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2019-10-24

J.Wolfgang von Goethe-juristische Schriften: Bayn gegen Rüger (4)



Bayn gegen Rüger 


Frankfurt, 18. Juni 1773 

Wohl- und HochEdelgeborne Gestrengen Fest und Hochgelahrte Hochfürsichtige und Hochweise Herren; Großgünstig Hochgebietend und Hochgeehrteste Herren Gerichts Schultheiß und Schöffen! Herrn Gegners endlich übergebene Deductio Gravaminum ist in nichts seinen vorigen Exhibitis ungleich, eben so falsch, so unordentlich, so unbedeutend, nur Wiederholungen vorbringend, daß ich ruhig ad Acta priora submittieren könnte, wenn mich nicht die Gewohnheit führte gegenwärtige kurz gefaßte Exzeptions-Schrift Ew. HochAdel. Gestrengen und Herrlichkeiten p ehrerbietigst zu überreichen. 
 
Das erste, was er vorn und hinten zu urgieren sucht, ist: daß die Geschworne meine Arbeit um so viel höher als meine Forderung taxiert. Es ist aus seinem Exzeptions Rezeß d: d: 23ten September a. pr. 3 ersichtlich, daß ich gleich auf 797 fl. geklaget.

Kommt auch eine Rechnung von 782 fl. vor, so ist Teils der Unterschied gering auch die Posten klar bezeichnet, die in dieser ausgelassen worden. 

Ich fordere also 797 fl. Die Geschwornen schätzen sie einige Gulden höher, und nun wie wendet er sich um den enormen Unterschied heraus zu bringen. Ich soll mich zu einem Vergleich und Rabatt von 10 ProCent verstanden, und also nur 7031/10 fl. verlangt haben.

Welcher Schluß. Ist meine Arbeit nicht das Ganze Wert gewesen, wenn ich um von so einem Manne los zu kommen, hätte einen Teil davon entbehren wollen.

Eben so verhält sich Zweitens, mit dem Vorwurf, es seien den andern Tag die Geschwornen abwesend gewesen. Denn so hatten sie

a) von ihrer Seite den ersten Tag alles besichtigt. Waren

b) die den zweiten gegenwärtige Meister auch beeidigt, und sogar diese, hatten

c) nichts mehr für sich zu besichtigen, als die Reparation einiger alten Fensterrahmen und Türen. Die Taxation bleibt also und bestehet in ihrem Werte, sie ist von den erleuchteten Urteils-Verfassern schon bekräftigt und von denenselben gar wohl eingesehen worden, wie eine Taxation durch fremde Meister nicht im geringsten zulässig; da die Preise sich mit den Orten ändern, und nach den Lebensbedürfnissen richten.

Drittens bringt Gegner in der schönen Ordnung die er beobachtet ein Allotrium herein, die Vergütung der 114. Diehlschnitzel betreffend. Es beträgt dieses eine Kleinigkeit die gar leicht abzurechnen ist. Und die er nur so merkwürdig zu machen sucht, um wo möglich die Sache zu verwirren, und das klare Wasser zu trüben.

So fällt denn Viertens, auch jeder Anschein einer Nullität weg, wenn sowohl meine Rechnung nicht falsch war, als auch die Meister (wie in Aktis gezeigt wird) nicht nach meiner Rechnung als Rechnung, sondern als Spezifikation taxiert, folglich kein falscher Bericht, viel weniger (wie er sich nach seiner Art respektlos ausdrücket) ein ungerechter unbilliger Bescheid.

Seine Exceptio plus petitionis ist gar keiner Bemerkung wert, wie das Adjunctum sub Lit. P. das er nur, wie von jeher die unbedeutende Zeugnisse und Papiere, der Sache ein Ansehen und Weitläufigkeit zu geben angezwungen hat.

Das übrige ganze hierher nicht gehörige weitschweifige Gerede, Exaggerationen, Wiederholungen, Sprücheleien, Ausrufungen, und andere Hülfs-Mitteln des Ungrundes zergehen von selbst, wie Blasen in der Luft.

 Ich lasse es also dabei bewenden, bin überzeugt, daß auch den gegenwärtigen Herrn Urteils Verfassern in die Augen fallen wird, wie bei dem ganzen Prozeß, so auch bei diesem letzten Revisions- Gesuch, unerhörte Verschleifung der Zweck meines Gegners gewesen, und wie er sich der unwürdichsten Mittel bedient, einen Handwerksmann der sein Geld immer braucht, unverantwortlich aufzuziehen.

Daher ergehet an Hochdieselben in der sichersten Hoffnung meine geziemende Bitte: um Konfirmation des gerechtesten Spruches d. d. 22ten Maii a. c. und um die abermalige Verdammung des Gegners in die mir aufs neue mutwillig verursachte Kosten.

Der ich p Euer Hochadel. Gestrengen und Herrlichkeiten p untert'g gehorsamster Johan Henrich Rüger.Cpt  JWGoethe Lt.

[Frankfurt, den 28. Juli 1773] 

Wohl- und HochEdelgeborne Gestrenge Fest und Hochgelahrte Hochfürsichtige und Hochweise Herren; Großgünstig Hochgebietend und Hochgeehrteste Herren Gerichts Schultheiß und Schöffen! Indeme Gegenteil an nichts mehr als an Verschleifung der Sache gelegen, hat er sich abermals widerrechtlich bemühet einen Aufenthalt zu bewürken. In diesseitiger Exzeptions Schrift hatte man sein Betragen aufgedeckt und nach der Wahrheit geschildert, welches ihn denn so getroffen hat, daß er selbst nach dem Schluß, und niedergelegten Transmissions Kosten noch einmal nötig glaubt Worte zu machen und sich best möglichst zu entschuldigen. 

Ew. HochAdel. Gestrengen und Herrlichkeiten p haben ihm dieses p. Dekret: vener: d. d. 3. Juli h. a. ins: 6. ej: zwar cum termino ordinis gestattet, welches ich denn wohl geschehen lassen müßte, jetzo aber mich genötigt sehe gehorsamst anzuzeigen wie er denselben ungebraucht vorbei streichen lassen. Dahero an Ew. HochAdel. Gestrengen und Herrlichkeiten die geziemende Bitte ergehet: Hochdieselben geruhen meinen Herrn Gegner einen engern Terminum et quidem praejudicialem Hochrichterlich vorzuschreiben p.

Der ich pp. Euer HochAdel. Gestrengen und Herrlichkeiten p untertäniger

Johan Henrich Rüger                                                                                          JWGoethe Lt.

[Frankfurt, 25. August 1773]


Wohl- und HochEdelgeborne Gestrenge Fest und Hochgelahrte Hochfürsichtige und Hochweise Herren; Großgünstig Hochgebietend und Hochgeehrteste Herren Gerichts Schultheiß und Schöffen! Durch ein venerierl. Dekret d: d:11 ten et insinuatum 12ten Aug: ist meinem Herrn Gegner ein praejudizial Termin von Ew. HochAdel. Gestrengen und Herrlichkeiten anberaumt worden.

Weil aber derselbe im geringsten nicht pressiert ist, den Ungrund seines neuen Aufschubes an den Tag zu legen, es ihm auch ziemlich schwer fallen mag, nur einige scheinbarkeiten zusammen zu klauben; So ist er abermals außen blieben; Dahero ich mich genötigt sehe Ew. HochAdel. Gestrengen und Herrlichkeiten p in tiefer Untertänigkeit mit der Bitte anzugehen: Hochdieselben geruhen seine Saumseligkeit mit der praeclusion nunmehro zu bedrohen, und den Terminum derselben Hochrichterlich anzusetzen.

Der ich pp. Euer Hochadel. Gestrengen und Herrlichkeiten p untertäniger Johan 

Henrich Rüger                                                                                                                 JWGoethe Lt 

[Frankfurt, 8. September 1773]



Wohl- und HochEdelgeborne Gestrengen Fest und Hochgelahrte Hochfürsichtige und Hochweise Herren; Großgünstig Hochgebietend und Hochgeehrteste Herren Gerichts-Schultheiß und Schöffen! Wie sehr sich mein Herr Gegner auf die Geduld eines erlauchten Herrn Richters verlassen müsse, siehet man abermal doppelt aus seinen Replizis:

1.) sind recocta und allotria alle momenta wodurch er die Erneuerung des Prozesses rechtfertigt.
2.) sollen sie zugleich exhibitionem articulorum probatorialium enthalten; die aber hier wiederum
 abgehen. Welches er von jeher mit allen nötigen Beilagen zu Erweiterung des Aufenthalts zu tun pflegt, dagegen ganz unbedeutende Papiere wie itzt abermal mit einem fremden hierher ungehörigen und unapplikablen Protokoll geschehen, zu Verwirrung der Sache und Vergrößerung der Akten einschiebt. 

Es ist wohl das betrübteste Schicksal, wenn man mit einer ganz gerechten Sache um Gnade flehen soll, in welchem Fall ich mich jetzt befinde. Denn wenn eines gerechten Richters hohe Einsicht nicht denen widerrechtlichen Schlichen meines Gegners ein Ende macht, so wird er mir mein Eigentum noch sauer genug zu machen wissen.

Wie gewandt er in dergleichen Künsten sei, wird aus folgender Geschichts Erzählung erhellen: Zu Anfang des Prozesses ließ er mir einen Vergleich anbieten und zugleich melden: Wenn ich mich nicht fügen wollte, wolle er mich Zwei Jahr herum ziehen.

Der würdige Notarius Barba, der schon so vieles in hac causa attestieret hat, kann auch dieses bezeugen, denn er ist die Mittelsperson, die solches Vergleichs-Geschäfte, über sich genommen, und seine Kommission mir würklich in zufälliger Gegenwart des Herrn Hauptmann de Groote, ausgerichtet hat.

Nun ist von meinem Gegner darin vollkommen Wort gehalten worden. Seit dem Anfang des Prozesses bis zur Inrotulation der Akten sind würklich zwei Jahre verflossen.

Und nun zu wem soll ich meine Zuflucht nehmen, wenn derselbe vor einigen Wochen, mir durch obbelobten Notarium einen neuen Vergleich anbieten, und in Entstehung dessen mich bedrohen lasset: er wolle mich noch drei Jahre herum führen. Steht das in der Willkür einer Partei den Termin zu bestimmen, wie lang sie einen Prozeß hinaus schieben will! Und worüber ist hier am meisten zu erstaunen: über die Unverschämtheit des Gegenteils, oder über seine Bosheit. 

Doch so eine Stirne errötet über nichts.

Die Versendung der Akten hält er nun widerrechtlich auf. Und womit? Die Geschwornen sollen abgehört werden!

War ihm darum zu tun, warum ließ er sie während des Prozesses nicht abhören, da man diesseits darauf drang.

Ist ihm nun drum zu tun, warum verschleift er die Übergebung der Beweis Artikel, und warum geht ihm das alles so hin.

Eben ersagte Artikuli sind noch nicht übergeben, geschweige kommuniziert, und so gerne ich sehe, daß er vor der Versendung die Geschwornen abhören lasse, weil ihm nachher aller Raum zur Entschuldigung genommen wird; so beschwerlich muß es mir wieder fallen, wenn ich sehe, daß dieses zu neuem Aufenthalt Gelegenheit geben soll.

Unsere Bürgerliche Gesetze verpönen so hoch die Selbst Rache, nun war es ihre Schuldigkeit, uns zu dem unserigen zu verhelfen, und dadurch Entschlüssen, die Not und aufs äußerst getriebener Verdruß eingeben, vorzukommen.

Was er in seinen Replicis übrigens vorgebracht, halt ich nicht wert nur im geringsten zu beantworten. Was müßte man von einem Richter denken, dem man die Sonnen klare Unwahrheiten und Unrichtigkeiten erst mit Fingern weisen wollte. Sie bedürfen nicht einmal eines generalen Widerspruchs, den ich jedoch um der Form Willen gegen alles und jedes Vorbringen eingelegt haben will.

Da nun hier von weiter gar keinen meritis caussae, gar keinen Rechts-Gründen mehr die Rede sein kann; sondern ich mit einem Gegner zu tun habe, der Manifest das Verschleifs-Geschäfte treibt. Was kann ich Ihm entgegen setzen, als ein flehentliches untertäniges Bitten: daß Ew. HochAdel. Gestrengen und Herrlichkeiten p doch endlich einmal geruhen mögen, allen den schändlichen Griffen und Kniffen Gegners ein Ende zu machen, und Trutz seinen protestationen, protraktionen und andern juristischen Taschenspieler Streichen, als in Contumaciam, zu verfahren, und die Verschickung der Akten ad Exteros impartiales nunmehro Großg. vor sich gehen zu lassen.

Der ich Euer Hochadel. Gestrengen und Herrlichkeiten p untert'ger

Johan Henrich Rüger                                                                                                      JWGoethe Lt.


[Frankfurt, 27. September 1773]

Wohl- und HochEdelgeborne Gestrengen Fest- und Hochgelahrte Hochfürsichtige und Hochweise Herren; Großgünstig Hochgebietend und Hochgeehrteste Herren Gerichts Schultheiß und Schöffen! Ew. Hochadel. Gestrengen und Herrlichkeiten p haben auf die Bitte des Gegenteils um nochmaliges Zeugen-Verhör zu veranstalten, unterm 20ten Sept: Hochrichterlich zu dekretieren geruhet. Es solle dieses Gesuch ad Acta geleget, und denen auswärtigen Herrn Rechts Gelehrten anheim gestellt werden, zu beurteilen obund wie weit dem angetragenen Zeugen Verhör in hac Instantia revisionis annoch statt zu geben seie.

 Da nun aber mir mehr als Gegnern daran gelegen, ein dezisives Urteil endlich zu erhalten, und auf die Weise immer Erneuerung des Prozesses und unendliche Protraktion zu befürchten steht; So muß ich selbst bitten, entweder ihm sein verzögerliches Gesuch gänzlich abzuschlagen, oder zu vergönnen, daß jetzo noch vor Verschickung der Akten diese obgleich völlig impertinente Zeugen Abhörung geschehe. 

Weil ich doch aufgezogen werden soll, so ist es immer besser jetzt als hernach. 

Dahero gelanget an Euer Hochadel. Gestrengen und Herrlichkeiten p mein untertänigst gehorsamstes Bitten: Hochdieselben geruhen Gegenteilen sein ganz unzeitig vorgeführtes Zeugen Verhör entweder gänzlich abzuschlagen, oder wenn Hochdieselbe wie es scheint noch im Zweifel versieren sollten, [ob] es einigermaßen könnte gestattet werden, es lieber gleich zu verstatten, und zu dem Ende damit ich mein bestes auch wahren möge, mir die eingegeben sein wollende Articulos probatoriales Großg. zu kommunizieren.

Worüber ich mit lebenslänglicher Devotion in tiefster Untertänigkeit verharre. Ew: Hochadel. Gestrengen und Herrlichkeiten pp. untert'ger

Johan Henrich Rüger                                              JWGoethe Lt. 

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