> Gedichte und Zitate für alle: lJohann Wolfgang Goethe: Wilhelm Meisters Theatralische Sendung (Urmeister): 1. Buch 22.Kapitel

2019-10-06

lJohann Wolfgang Goethe: Wilhelm Meisters Theatralische Sendung (Urmeister): 1. Buch 22.Kapitel






Erstes Buch
Zweiundzwanzigstes Kapitel

Unter der lieben Hülle der Nacht, die mich sonst in deinen Armen bedeckte, sitz ich und denk und schreibe an dich, und was ich sinne und treibe, ist um deinetwillen. O Mariane! mir, dem glücklichsten unter den Männern, ist's wie einem Bräutigam, der ahndungsvoll, welch eine neue Welt sich in ihm und durch ihn entwickeln wird, vor den geheiligten Teppichen steht, gedankenvoll, lüstern, vor den geheimnisvollen Vorhängen, woher ihm die Lieblichkeit der Liebe entgegensäuselt. Ich hab es über mich gewonnen, dich einige Tage nicht zu sehen, es war leicht in Hoffnung einer solchen Entschädigung. Ewig mit dir zu sein! ganz der Deinige! Liebste, du weißt nicht, was ich will, und doch könntest du's wissen. Wie oft hab ich mit leisen Tönen der Treue, die, weil sie alles zu halten wünscht, nichts zu sagen wagt, an deinem Herzen geforscht nach dem Mitverlangen einer ewigen Verbindung. Verstanden hast du mich gewiß, denn in deinem Herzen muß ebender Wunsch keimen; vernommen hast du mich in jedem Kuß, in jedem Augenblicke anschmiegender Ruhe; und nun deine Ausweichungen, deine Bescheidenheit – wie lieb ich dich, meine Beste! Was eine andre durch Künste hervorzulocken sucht, den Entschluß, den meist das Mädchen durch übrigen Sonnenschein reif zu machen trachtet, dem entziehst du dich und schließest die schon halb geöffnete Brust deines Geliebten durch anscheinende Gelassenheit wieder zu. Ich verstehe dich! Welch ein Elender müßt ich sein, wenn ich an diesen Zeichen die reine, uneigennützige, mehr für mich besorgte Liebe nicht erkennen wollte! Sei ruhig! wir gehören einander an, und keins von beiden verläßt oder verliert etwas, wenn wir füreinander leben. Nimm sie hin, diese Hand, feierlich noch dies überflüssige Zeichen. Alle Freuden der Liebe haben wir empfunden, aber es sind neue Seligkeiten in dem bestätigten Gedanken der Dauer. Frage nicht, wie! sorge nicht! das Schicksal sorgt für die Liebe, und das um so gewisser, da sie genügsam ist. Mein Herz hat schon lang meiner Eltern Haus verlassen, es ist bei dir, wie mein Geist auf der Bühne schwebt. O meine Geliebte! ist leicht ein Mensch, dem so gewährt ist wie mir, seine Wünsche zu verbinden? Was mir jetzt keinen Schlaf in die Augen kommen läßt, was mich an meine Papiere heftet, was in mir wie eine ewige Morgenröte auf- und absteigt, deine Liebe und mein Glück. Ich halte mich kaum, daß ich nicht auffahre, hinrenne, und bezwinge mich, um sicherzugehen und nicht wie ein Unbesonnener törichte, verwegne Schritte zu tun. Ich habe mit Direkteur S. Bekanntschaft, meine Reise geht gerade zu ihm, er hat vor einem Jahr oft seinen Leuten etwas von meiner Lebhaftigkeit und Freude am Theater gewünscht, und ich werde ihm gewiß willkommen sein. Denn bei eurer Truppe ist's nichts, auch ist S. so weit von hier, daß ich anfangs meinen Schritt verbergen kann. Einen leichten Unterhalt find ich da gleich, ich sehe mich um im Publiko, lerne seine Leute kennen, hole dich nach und – Mariane! du siehst, was ich über mich gewältigen kann, um dich gewiß zu haben; denn dich so lange nicht zu sehen, dich in der weiten Welt zu wissen, recht lebhaft darf ich's mir nicht vorsagen – und dann wieder deine Liebe, die mich vor allem sichert! Und ich bitte dich, versag mir das einzige nicht, eh wir uns scheiden, gib mir deine Hand vor dem Priester, ich werde ruhig gehen. Es ist nur Formel unter uns, aber so eine schöne Formel; der Segen des Himmels zu dem Segen der Erde! In der Nachbarschaft, im Ritterschaftlichen geht's leicht und heimlich an. Geld für den Anfang für uns beide hab ich, wir wollen teilen, und ehe das all ist, wird der Himmel weiterhelfen. Ja, Liebste! es ist mir gar nicht bange. Was mit so viel Fröhlichkeit begonnen wird, muß ein glückliches Ende nehmen. Ich habe nie gezweifelt, daß man sein glücklich Fortkommen in der Welt finden könne, wenn's einem Ernst ist, und ich fühle mir Mut genug, für zwei, für mehrere einen Erwerb zu gewinnen. Die Welt ist undankbar, sagen sie; ich habe noch nicht gefunden, daß sie undankbar sei, wenn man auf die rechte Art etwas für sie zu tun weiß. Mir glüht die ganze Seele beim Gedanken, endlich einmal aufzutreten und den Menschen in das Herz hineinzureden, was sie sich so lang zu hören sehnen. Wie tausendmal ist's freilich mir, der ich so von der Herrlichkeit des Theaters eingenommen bin, bang durch die Seele gegangen, wenn ich die Elendesten gesehen habe sich einbilden, sie könnten uns ein großes, treffliches Wort ans Herz reden; es ist schlimmer, als was durch die Fistel gezwungen wird, eine Versündigung, wie's in der groben Ungeschicklichkeit dieser Bursche herzugehen pflegt. Das Theater hat einen Streit mit der Kanzel oft gehabt, und sie haben einander nichts vorzuwerfen. Es wäre zu wünschen, daß an beiden Orten nur die edelsten Menschen stünden, daß Gott und Natur immer verherrlicht würden. Es sind keine Träume, meine Liebste: wie ich an deinem Herzen habe fühlen können, daß du in Liebe bist und für mich bist, so ergreife ich auch den glänzenden Gedanken und sage – ich will's nicht aussagen, aber hoffen will ich's, daß auf uns herabsteigen soll die große Schönheit und die so von allen gewünschte Erscheinung des Übermenschlichen in menschlicher Gestalt. So gewiß, als mir an deinem Herzen Freuden gewährt waren, die von den Menschen immer göttlich genennt werden, weil sie in diesen Augenblicken über sich selbst gehoben sind. Ich kann nicht schließen; ich habe schon so viel gesagt und weiß nicht, ob ich dir alles schon gesagt habe, alles, was dich angeht, denn für das Rad, wie sich's in meinem Herzen dreht, sind keine Worte. – Nimm dieses Blatt indes, meine Liebe! Ich habe es wieder durchlesen und finde, daß ich von vornen anfangen sollte, indes hat's alles, was du zu wissen nötig hast, was dir Vorbereitung ist, wenn ich nun bald mit der Fröhlichkeit der süßen Liebe an deinen Busen zurückkehre. Ich komme mir vor wie ein Gefangener, der in einem Kerker lauschend seine Ketten abfeilt. Ich sage gute Nacht meinen sorglos schlafenden Eltern und bald eine längere gute Nacht - - Leb wohl! für diesmal schließ ich, die Augen sind mir zwei-, dreimal zugefallen, es ist schon tief in der Nacht.
Eckermann: Gespräche mit Goethe


Dichtung und Wahrheit

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