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2019-10-24

J.Wolfgang von Goethe-juristische Schriften: [Heckel gegen Heckel] (5)



[Heckel gegen Heckel] 

[Frankfurt, 7. August 1773]
 
Wohl- und Hochedelgeborne Gestrenge Fest und Hochgelahrte Hochfürsichtig und Hochweise Herren Reichsstadt-Schultheiß und Schöffen Insonders Großgünstig und Hochzugebietende Herren! Es ist nunmehro an dem daß die von meinem Vater und mir gestellte Rechnungen und resp.

Gegenrechnungen durch einen beeidigten dieser Sache kundigen Mann untersucht und geprüft werden sollen. Da nun aber zu Beurteilung derselben, verschiedene Facta an Tag kommen müssen, die bisher nicht zu entdecken gewesen, weil diejenigen Personen die derselben am besten kundig niemals durch die anhaltendsten Bitten zur Erklärung zu bewegen waren, so muß ich hierzu die Hülfe und das Ansehen Euer Wohl und Hochedelgeborn Gestreng und Herrl. untertän[i]gst implorieren. Herr Zahn der wirklich in meinem Hofe wohnt ist der Mann der von Vielem die beste Rechenschaft zu geben vermag. Er und sein Bruder haben seit langer Zeit mit meinem Vater gehandelt, und kennen den Zustand der Sachen von jeher am besten. Nun hat derselbe bishero immer Bedenken getragen mir über gewisse Punkte Erläuterung zu geben die doch zu der jetzigen Lage unentbehrlich ist.

Wird also derselbige nicht hochobrigkeitlich angehalten nach seinem besten Wissen und Gewissen das bisher verheimlichte zu entdecken, so wird im Ganzen nichts Statthaftes geschlossen werden können.

Die Hauptfrage ist diese: 

Mit wieviel mein Vater in der Herbstmesse oder zu Ende des Jahres 1763. der Zahnischen Handlung im Rest verblieben?

Denn daß solches geschehen kann ich wider sein Leugnen durch ein eigenhändig Schreiben des sich jetzo in Böhmen aufhaltenden Herrn Zahns beweisen.

An Euer Wohl und Hochedelgeborn Gestreng und Herrl. ergehet daher mein geziemendes Bitten Hochdieselben geruhen dem Herrn Burgermeister großgünstig aufzutragen gedachten Herrn Zahn eidlich über oben eingerückte Frage summarie zu vernehmen, und denselben zugleich bei eben diesem seinem Eide dazu anzuhalten daß Er dem Hochobrigkeitlich bestellten Rechnungs Untersucher Herrn Geiler auf sein Befragen über etwa vorfallende strittige Punkte nach seinem Gewissen Auskunft geben möge.

Worüber p in aller Untertänigkeit verharrend Euer Wohl und Hochedelgeborn Gestreng u: Herrl. untertäniger

  Johann Friederich Heckel.                                                                                            JWGoethe Lt.



[Frankfurt, 17. November 1773]

Wohl- und HochEdelgeborne Gestrenge Fest und Hochgelahrte, Hochfürsichtige und Hochweise Herren; Großgünstig Hochgebietend und Hochgeehrteste Herren Gerichts Schultheiß und Schöffen! Vergebens seh ich schon Jahre her, der Beendung des unseligen Prozesses entgegen, der meine Nahrung geschmälert, mein Hauswesen zerrüttet, und mich nun nach und nach, in die betrübtesten Umstände der Dürftigkeit versetzt hat.

Vergebens hab ich, durch Aufrichtigkeit gegen einen Erlauchten Richter, durch Nachgiebigkeit gegen meinen unversöhnlichen Vatter, alles getan, was in meinen Kräften stund, um endlich ein Verhältnis festzusetzen, in dem wir beide bestehen, den Rest unsers Vermögens erhalten, und so unsere Tage in Ruhe beschließen könnten. Vergebens! Der Rechts-Streit an dessen Ende ich gelangt zu sein glaubte, hat sich durch unerhörte Neuerungen abermal ins Weite gezogen; der Rechnungs-Untersuchung worauf alles ankommt, wird durch meinen Vatter eine Schwürigkeit nach der andern in den Weg geschoben, und wo er das nicht tut, wenigstens die gehörigen Erklärungen von seiner Seite versagt, daß der Hochobrigkeitlich bestellte Rechnungs Verständige durch den Aufenthalt verdrüßlich und lässig gemacht wird, und ich über der unerschwinglichen Alimentation zu Grunde gehe.

Die einzige Hoffnung nun, die mir übrig bleibt, ist auf Euer Hochadel. Gestrengen und Herrlichkeiten p gnädiges Einsehen, und auf dero Hochrichterliche Hülfe, die ich, mir nicht zu versagen, in tiefster Untertänigkeit flehentlich bitte, gegründet.

Euer Hochadel. Gestrengen und Herrlichkeiten p haben schon lange die Gerechtigkeit meiner Sache erkannt, nur war es mir ein Trauriges Schicksal, daß mein Gegenwärtiges Unglück, von der Zeit anfängt, da Hochdieselben mir den Besitz des Meinigen durch ein günstiges, gerechtestes Urteil, zu bestätigen geruhten.

Durch ein venerl. Dekret vom 22ten April 1772. ward mein Eigentum an dem Porzellanhof bestimmt, Haus und Hof wäre nun mein; allein wie wenig mir dies gefruchtet, wird aus dem folgenden ersichtlich sein.

Eben belobtes respektierliches Urteil, verfügte ferner: daß die Rechnungen, der, zwischen mir und meinem Vatter gepflogenen Sozietät untersucht, einem oder dem andern Teil das Seine herausgegeben, und sodann die künftige Alimentation des Vaters festgesetzt werden sollte. 

Ich erbot mich sogleich denselben, der ohnedas im Hause seine Wohnung behielt, mit an meinen Tisch zu ziehen, wo ich ihm denn, nach meiner Schuldigkeit, geziemend würde begegnet haben; und ihm darüber noch wöchentlich einiges Taschengeld zu reichen. Wie ich mich denn nicht weniger gleich an die Fertigung der Sozietäts Rechnung machte.

Zum Unglück hatte mein Vatter solche eigennützige Ratgeber, die ihm meine billigen Konditionen verleideten. Er schlug meinen Tisch aus und verlangte Geld. Nun ließ sich damals, bei noch nicht erörterten Sozietäts Verhältnis, keineswegs bestimmen, was für Alimenten ich dem Vater zu reichen aufs künftig schuldig seie. Man konnte nicht wissen, was mir oder ihm herauskommen, und wie mein Vermögen beschaffen sein würde, nach dessen Stärke und Schwäche sich auch notwendig, die Beschaffenheit und Summe der Verpflegung richten mußte.

Umsonst bemühten sich ein Ansehnlicher Herr Burgermeister, meinen Vater dahin zu bereden, daß er mit mir zu Tische gehen, dadurch zu dem guten ferneren Vernehmen Grund legen, und mir zugleich die Haushaltung und das Erschwingen der Verköstigung erleichtern mögte. Da aber dieses nicht fruchten wollte, so stellten Hochdieselben mir vor; ich solle noch eins weilen, bis die Rechnungen untersucht seien, die Alimenten in Geld reichen, es würde dieses nicht lange währen, vielmehr von Euer Hochadel. Gestrengen und Herrlichkeiten p eine Hochrichterliche Verfügung zu beider Teile Bestem fördersamst getroffen werden. 

Aus schuldigem Respekt für das Ansehen Eines Hohen Herrn Richters, willigte ich endlich ein, für die zwischen Zeit der Rechnungs-Untersuchung, und in Erwartung endlicher Auseinandersetzung wöchentlich drei Gulden, jedoch nur provisorisch, auf den damals kurz zu hoffenden Zeitraum, auszuzahlen.

Kaum hatt mein Vatter dies über mich erhalten, als er nicht die geringste Sorge mehr bezeigte, die Sachen ins klare zu setzen, und zu Ende zu bringen, vielmehr verwirrte er sie weiter, indem er eine Berechnung und sogenanntes Rißkontro hervorbrachte, bei welchem ich nichts bedaure, als, daß ich mich, in eine weitläuftige Beantwortung desselben eingelassen, da doch die Art wie er mir alles, was ich von Jugend auf von Erziehung Vätterlicher Hülfe, und Gaben erhalten, anschreibt, gleich beim ersten Anblick ihre Unzulässigkeit verrät; er auch gegenwärtig ganz still von der Sache ist und sie gerne in ihrem Unwert versinken läßt; welches ich denn wohl zugeben kann. 

Daß er aber der, dem Herr Geiler aufgetragenen Rechnungs Untersuchung so mancherlei Schwürichkeiten in den Weg legt, die von seiner Seite nötige Erklärungen entweder versagt oder nur halb, unter stetem Streite von sich gibt, kann ich nicht gelassen ansehen.

Herr Geiler ist darüber verdrüßlich geworden, und ohnerachtet all meines Bittens, seit vielen Wochen her nicht zu bewegen, seine angefangen Untersuchung und Berichtigung zu Ende zu bringen. Ich soll indessen das schwere Kostgeld fortzahlen, und gehe darüber, und über die übrige Unordnung zu Grunde, und Wollte Gott, Ew. Hochadel. Gestrengen und Herrlichkeiten p mögten mein Elend und meine Wehmut von den übertriebenen und lügenhaften Klagen so mancher Parteien unterscheiden, und mir dero Hülfreiche Hand nicht versagen.

Seit diesem unseligen Prozeß ist unsre ganze Nahrung zuruck gegangen, die Fabrik hat aufgehört, und es blieb mir nichts übrig als von den Einkünften des Hauses und übrigen Gutes zu leben, aber auch die sind mit Arrest bestricket, und werfen nicht einmal so viel ab, um die den Gläubigern des ersten Insatzes jährlich schuldige Interessen zu erlegen, da ich denn jederzeit noch für die Komplettierung der Summe meist aus meiner Frauen Vermögen, und durch meiner Schwiegermutter Hülfe, sorgen muß; da denn immer die Interessen dem zweiten Herrn Innsatz Gläubiger rückständig verbleiben, dessen besonderer Güte ist es zuzuschreiben, wenn ich noch nicht von Haus und Hof vertrieben bin. Welches jedoch nicht lange mehr anstehen kann.

Unter diesen Umständen, von denen ich bei Gott bezeuge, daß nichts falsch, noch übertrieben ist; wird mirs nun länger unmöglich meinem Vatter wöchentlich die drei Gulden zu geben, und muß flehentlich bitten, nur einiges Einsehen zu haben, daß um dieses Kost-Geld jährlich zu bestreiten an die 4000 fl. Kapital oder wenigstens eine sich sehr gut rentierende Handlung und Fabriken Wesen erfordert werde. Muß es nicht einem wohlhabenden Manne weit schwerer fallen einen dritten mit Gelde, als an seinem Tische zu verpflegen, wo wie bekannt, eine Person auf oder ab keinen sonderlichen Unterschied macht. Geschweige mir, der ich kaum im Stande bin mir mein eigen Brot zu verschaffen.

Ich habe daher etlichemal die Exekution müssen über mich ergehen lassen, welches denn neue Zerrüttungen verursacht, und mir auch das letzte was mir etwa an Meublen übrig bliebe, raubt und verschleudert. Wie mir denn letzten Samstag, eine Fayencene Terrine von dem Richter weggenommen worden, der sie unterwegs zerbrach, wiederkam, und mich ihm eine andere einzuhändigen nötigte. Ew. Hochadel. Gestrengen und Herrlichkeiten p die doch keinesweges an dem gänzlichen Ruin eines Bürgers gefallen haben können; geruhen hier in das Bedrängnüs einer unglücklichen Familie ein Richterliches Einsehen zu haben, und wenigstens durch eine provisorische Verfügung dem völligen Untergang derselben Einhalt zu tun.

Mögten Hochdieselben bedenken, daß meine gegenwärtige Bitte, selbst auf das beste meines sich selbst verderbenden Vaters abzweckt.

Denn durch das ihm wöchentlich zu reichende Geld, wird der Fond erschöpft, aus dem er doch allein künftigen Lebens Unterhalt hoffen kann. Bin ich zu Grunde gerichtet, bin ich von Haus und Hof vertrieben; so ist er es auch, und wird durch Alter und Schwachheit noch dazu außer Stand gesetzt, sich auf irgends eine Art einen Bissen Brot zu erwerben.

Ich kann es nicht oft genug wiederholen, so klar auch die Sache ist, daß hier nicht die Rede ist: meinem Vater etwas zu nehmen, meinen Vater außer Besitz zu treiben, meinen Vater verhungern zu lassen. Sondern ganz allein desselben künftigen Lebens-Unterhalt, mit meinen Umständen zu proportionieren. Ich will ihn an meinen Tisch nehmen, will für seine übrigen Bedürfnisse nach Maße Sorge tragen, will ihn verpflegen so gut es meiner Armut möglich; mehr können Gott und Menschen nicht von mir verlangen. Ich muß mich kümmerlich nach meiner Decke strecken, und warum kann mein Vatter nicht mit angehalten werden, sich mit mir zu behelfen?

Richtet doch jeder kluge HausVatter im gemeinen Leben seine Ausgaben nach seiner Einnahme, wie sollte ein erlauchter Richter von dem nun die Bestellung unsres Hauswesens abhängt nicht ein gleiches tun; sollte Er sich nicht bewegen lassen, eine Familie von dem drohenden, sonst unvermeidlichen Untergang zu retten.

Aber und abermal wiederhol ich also in lebendiger Hoffnung meine flehentlichste lang verschobne und doch so dringende Bitte: Ew. Hochadel. Gestrengen und Herrlichkeiten p geruhen nunmehr die gnädige, unumgängliche notwendige Verfügung zu treffen: Daß ich die meinem Vater provisorisch zugestandene Alimenten weiter zu reichen nicht mehr schuldig, sondern derselbe von nun an, sich zu mir an Tisch zu begeben, sich mit dem was unser dermaliger Zustand vermag begnügen, und das weitere von Hochderoselben künftigem Ausspruch zu erwarten schuldig sein solle. Zugleich werden Euer Hochadel. Gestrengen und Herrlichkeiten p dem Herrn Geiler zu Beschleunigung der Rechnungs Untersuchung, und völlige mein und meines Vaters Auseinandersetzung Großg. zu ermahnen, in tiefster Untertänigkeit gebeten.

Der ich in der vollkommensten Ehrfurcht lebenslänglich verharre. Euer Hochadel. Gestrengen und Herrlichkeiten p untertäniger Johann Friederich Heckel.

JWGoethe. Lt. 
Briefwechsel Schiller und Goethe


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