> Gedichte und Zitate für alle: Johann Wolfgang Goethe: Wilhelm Meisters Theatralische Sendung (Urmeister): 1. Buch 13.Kapitel

2019-10-04

Johann Wolfgang Goethe: Wilhelm Meisters Theatralische Sendung (Urmeister): 1. Buch 13.Kapitel





Erstes Buch
Dreizehntes Kapitel

Mancherlei Schicksale zerstreuten die Gesellschaft, die sonst zusammen das kleine Theater belebt hatte. Doch Wilhelm blieb die Wurzel davon, die manchmal wieder ausschlug. Es währte nicht lange, so versammelte er eine Anzahl, ein oder ein paar Stücke wurden aufgeführt, bis die gewöhnlichen Theaterzwiste sie wieder zerstreuten. Wilhelm war der glücklichste Werber und Parteimacher; wo er hinging, folgte seine Theaterwelt ihm nach, wo in Gesellschaft Langeweile war, ersuchte man ihn, einen Monolog zu deklamieren, er tat's, und der Beifall, den er erhielt, war mit dem heimlichen Wunsche eines jeden verknüpft, es auch so machen zu können. Wenn nun der Vorrat von Monologen all war, mußte eins hintreten und die andere Rolle lesen, das gab Anlaß, Szenen zu zweien auswendig zu lernen, damit wurden mehre interessiert, und das Stück war beisammen.

Je lebendiger das Gefühl Wilhelmens wurde, desto mehr fingen ihm die meisten Stücke an zu mißfallen. Er hatte nun den ungeheuren Plunder teutsch- und französischen Theaters durchgelesen und kam immer mehr aus denen Jahren, wo man alles Gedruckte verschluckt, wo man an mittelmäßigen Sachen zwar nicht leicht Freude hat, doch aber alles um etwa einiger Stellen, eines rührenden Endes willen passieren läßt. Er suchte sich jetzo die heftigsten, höchst zärtlichen oder wütenden Szenen aus, und weil er von malerischer Stellung vieles gehört hatte, suchte er seine Deklamation mit mannigfaltigen Gebärden zu begleiten, die ihm nicht übel gelangen, weil er gut gebaut und von beweglichen Gliedern war, auch von Natur einen edeln Anstand hatte. Doch konnte es nicht fehlen, daß meist der Ausdruck etwas gewaltsam schien und die Zuschauer mehr ängstigte und in Verlegenheit setzte als vergnügte. Dabei muß nicht vergessen werden, daß in müßigen Stunden das Erstechen, Totniederfallen und verzweiflungsvolle Hinstürzen eifrigst geübt wurde; er brachte es auch wirklich so weit, daß nicht leicht ein Schauspieler die aufsteigende Abwechslung von zweiunddreißig Leidenschaften in einem Monolog stärker ausgeführt hat.
Eckermann: Gespräche mit Goethe


Dichtung und Wahrheit

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