> Gedichte und Zitate für alle: J.Wolfgang von Goethe-j[Rachel Wetzlar in Sachen Nathan Wetzlar gegen Creditores] (21)

2019-10-28

J.Wolfgang von Goethe-j[Rachel Wetzlar in Sachen Nathan Wetzlar gegen Creditores] (21)

[Rachel Wetzlar in Sachen Nathan Wetzlar gegen Creditores] 

[Frankfurt, 22. August 1774]

Wohl- und HochEdelgeborne Gestrenge Fest und hochgelahrte Hochfürsichtige und hochweise Herren; Großgünstig hochgebietend und Hochgeehrteste Herren Gerichts Schultheiß und Schöffen! Mit der tiefsten Untertänigkeit erkenne diejenige Verfügung die eine hohe Kaiserliche und des Reichs- Visitation, bei dem meinen Mann befallenen Unglück, zum Besten einer äußerst bedrängten hochrichterlich getroffen hat.

Es verordnet selbige, daß ich als die an seiner Handlung und erlaubten Gewerbe mit möglichstem Fleiß und Bemühung teilnehmende, keineswegs aber in seine übrigen Vergehungen befangene, vor andern zu demjenigen gelangen soll, was so wohl mein eigen sei, als auch mir von dem Vermögen sonstig gebühren möchte.

Die Frage also, ob bei solchen entstehenden Fällen, einem Eheweibe unserer Nation das Vorrecht ihres Eingebrachten gebühre ist hier zu erörtern unnötig, es kommt mir ohne weiters sowohl durch das Recht als auch durch den Ausspruch eines erhabenen Richters zu.

Die Summe dieses meines Eingebrachten belauft sich also auf fl. 3300. wie der sub Lit. D. in richtiger Übersetzung beigehende Heurats-Brief bezeuget, einfolglich keinem weitern Zweifel unterworfen ist. In eben gemeldten Ehe Pakten ist mir sodann das Wohnhaus zum goldenen Brunnen zu einem Witwensitze verschrieben, welches mir also in gegenwärtigem Falle unbestritten bleibet. Weiter habe ich von meiner Mutter zugebracht, Zwei halbe Sessel in der Manns-Schule. Das Schriftliche Zeugnis davon ist in des Herrn Curatoris bonorum Händen, unter andern unser Wesen angehenden Papieren. Wie denn noch besonders die Verfügung aufgezeichnet, sich dabei vorfinden läßt, daß mein Mann selbige weder veräußern noch verpfänden könne. 

Ferner ist mir auf meinem Hochzeit-Tag die Summa von 74 fl. 42 Xr. laut dem sub Lit. E angebogenen Worf-Zettel an einzelnen kleinen Geschenken von Verwandten und Freunden verehret worden, wie nicht weniger das damals erhaltene Silber, auf selbigem verzeichnet ist.

Auch kann mir der von meinem Manne mir längst geschenkte, von mir besessene Sessel in der Frauen-Schule keines Wegs angefochten werden. Folgends gehören mir alle Geschenke die mir Teils von meiner Mutter Teils von meinem Manne, Teils von Freunden und Gönnern zu unterschiedenen Zeiten und Gelegenheiten an Silber-Geschirr, Spargeld, Juwelen und Pretiosen gemacht worden, wie denn das meinen Kindern an derlei Geschenken zugehörige ihnen gleichfalls nicht entgehen kann. 

Was davon unter denen bei Löbl. Rechnei deponierten Sachen befindlich, habe durch drei Spezifikationen, die meiner untertänigen den 15t. Jul. überreichten Erklärung sub Lit. A: B et C. vorbehältlich eines allenfalls erinnerlichen Nachtrags, beiliegen, klärlich angezeigt, worauf ich mir denn hier aber und abermal bezogen haben will. Demzunächst ich eine weitere Designation sub Lit. F. hiermit gehorsamst überreiche, wovon der zu erhärtende Wert des sich etwa nicht vorfindenden als mein Eigentum mir erstattet werden muß.

So wie nun alle diese Forderungen im Rechte sowohl als in dem hohen Willen einer höchstansehnlichen Visitation begründet sind, ebenso bestehet auch das übrige mein untertäniges Begehren. 

Der gegenwärtige Zustand in den mein Mann und dessen Vermögen versetzt worden ist, läßt sich keineswegs als Konkurs ansehen, er ist vielmehr aus einem andern, aus seinem eigenen Gesichtspunkt zu betrachten. Dann obgleich die Meinung einiger Rechtsgelehrten Fiscum als Creditorem, und einem solchen Fall als Konkurs aufnehmen wollen; so ist doch hier, da alle Creditores völlig zu dem ihrigen gelangen werden, auch ich als EheFrau vorzüglich das mir zukommende abziehe, vielmehr der Fall eines Nachlasses und aus dieser Analogie zu beurteilen, daß mir also über obgesagtes noch all dasjenige zukommt, was mir aus einer Erbschaft ab intestato zufiele in dem Falle da Kinder vorhanden sind.

Wie denn nun auch bekannt, daß ich der Handlung meines Mannes fast ganz alleine vorgestanden, wie ich mit der höchsten Sorgfalt solche geführt, und meine Gesundheit darüber Vernachlässiget; So kommt mir um so mehr die Verfügung der Gesetze zu statten, die einem dergleichen Eheweibe außer der Hälfte der Weine, Juwelen, Silbergeschirr, Pretiosen, aller Möbels, welche ich schon in meinem untertänigen Exhibito vom 15t Juli ganz gehorsamst angefordert, und nunmehro solches förmlichst aber und abermal wiederhole, auch noch die Hälfte der Errungenschaft zuspricht.

Den Ertrag dieser liciten Errungenschaft und also die Summen der mir zukommenden Hälfte, bin ich nicht eher im Stande zu bestimmen, als bis nach näherer Durchsicht derer Handels-Bücher welche mir von Ew. HochAdel. Gestrengen und Herrlichkeiten Grg. gestattet worden, ich halte mir dahero solches auf das förmlichste und Rechtsbeständigste vor.

Wie ich denn diese vorläufige Darlegung meiner Anforderungen, nur zur einsweiligen besten Begründung derselben untertänig einreichen sollen, mir Liquidationem specialem reservierend, mit der ganz gehorsamsten Bitte: Hochdieselben geruhen mich zu gehöriger Zeit zur weitern Spezialen Liquidation sowohl als der nähern Ausführung meiner noch unbestimmten die Rungenschaft betreffenden Forderung Grg. zu lassen, nicht weniger hochrichterlich zu verfügen, daß gegen meine obenangezeigte Gerechtsame nichts verfänglichs vorgenommen werde. Mit dem aber und abermaligen Ausdrücklichen Vorbehalt, daß mir die etwaige Auslassung eines oder des andern Postens keineswegs präjudiziere, vielmehr jederzeit mir vergönnt sei, das unter diesen Umständen leicht zu vergessende gehörig nachzubringen. Worüber p. Euer Hochadel. Gestrengen und Herrlichkeiten, p. untert'ge Rachel des Nathan Aaron Wetzlar Ehe Frau.
JWGoethe Lt 


[Frankfurt, 24. August 1774]

Wohl- und HochEdelgeborne Gestrengen Fest und hochgelahrte Hochfürsichtige und Hochweise Herren; Großgünstig Hochgebietend und Hochgeehrteste Herren Gerichts Schultheiß und Schöffen! Meine wiederholten Klagen und dringende Bitten müßten Ew. HochAdel. Gestrengen und Herrlichkeiten p endlich zur Last werden, wenn Hochdenenselben nicht das übergroße Elend bekannt wäre, das mich zu Boden drückt, und welches durch die Behandlungen des Herrn Reichs Fiskalis täglich vergrößert wird, da derselbe auch mich die unschuldige Gattin eines unglücklichen mit der äußersten Strenge auf alle Weise zu verkürzen sucht.

  Zu wem kann ich in diesem traurigen Zustande meine Zuflucht nehmen als zu Ew. HochAdel. Gestrengen und Herrlichkeiten p. HochObrigkeitlichen, Einsicht, von wem kann ich mir Hülfe versprechen, als von Hochdenenselben denen so klar vor Augen liegt, daß nicht etwa vorgespiegelte übertriebene Not, sondern die wahrste Beklemmung, der äußerste Mangel, mich zu Hochdero Richterstuhle hintreibt. Ohne Nahrung, ohne Vermögen ohne sonst eine Beihülfe finde ich mich allem dem ausgesetzt, was des Kaiserlichen Herrn Fiskalis ohnbewegliche Gesinnungen für Einfluß auf mein Schicksal haben können, wenn Ew. HochAdel. Gestrengen und Herrlichkeiten p nicht die gnädigste Einsicht nehmen, meinen gerechtesten Forderungen gegen denselben des doch in dieser Sache nur Partie ist, gerechtest beizustehen. Komme ich unschuldige nicht schon dadurch in unersetzlichen Schaden, daß mir der Handel gehindert wird, und ich so außer Stand gesetzet werde, durch Fleiß und Mühe einen leidlichen Lebens Unterhalt zu erwerben. Hätte ich die freie Disposition des meinigen, so könnte ich solch mein Kapital gelten machen, besser als wenn man mir solches auch gegenwärtig zu 5 PCto verinteressieren mögte. Und nun wie sehr muß mich das beängstigen, wenn ich Täglich auch sogar das geringe Äquivalent sowohl erschweret, als auch das meinem kranken armen Manne zukommende dafür den unschuldigen Studenten zu reichen gehindert werden will.

Einem venerl. Dekret vom 1t hujus zu Folge, das mich anweiset, wegen der Verpflegung meines Mannes sowohl als meiner eigenen Haushaltungs Unkosten, mit Herr Fiskali Abrede zu treffen, mit selbigem so viel tunlich übereinzukommen, und so die Sache in Kürze und Güte zu beenden. Ich habe auch ein solches sogleich zu bewerkstelligen gesucht, bin denselben mehrmals angegangen, habe aber weder eine bestimmte noch billige Auskunft erhalten können.
Nun will die Sache mir Täglich beschwerlicher werden, ja unmöglich fallen. Stets neuen Beängstigungen, Mangel und Kummer ausgesetzt, weiß ich mir auf keine Weise zu helfen, kann auch die Ursache nicht einsehen warum so hart mit mir verfahren wird.

Um nur also endlich auf etwas bestimmtes zu kommen, muß ich Ew. HochAdel. Gestrengen und Herrlichkeiten p in Untertänigkeit angehen zu Hochrichterl. Bestimmung auch des Alimenten Punktes endliche Maße zu treffen, von dem wahren Verhältnis der Sache Erkundigung einzuziehen, und mich bei meinen Gerechtsamen gnädigst zu schützen.

Darüber denn meine untertänige Bitte dahin reichet: Ew. HochAdel. Gestrengen und Herrlichkeiten p geruhen zuvörderst von Herrn Curatore Bonorum dem das ganze wohl bewußt, indem in dessen Gegenwart meistens traktieret worden, Hochgeneigtest Bericht über die Lage der Alimentations Sache einziehen, und sodann etwas gewisses hierin Hochrichterlich zu verfügen. 

Welcher untertänigen Vorstellung ich noch eine andere geziemend anfüge:

Es ist nunmehro an der Zeit daß auf HochObrigkeitliche Verordnung meines Mannes Weine verkauft werden sollen; Da nun an solchen die Hälfte mir gebühret, und ich einen kranken Mann mit schweren Kosten veralimentierend, den zu seinem Unterhalt unentbehrlichen Wein gar hoch bezahlen muß, also doppelter Schaden mir dadurch verursacht wird, und mir also immer mit das Leben erschwert wird; So habe ich eine ganz flehentliche Bitte anbei wagen sollen: Ew. HochAdel. Gestrengen und Herrlichkeiten p geruhen mir der kleinen, bei dem Wein Vorrate sich befindenden Fäßgen einige zu notdürftigem Gebrauche meines durch Elend gar tief zerrütteten kranken Mannes Großg. zukommen zu lassen. Hierüber p. Ew. HochAdel. Gestrengen und Herrlichkeiten p untertänige Rachel des Nathan Aaron Wetzlar Ehe Frau 
JWGoethe Lt

[Frankfurt, 9. September 1774]

Wohl- und HochEdelgeborne Gestrenge Fest und Hochgelahrte Hochfürsichtige und Hochweise Herren; Großgünstig Hochgebietend und Hochgeehrteste Herren Gerichts Schultheiß und Schöffen! Die unglücklichen Umstände in die sich endes unterzeichnete täglich tiefer versinken sieht, sind Ew. HochAdel. Gestrengen und Herrlichkeiten p allzuwohl bekannt, als daß Hochdieselben nicht das wahrste Mitleid zu mir hegen sollten.

Aller Mittel zu eigener Subsistenz völlig beraubt, bin ich der willkür derjenigen Personen ausgesetzt, die in Gegenwärtiger Sache meine Gegner sind, und die ohne Ew. HochAdel. Gestrengen und Herrlichkeiten p Hohes Einsehen mir auch sogar meinen nötigsten Unterhalt zu erschweren nicht entstehen.

Der Hr. Fiskal der nach einer sub Lit. A der gehorsamsten Erklärung Hn. Curatoris Bonorum beiliegenden Wunderbaren Rechnung mir sogar das vergangene durch ein venerl. Urteil mir zuerkannte und verzehrte Wochen-Geld wiedernehmen möchte, fühlet nicht die Not die mich drückt da ich mich ganzlich aufgezehrt, und die Restitution barer Auslagen sogar kümmerlich erwartend, nirgend einigen Unterhalt vor mir sehe, es hat derselbe auf gedachte Hn. Curatoris bonorum geschehene Erklärung sich nicht innerhalb der 8 Tage so viel mir bewußt, noch nicht vernehmen lassen, und Herr Curator der gleichfalls mit aller Härte und Strenge gegen mich verfährt, will ohne das, und ohne Ew. HochAdel. Gestrengen und Herrlichkeiten p besondere Vergünstigung mir zu meinem Unterhalte nicht das notwendigste, nicht das geringste reichen.

Was kann ich arme daher anders tun als Ew. HochAdel. Gestrengen und Herrlichkeiten p aber und abermal flehentlichst angehen. Der Herr Curator bonorum selbst ist in seinem Exhibito vom 29. Aug: 1774. genötigt einzuräumen, daß mir von denen, durch ein venerl. Dekret mir zuerkannten, und bis auf Ende Julii gezahlten Geldern kein Abzug gemacht, keine weitere Abrechnung statuiert werden kann, wie freilich in der Natur der Sache und der Billigkeit genugsam gegründet ist; welche aber bei Hn. Gegnern nicht Platz zu greifen scheint, da auch sogar in gedachter beigelegter Rechnung mir ein Posten von 36 fl. 28 Xr die als Auslagen und Kosten würklich angegeben werden, abgezogen, und auf das weitere erst wieder verrechnet werden soll; welcher Unbill auf das stärkste in die Augen leuchtet, da ich belegen kann, daß von gedachter Summe 31 fl. Hausgrundzins würklich bezahlt und abgetragen worden.

Vorausgesetzt also daß von denen urteilsmäßig mir zugehändigten Geldern nicht weiter die Sprache sein kann, so ergibt sich auch ferner, daß mir diejenigen außerordentlichen Ausgaben, die mir nicht aufgebürdet werden können, noch über das, und zwar in meiner gegenwärtigen Not auf das schleunigste vergütet werden müssen. Unter solchen sind wohl vorzüglich diejenigen die von mir an den inhaftierten Studenten verwendet worden. 

Es ist derselbe auf mein Ansuchen keineswegs zu meinem Manne gesetzt, vielmehr wider meinen Willen und zu meinem Schaden wie in Rückwärts Exhibitis sattsam dargetan, so lange eingesperrt geblieben, wie unausbleiblich also eine zu erstattende Kosten Berechnung seie, hat Hr. Curator bonorum obgleich mit einer nie zu gestattenden Klausel von Hochrichterlicher Ermäßigung derselben, einsehen müssen. Ich lege daher in tiefer Untertänigkeit eine solche sub Sign. hierbei, welcher Erstattung auf das schleunigste Hr. Curator bonorum aufzulegen untertänigst flehe, wie denn auch Ew. HochAdel. Gestrengen und Herrlichkeiten auf das klarste erkennen werden, wie da von lauter baren Auslagen die Rede ist, von keiner Ermäßigung der Fall sich nicht ereignen kann. So hab ich auch ferner in der sub Sign: angebogenen Designation gehorsamst auffordern sollen, was von dem mir durch ein venerierl. Dekret zugeeigneten Wochengeldern am vergangenen halben Jahre noch restiere. 

Es hat mir nämlich in voriger Zeit Hr. Curator bonorum jedesmal mein Wochengeld monatlich ausgezahlet, und der Ordnung Willen den Monat zu Vier Wochen gerechnet, am Ende des halben Jahrs aber mir die zwei Wochen, um die ich bei solcher Rechnung zu kurz gekommen wäre, jedesmal vergütet; dieses ist nun aber das letzte mal nicht geschehen, bleibet mir also ohngezweifelt zu fordern übrig. 

Wie denn auch daselbsten einige weitere Posten angegeben sind, die mir ohnmöglich zur Last fallen können, vielmehr aus der Masse vergütet werden müssen. 

Dieses ist es also was ich in gegenwärtiger dringender Eile Ew. HochAdel. Gestrengen und Herrlichkeiten p ganz untertänig vorlegen sollen.

Denn da mir des Hrn. Curatoris bonor: Erklärung bis jetzo nur ad notitiam kommunizieret worden, so enthalt ich mich aller weiteren Bemerkungen und beantwortung derer darin enthaltenen, meine Forderungen bezweiflen wollenden Grundsätze. In Beziehung auf meine retro Exhibita um neue Darlegung des gegenwärtigen, meine untertänig gehorsamste Bitte, dahin formierend: Ew. HochAdel. Gestrengen und Herrlichkeiten p. geruhen, da Hr. Fiscalis, wie aus dessen Stillschweigen sich ergibet, weiter nichts zu bemerken hat, auch dessen eigene Gründe in mehrgedachtem Exhibito genugsam vorgetragen sind, in diesem so offenbaren Falle, einsweilen großg. Hochrichterlich zu verfügen, daß sowohl zu meinem weiteren Unterhalt und Führung des Hauswesens Versorgung meines Manns und des Studentens indessen hinlängliche Reichung geschehen, als auch beigehende Rechnung und Designation auf das fordersamste entrichtet werde. Übrigens vorbehaltlich weiterer Ausführung Erklärung und Nachtrags retro petitis auf das dringlichste inhärierend, mit aller Untertänigkeit verharrend. Ew. HochAdel. Gestrengen und Herrlichkeiten p untert'ge Rachel des Nathan Aaron Wezlars Ehefrau    JWGoethe Lt



[Frankfurt, 5. Oktober 1774] 

Wohl- und HochEdelgeborne Gestrenge Fest und Hochgelahrte Hochfürsichtige und Hochweise Herren; Großgünstig Hochgebietend und Hochgeehrteste Herren Gerichts- Schultheiß und Schöffen! Das unter dem 24ten pass: ergangne Hochvenerierl. Urteil erkenne zuvörderst mit dem vollkommensten Danke, und muß Ew. HochAdel. Gestrengen und Herrlichkeiten abermals mit untertänigster Bitte behelligen. 

Das halbjährige Salarium des Studenten von 30 fl, wie auch der Lohn der Dienst-Magd zu 14 fl. so mir sonst jederzeit von Hrn. Curatore bonorum ausgezahlt worden, wie Ew. HochAdel. Gestrengen und Herrlichkeiten p hinlänglich bekannt, und das mir vor diesmal um so mehr gebühret. Da solches halbe Jahr vom April, da meines Mannes Schicksal noch gänzlich unentschieden war, zu laufen anfängt, will mir von Herrn Verweser nicht anders als auf vorhergegangene HochRichterliche Verfügung ausgezahlet werden.

Dahero mein ganz untertäniges Bitten an Ew. HochAdel. Gestrengen und Herrlichkeiten p dringlichst ergehet: Hochdieselben geruhen mehrgedachtem Herrn Curatori Bonorum die Auszahlung der 44 fl. wie gemeldet aufzulegen, zugleich nunmehro fördersamst die Loslassung des Studiosi Hochgeneigtest zu verfügen, ansonsten er bei neu eintretenden halben Jahr der Masse nicht anders als beschwerlich fallen kann. Die ich p Euer Hochadel. Gestrengen und Herrlichkeiten p. untert'gste Rachel des Nathan Aaron Wetzlar Ehe Frau JWGoethe Lt


[Frankfurt, 16. November 1774]

Wohl- und HochEdelgeborne Gestrengen Fest und Hochgelahrte Hochfürsichtige und Hochweise Herren; Großgünstig Hochgebietend und Hochgeehrteste Herren Gerichts Schultheiß und Schöffen! 

Der von Herrn Fiscali geschehene Widerspruch gegen meine gerechte Forderung das verflossene Salarium des inhaftierten Studenten und den bisherigen Mietlohn der Dienstmagd betreffend, kann bei Ew. HochAdel. Gestrengen und Herrlichkeiten p. zu keiner widrigen Entscheidung gegen mich einigen Grund abgeben; Dann wie von mir schon retro deduziert worden, so fanget solches einige Monate vor den Hohen Visitations Urteile zu laufen an, und kann mir also was das verflossene betrifft nicht entzogen werden. 

Ich verlange solches nunmehro mit dem höchsten Rechte, wie ich denn aber vor die Zukunft vor den Studenten der in meinen Diensten stehet, selbst zu sorgen übernommen, so muß dagegen diejenige Forderung die von dem Inhaftierten künftig gemacht wird, der Masse zugerechnet werden; denn da er nunmehro auf Veranlassung des Hohen Visitations-Kongresses in dem Gefängnisse verbleiben muß, so kann ihm das von dem Hohen Kaiserl. Fisco außer seinem zureichenden Unterhalt nicht versagt werden, was er anderwärts in der Freiheit verdient haben würde.

Worüber ich Retro petita auf das dringendste wiederholend, in aller Untertänigkeit verharre Euer Hochadel. Gestrengen und Herrlichkeiten p untert'gst demütigste Rachel des Nathan Aaron Wetzlar Ehe Frau 
 JWGoethe Lt 


[Frankfurt, 30. Dezember 1774] 

Wohl- und HochEdelgeborne Gestrengen Fest und Hochgelahrte Hochfürsichtige und Hochweise Herren; Großgünstig Hochgebietend und Hochgeehrteste Herren Gerichts Schultheiß und Schöffen! Meine traurige Umstände nötigen mich Ew. HochAdel. Gestrengen und Herrlichkeiten p nochmals in aller Untertänigkeit anzugehen. Zwar hat endlich des Herrn Reichs-Fiskal Hochwohlgeb. in die Entlassung aus der unverschuldeten Haft gewilligt, ich bin nunmehro frei, aber schlimm genug daran. Nicht allein daß von Hrn. Fiscali mir das verflossene halbe Jahr versagt werden will, ist auch selbiger nicht zu bewegen, mir das gegenwärtig zuzugestehen, welches mir doch gleich wie jenes, auf das rechtmäßigste gebühret. Ich mag mich dahero hinwenden wohin ich will, so find ich mich ohne den geringsten Beistand und Hülfe.

Die Umstände der Nathan Aaronischen EheFrau sind so beschaffen, daß ich von selbiger im mindesten nichts zu erwarten habe, auch erkläret Sie mir daß Sie bei meiner auf Herrn Fiscalis einstehe fortdaurenden Haft auf das feierlichste protestieret, daß wenn ich vor Ablauf des verflossenen halben Jahres nicht loskommen würde, Sie alsdann mit der mir gebührenden Entrichtung des darauffolgenden nichts zu tun haben wolle, sondern solches lediglich der Masse zur Beschwernis heimfallen müsse; Nun bin ich erst nach eingetretenem gegenwärtigem halben Jahre losgelassen worden, folglich kann mir auch für dasselbe das Salarium von der Masse nicht versagt werden; Allein der Herr Verweser derselben ist gegen mich unerbittlich. Er könne, behauptet er, ohne Ew. HochAdel. Gestrengen und Herrlichkeiten p ausdrückliche Verordnung nicht das mindeste auszahlen; warum ich daher, obgleich höchst ungerne Hochdieselben abermals behellige, liegt am Tag. Ich kann auf diese Weise wie bisher nicht länger subsistieren. Hätte man mich vor Ablauf des vorigen halben Jahres entlassen, so hätte ich mich auch mit der Besoldung desselbigen befriedigen müssen; nun bin ich aber bis in gegenwärtig laufendes zurückgehalten worden, kann nach unserer Einrichtung keine andere Kondition gegenwärtig finden, so kann mir auch der zeitige Unterhalt bei meinem ohnedes durch die lange Gefangenschaft und Krankheit geschwächten Körper aus der Masse nicht versaget werden.

Besonders da mir eine Satisfaktions-Klage wegen des unverschuldeten Gefängnisses immer offen stehet.

Daher mein ganz untertäniges flehentliches Bitten an Ew. HochAdel. Gestrengen und Herrlichkeiten p dahin gelanget: Hochdieselben geruhen den Herrn Curatorem Massae dahin anzuhalten, daß derselbe mir sowohl das vergangene, worüber auf des Herrn Fiscalis Erklärung Acta ad Reverendum gegeben worden, als auch das laufende samt gebührendem Kostgeld entrichte, und mich also aus dem Elend, worin ich mich unschuldig gestürzt sehe, auf das schleunigste reißen möge. Worüber ich mit Lebenslänglicher Untertänigkeit verharre. Euer Hochadel. Gestrengen und Herrlichkeiten p untertänigster Samuel Mayer JWGoethe Lt
Briefwechsel Schiller und Goethe


Inhaltsverzeichnis juristische Schriften

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