> Gedichte und Zitate für alle: Johann Wolfgang Goethe: Wilhelm Meisters Theatralische Sendung (Urmeister): 6. Buch 9.Kapitel

2019-10-16

Johann Wolfgang Goethe: Wilhelm Meisters Theatralische Sendung (Urmeister): 6. Buch 9.Kapitel


Sechstes Buch
Neuntes Kapitel

Ihre Unterredung ward durch mehrere Personen unterbrochen, die nach und nach hereinkamen, und zwar waren es Virtuosen und Schauspieler, deren sehr verschiedne Gesinnungen darin übereinkamen, daß ein jeder gerne ganz nach seinem Sinne lebte.

Philibert, ein junger, vortrefflicher Klarinettiste, trat in vollem Verdruß und Eifer herein, daß das Publikum seinem Freunde, einem trefflichen Violoncellisten, wofür er ihn hielt, nicht Gerechtigkeit widerfahren lassen. Es sei sein Freund, rief er aus, und Kabale solle gewiß nicht über ihn Herr werden; er wolle selbst keinen Ton mehr hören lassen, wenn jener nicht auch gehört und bezahlt würde.

Tarconi, ein gelehrter Komponiste, und einige Schauspieler vermehrten die Gesellschaft, und da ein jeder nur von sich selbst zu sprechen gewohnt war, ward das Gespräch bald allgemein, nur daß die Sprünge des Dialogs desto seltsamer schienen. Zuletzt trat Horatio, der beliebte Violinist, herein. Die Größe und Schönheit seiner Gestalt ergötzte jeden, der ihn sah, die Weichheit seines Wesens, mit einem männlichen Anstande verbunden, öffnete ihm die Gemüter, und wenn er gar sein Instrument ergriff, so verzieh man Raffaelen, daß er seinen Apollo statt der Leier mit der Violine vorgestellt habe. In sich gezogen, war er von wenigen Worten, seine ganze Seele schien bloß über den Saiten zu schweben, um den Geist, der in ihnen schlief, zu wecken und ihn zu einer geheimen Unterredung mit dem seinigen einzuladen. Über diesem Gespräch, das er allein mit wenigen Eingeweihten ganz verstund, schmolzen die Herzen seiner Zuhörer, und schon der Widerklang der Harmonie, die ihn ganz ausfüllte, konnte sie glücklich machen.

Auch trat Melina zuletzt auf, an Wesen und Kleidern die ärmlichste Figur, eben als wenn er das Leben der andern, ihre Geschicklichkeit und Unarten, ihren Übermut und Unzufriedenheit, ihre Torheit und Schwächen höchstens nur zu protokollieren imstande sein möchte.

Aber Aurelia schien an allem, was vorging, wenig Anteil zu nehmen, vielmehr führte sie zuletzt unsern Freund in ein Seitenzimmer, und indem sie an ein Fenster trat und den gestirnten Himmel anschaute, sagte sie zu ihm: "Sie sind uns manches über Hamlet schuldig geblieben; ich will zwar meinen Bruder nicht der übrigen guten Sachen berauben, die Sie noch auszuführen haben, lassen wir den Prinzen und sprechen Sie mir von Ophelien."

"Von ihr läßt sich nicht viel sagen", versetzte Wilhelm, "wiewohl mit wenig Zügen von Meisterhand ihre Gestalt vollendet ist.

Reife, süße Sinnlichkeit! Ihre Neigung zu dem Prinzen, auf dessen Hand sie Anspruch machen darf, ist so geradehin sich selbst überlassen, daß Vater und Bruder beide fürchten, warnen. Der Wohlstand wie der leichte Flor auf ihrem Busen kann die Bewegung ihres Herzens nicht verbergen und wird vielmehr selbst ihr Verräter. Ihre Einbildungskraft ist angesteckt, in stiller Bescheidenheit atmet sie Verlangen, Liebe, und wenn die bequeme Göttin Gelegenheit das Bäumchen schüttelt, so fällt die Frucht."

"Und nun", sagte Aurelie, "wenn sie sich verlassen sieht, verstoßen, verschmäht, in der Seele ihres wahnsinnigen Geliebten das Höchste zum Tiefsten verkehrt, da er ihr statt des süßen Bechers der Liebe den bittern Kelch der Leiden hinreicht?"

"Es bricht ihr Herz", versetzte Wilhelm, "das ganze Gerüste ihres Daseins rückt aus seinen Fugen, der Tod ihres Vaters kommt dazu, und das schöne Gebäude stürzt völlig zusammen."

Wilhelm hatte nicht bemerkt, mit welchem Ausdruck Aurelie ihre letzten Worte gesprochen hatte. Wenn von Kunst die Rede war, dachte er nur ans Werk und an dessen Vollkommenheit, nicht an die Würkung, die es auf die Menschen tut, deren jeder nur eignen Schmerz und eigne Freude in dem Schicksale eines andern und in den Bildern der Kunst mit- und nachempfindet.

Noch immer hatte Aurelia ihr Haupt mit ihren Armen unterstützt und ihre Augen gen Himmel gewendet, die sich mit Tränen füllten. Lange hielt sie ihren Schmerz zurück, bis sie ihn endlich nicht länger verbarg. Sie faßte den Erstaunten bei den Händen. "Verzeihen Sie!" rief sie aus, "verzeihen Sie einem geängstigten Herzen! Die Gesellschaft schnürt und preßt mich zusammen, vor meinem unbarmherzigen Bruder muß ich mich zu verbergen suchen. Ihre Gegenwart hat alle Bande aufgelöst.

Mein Freund!" rief sie aus, "seit einem Augenblick erst bekannt und schon mein Vertrauter!" Sie konnte es kaum aussprechen und sank an seine Schulter. "Denken Sie nicht übler von mir", sagte sie schluchzend, "daß ich mich Ihnen so schnell eröffne, daß Sie mich so schwach sehn, sein Sie, bleiben Sie mein Freund! ich verdien es." Er redete ihr mit der freundlichsten Stimme zu, umsonst! ihre Tränen flossen und erstickten ihre Worte.

In diesem Augenblick öffnete jemand die Tür. Sehr unwillkommen trat Serlo herein, und sehr unerwartet Philine, die er bei der Hand hielt! "Hier ist Ihr Freund", sagte Serlo zu ihr und deutete auf Wilhelmen; "er wird sich freuen, Sie zu begrüßen." – "Wie", versetzte Wilhelm erstaunt, "muß ich Sie hier sehen." Mit einem bescheidnen, gesetzten Wesen ging sie auf ihn los, hieß ihn willkommen, rühmte Serlos Güte, der sie bloß auf Hoffnung, ohne ihr Verdienst unter seine treffliche Truppe aufgenommen, und tat gegen Wilhelm selbst zwar freundlich, doch aus einer ehrerbietigen Entfernung. Diese Verstellung währte nicht länger, als die beiden andern zugegen waren. Aurelia ging, ihren Schmerz zu verbergen, weg, und Serlo ward abgerufen. Philine sah erst recht genau nach den Türen, ob sie auch gewiß fort seien, dann hüpfte sie wie törig in der Stube herum, setzte sich an die Erde und wollte für Kitzel und Lachen ersticken. Dann sprang sie auf und schmeichelte unserm Freunde und freute sich über alle Maßen, wie klug sie es gemacht, daß sie vorausgegangen, das Terrain rekognosziert und sich eingenistet.

"Hier geht es bunt zu", sagte sie, "just so wie mir’s recht ist. Aurelie hat einen unglücklichen Liebeshandel mit dem Baron J*** gehabt, der jung, reich, schön und klug sein soll, und er hat ihr ein Andenken hinterlassen, oder ich müßte mich sehr irren. Wenn’s ein Ebenbild ist, muß der Papa allerliebst sein. Sie hat einen Knaben bei sich ohngefähr von drei Jahren, schön wie die Sonne. Ich kann sonst die Kinder nicht leiden, dieser Junge hat mich gefreut. Ich habe nachgerechnet; der Tod ihres Mannes, die neue Bekanntschaft, alles trifft zusammen.

Nun ist der Freund seiner Wege gegangen, seit einem Jahr sieht er sie nicht mehr, und sie ist darüber außer sich und untröstlich. Die Närrin! Der Bruder hat unter der Truppe eine Tänzerin, der er vertraut ist, in der Stadt noch einige, denen er aufwartet, und nun steh ich auch auf der Liste. Der Narr! Von den übrigen", sie sah nach der Tür, "sollst du morgen hören, und nun noch ein Wörtchen von Philinen, die du kennst; die Erznärrin ist in dich verliebt!" Sie schwur hoch, daß es wahr sei, und beteurte fluchend, daß es ein rechter Spaß sei. Sie hat Wilhelmen inständig, er möchte sich in Aurelien verlieben, dann würde die Hetze erst angehen. "Sie läuft ihrem Ungetreuen, du ihr, ich dir und der Bruder mir nach! Wenn das nicht Lust auf ein Halbjahr gibt, so will ich an der ersten Episode sterben, die sich zu diesem vierfach verschlungenen Roman hinzuwirft." Sie bat ihn, er möchte den Handel nicht verderben und ihr die Achtung bezeigen, die sie durch ihr öffentliches Betragen verdienen wollte.
Eckermann: Gespräche mit Goethe


Dichtung und Wahrheit

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