> Gedichte und Zitate für alle: Johann Wolfgang Goethe: Wilhelm Meisters Theatralische Sendung (Urmeister): 3. Buch 12.Kapitel

2019-10-09

Johann Wolfgang Goethe: Wilhelm Meisters Theatralische Sendung (Urmeister): 3. Buch 12.Kapitel



Drittes Buch
Zwölftes Kapitel

Madame Melina ließ unsern jungen Dichter nun gar nicht los. Sie war klug genug zu sehen, wie vielerlei Vorteile sie von ihm ziehen könne. Im Trauerspiele hatte man sie bisher mit Gleichgültigkeit aufgenommen, sie hoffte, diesmal glücklicher zu sein. Er probierte gewöhnlich mit ihr alle Tage, und sie schien von der Art, wie er den Darius machte, ganz entzückt.

Mignon setzte sich meistenteils in eine Ecke, wenn sie rezitierten, und war überhaupt immer gegenwärtig, wenn Wilhelm las oder deklamierte, verließ ihn nicht mit den Augen und schien sich selbst zu vergessen. Sie verlangte manchmal von Wilhelm eine Lektion zum Auswendiglernen, die er ihr denn auch, meistenteils aus seinen eigenen Stücken, gab. Sie lernte auch geschwind, nur wollte die Rezitation nicht geschickter werden.

Eines Tages, da Wilhelm und Madame Melina geendigt hatten und über verschiedene Verse sprachen, fragte das Kind, ob es seine Rolle aufsagen dürfe. Man erlaubte es ihm, und es fing folgende Stelle aus der "Königlichen Einsiedlerin", die er ihr gestern abgeschrieben hatte, sehr pathetisch vorzutragen an. Er ging in der Stube hin und her, ohne sonderlich auf sie achtzuhaben, indem er an etwas anders dachte.

Heiß mich nicht reden, heiß mich schweigen,
Denn mein Geheimnis ist mir Pflicht.
Ich möchte dir mein ganzes Innre zeigen,
Allein das Schicksal will es nicht.
Zur rechten Zeit vertreibt der Sonne Lauf
Die düstre Nacht, und sie muß sich erhellen,
Der harte Fels schließt seinen Busen auf,
Mißgönnt der Erde nicht die tiefverborgnen Quellen.
Ein jeder fühlt im Arm des Freundes Ruh,
Dort kann die Flut der Klagen sich ergießen;
Allein mir drückt ein Schwur die Lippen zu,
Und nur ein Gott vermag sie aufzuschließen.

Wilhelm merkte nicht auf, wie sie die ersten Verse vortrug, doch da es an die letzten kam, sprach sie solche mit einer Emphase von Innigkeit und Wahrheit aus, daß er aus seinem Traume geweckt wurde und es ihm klang, als wenn ein anderer Mensch redete. Er war eben im Auf- und Abgehen weggewendet, er fuhr schnell herum, sah das Kind an, das, nachdem es geendiget hatte, sich wie gewöhnlich beugte.

Wilhelms Plan, mit dem er sich beruhigte, war nunmehr gemacht. Er hatte sich entschlossen, die Aufführung seines Stückes abzuwarten, alsdann sogleich zu reisen und sich bei Wernern über seinen bisherigen Aufenthalt zu entschuldigen.

Man ging immer weiter und überlegte, was man, um dem Stücke sein Recht anzutun, für Kleidungen und Dekorationen nötig habe. Unser Offizier half zu Büchern und Reisebeschreibungen, woraus man die orientalischen Trachten am besten wählen könnte. Von anständigen tragischen Dekorationen war auch wenig da, und obgleich das Theater nur einigemal verändert ward, so mußte doch auch dafür gesorgt werden, und, wie natürlich, fiel auch hier die Last auf den guten Dichter. Der mußte für Stoff und Zindel, Leinwand und Farbe, für Schneider und Maler stehen, und er begnügte sich mit dem Versprechen, das ihm auch bisher nicht viel gefruchtet hatte, man wollte ihn aus der zu hoffenden Einnahme sogleich entschädigen, indes sollten ihm die anzuschaffenden Bedürfnisse mit dem übrigen als Pfand verschrieben sein. Es ruckte alles näher und näher zusammen; sogar hatte man die gewöhnlichen Musikanten bei einem solchen Feste zu spielen für unwürdig gehalten, und die Regiments-Hautboisten erhielten die Erlaubnis, ihre Stelle gegen gute Bezahlung einzunehmen.
Alle diese schöne Aussichten wurden durch die einige und leidige Gestalt des bengelhaften Darius bei jeder Probe gestört. Wilhelm tat alles mögliche, um den Vorhang des Selbstbetrugs, der ihm sonst selten versagte, vor die Augen zu ziehen; bald hoffte er, es würde der Mensch in einer schönen Kleidung sich besser ausnehmen, er hoffte, die Stärke der Harmonie, worinne die andern spielten, würde ihn mit hinreißen, er tröstete sich sogar mit der Erwartung eines Wunders, das vielleicht am Abende der Aufführung die harte Schale dieser Natur sprengen und noch eine angenehme Gestalt zum Vorschein bringen könnte, er verließ sich zuletzt auf die Beleuchtung und auf die Schminke, er nahm alle natürliche und unnatürliche Möglichkeiten zum Trost und Hülfe; vergebens! sobald jener den Mund auftat, ward alle Illusion zerstört, und wenn er einesteils jenen Tag mit großer Sehnsucht erwartete, so war es ihm ein Schröcken, wenn er in Gedanken jene verstimmende Natur hereintreten sah.
Eckermann: Gespräche mit Goethe


Dichtung und Wahrheit

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