> Gedichte und Zitate für alle: J.Wolfgang von Goethe- [Aumann gegen Aumann] (25)

2019-10-29

J.Wolfgang von Goethe- [Aumann gegen Aumann] (25)



[Aumann gegen Aumann] 

Frankfurt, 28. Oktober 1774

Wohl- und HochEdelgeborne Gestrenge Fest und Hochgelahrte Hochfürsichtige und Hochweise Herren; Großgünstig Hochgebietend und Hochgeehrteste Herren Gerichts Schultheiß und Schöffen! Da ich einmal das traurige Schicksal gehabt nach dem Tödlichen Hintritt meines Sel. Mannes durch die inkorrigibele Liederlichkeit meines Sohns in anhaltende Betrübnis versetzt zu werden, so wäre es meinem mütterlichen Herzen die vorzüglichste Besorgnis, seine Schande vor den Augen der Welt zu verbergen, und da ich ihn nicht zu einem tüchtigen Bürger machen konnte, ihm wenigstens den Schein davon, durch mein stilles in mich gekehrtes Betragen, vor den Menschen zu erhalten; Allein auch diese Letzte meine Bemühung hat er wie alle meine vorigen fruchtlos gemacht.

Schon mehr als einmal hat er mich durch verdrüßliche Klagen und Händel beunruhiget, und jetzo erfrecht er sich sogar Ew. HochAdel. Gestrengen und Herrlichkeiten p mit den Ehr und Pflichtvergessensten Vorspiegelungen gegen mich einnehmen zu wollen. Ich sehe mich daher zu meiner Selbstverteidigung genötigt, Hochdero Richterlichem Auge das bisherige Verhältnis zwischen uns, auf das treuste und mit glaubhaftigen Bescheinigungen vorzulegen, damit Hochdieselben sogleich in den Stand gesetzt werden, zwischen einer auf das Wohl ihrer Kinder aufmerksamen, von würdigen Freunden beratenen, um ihren guten Namen besorgten Mutter, und einem ungeratenen Sohne zu entscheiden, der alle seine Pflichten von jeher verkannt, nur den Eingebungen seines verderbten Herzens und nichtswürdiger Ratgeber gefolgt, und sich dadurch den Abscheu aller redlich gesinnten und Tugendhaften Personen zugezogen.

Zuvörderst sehe ich mich denn also genötiget, den bisher geführten Lebenslauf meines Sohns der zwar kundbar genug ist Ew. HochAdel. Gestrengen und Herrlichkeiten mit inniger mütterlicher Betrübnis vorzulegen. Es gibt dieses Gewebe von Unordnung und unerhörten Bezeigen, den besten Aufschluß zu seiner jetzigen Klage gegen mich.

Mein Mann Sel. hatte denselben bei die Herrn Gebrüder Ettling auf 7. Jahre getan um die Handlung ordentlich zu erlernen.

Der Vater starb, als ein Jahr dieser Zeit verflossen war, wo er sich denn auf das unordentlichste und ungeziemendste aufzuführen anfing, ich kaufte 2. Jahre an der Lehrzeit ab, bezahlte vor das verflossene 100 Rt. in der Hoffnung er würde nunmehro die übrigen sich eines bessern Betragens befleißigen; allein vergebens! er machte den Anfang seines künftigen Wandels mit dem Tollkühnen Schritte, daß er seinen Prinzipalen entlief, mit Handwerkspurschen herum irrte, und den Vorsatz gefaßt hatte, sich unter die Soldaten zu begeben. Meine mütterliche Liebe die ihm solches Vergehen auf Rechnung des jugendlichen Leichtsinnes schrieb, suchte sogleich dem Vergangenen zu remedieren, und künftigen größern Übeln zuvorzukommen.

Ich ließ ihn also durch den Handelsmann Herrn Müller aller Orten aufsuchen, der ihn dann zuletzt, als er ihn in Mannheim angetroffen, mit einem Aufwand von 120 fl. zurückgebracht. Ihn in ein regelmäßiges Gleis zu leiten, und die vergangene Versäumnis wieder einzubringen, tat ich ihn zu dem Herrn Handelsmann Mappes nach Mayntz, wo er drei Jahre dergestalt zubrachte, daß er mich mit dem Lehrgelde 1500 fl. zu stehen käme. Nun glaubte ich es sei Zeit auch dieser vielen Kosten und Beschwernis Frucht an ihm einigermaßen einzuernten, ich nahm ihn zu mir, wo er denn bald alle meine gefaßte Hoffnung aufs neue vereitelte, und ein solches Leben führte, daß ich um ihn von den traurigen Folgen seiner Unordnung zu befreien, dem Herrn Doktor Nordmann Sel. ein Konto von 10 Carolinen zu bezahlen hatte.

Es lieget dasselbe in Copia sub Lit. A. hiebei, und da es ohne Namen des jungen Menschen der die Kur gebraucht verfasset worden, so beweiset der gleichfalls kopeilich sub B. beigehende Brief meines Sohnes, daß er dieselbe Person seie, auf die sich gedachtes Papier beziehet. Wie man denn die originalien erforderlichen Falls darzulegen erbötig ist.

Anstatt sich auch dadurch warnen zu lassen, trieb er seine alte Streiche Täglich schlimmer fort, so daß ich mich neuerdings genötigt sah, ihn der Aufsicht eines verständigen und wohldenkenden Handels- Herrn zu übergeben, wozu ich denn den Herrn Brentano in Amsterdam erwählte. Nun hoffte ich würde des Kummers ein Ende sein, die Jugend Ausschweifungen verraucht, und ich traute ihm so viel Besinnlichkeit zu, daß er die noch übrigen Jugendjahre zu seinem Besten, und zum Ersatz des mir verursachten Verdrusses gehörig anwenden würde. Herr Brentano, der als ein Verständiger und ernsthafter Mann bekannt ist, tat Vatertreue an ihm, suchte ihn durch die besten Vorstellungen sowohl als durch fleißiges Anhalten auf bessere Wege zu bringen, doch trieb er es durch seine, besonders in großen Handelshäusern höchst verabscheute Unordnung, so weit, daß gedachter Herr einen Brief, nach dem andern hierher gelangen ließ, worin er mir anlag, ihn von diesem unnützen und verderbten Menschen zu befreien. Aus beigehendem Adjuncto eines dieser Briefen sub Lit. C, dessen original man gleichfalls, wie auch die übrigen dieses Inhalts zu produzieren erbötig ist, geruhen Ew. HochAdel. Gestrengen und Herrlichkeiten p ohnschwer zu ersehn wie in gegenwärtiger Erzählung nicht die geringste Animosität, vielmehr die lautere Wahrheit herrsche; Ich mußte mich also bequemen auch seinen dortigen Aufenthalt abzubrechen. Er hatte nicht länger denn ein halbes Jahr ausgehalten, und mich während der Zeit noch über das Kostgeld, welches ich Herrn Brentano besonders vergüten müssen, 400 fl. gekostet.

Er kam nunmehro zurück, und ich glaubte daß ich ihn wenigstens in meinen eigenen Geschäften, die dereinst die seinigen werden sollten, würde brauchen können.

Ich stellte ihm vor, wie durch seine Beihülfe mir mein Witwenstand vorzüglich könne erleichtert werden, und wie es seine Pflicht sei, sich eine Kenntnis des Vermögens, das ihm künftig werden sollte, vor der Zeit zu erwerben. Und somit übergab ich ihm die Führung meiner Bücher, die Besorgung der Kapitalien, sagte ihm dafür eine Buchhalter Besoldung zu, versicherte auch, es an einem mütterlichen Rekompenz, bei wohl geführter Arbeit nicht ermangeln zu lassen; Wie mir es aber möge zu Mute gewesen sein, da mir auch diese Aussicht gehemmet wurde, mögen Ew. HochAdel. Gestrengen und Herrlichkeiten p selbst ermessen. Durch Versäumnis und Unordnung wären meine Geschäfte gänzlich zerrüttet worden, wenn ich nicht am Ende des Jahres schleunig die Verwaltung von ihm genommen, und meinem ehemaligen Buchhalter Herrn Müller wieder übergeben hätte, der solche wieder zurecht zu bringen viele Beschwernis gehabt.

Und eben dieser untaugliche und unordentliche Verwalter wagt es gegenwartig mich bei Ew. HochAdel. Gestrengen und Herrlichkeiten p anzuklagen, als habe ich ihm keine Einsicht in das Vermögen gestatten wollen. Wäre es seine Absicht gewesen, dasselbe kennen zu lernen, sich in der Verwaltung zu üben; so brauchte er nur die erforderliche Treue und Fleiß anzuwenden, und es hätte ihm nichts verborgen bleiben können. Aber ihm hat von jeher das zu hoffende ansehnliche Väterliche Vermögen den Kopf verdreht, er glaubte daß zur Erhaltung des einmal erworbenen Gutes, keine Anstrengung, keine Geschicklichkeit nötig sei, auch hat er sich niemals um Geld und Gut anders bekümmert, als wie er solches zu seiner Verschwendung habhaft werden möchte.

In Rücksicht auf diesen seinen moralischen Charakter muß derjenige Ausdruck erklärt werden, dessen ich mich gegen seine Frau bedienet, und den er in seiner Schrift zum Beweis meiner treulosen Gesinnung gegen ihn aufführt. Einschaltungsweise will ich hier, damit auch Ew.HochAdel. Gestrengen und Herrlichkeiten p nicht die geringste Spur von Verdacht übrig bleibe, auch dieses sein Anbringen obgleich solches eine Kleinigkeit betrifft, in seine Blöße darstellen.

Nicht wie er vorgibt habe ich mich gegen seine Frau herausgelassen, ich habe nicht gesagt: Sie vermeinet zwar an ihm eine reiche Partie überkommen zu haben, am Ende wird es sich aber ganz anders ergeben; sondern ich gebrauchte gegen sie den Sprüchwörtlichen Ausdruck: Sie vermeint an meinem Sohn einen fetten Fisch zu fangen, es wird ihr aber übel aufstoßen. Wodurch ich ihr zu verstehen geben wollen, daß Sie durch den Leichtsinn und Verschwendung meines Sohnes gar öfters in verdrüßliche Umstände geraten würde, nicht weniger, daß es meine mütterliche Pflicht seie sie so viel mir möglich in Zaum und Ordnung zu erhalten.

Ich kehre zu meiner Geschichtserzählung zurück, da denn nachdem ich die Führung meiner Bücher wieder von ihm genommen hatte, seine Unruhe und Unmut nur desto heftiger fortdauerte, daß ich mir nicht zu helfen wußte, als ihm auf Anraten guter Freunde ein eignes Wesen anzuschaffen; Ich kaufte darauf das Haus in der Fahrgasse zum Jacobs-Segen genannt, zahlte davor 15 500. Gulden, in Carolinen, ließ ihn auf sein dringendes Anhalten majorennisieren, verschaffte ihm von Herrn Brentano in Amsterdam vor 4000 fl. Waren, kaufte ihm vor 300 fl. Meubles, ohne die, die ich aus meiner Behausung hinzugegeben.

Nun war er völlig etabliert und gleich darauf ging er mit den Gedanken um zu heuraten, es war mir auch dieses angenehm, denn ich, die ich des Hoffens nicht müde wurde, stellte mir vor, daß eine vernünftige sittliche Frau zu seiner künftigen Ordnung und Wohlstande den Grund legen würde, und somit wünschte ich, daß sein Absehen auf eine hiesige Bürgers Tochter gerichtet sein, und seine Wahl zu meinem Vergnügen ausschlagen würde: Allein um allem vergangenen Übel das größte und unersetzlichste hinzuzufügen, wendete er sich an eine Person deren niedrige Denkungs-Art mir schon so hinlänglich bekannt war, daß ich mich auf mein Gewissen nicht getraute, meinen mütterlichen Konsens zu solcher Verbindung zu geben. Er versprach sich daher heimlich mit ihr, fragte erst nachhero laut seines hiebei sub Lit. D. kopeilich geschloßnen Schreibens, um meine Einwilligung an, und da ihm diese versagt wurde, verklagte er mich bei dem Vikariate zu Mainz, und wie solche Sache dahier an ein Hochwürdiges Konsistorium gediehen, durch welch ungestümmes Bezeigen er mir zuletzt noch meinen Konsens abgedrungen, ist zu Stadtkundig, als daß ich darüber viele Worte machen sollte. Nur muß ich noch einge Zeugnisse deren Hochwürdigen Herrn Dechanten Amos und von Habermann sub Lit. Ea et Eb beilegen, welche sein und mein Betragen in ein genügsames Licht setzen.

Ohnerachtet alles dieses gab ich ihm zu dieser Heurat laut seines eigenen Scheins 1750 fl. bar, nicht weniger 100 fl. vor einen Jungen zu halten. Weiter bin ich ihm bei Herrn Barrozzi vor 4000 fl. gut geworden, wovon ich die Interessen bereits zwei Jahren mit 400 fl. bezahlt. War es nunmehro schlimm, so wurde es durch die Gesellschaft seiner Frau noch Täglich schlimmer. Nicht genug daß Sie beide ihr Hauswesen gänzlich verabsäumen, als Handelsleute bis zum Mittage schlafen, während welcher Zeit das Gesinde in dem Laden nach Belieben schaltet und waltet, sondern sie feinden mich auch auf die unschicklichste Weise, weilen ich ihnen ihr Leben mütterlich vorgehalten, an, belegen mich mit Schimpf und Schmach, dem besonders meine höchst ungezogene und niederträchtige Schwieger Tochter kein Ziel zu setzen weiß.

Sie ist eigentlich die gegenwärtige Hauptursache zur Verhetzung meines Sohnes, sie, die sich eigentlich einbildete, es würde hier gleich wie in ihrem Vaterlande gehalten, wo bei Verheuratung eines Kindes die Mutter ihm das Väterliche herauszugeben sogleich schuldig ist, und auch so einen fetten Fisch zu fangen gedachte, sahe sich gar sehr in ihrer Hoffnung betrogen, und will wenigstens nunmehro da mir der Beisitz nicht zu rauben stehet, durch Verfertigung eines Inventarii, und Bekanntmachung des Vermögens, sich Kredit zu neuen Ausschweifungen erwerben.

Dies ist also der Sohn der gegen mich klagt, dies ist sein bescheinigter Lebenswandel, dies seine Stadtkündige Aufführung.

Welcher Kummer muß eine Mutter überfallen, wenn sie mit Zuversicht auf ihre gute Sache, vor einen gerechten Richter hinzutreten genötigt ist, und ihm alle Mitbürger, die nur einige Kenntnis von ihrem Sohne haben, als Zeugen seiner Liederlichkeit und Ungezogenheit aufführen darf. Und er mag sich unterstehen mich einer Abneigung gegen ihn zu beschuldigen. Wie viel 100 Eltern haben bei weit geringern Vergehen sich von ihren Kindern abgewandt, und er darf mich, die ich ihm unzähligmal verziehen, ihn unzähligmal in Hoffnung der Besserung eingelöst und aufgenommen, einer Härte anklagen; Oder muß ich mir nicht vielmehr Vorwürfe machen, daß ich ihn zu seiner Verschwendung schon so viel hingereicht. 

Er hat ohne die Meubles schon laut seiner eigenhändigen Scheine 10 000 fl. hinweg, und es wäre unverantwortlich ihm zum Behufe seiner Verschwendung noch was weiter anzuvertrauen.

Was nun aber mein Betragen nach dem Tode meines sei. Mannes betrifft, so muß ich solches ohne Ruhmredigkeit Ew. HochAdel. Gestrengen und Herrlichkeiten p geziemend vorlegen.

Was hat eine Mutter lieber als ihre Kinder, und wofür ist Sie besorgter als ihnen nach ihrer Kenntnis die beste Erziehung zu geben, und sodann ihr dereinstiges Vermögen auf das möglichste zu verwalten, und durch gute Haushaltung zu vermehren. 

Was ich an meinem ungeratenen Sohne getan habe, ist genugsam aus dem vorhergehenden zu ersehen, und niemand wird mir absprechen daß ich mit der unverdrossensten Liebe gehandelt. Meine Tochter, die zur Freude meiner alten Tage, in allem Guten heranwächst, wird gegenwärtig bei dem englischen Fräulein mit Kindern von Stand und von Vermögen auf das Treufleißigste erzogen, und profitieret laut beigelegtem mit Lit. F. signiertem Zeugnis auf das vorteilhafteste. Welche Törichte hämische bitte ihr einen Vormund zu setzen, da eine Mutter die natürlichste und gesetzmäßigste Vormündern ihrer Kinder ist, und wenn sie, wie besonders in dem gegenwärtigen Falle geschiehet, mehr als gewöhnliche Aufmerksamkeit auf ihr bestes hat.

Die Verwaltung des Vermögens legitimieret sich auch gleich durch den Augenschein. Ein Löbl. Land- Amt kann und wird stündlich bezeugen, wie viel und welche Kapitalien ich auf hiesigen Dorfschaften seit dem Tode meines Mannes angelegt. Aber freilich sind auch Kapitalien aufgenommen worden.

das bei dem von Carben von 5 500 fl. bei der Frau Rat Weinreichin à 4200 fl. Jedoch zu welchem Gebrauch? Sind nicht diese Gelder zu Erkaufung des Hauses, darinnen mein undankbarer Sohn jetzo wohnet, verwendet worden? Wovon er den bisherigen zugesagten leidlichen Zins noch nicht entrichtet, so wenig als die Interessen des bei Herrn Barozzi aufgenommenen Kapitals. Rechne man dazu die 10 000 fl. die mein Sohn bar empfangen, so ist ersichtlich genug, wer das Väterliche Vermögen zu schmälern sich bisher angelegen sein lassen. Wollen Ew. HochAdel. Gestrengen und Herrlichkeiten ferner bedenken, daß ich in dem schändlichen Schmidtischen Banquerot mit 13 000 fl. verfangen bin, so braucht es weiter keinen Beweis, daß es nur eine enge stille Haushaltung leisten könne, bei Ermangelung so wichtiger Zinse, noch neue Kapitalien anzulegen, wie von mir in Franckfurtischen Gegenden genugsam geschehen.

Will er dann ferner meinen moralischen Charakter und meine Aufführung angreifen; so ist es das Ehr und Pflichtvergessenste, worzu ihn seine unbedachtsame Bosheit verleiten kann. Ich darf mich getrost zum Zeugnis meiner Aufführung, wie zum Zeugnis der Seinigen, auf Nachbarschaft und auf diejenige Mitbürger berufen, denen nur etwas von mir zur Kenntnis gekommen ist. Führe ich eine solche Wirtschaft als es Gott und Menschen an einer Witwen wohlgefällig ist; Geht es ordentlich, still, sparsam in meiner Haushaltung zu; Erlaub' ich mir nicht einmal diejenigen Vergnügungen und Bequemlichkeiten, die man sich bei solchen Vermögens Umständen nie zu versagen pflegt; Ist ferner mein Umgang nur mit redlichen, Treuen verständigen, erprobten Freunden, deren Rat und Beihülfe ich als eine verlassene Witwe höchst nötig habe; so ist er mit seinen Angebern der niederträchtigste und ehrloseste Kalumniant, der aber und abermal beweist, wie er weder vor Göttlichen noch Menschlichen Gesetzen einige Ehrfurcht habe. Er trete auf und nenne die Personen mit denen ich einen verbotenen Kostspieltigen Umgang führe; er beweise mir solches; er führe die Zeugen auf die sich an meinem Lebenswandel stoßen, und wo er dieses nicht tut; so falle er in die zeitliche Strafe der Ehrvergessenen Lästerer, und möge ihm Gott diejenigen nachsehen, die er solchen Pflichtvergessenen Kindern in der Ewigkeit angedroht hat. Aber freilich ist es leichter Stadtneuigkeiten zu tragen, als Beweise zu führen, sich mit Mägden und Müßiggängern zu unterhalten, und ihre Lügen und Träume von dem Betragen Anderer zu Beschönigung eigener Schandtaten, sich gefallen lassen, als dasjenige gerichtlich darzutun, was oft nur der Einfall eines Augenblicks war.

So viel seie genug zu Beleuchtung und Widerlegung jenseitigen Exhibiti, das die Eigenschaften der Unwahrheit, Unordnung und Pflichtvergessenheit vereinigt.

Ew. HochAdel. Gestrengen und Herrlichkeiten p werden aus vorhergehendem schon genugsam erkannt haben, wie ich keine Gelegenheit zur Klage gegeben, wie auch daß keine Gefahr der Verkürzung meiner Kinder obschwebe. 

Ich habe weder eine unverschuldete Abneigung auf ihn geworfen, noch auch ihm die Beschaffenheit des Väterlichen Vermögens verborgen, ich führe eine Haushaltung wie es einer Witwe geziemt, und keinen andern Umgang als den mir meine Umstände notwendig machen. Dagegen ist er es selbst der sich von mir gewendet, durch die schändlichsten Vergehungen meine Mütterliche Liebe aufs unerhörteste gequält, der sich von der Einsicht in meine Wirtschaft, wie von allen anhaltenden Geschäften, zurückgezogen, und mich gezwungen hat, mehr als jemals bei Fremden treueren Personen Rat und Hülfe zu suchen.

Ferner ist es ganz gegen den hiesigen Gerichtsbrauch, das Exempel unerhört, und folglich mit einer Art von Beschimpfung verknüpft, daß einer Mutter, außer sie schreite zur zweiten Ehe, ein Inventarium angemutet werde; ich bin seit dem Tod meines Mannes in ruhigem Besitz, so daß ohne meinen größten Nachteil gegenwärtig keine Veränderung vorzunehmen, indem ich unverschuldet bei meiner ganzen Mitburgerschaft, in den Verdacht unordentlicher Haushaltung geraten würde, weil sich niemand bereden könnte Ew. HochAdel. Gestrengen und Herrlichkeiten p würden ohne Ursache einen so ungewöhnlichen Schritt getan haben.

Sodann bürgen schließlich die nach dem Tode meines Mannes Sel. erst ersparte gerichtlich auf hiesigen Dorfschaften angelegte Kapitalien, mehr als alles für meine Wirtschaft sowohl, als für die künftige Schadloshaltung meiner nimmer zu verkürzenden Kinder.

In allen diesen Betrachtungen werden Ew. HochAdel. Gestrengen und Herrlichkeiten p nicht einen Augenblick anstehen, meiner gerechtesten Bitte Hochgeneigtest zu willfahren, welche in aller Untertänigkeit dahin ergehet: Hochdieselben geruhen, mich von der unziemlichen Klage Hochrichterlich zu entbinden; mich in dem mir nach den Rechten zukommenden
Beisitz des Vermögens meines verstorbenen Mannes, den ich schon so geraume Zeit nach hiesigem Herkommen ruhig genossen, und der Treuen Verwaltung desselben zu schützen, und also mit Inventierung und Kautions Leistung großg. zu verschonen; dagegen meinen Sohn den Beweis seiner schändlichen Vorgeben gegen mich aufzulegen, solches im Entstehungs-Fall mit richtiger und abschreckender Strafe zu ahnden, ihn zu Berichtigung des Hauszinses und der dem Herrn Barozzi bezahleten Interessen, welches ich mein anderes Kind nicht entbehren lassen kann, Hochrichterlich anzuweisen, und ihm bei instehender Strafe den Frieden gegen seine schon so innig betrübte Mutter zu gebieten. Worüber mit aller Ehrfurcht verharre. Euer Hochadel. Gestrengen und Herrlichkeiten p ganz gehorsamste Theodorus aumann sei Wittib 
 JWGoethe Lt 

[Frankfurt, 7. Dezember 1774]

Wohl- und HochEdelgeborne Gestrengen Fest und Hochgelahrte Hochfürsichtige und Hochweise Herren; Großgünstig Hochgebietend und Hochgeehrteste Herren Gerichts Schultheiß und Schöffen! Wenn mein Sohn so geschwind mit seiner Beantwortung auf meine Pflichtschuldige Wahrheitsgegründete Erklärung hervorgetreten wäre, als er sehr übereilt seine ganz eitle Klage erhoben, so würde es nicht nötig sein ihn des Ungehorsams wie anbei geschiehet zu beschuldigen. Da mir nun äußerst daran gelegen, daß dieser unüberlegt angefangene Händel baldigst zu Ende gehe: Als habe Ew. HochAdel. Gestrengen und Herrlichkeiten p untertänig bitten wollen, ihme einen anderweiten Termin zu dessen schließlicher Notdurfts Beobachtung Hochrichterlich anzuberaumen.

Worüber p. p. Euer Hochadel. Gestrengen und Herrlichkeiten p untertänige Theodorius aumann sei wittib
JWGoethe Lt. 


[Frankfurt, 30. Dezember 1774]

Wohl- und HochEdelgeborne Gestrenge Fest und Hochgelahrte Hochfürsichtige und Hochweise Herren; Großgüngtig Hochgebietend und Hochgeehrteste Herren Gerichts Schultheiß und Schöffen! Die von meinem Sohne gegen mich angesponnene Händel bedrohen meine Geschäfte und meine Haushaltung mit einer Verwirrung die mir ohne den Beistand Ew. HochAdel. Gestrengen und Herrlichkeiten höchst schädlich werden kann. Es ist bekannt daß ein ansehnlicher Teil meines Vermögens auf hiesigen Dorfschaften angelegt ist, und wie mancherlei Veränderungen mit solchen Darlehnen vorzugehen pflegen, ist jedermänniglich bewußt. Ich habe daher auf Löbl. Land-Amt bald mit Zu- bald mit Abschreiben, bald auch wegen säumiger Interessen Zahlung meiner Debitoren zu tun. Auch kann ich nicht genug bis jetzo preisen wie man mir von Seiten gedachten Amts, meine Geschäfte erleichtert, und prompte Justiz gereichet hat. Nun aber macht sich ein Löbl. Amt Bedenken bei dem zwischen meinem Sohne und mir obwaltenden Zwist etwas in meinen Sachen vorzunehmen. Der Fall bei welchem solches diese Gesinnungen geäußert ist folgender:

Ein in Bornheim stehendes Haus und Scheuer ist mir und der Bierbrauer Wittib Palmern von Löbl. Land-Amt für das von uns darauf gemeinschaftl. geschossenen Kapital samt Interessen heimgeschlagen worden. 

Nun haben Wir einen Ausweg solches vor 400 fl. zu verkaufen gefunden, und zwar also, daß ich der Frau Palmern 200 fl. vor ihren Anteil herauszahlen, diese Hofreut aber zu dem von Käufern schon bei mir stehenden Innsatz gerichtlich zuschreiben lassen will.

Dieses Geschäfte sowohl als die übrigen erfordert die beste Beschleunigung, denn wie würden die ohnedas saumselige und hinterlistige Bauern und Mitnachbarn ihre Schuldigkeit gegen mich zu hinterhalten wissen, wenn sie bemerken sollten, daß ein Löbl. Land-Amt nicht wie bisher auf mein untertäniges Anrufen mir Hilfe angedeihen zu lassen bereit wäre. 

Hochdieselben werden daher in dieser Sache geneigte Einsicht nehmen. Ich bin im Besitz der Verwaltung meines Vermögens, ich bleibe in solchem die Sache mit meinem Sohne mag ausfallen, wie Sie will.

Es ist daher nicht die mindeste Gefahr, noch könnte auch, wenn solche sogar da wäre, während dem Lauf des Prozesses an dem Besitzstande nicht geändert werden.

Einem Löbl. Land-Amt ist auch eigentlich nur darum zu tun, sich außer Verantwortung zu setzen, und erwartet solches nur von Hochdenenselben ein venerl. Dekret, um mich in meinen alten Rechten zu schützen.

Die vorliegende Sache ist so klar, der mir durch weitere Verweigerung zuwachsende Schade so unvermeidlich, daß ich ohne weiteres Ew. HochAdel. Gestrengen und Herrlichkeiten p mit der geziemendsten Bitte untertänig angehen darf: Hochdieselben geruhen ein Löbl. Land-Amt mir wie bisher in An- Ablegung und Veränderung derer auf hiesigen Dorfschaften stehenden Kapitalien nichts weniger gegen säumige Debitores nach sich ereignenden Umständen zu willfahren, mich in der
Verwaltung meines Vermögens also wie bisher zu sichern gerechtest und Hochgeneigtest anzuweisen. Hierüber p Euer Hochadel. Gestrengen und Herrlichkeiten p gehorsamste Theodorus aumann sei wittib JWGoethe Lt. 

[Frankfurt, 14. Januar 1775]

Wohl- und HochEdelgeborne Gestrenge Fest und Hochgelahrte Hochfürsichtige und Hochweise Herren; Großgünstig Hochgebietend und Hochgeehrteste Herren Gerichts Schultheiß und Schöffen! Mit dem größten Zutrauen überreiche ich Ew. HochAdel. Gestrengen und Herrlichkeiten p gegenwärtige Duplik- und Schluß Schrift; denn ob ich gleich bei dieser unziemlich gegen mich erhobenen Klage meiner guten Sache gewiß war, so konnte ich doch nicht voraussehen daß mir mein Sohn meine Verteidigung dergestalt erleichtern würde. 

Sein letzteres Exhibitum präs. den 14ten Xber 1774 ist ein deutlicher Beweis, wie es denenjenigen zu ergehen pflegt die einen üblen und ungegründeten Handel anfangen. Erst toben sie mit Beschuldigungen und Forderungen sehr laut, und wenn man denn in sie dringt, die erstern zu bescheinigen, die andern zu begründen, so sind sie zu keinem beschlagen, und ergreifen Nebendinge, halten sich weitläufig dabei auf, um ihren Mangel zu bedecken, und in der Verworrenheit wenigstens den Schein einer Ausführung vorzuspiegeln. 
 
Die Gründe, womit mein Sohn in seinem ersten Exhibito die unerhörte Anforderung: Daß nämlich einer Wit[w]e und Mutter, bevorab sie zur zweiten Ehe schreitet über die Güter ihres verstorbenen Mannes inventieret werden, sie zur Kaution angehalten, und ihrem unmündigen Kinde ein Kurator gesetzt werden solle, geltend machen will, sind: Erstlich, daß ich einen unverdienten und unversöhnlichen Unwillen auf ihn und seine Frau geworfen habe.

Zweitens, daß ich ihm den Zustand des väterlichen Vermögens unbillig verschweige. Drittens, daß ich einen unerlaubten Lebens-Wandel und Umgang, eine Kostspielige und verschwenderische Haushaltung führe.

Viertens, daß ich mir Kapitalien abtragen lasse, ohne sie wieder anzulegen, und daß ich Fünftens, das Wohl meiner noch unmündigen Tochter vernachlässige.

Ich hatte in meiner ganz gehorsamsten Exzeptions-Schrift mich wegen aller dieser Punkte auf das beste verteidigt.

Erstlich hatte ich vor nötig befunden, unser bisheriges Betragen was ich als Mutter und er als Sohn getan, in einer sogleich bescheinigten Erzählung Ew. HochAdel. Gestrengen und Herrlichkeiten vorzulegen. Hochdieselben konnten daraus ersehen, daß mein gegen ihn gefaßter Unwille keineswegs unversöhnlich sei, daß er mich durch seinen bisher geführten Lebenswandel auf das unerhörteste gereizt, und ich ihn doch auf den geringsten Anschein von Besserung öfters wieder mütterlich aufgenommen, und mit welcher Treue ich vor seine Erziehung und endliches Etablissement Sorge getragen. Wie kann er nun sagen ich verschließe gegen ihn Herz und Türe, ich verbanne ihn nebst seiner Frauen von meiner Schwelle? Ist er es nicht vielmehr selbst der sich verbannt? Ist er es nicht selbst der mein mütterlich Herz mit eitel Kummer und Sorgen erfüllt, das dennoch sich immer wieder zur Liebe gegen ihn öffnet. Bei gedachter dieser GeschichtsErzählung welche jedoch keinesweges die Hauptsache ausmacht, sondern nur zur Erläuterung des übrigen da stehet, hält er sich vorzüglich ja ganz allein auf, gestehet den größten Teil seiner Ausschweifungen und Laster ein, und muß um das übrige abzuleugnen die Worte seines eigenhändigen Briefs verdrehen, und sich selbst als Lügner und damaligen Betrüger seiner Mutter angeben. Nun wäre mir's etwas leichtes durch weitere Beilagen seine Schande vollkommener aufzudecken, denn leider, wo ich unter meine Briefschaften greife, finde ich traurige Denkmale und Dokumente seines vergangenen Lebens. Allein was diesen Punkt betrifft, so seie nur noch so viel schließlich wiederholt, daß alles was ich in meinen Exceptionibus von seinem Lebenswandel vorgebracht, nur leider allzuwahr sei, daß ich dasjenige, was er in Abrede stellen will, zu bescheinigen unwidersprechliche Papiere in Händen habe, die ich erforderlichen Falls allstündlich zu produzieren erbötig bin, weilen aber solches zu Entscheidung der Sache nichts beiträgt, nur mit allgemeinen und entgegengesetztem Widerspruch auf sich beruhen lasse.

Was nun aber die übrigen Hauptpunkte betrifft, so beobachtet mein Sohn darüber meist ein tiefes Stillschweigen, ja er widerspricht sich sogar wegen derselben an mehreren Orten, und begibt sich also von selbst seiner verwegen angestellten Klage.

Denn was den Zweiten Punkt betrifft, so gestehet er nunmehro selbst ein, daß ich ihm die Führung meiner Bücher übergeben, daß er zuletzt solche zu behalten, unwillig geworden, und also sich selbst von der nähern Bekanntschaft mit meinem Vermögen zurückgezogen.

Von dem Dritten Punkte, als worin eigentlich der Grund seiner Klage beruhet führt seine Schrift kein weiteres Wort an, das mir in den Augen eines erleuchteten Richters nachteilig sein könnte. Es sind ungezogene unbesonnene Nachreden, die sich jemand, der auf seine eigene Ehre hielte, auch nur in Gesellschaft vorzubringen schämen würde. Wo ist ein unerlaubter Umgang nur im geringsten bescheinigt? Durch was hab ich die Ehrbarkeit verletzt? Nur die geringste Sorte von Menschen beschäftigt sich im gemeinen Leben mit solchen die Ehre des Nächsten abschneidenden Mären, abgedroschenen Späßen und Schimpfwörtern, und er entblödet sich nicht damit vor den Richterstuhl zu treten. Wie er sich denn auch wegen meiner vorgegebenen kostspieligen Haushaltung selbst widerspricht, indem er sich über meine geringe Kost beklagt, und daß er, weil er sich auswärts doch wo erholen müssen, jene quäst. Schuld gemacht zu haben vorgibt.

Eben so muß er denn den Vierten und eigentlichen Hauptpunkt unberührt lassen. Wo kann er das mindeste Zeugnis eines abgelegten und übel verwendeten Kapitals auffinden? Ich habe mich wegen der Verwaltung meines Vermögens besonders auf ein Löbl. Land-Amt berufen, als welches das beste Zeugnis davon ablegen kann. Er hat diesem Punkt nicht widersprochen und kann ihm nicht widersprechen. Ferner hat er keinen einzigen Fall angeführt, wo ein Kapital aufgenommen und nicht wieder angelegt worden; wie er denn auch das an ihn verwandte nicht in Abrede sein kann, wodurch also die Treue meines erzählten Verlaufs abermal bestätiget wird; denn daß er nicht 10 000 fl. sondern nur 9750 fl. empfangen zu haben vorgibt, kommt daher, weil er in seiner Spezifikation einige Posten ausgelassen:

1) Lehrgeld für den Jungen fl. 100 
2) an Herrn Barozzi für ihn bezahlte Interessen in Carolinen fl. 200 
3) rückständiger Haus-Zins von 2 Jahr fl. 800 Zusammen fl. 1100. Wodurch sich also ergibet, daß ich mit dem vollkommensten Bestande der Wahrheit sagen konnte, es seie bereits schon über 10 000 fl. aus meiner Haushaltung ihm zugeflossen. Wie er denn auch bei Spezifikation der Meubel nur die geringeren angibt, da ich ihn doch mit weit ansehnlichern aus mütterlicher Liebe ausgestattet.

Es ist also einmal dieser Hauptpunkt von ihm zu beweisen, oder auch nur im mindesten zu bescheinigen unterlassen worden, wie er denn auch solches zu tun nicht im Stande gewesen wäre; dahero er gänzlich a limine Judicii abzuweisen.

Eben so wenig konnte er Fünftens, etwas gegen die Zeugnisse vorbringen, womit ich die Sorgfalt für das Wohl meiner Tochter bescheinige. Ich brauche daher nichts zu wiederholen mich lediglich auf mein voriges beziehend. Einem Kind einen Kurator zu setzen, bevorab dessen Mutter zur zweiten Ehe schreitet, ist immer eine nach hiesigen Gebräuchen unerhörte Handlung, könnte nichts anders als durch die wichtigsten Umstände gerechtfertiget werden, welche denn wohl Stadtkündig bei Herrn Baron du Fay obgewaltet haben, von mir aber weit entfernt sind, daß also auch das ängstlich gesuchte Präjudiz ihm nicht zu statten kommt. 

Die Hauptsache lege also nun zu einer gerechten Entscheidung auf das klärste vor. Mein Sohn hat keines von all denen Argumenten, die er gebraucht um seine törige Klage zu begründen, nur im mindsten erwiesen, er hat vielmehr solche auf eine ihn beschämende Weise übergangen, und hat durch solches Betragen zugleich den Unwillen eines Hochansehnlichen Herrn Richters, und den meinigen auf das strengste verdient. 

Schließlich muß ich nur noch von der niedrigen Art gedenken, womit derselbe dem würdigen Herrn Vicar: De l'Abbié einem alten Freunde unsers Hauses, und gewiß auch ehemaligen wahren Freundes des undankbaren und pflichtvergessenen Menschen, begegnet. Es ist unerhört auf welche Weise er die Dienstleistungen dieses Herrn die er jederzeit unserer Familie erzeigt, verdächtig und lächerlich zu machen sucht. Worüber ich denn seine Ehrvergessenheit gegen seine Mutter nicht abermals rügen will, so wenig als Herr Vicarius sich mit ihm gegenwärtig einzulassen hat, obgleich dieser bei seiner Obrigkeit, die schon Zeuge von meines Sohnes unanständigem Betragen gegen ihn ist, Recht- und Genugtuung zu erhalten wissen wird; Wie es denn auch einen jeden höchst wundern muß, wie man in einem förmlichen Exhibito an ein Hochansehnliches Gericht, sich gegen einen Mann der unbescholten in einem ehrwürdigen Stande lebt, solcher unanständigen und unbesonnenen Ausdrücke bedienen mögen. 

Über alles dieses muß ich nun Ew. HochAdelichen Gestrengen und Herrlichkeiten (ob ich mich gleich vor der Inventur nicht zu fürchten habe, und die überall angelegten Kapitalien Kaution genug für meiner Kinder Vermögen sind) abermals mit der ganz geziemendsten Bitte angehen: Hochdieselben geruhen mich bei der hergebrachten Verwaltungs-Art meines Vermögens, da mein Sohn nicht die geringste Sachverändernde Umstände anführen, noch weniger beweisen können, Hochrichterlich zu schützen, mich von der unziemlichen Klage zu entbinden, und meinen Sohn mit solcher ein- vor allemal gerechtest abzuweisen. Die ich p p Euer Hochadel. Gestrengen und Herrlichkeiten p geh'st demütige Theodorus aumann sel wittib 
 JWGoethe Lt


[Frankfurt, 30. Januar 1775]

Wohl- und HochEdelgeborne Gestrenge Fest und Hochgelahrte Hochfürsichtige und Hochweise
Herren; Großgünstig Hochgebietend und Hochgeehrteste Herren Gerichts Schultheiß und Schöffen! Wie es um die Sache meines Sohnes stehe, ist nunmehro allzudeutlich, er getrauet sich nicht einem erlauchten Herrn Richter, nicht einer beleidigten Mutter unter die Augen zu treten. Ew. HochAdel. Gestrengen und Herrlichkeiten p ganz besonders verehrliche Verfügung wodurch Hochdieselben eine hochansehnliche Deputation auf heute anzusetzen geruhet, habe ich sogleich mit dem innigsten Danke erkannt, und gedachte meine Gesinnungen hierüber, nicht wie mein Sohn durch unbedeutende Komplimente, sondern durch ein persönliches standhaftes Erscheinen, an den Tag zu legen. 

Ich bin die belangte, ich bin die Beklagte, ich mußte mich also gewärtigen, daß mein Ankläger nicht unbereitet für den Richterstuhl treten würde, daß er mir ins Angesicht meine unordentliche Haushaltung und solche Aufführung bewiese: die erstlich ein Inventarium, zweitens eine Kautions-Leistung, drittens einen Kurator für meine Tochter notwendig machten.

Hätte ich kein gutes Gewissen so wäre es an mir gewesen, mir eine persönliche Gegenwart zu verbitten; allein so, da ich vor Gott, vor Menschen und vor mir Selbst bestehen kann, so hab ich nichts zu scheuen.

Meines Sohnes so rubrizierte: »Nötig ermessene gehorsamste Anzeige p. p.« zeugt von der Verwirrung in die ihn das venerl. Dekret de 23ten Januarii a. c. versetzt hat.

Er bringt keine bedeutende Ursache vor, warum er sich einer Hochansehnlichen Deputation entziehen will. Freilich werde ich und er nicht ohne Gemütsbewegung dabei erscheinen, aber ich wünschte, daß es die geringste und die letzte wäre, die er mir verursachte, und vor seinen Affekten ist mir's nicht bange. Die Gegenwart eines Hochansehnlichen Herrn Richters, sichert mich genugsam, wenn auch der Charakter einer Mutter solch einem Sohne nicht respektable sein sollte.

Eben so würden auch die höchst ungezogenen und unbedachten Lästerungen, womit er abermals einen würdigen Geistlichen, seinen ehemaligen Treuen Freund, anfällt, verschwinden, wenn er nicht mit auf gerade wohl hingeworfenen Lügen und Schmähungen, sondern mit gegenwärtigem Beweise auftreten sollte.

Dahero unterfange ich mich Ew. HochAdel. Gestrengen und Herrlichkeiten p. mit der ganz gehorsamsten Bitte zu behelligen: Hochdieselben geruhen von Hochdero mildrichterlichen Absichten, Friede zwischen zween so unglücklich getrennten Parteien zu stiften, ohnerachtet der Widerspenstigkeit meines Sohns, nicht abzustehen, vielmehr einen anderweiten Termin grg. anzuberaumen, an welchem eine Hochansehnliche Deputation niedergesetzt werden, beide Parteien persönlich erscheinen, und also sich ohne weiters ergeben möge, auf wessen Seite Recht oder Unrecht seie. Die ich p Euer HochAdel. Gestrengen und Herrlichkeiten p Treu gehorsamste Theodorus aumann wittib 
 JWGoethe Lt. 

[Frankfurt, 10. Februar 1775]

Wohl- und HochEdelgeborne Gestrenge Fest und Hochgelahrte Hochfürsichtige und hochweise Herren; Großgünstig Hochgebietend und Hochgeehrteste Herren Gerichts Schultheiß und Schöffen! Euer Hochadel. Gestrengen und Herrlichkeiten p geruhen sich von Endes unterzeichneter ganz gehorsamst vorstellen zu lassen, wie solche von einem von Hofrat Weinreich in Niederrode herrührenden Innsatz, nach einer, Löbl. Land-Amt überreichten Rechnung an Rest Kapital 273 fl. 48 Xr nebst den von etlichen Jahren her an der ganzen Summe restierenden Interessen, welche sich auf 736 fl. 36 Xr belaufen, annoch zu fordern habe. Da nun diese Gelder zusammen 1010 fl. 25 Xr auf Löbl. Land-Amt von denen Vormündern bis auf einen kleinen Rest deponiert worden, so will mir um darüber weiter zu disponieren eine Hochobrigkeitliche Vergünstigung nötig sein.

Ich bin gesinnet von gedachtem Gelde, folgende [Summen] sogleich wieder anzulegen, und von nachgenannten Personen auf Löbl. Land Amte beziehen zu lassen, nämlich:

a) an Frau Wittib Palmin fl. 200 
 b) an Johann Heinrich Grob fl. 175 
 c) an Conrad Wentzel fl. 175 also zusammen fl. 550.

Ew. HochAdel. Gestrengen und Herrlichkeiten p ersehen hieraus wie viel sich sogleich von denen mir gebührenden nießbräuchlichen Interessen über obgemeldeten Kapital Rest anlege, und gegenwärtig nichts als den mir ohne Kondition gebührenden Interessen Rest zu beziehen verlange, daher an Ew HochAdel. Gestrengen und Herrlichkeiten p mein ordnungsmäßiges gehorsamstes Bitten ergehet: Ew. HochAdel. Gestrengen und Herrlichkeiten p geruhen mir ein gnädiges Vergünstigungs Dekret dahin zu erteilen: daß obgemeldte 3. Personen die gedachte Summen auf Löbl. Land-Amt beziehen, wie nicht weniger ich den mir gebührenden Interessen-Rest daselbst gegen Quittung erhalten möge.

Schließlich erachte ich es meine Schuldigkeit anzuzeigen, daß ich wegen der Hausverkauf-Sache, worüber ich Ew. Hochadel. Gestrengen und Herrlichkeiten durch ein gehorsamstes Exhibito vom geziemend angegangen, nunmehro auf Löbl. Kuratel-Amt gemeltet, woselbst der Verlauf derselben gehörig protokollieret worden.

Die ich p Euer Hochadel Gestr. und Herrlichkeiten p Treu gehorsamste Theodorus aumann wittib JWGoethe Lt
Briefwechsel Schiller und Goethe




Keine Kommentare: