jetzo! ich sage nicht, was ich will, nicht, wie ich’s will, ich bin hingerissen, ich verwirre mich, und mein Spiel macht weit größern Eindruck, der Beifall wird lauter, und ich denke: ,Wüßtet ihr, was euch entzückt! daß es die tiefsten Schmerzen der Seele sind, der ihr euer Wohlwollen geschenkt habt!’

Heute früh hab ich gelernt, jetzt wiederholt, versucht und bin müde und zerbrochen, morgen geht es wieder von vorn an, morgen abend soll gespielt werden, und so schlepp ich mich, stehe auf und gehe zu Bette. Alles macht einen ewigen Zirkel in mir; dann treten alle leidige Tröstungen vor mir auf, dann werfe ich sie weg und verwünsche sie. Ich will mich nicht ergeben, warum soll das notwendig sein, was mich zugrunde richtet? Vielleicht könnte es auch anders sein! Ich muß es eben bezahlen, daß ich eine Deutsche bin. Es ist der Charakter der Deutschen, daß sie über allem schwer werden und daß alles über ihnen schwer wird."

"Ja, meine Freundin, wenn Sie es nicht so hart nähmen!"

"Es ist hart genug!" fiel sie ihm ein.

"Bleibt Ihnen denn nichts", versetzte er, "Ihre schönen Tage, Ihre Gesundheit, Ihre Kunst? Wenn Sie ein Gut ohne Ihr Verschulden verloren haben, müssen Sie das übrige alles hinterdreinwerfen? ist das auch notwendig?"

Sie schwieg einige Augenblicke, dann fuhr sie von neuem auf: "Ich weiß es wohl, daß es Zeitverderb ist, nichts als Zeitverderb ist die Liebe! Was hätte ich nicht tun können! tun sollen! Es ist nichts, alles rein nichts geworden, ich bin ein armes, armes, verliebtes Geschöpf, nichts als verliebt! Haben Sie Mitleiden mit mir, bei Gott, ich bin ein armes Geschöpf!" Und nach einer Pause rief sie aus: "Sie sind gewohnt, daß sich Ihnen alles an den Hals wirft, nein, Sie können es nicht fühlen, es ist kein Mann, der den Wert eines Weibes fühlen kann, das sich zu ehren weiß. Bei allen heiligen Engeln, bei allen Bildern der Seligkeit, die sich ein reines, gutmütiges Herz zu erschaffen vermag, es ist nichts Süßeres als eine weibliche Seele, die sich ergibt.

Wir sind kalt, stolz, hoch, klar, klug, wenn wir verdienen, Weiber zu heißen, und das alles – -! Ich will verzweifeln, recht absichtlich verzweifeln! Es soll nicht ein Blutstropfen in mir sein, der nicht gestraft wird, keine Faser, die ich nicht peinigen will.

Lächeln Sie, lachen Sie nur über den theatralischen Aufwand von Leidenschaft!"

Wilhelm fühlte sich weit entfernt von jeder Anwandlung zum Lachen, er war von dem entsetzlichen, halb natürlichen und halb erzwungenen Zustande seiner Freundin aufs innerlichste gepeiniget, er empfand die Folter der unglücklichen Anspannung mit, sein Gehirn zerrüttete sich, und sein Blut war in einer fieberhaften Bewegung.

Sie war aufgestanden und ging in der Stube hin und wider. "Ich sage mir alles vor", rief sie aus, "warum ich ihn nicht lieben sollte, ich weiß auch, daß er es nicht wert ist, ich wende mein Gemüte ab, dahin und dorthin, ich beschäftige mich. Bald nehme ich eine Rolle vor, wenn ich sie auch nicht zu spielen habe, ich übe die alten, die ich durch und durch kann, fleißiger und fleißiger ins einzelne, und übe und übe – mein Freund, mein Vertrauter, welch entsetzliche Arbeit ist es, sich so mit Gewalt von sich zu entfernen!

Mein Verstand leidet, mein Gehirn ist so angespannt, und um mich vom Wahnsinn zu retten, überlasse ich mich wieder dem Gefühle, daß ich ihn liebe – ja, ich lieb ihn! ich lieb ihn!" rief sie unter lauten Tränen, "ich lieb ihn! und so will ich sterben!"

Er faßte sie bei der Hand und bat sie auf das inständigste, sich nicht selbst aufzureiben.
"Oh", sagte er, "wie sonderbar ist es, daß den Menschen nicht allein so manches Unmögliche, sondern auch so manches Mögliche versagt ist! Sie waren nicht bestimmt, ein treues Herz zu finden, das Ihre Glückseligkeit würde gemacht haben. Ich war dazu bestimmt, das ganze Heil meines Lebens an eine Unglückliche fest zu knüpfen, die ich durch die Schwere meiner Treue wie ein Rohr zu Boden zog, ja vielleicht gar zerbrach." Er hatte Aurelien seine Geschichte mit Marianen vertraut und konnte sich also jetzt darauf beziehen.

Sie sah ihm starr in die Augen und fragte: "Können Sie sagen, daß Sie noch niemals ein Weib betrogen, daß Sie keine mit leichtsinniger Beteurung, frevelhafter Galanterie, herzlockenden Schwüren zu Ihren Wünschen zu neigen gesucht?" – "Ich kann es", versetzte Wilhelm, "ohne mich zu rühmen; mein Leben war sehr einfach, und ich bin selten in die Versuchung geraten zu versuchen. Und welche Warnung, meine schöne, meine edle Freundin, gibt mir der traurige Zustand, in den ich Sie versetzt sehe! Nehmen Sie ein Gelübde von mir, das der Natur meines Herzens ganz angemessen ist, dessen Förmlichkeit durch die Rührung, in die Sie mich versetzt haben, geheiligt wird! Jeder flüchtigen Neigung will ich widerstehen und selbst die ernstlichen in meinem Busen bewahren, kein weibliches Geschöpf soll ein Bekenntnis der Liebe von meinen Lippen vernehmen, dem ich nicht mein ganzes Leben widmen kann!"

Sie sah ihn mit einer wilden Gleichgültigkeit an und entfernte sich, als er ihr die Hand zum Gelöbnis reichte, um einige Schritte.

"Es ist nichts daran gelegen", sagte sie: "so viel Weibertränen mehr oder weniger, die See wird darum doch nicht wachsen. Doch", fuhr sie fort, indem sie sich umkehrte, "unter Tausenden eine! das ist doch etwas, von Tausenden ein Redliches, es ist anzunehmen! Wissen Sie auch, was Sie versprechen?"

"Ich weiß es", versetzte Wilhelm lächelnd und hielt seine Hand hin. "Ich nehme es an", versetzte sie – – – Wilhelm hatte die Hand noch ausgestreckt, sie machte eine Bewegung mit ihrer Rechten, und er glaubte, sie würde die seine fassen. Aber schnell fuhr sie in die Tasche, riß den Dolch wie der Blitz heraus und fuhr mit Spitze und Schneide ihm rasch und leicht über die Hand weg; er zog sie schnell zurück, aber schon lief das Blut herunter. "Man muß euch Männer scharf zeichnen, wenn ihr merken sollt", rief sie mit einer Zufriedenheit aus, die aber bald in emsige Hastigkeit überging. Sie nahm ihr Schnupftuch und umwickelte seine Hand damit, um das erste hervordringende Blut zu stillen.

"Verzeihen Sie", rief sie aus, "einer Halbwahnsinnigen und lassen Sie sich diese Tropfen Bluts nicht reuen, sie haben mich wieder zu mir selbst gebracht, auf meinen Knien will ich es abbitten. Ich will Sie heilen, das ist meine Sache." Sie eilte nach ihrem Schranke, holte Leinwand, Pflaster und Geräte, stillte das Blut und besah die Wunde sorgfältig. Der Schnitt ging durch den Ballen gerade unter dem Daumen, teilte die Lebenslinie und lief unter dem kleinen Finger aus; sie verband ihn stille und mit einer nachdenklichen Bedeutsamkeit in sich gekehrt. Er fragte einigemal: "Beste, wie konnten Sie Ihren Freund verletzen?" – "Still!" erwiderte sie, indem sie den Finger auf den Mund legte, "still!"
Eckermann: Gespräche mit Goethe


Dichtung und Wahrheit

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