> Gedichte und Zitate für alle: J.Wolfgang von Goethe-juristische Schriften: [Haas gegen Hamburger] (17)

2019-10-27

J.Wolfgang von Goethe-juristische Schriften: [Haas gegen Hamburger] (17)



[Haas gegen Hamburger]
[Frankfurt, 8. Juni 1774]

Wohl- und HochEdelgeborne Gestrenge Fest und Hochgelahrte Hochfürsichtige und Hochweise Herren; Großgünstig Hochgebietend und Hochgeehrteste Herren Gerichts Schultheiß und Schöffen! Da auch endes unterzeichneter bei dem neulichen über unsere Gasse verhängten großen Unglück in die äußerste Verwirrung geraten, indem er sich aus seinem dem Brandplatz nahgelegenen Hause gleichfalls zu flüchten genötigt gesehen;

So wird dessen untertänige Bitte nicht unerhört bleiben können, die dahin an Ew. HochAdel. Gestrengen und Herrlichkeiten p ganz gehorsamst ergehet: Hochdieselben geruhen, mir in außen rubrizierter Sache zu begegnung der wider mich ganz eitel angestellten Klage, einen Vier Wochentlichen Termin großg. zu verstatten, da ich es sodann an gehöriger Einwendung nicht ermangeln lassen werde.

Der ich p Euer Hochadel. Gestrengen und Herrlichkeiten p untertäniger Selig Haaß. JWGoethe Lt

[Frankfurt, 20. Juni 1774]

Wohl- und HochEdelgeborne Gestrenge Fest und Hochgelahrte Hochfürsichtige und Hochweise Herren; Großgünstig Hochgebietend und Hochgeehrteste Herren Gerichts Schultheiß und Schöffen! Für die durch ein venerierl. Dekret d. d. 10ten Juni h. a. insin: d. 14ten Ejusdem vergönnte Fristerstreckung von Acht Tagen, statte zuvörderst Ew. HochAdel. Gestrengen und Herrlichkeiten p den verbindlichsten Dank ab, sodann wende mich zur Beantwortung gegenteiliger unerwartet und ungegründeter Klage, die ich mit bereiten Exzeptionen sogleich umzukehren im Stande bin.

Das eigentliche Verhältnis der Sache ist dieses: 

Im Jahr 1758 kaufte ich die Hälfte des Vorder- und Hinterhauses zur güldenen Stelz genannt, als solche auf Hochobrigkeitliche Verfügung öffentlich verkauft wurde, da indes die nachgelassenen Kinder des Amschel Hamburgers die andere Hälfte beider Häuser eigentümlich inne hatten. 

Wir machten aus Ursachen untereinander die Einrichtung, daß ich das Hinterhaus alleine, und Sie dagegen das Vorderhaus alleine bewohnen sollten. 

In diesem Zustande verblieben Wir eilf Jahre, da ich denn A° 1769 von ihnen auch die ihrige Hälfte des Hinterhauses an mich kaufte, und dergestalt solches ganz, das Vorderhaus aber zur Hälfte als mein Eigentum besaß.

Zu mehr gedachtem HinterHause nun führet kein Weg, kein Eingang als das sogenannte Stübgen, worüber Gegenteil Klage zu erheben sich angehen läßt. 

Durch dieses Stübgen gingen von jeher die Teilnehmer des Hinterhauses, durch dieses Stübgen ging ich als ich das Haus zum Kaufe besah, der Gebrauch dieses Stübgens wurde mir mit verkauft, so gut als jedem Tür und Schwelle eines Hauses mitverkauft wird, wie ich denn also diese Zeit über durch dieses Stübgen gehen mußte, um in und aus meinem Hause zu kommen, und künftig gehen werde. So ganz ohne den geringsten Anschein ist die Klage des Gegenteils. 

Daß der Weg ins HinterHaus durchs Vorderhaus geht ist natürlich. Daß dieser Gang ehemals zu einem Stübgen ist gemacht worden, wird niemand wundern, wer die kümmerliche Bauart kennt, mit der wir das geringste Plätzgen zu benutzen suchen müssen. Allein verändert das die Eigenschaft dieses Ganges? wenn ein vor allemal ohne solchen das Hinterhaus ewig gesperret bleiben würde. Und wie könnte der Eigentümer eines Vorderhauses sich einfallen lassen, wenn dieses auch ganz sein gehörte, Zins oder Zoll wie man es nennen mögte von Turn und Vorplatz zu fordern die freilich dem Besitzer des Hinterhauses zum Gebrauch immerfort offen stehen müssen. 

Auch hütet sich Gegenteil wohl die wahre Beschaffenheit der Sache darzustellen, und aus selbiger die Verbindlichkeit herzuleiten, Kraft welcher mir obläge den quaest. Zins zu bezahlen, vielmehr glaubt er durch Assertion eines Facti kürzer durchzukommen. 

Er sagt: ich habe es in Bestand gehabt, ich habe davon vormals 30 Rh. bezahlt, mich aber seit Sechs Jahren geweigert solche Schuldigkeit zu entrichten; Ich begreife nicht, wozu ihm ein so unbescheinigtes Vorgeben helfen soll? Denn mir ist von allem diesem nichts bewußt. Ich habe es weder jemals in Bestand gehabt, noch hab ich jemals irgend etwas dafür bezahlt, und da es niemals eine Schuldigkeit war, hab ich mich auch niemals weigern können.

Und so fällt denn Gegnerische Klage völlig zusammen. Das Verhältnis der Sache an sich, und das bisher geschehene, liegen klar vor Augen, und es kann nicht fehlen, daß sich dieser Streit zu meinem Vorteil ende. Wie ich denn ferner eine gerechte Forderung an Gegnere hiermit anzubringen gedenke.

Es haben wie obengemeldt die Kinder des Amschel Hamburgers eilf Jahre meine Hälfte des quaest. Vorderhauses genossen, dagegen ich mich zwar ihrer Hälfte des Hinterhauses bedient habe, jedoch weil solches wie natürlich viel geringer; so bleiben mir selbige nach unserer damaligen Einrichtung den eilfjährigen Taxmäßigen Überschuß rückständig, welche unleugbare Schuld mir nunmehro ohngesäumt abgetragen werden muß. 

Dahero ich meine untertänige Bitte an Ew. HochAdel. Gestrengen und Herrlichkeiten p schließlich gelangen lasse: Hochdieselben geruhen Gegnern mit seiner unstatthaften Klage ohne weiters abzuweisen; sodann ihme den schleunigen Abtrag erst gemeldten durch gehörige Taxation zu bestimmenden Rückstandes, und zugleich die Ersetzung der mir mutwillig verursachten Kosten Hochrichterlich anzubefehlen. Der ich pp. Euer Hochadel. Gestrengen und Herrlichkeiten p untertäniger Seelig Haaß.

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