> Gedichte und Zitate für alle: Victor Hehn : Über Goethes Hermann und Dorothea: Sitten und Lebenssphäre. (8)

2019-10-18

Victor Hehn : Über Goethes Hermann und Dorothea: Sitten und Lebenssphäre. (8)




Sitten und Lebenssphäre.

Schon oben ist von dem epischen Gedicht gesagt, daß es das Leben in seiner ganzen Breite vor uns aufrollt, mit freundlicher Anerkennung dem Kleinsten wie dem Größten eine Stelle in dem Gemälde gewährt und den Menschen als sinnlich-geistige Totalität im konkreten Zusammenhang mit der ganzen ihn umgebenden Welt der Dinge in den poetischen Spiegel aufnimmt. Nun hat aber eben unser Leben eine Gestalt, wie sie dem Dichter und Künstler nicht zusagt, sei es infolge der Zivilisation oder infolge des düstern Klimas, welches ein schönes Gleichgewicht menschlicher Entwicklung nicht begünstigt. Das Sinnliche ist bei uns zurückgedrängt, die frische Energie der Existenz, die in schönen und kräftigen Formen nach außen tritt, ist bei uns gebrochen. Der Maler sträubt sich gegen unsre Kleidertracht als phantasielos: er flieht mit seinen Darstellungen in frühere Jahrhunderte oder in einsame Gebirgsthäler oder in den Orient und sucht dort kleidsame farbige Gewänder, malerische Formen und Schnitte, prächtigen Schmuck, Adel und Einfalt der Erscheinung. Wie weit haben sich bei uns die Formen des Umgangs von jener naiven Ursprünglichkeit entfernt, mit der der Mensch die ganze Macht seiner innern Leidenschaft und Gesinnung in sein äußeres Benehmen, in den Ausdruck des Gesichts, in Gang, Haltung und Wort hineinlegte! In unsrer Geselligkeit darf weder der Zorn und Haß, noch die Freude und Liebe rein hervorbrechen und sich energisch in der sinnlichen Erscheinung malen. Nirgends versetzen wir in unser äußeres Thun den vollen Inhalt eines ungebrochenen Herzens, wir achten im Gegenteil unser Naturdasein gering und schätzen den Menschen nur nach dem Maß seiner geistigen Thätigkeit.

Im homerischen Zeitalter stehen die Helden noch im engen Verkehr mit der äußern Natur: bei ihnen verschmelzen das Sittliche und Physische zum Bilde einer totalen und in sich einigen Menschennatur. Wie ganz anders bei uns! Wir beteiligen uns an den sinnlichen Geschäften nur halb oder gar nicht mehr. Schon hört bei uns das Handwerk allmählich auf, wo der Mensch mit gemütlichem Anteil in ein bestimmtes Werk seiner Hände sich vertieft: es verwandelt sich in Fabrik- und Maschinenarbeit, die ihr Produkt gleichgültig und uniform zu Tage wirft. Wo sonst ein Herold in bunter Tracht mit silberner Trompete den Krieg ankündigte, da wird jetzt ein Manifest geschrieben. Krieg und Schlacht sind mechanisch geworden, eine halb mathematische Wissenschaft, die mit Truppenlinien, mit Carrés, mit Stoß und Gegenstoß massenhaft operiert; es kann der Sieg gewonnen, die Schlacht verloren sein, ohne daß der einzelne Krieger etwas davon gewahr geworden. Die Erfindung des Schießpulvers hat wie die des Geldes, welche letztere erst in unsrem Jahrhundert zu ihren Konsequenzen gekommen, das volle einzelne Leben in Abstraktionen aufgelöst. Statt der naiven Rechtsverhandlungen unter offnem Himmel, wo der geehrte Sinn der Handlung in zahlreichen symbolischen Formen hervortrat, werden jetzt zwischen düstern Mauern Aktenstöße zusammengeschrieben und Paragraphen zitiert. Die Staaten befehden sich durch Noten und Schriften; wo der Mensch sonst mit Mund und Auge, mit Wort und That hervortrat, da wird jetzt in geheimen Staatskabinetten geschrieben; geschrieben wird überall, in Büreaus, in Amtsstuben, in Kanzleien; dem lauten bunten Leben tritt die Polizeiregel, der freien Individualität die mechanisierte hierarchische Verwaltung entgegen. Schreiben und Lesen ist bei uns an die Stelle von allem getreten. Und doch ist der Mensch, wie Goethe selbst sagt, eigentlich nur berufen in der Gegenwart durch seine Persönlichkeit zu wirken; Schreiben ist ein Mißbrauch der Sprache, stille für sich Lesen ein trauriges Surrogat der Rede. Unsre Sinne, nicht mehr im Kampf mit den Elementen geübt, sind stumpf und blöde geworden; jede eigensinnige Individualität, d. h. jede Durchdringung ganz eigentümlicher Umstände und Bedingungen, die in dieser Art nie wiederkehren kann, ist in negativen allgemeinen Richtungen untergegangen. Nivelliert sind auch unsre Städte, in denen man das Haus nach der Nummer, in Amerika, diesem Lande moderner Prosa, sogar die Straße nach der Nummer aufsucht; nivelliert ist das Land, wo regelmäßige Grenzen einen Acker von dem andern sondern und die Naturfreiheit der Landschaft immer weiter vor der verfolgenden Bodenkultur zurückweicht. Der wechselnde Pfad, der den Reiter unter Gefahren und Mühseligkeiten durch Wälder, durch Ströme und über Berge führte, er ist zur geraden und öden Chaussee geworden, diese zur noch abstrakteren Eisenbahn. Der Tag des Städters wird von dem Amt, von der Gewohnheit prosaisch und pünktlich geregelt; der Landmann blickt nicht mehr nach der Sonne, um sich die Tageszeit anschaulich-sinnlich vom Himmel zu holen; er hat eine Uhr, ein mechanisches Werkzeug dazu. Die Maschine dringt auch immer mehr in den Ackerbau: Sähmaschinen, Dreschmaschinen, selbst Pflugmaschinen ersetzen die lebendige Hand; wenn der Ackerbauer sonst mit kundigem Blick den Horizont übersah, um das kommende Wetter zu erraten, wenn ihm dabei poetisch-abergläubische Traditionen, gereimte Sprüche behilflich waren, so hat er jetzt ein Barometer an der Wand hängen, wenn nicht gar ein Hygrometer. Ein unfruchtbarer Acker wurde sonst als vom Teufel verdorben, vom bösen Blick gestochen unter geheimnisvollen Gebräuchen exorzisiert und neugeweiht; jetzt wird ein Lehrbuch der
Agrikulturalchemie aufgeschlagen und der Boden entmischt und gemischt. Die seltsamen bunten mannigfaltigen Tauf-, Hochzeits- und Beerdigungsgebräuche unsrer Ahnen sind nur noch in schwachen Spuren übriggeblieben; der Volkstanz, sonst voll Charakter und unmittelbarer Energie, ist allmählich zu dem bleichen Schatten unsrer Gesellschaftstänze geworden, wo von schöner Darstellung nicht mehr die Rede sein kann und die, je feiner die Gesellschaft ist, desto ängstlicher als bloße abstrakte Formen aufrecht erhalten werden; der Ausdruck gerade wird bei ihnen gemieden, die zu starke Erhitzung gilt für unanständig. So ist unser ganzes Leben aus einem blühenden naiven Naturdasein zu einem abstrakten, ohnmächtig reflektierten, von einigen allgemeinen Formeln umschlossenen geworden. Fern sei der Gedanke diese Losreißung von dem natürlichen Pflanzenleben zu verurteilen; Abstraktion ist gegen Unmittelbarkeit die höhere Stufe und unser allzu geistiges Dasein muß zu einer zweiten Natur, zum Ziel schöner Sittlichkeit führen; so wie unsre Sitten aber jetzt sind, müssen sie den Dichter und Künstler anwidern, vor der ästhetischen Betrachtung sind sie verworfen. In welchem traurigen Dilemma befindet sich der Bildhauer, der einen heutigen Helden als Statue zu bilden hat: abgesehen davon, daß Heldengröße heutzutage nicht durch Kraft und Anmut des Leibes, sondern auf Kosten derselben erreicht wird, die Skulptur also an dem zu verherrlichenden Manne eigentlich nichts darzustellen findet, so muß der Künstler entweder das abstrakt idealisierende Kostüm, z. B. die antike Toga, wo alle Wahrheit aufgeopfert wird, oder den modernen Frack und die Militäruniform wählen, wo alle plastische Schönheit ausgeschlossen ist. Einen Mann wie Napoleon konnte der Erzgießer in seinem Ueberrock und seinem dreieckigen Hute auf die Vendômesäule stellen: der Held hatte sich so der Völkerphantasie auf immer eingeprägt und von historischer Macht ergriffen hat der Sinn beim Anschauen des Bildes gleichsam nicht Zeit auf die Linie der Schönheit zu achten. Im übrigen ist die Bildnerei beschränkt auf mythologische Figuren und Gruppen, überhaupt auf Gegenstände, die unserm Sinn und Leben fernliegen. Wie sie das Nackte bei uns schmerzlich vermißt, denn wir verhüllen alles, wie sie unsern gebrechlichen verunstalteten Körper überhaupt verschmäht, so sucht die Malerei bei uns vergebens nach Repräsentation, nach augenfälligen Szenen, Handlungen und Momenten. Der epische Dichter, um auf diesen zurückzukommen, befindet sich in gleicher Verlegenheit wie die bildende Kunst; er soll eine Welt poetisch schildern, die sich der poetischen Darstellung auf allen Punkten entzieht, die sich gar nicht fassen läßt, da sie das Sinnliche abgestreift oder, wo sie es nicht aufgeben konnte, wenigstens so viel als möglich ins Dunkel verwiesen hat.

Unter solchen Umständen griff Goethe mit glücklichem Takt nach derjenigen Schicht der Gesellschaft, die der Einfalt der Natur in Worten und Werken noch nahe stand, ohne mit dumpfem Blödsinn gegen die Weite der Welt und des Lebens verschlossen zu sein. Es ist eine Bürgerfamilie, die zugleich das schöne uralte heilige patriarchalische Geschäft des Ackerbaues treibt. Dadurch ist sie mit der lebendigen Natur in beständiger Berührung; Wolken und Winde, Regen und Sonne, der stille Wechsel der Jahreszeiten ist ihr wichtig; körperliche Arbeit wird von ihr gefordert; ihre Mühen wie ihre Erholungen sind sinnlicher Art. Hermanns Vater ist kein bleicher, blöder Gelehrter, dem es hinter der Oellampe gleichgültig ist, ob es in der übrigen freien Welt regnet oder schneit; er sitzt vor seiner Thür und zum Himmel schauend spricht er: Schönes Erntewetter morgen! Hermann, der Sohn, schirrt die Pferde selbst, legt ihnen das Gebiß an, zieht die Riemen durch die Schnallen, befestigt die Zügel, führt die so geschirrten Tiere auf den Hof, auf den unterdes der Knecht die Kutsche schon hinausgeschoben, setzt sich auf den Bock, bändigt die Hengste, schwingt die Peitsche und fährt bergan und bergunter. Er ist es, der arbeitend und anordnend auf den Feldern waltet; am Erntetag, wo gewiß die ganze Familie Hand anlegt, wird dann auch das ländliche Mahl im Schatten des Baumes gehalten, ganz wie auf dem Schilde des Achilles, während die Schnitter die goldnen Halme sicheln und zusammenbinden, die Herolde unter der Eiche das schöne Mahl bereiten und körbetragende Frauen ihnen dabei zur Hand gehen. Hermann sagt von sich selbst:

Und ich verstehe wohl gut die weltlichen Dinge zu sondern,
Auch hat die Arbeit den Arm und die Füße mächtig gestärket.

Auch sein Blick ist scharf: auf seiner ersten Fahrt fällt ihm sogleich ein Wagen, von tüchtigen Bäumen gefügt, ins Auge; zwei gewaltige Ochsen schreiten ihn ziehend daher, die er sogleich als ausländische erkennt. Auch Dorothea ist ein Mädchen voll frischer bäuerlicher Lebenskraft: sie ist keine ätherisch-sentimentale Stubenblume, trägt kein Korsett, ist in keiner Pension erzogen und liest keine blumigen Novellen aus Almanachen mit goldnem Schnitt, keine vergoldeten Gedichte von Theodor Körner oder Emanuel Geibel. Der Richter rühmt von ihr, sie sei rüstig geboren und ebenso gut als stark; Hermann selbst vergißt neben dem Verstande, der sich in ihren Worten zeigt, unter ihren Eigenschaften nicht die frohe Gewandtheit, die Stärke des Arms, die volle Gesundheit der Glieder. Phantasielose Rezensenten der alten Schule fanden es bei Erscheinen des Gedichts zu niedrig, daß Dorothea die Ochsen treibt, Wasser holt, sich als Magd verdingt. Aber gerade dies Bild Dorotheens neben den Ochsen mit dem Stabe ist wie das der Wasserschöpfenden von rührender homerischer Einfalt und Menschlichkeit. Der Ochse und die Kuh sind seit der ersten Gesittung des Menschengeschlechts in das Leben und die Sitten desselben verflochten, es sind heilige Tiere wie das Roß, sie sind poetisch wie der Pflug; sie dienen dem Menschen in geruhiger Würde, ganz Nahrung und Gedeihen ausdrückend. Gern verweilt die Phantasie an ihnen gleichwie an Szenen aus der kindlichen Zeit primitiver Menschengeschlechter, gern stellte auch die bildende Kunst den Menschen neben sie und statt Niedrigkeit finden wir Adel in jener Gruppe Dorotheens und Hermanns auf der Landstraße. Auch Dorotheens bäuerliche Tracht ist noch so bunt sinnlich, daß sie Stück für Stück an zwei Stellen des Gedichts vom Dichter beschrieben, daß das Mädchen auf ganz episch primitive Weise nach ihr erkannt und beurteilt werden konnte. Bei alle dem sind es nicht bloße Bauern, die wir vor uns haben; sie sind nicht wie diese stumpfsinnig auf das nächste sinnliche Dasein gerichtet. Das städtische Bürgertum, dem sie zugleich angehören, die Wohlhabenheit, in der sie leben, hat ihre freiere geistige und sittliche Entwicklung begünstigt. Hermanns Vater ist kein roher Dorfbauer, er ist zugleich Gastwirt, dadurch mit den verschiedensten Menschen in Berührung gekommen, in den Stand der Reflexion übergetreten und eine Art Weltmann im kleinen geworden. Auch bei den übrigen Personen finden wir auf ganz homerische Weise die Einfalt der Lebensgewohnheiten und kindlich-sinnliche Beschränktheit der Lebenssphäre mit echt menschlicher Zartheit der Empfindung und gesunder Einsicht in die allgemeinen Verhältnisse gepaart. Jene Wohlhabenheit, die so günstig wirkt, wird dennoch nur durch Arbeit erhalten, wie sie nur durch Arbeit gewonnen worden; und diese Arbeit ist wiederum nicht die des armen Knechtes, des gedrückten Hörigen und an gemeine Dienstverrichtungen gefesselten Proletariers; sie macht darum nicht roh und unflätig wie in dem einen, nicht unterwürfig und gehorsam wie in dem andern Falle. Der fleißige Hermann hat dennoch noch einen Knecht, der ihm zur Hand geht. So gewann der Dichter gerade bei solcher Lebensstellung seiner Personen die nötige Naturlebendigkeit, indem er zugleich eine reiche Welt innerlicher sittlicher Motive vor uns aufthun konnte. Wir sammeln im Folgenden die einzelnen Züge, die das Bild dieser bürgerlich-ländlichen Sphäre der Sitten vervollständigen.

Hermanns Vater hat auf der Brandstätte beider Häuser die Mutter zur Gattin gewählt; der Brand aber war vor zwanzig Jahren geschehen; Hermann selbst wird also nicht mehr als achtzehn oder neunzehn Jahre zählen. Dennoch ist er längst von den Eltern getrieben worden, sich eine Braut zu wählen und ihm selbst ist das Leben öde und einsam erschienen, weil er der Gattin entbehrte: alles dies schon im achtzehnten bis neunzehnten Jahre. So ist hier also die schöne Naturordnung noch ungeirrt, nach welcher der Jüngling, wenn er zeugungsfähig geworden, mit dem Weibe sich verbindet und jetzt erst das sittlich erfüllte Leben, derjenige Abschnitt desselben beginnt, zu dem alles Vorhergehende nur Vorbereitung ist. In der Zivilisation unsrer großen Städte heiratet der Mann meistens dann, wenn er abgelebt ist und nach erschöpftem Genuß sich ein häusliches Asyl schaffen will; die Ehe ist das Hospital für den im Kriegsdienst des Lebens Aufgeriebenen und Ermüdeten. In frischen Jahren fehlt in der Regel das ernährende Amt oder die einseitig geistige Ausbildung ist noch nicht vollendet oder das Freiheitsgefühl hindert den Jüngling bei unsrer Form der Ehe sich auf ewig zu binden. Die Idee der Familie kommt dabei nur verkümmert zur Wirklichkeit; wie selten ist jener so rührend patriarchalische Kreis, wo um das würdige weiße Haupt des Ahnherren die Kinder, die Enkel, die Schwiegersöhne und Schwiegertöchter, die homerischen γαλόῳ καὶ εἰνάτερες εὔπεπλοι mit ihren Abkömmlingen sich gruppieren und seine segnende welke Hand küssen, wo der Großvater noch rüstig sich regt und neben ihm mit Höfen und Aeckern der Sohn, der Enkel sich angebaut hat. Auch Hermanns Mutter war nach ihrer eigenen Erzählung fast noch ein Kind, da der Vater sie zur Braut wählte, so daß wir wohl hoffen dürfen, sie werde noch als Großmutter, ja als Aeltermutter in der Mitte des jüngeren Geschlechts sich einer erneuten Jugend freuen. Gegenüber der abgeschmackten Gefühlsromantik unsrer Schauspiele und Romane, die gerade dort alles Interesse erschöpft glauben, wo der eigentliche Inhalt des Lebens erst recht beginnt, gehört auch dies zu der Lauterkeit homerischer Empfindungsweise, die uns aus dem ganzen Gedicht so wohlthuend anweht.

Auch der folgende echtbürgerliche, auf Hervorwachsen einer Familie aus der andern bezügliche Zug fehlt in dem Gedichte nicht. Die Eltern bereiten der Tochter schon frühe eine Art Aussteuer: die Mutter sammelt ihr manche Jahre hindurch Leinwand im Kasten, zu der sie das Garn ohne Zweifel selbst gesponnen hat, die Taufpaten verehren ihr Silbergerät und der Vater legt im Pult die seltene Goldmünze für sie zur Seite.

Ein Zug von hoher Wahrheit wird es jedem, der das Bürgerleben, die Sitten der kleinen Stadt kennt, erscheinen, wenn bei den Personen unsres Gedichts das Brandunglück, von dem die Stadt vor zwanzig Jahren betroffen wurde, zur Zeitbestimmung dient und beim Zurückdenken die Epochen des Familienlebens, das Vorhandene und Geschaffene im Geiste sich immer an jenes Ereignis knüpfen. Es war zwei Jahre nach dem großen Brande, sagt der, der auf ein Vergangenes sich besinnt, der das Geburtsjahr irgend eines Hauses, einer Einrichtung u. s. w. angeben will.

In älterer Zeit, berichtet der Apotheker, war es Gebrauch, daß, wenn die Eltern für ihren Sohn eine Braut sich ersehen hatten, sie einen vertrauten Freund des Hauses als Freiersmann zu den Eltern des Mädchens sandten. Dieser kam etwa Sonntags nach Tische stattlich geputzt in das erkorene Haus, sprach zuerst über allgemeines, lenkte dann das Gespräch geschickt auf die Tochter, die er samt ihren Eltern rühmte, dann auf den Mann, der ihn gesandt hatte, den er gleichfalls lobte. Gegenseitig merkte man bald die Absicht und den Willen und konnte sich weiter erklären; ward der Antrag abgelehnt, so war's für keinen eine Schande. Gelang aber die Unterhandlung, so blieb in dem Hause des neuen Paares der Freiersmann auf immer der erste. Jetzt ist das alles, fügt der Sprechende hinzu, mit andern guten Gebräuchen aus der Mode gekommen. —Hier ist zunächst die letzte Aeußerung in ganz bürgerlichem Geiste: der Bürger liebt es, in die behaglichen Zustände der Gegenwart eingesponnen, auf die Sitte der Voreltern sich zu beziehen und mit der Phantasie sich eine gemütlich ideale Welt aus Erinnerungen des Alten zu erbauen. Auch Homer hat eine solche großväterliche Zeit im Hintergrunde, wo die Menschen stärker waren und mit den Göttern verkehrten; οἷοι νῦν βροτοί εἰσιν heißt es oft halb verächtlich. So beruft sich auch der Vater an einer Stelle auf die Alten:

Einmal für allemal gilt das wahre Sprüchlein der Alten.

Dann ist jene Art der Ehestiftung, wo die Eltern wählen, die ganz unverfälscht bürgerliche; nicht die Romantik eigensinniger Phantasie, wie bei dem Minnen des Rittertums, sondern Gemüt und Verstand, das Familiengefühl sind bei derselben thätig; nicht Individuum verbindet sich mit Individuum, sondern Familie mit Familie. Der Sohn muß heiraten, dieser Entschluß geht voraus; die Eltern ratschlagen; indem sie seinen Sinn auf ein Mädchen lenken, folgt daraus die Neigung. Und Hegel an einer merkwürdigen Stelle der Rechtsphilosophie erklärt diese Art der Ehestiftung sogar für sittlicher als diejenige, wo nicht die Veranstaltung der wohlgesinnten Eltern und der Entschluß zur Verehelichung den Anfang macht und die Neigung erst zur Folge hat, sondern wo der Jüngling verzaubert an der Vorstellung eines bestimmten Mädchens haftet: dort nämlich gilt die objektive Sittlichkeit der Ehe überhaupt, hier setzt die moderne übergreifende Subjektivität an eine Grille alles Glück und Wehe. Dennoch liegt in jener Wahl durch die Eltern etwas Hartes, Gebundenes, Unerschlossenes; es wird darum diese Sitte in die Zeit der Eltern zurückverlegt, also in eine Höhe, zu der wir mit Ehrfurcht aufblicken und von der alle Quellen der Sittlichkeit zu uns herabgerauscht kommen.

Nachdem die Woche fleißig gearbeitet worden, ist der Sonntag die Zeit der Erholung, der Landfahrten. Dieser bürgerliche Zug kommt mehrmals vor. Damals, als der Vater des Apothekers dem Knaben durch Hinweisung auf die Tischlerwerkstatt die Ungeduld benahm, war es ein Sonntag und die Fahrt sollte zum Lindenbrunnen gehen. Als vor zwanzig Jahren die Feuersbrunst ausbrach, wurde sie deshalb so gefährlich, weil als am Sonntag alle Leute in festlichen Kleidern spazierend auf den Dörfern und in Schenken und Mühlen zerstreut waren. Und heute, wo unsre Geschichte vorgeht, ist gleichfalls Sonntag; nur heute hat der arbeitsame Hauswirt Zeit, behaglich unter dem Thorweg zu sitzen und mit den Nachbarn zu schwatzen; nur heute können diese auf der Stelle die Fahrt ins Dorf machen und dort verweilend sich erkundigen. Gerade diese Bedeutung des Sonntags und der Feste ist dem Bürgerstande eigentümlich. Dem Vornehmen und Reichen ist jeder Tag gleich, er würde es für schlechten Ton halten, gerade am Sonntag sich besonders herauszuputzen und überläßt sich an jedem Tage mit Freiheit dem Genuß und der Pflege des Körpers. Der Bürger besucht Sonntagvormittags in festlichen Kleidern, frisch gewaschen und gekämmt, das Gesangbuch unter dem Arm, die Kirche und macht nachmittags Spaziergänge zum Thor hinaus, begleitet von Frau und Töchtern und Gesellen und Burschen, wie dies im Faust am Ostersonntag geschildert wird. Die Stube ist an solchem Tage frisch mit Sand bestreut; ein Gericht mehr kommt auf den Tisch. Unübertrefflich hat Goethe selbst das Poetische der arbeitsamen Regelmäßigkeit des Bürgerlebens in dem Gedicht »der Schatzgräber« ausgedrückt, welches mit den Worten schließt:

Tages Arbeit, abends Gäste,
Saure Wochen, frohe Feste
Sei dein künftig Zauberwort.

Das Bürgertum, wo es unverdorben und in seinem ursprünglichen Sinn sich erhalten hat, liebt es die sittlichen Mächte, von denen es regiert wird, in Sprichwörter, Maximen, Lebensregeln, allgemeine Erfahrungssätze zusammenzufassen. Der ehrsame Meister, wenn er seinen Lehrlingen gute Lehren mit auf den Weg gibt, wenn er abends auf der Bank vor seiner Hausthür sitzt und das menschliche Treiben behaglich bespricht, die Nachbarn, wenn sie beim Kruge Bier sich das Herz öffnen, bedienen sich immer sprichwörtlicher Sentenzen, in denen sich ihre Moral wie ihre Lebensweisheit ausdrückt. Solche Erfahrungssätze sind eigentlich die Religion des ehrsamen, fleißigen, verständig-herzlichen Bürgers und sie leiten sein Thun mehr als die Dogmen, die er Sonntags in der Kirche hört, so heiß ihm auch oft die Hölle dort gemacht wird. In der Bürgerregion sind die Sprichwörter ganz eigentlich zu Hause. Als die Adelsromantik im Laufe des dreizehnten Jahrhunderts abblühte und die Literatur von den Schlössern der adligen Grafen und Herren zu den zünftigen Meistern der Städte herabstieg, da that sich in Spruchgedichten jene bürgerliche Lebensweisheit auf wie im wälschen Gast, in Freidanks Bescheidenheit, im Renner des Hugo von Trimberg, in den Priameln der Meistersängerschulen, jene dumm-tüchtige, unerschütterliche, etwas konventionelle Moral, die den bürgerlichen Philister ausmacht. So ist auch Sancho Panza, der Repräsentant des derben plebejischen Realismus, ganz voll von Sprichwörtern, mit denen er die sublimen Schwärmereien seines Herren ins komische zieht. Sprichwort und Fabel ist Handwerkspoesie. In Hermann und Dorothea ist dies der Ton, in dem alle Reden gehalten sind; es sind ganz bürgerliche Reflexionen, menschliche Verhältnisse betreffend, voll naiven Glaubens an die sittlichen Ideen, wie ihn Weltmenschen so oft belachen, ohne die dogmatische Herzenshärtigkeit, wie sie Theologen so oft beherrscht, Maximen, gesammelt aus der Lebenserfahrung des Kleinstädters und Dorfbewohners, eingegeben von der Mitempfindung des in den mannigfachen menschlichen Verhältnissen waltenden sittlichen Geistes. Da das Sprichwort Allgemeingedanke des Volkes ist, da es traditionelle Klugheit enthält, so kann es nicht originell und geistreich sein und der geniale Kopf verschmäht es; es ist der Ausdruck des begrenzt-sittlichen, beschränkt-verständigen Bürgertums, das eine natürliche Abneigung gegen alles Ungewöhnliche hat, dem nichts ferner liegt als Schrankenlosigkeit des Gefühls oder der Phantasie. Blättern wir nur in den Anfangsgesängen unsres Gedichtes, so finden wir eine Menge dieser unscheinbaren Reflexionen:

Aller Anfang ist schwer, am schwersten der Anfang der Wirtschaft.
Mancherlei Dinge bedarf der Mensch und alles wird täglich
Teurer: da seh' er sich vor des Geldes mehr zu erwerben.
Ein wackerer Mann verdient ein begütertes Mädchen.
Ungerecht bleiben die Männer, die Zeiten der Liebe vergehen.
Was im Menschen nicht ist, kommt auch nicht aus ihm.
Soll doch nicht als ein Pilz der Mensch dem Boden erwachsen
Und verfaulen geschwind an dem Platze, der ihn erzeugt hat,
Keine Spur nachlassend von seiner lebendigen Wirkung.
Wo nicht immer von oben die Ordnung und Reinlichkeit wirket,
Da gewöhnet sich leicht der Bürger zu schmutzigem Saumsal,
Wie der Bettler sich auch an lumpige Kleider gewöhnet.
Denn wir können die Kinder nach unserm Sinne nicht formen;
So wie Gott sie uns gab, so muß man sie haben und lieben,
Sie erziehen aufs beste und jeglichen lassen gewähren.
Der eine hat die, die andern andere Gaben,
Jeder braucht sie und jeder ist doch nur auf eigene Weise
Gut und glücklich.

Einmal für allemal gilt das wahre Sprüchlein der Alten:
Wer nicht vorwärts geht, der kommt zurücke; so bleibt es.
Denn wer lange bedenkt, der wählt nicht immer das Beste.
Ein Tag istNicht dem anderen gleich: der Jüngling reifet zum Manne;
Besser im stillen reift er zur That oft als im Geräusche
Wilden schwankenden Lebens, das manchen Jüngling verderbt hat.
Aller Zustand ist gut, der natürlich ist und vernünftig.
Vieles wünscht sich der Mensch und doch bedarf er nur wenig,
Denn die Tage sind kurz und beschränkt der Sterblichen Schicksal.
Denn ich habe das Sprichwort so oft erprobet gefunden:
Eh du den Scheffel Salz mit dem neuen Bekannten verzehret,
Darfst du nicht leichtlich ihm trauen; dich macht die Zeit nur gewisser,
Wie du es habest mit ihm und wie die Freundschaft bestehe.
Der Augenblick nur entscheidet
Ueber das Leben des Menschen und über sein ganzes Geschicke;
Denn nach langer Beratung ist doch ein jeder Entschluß nur
Werk des Moments, es ergreift doch nur der Verständ'ge das Rechte;
Immer gefährlicher ist's beim Wählen dieses und jenes
Nebenher zu bedenken und so das Gefühl zu verwirren u. s. w.

Auch Schiller liebt es, in lyrischen Gedichten wie in Tragödien Sentenzen anzubringen, aber wie verschieden sind sie von denen in unsrem Gedicht! Es sind Prachtgedanken, philosophische Sprüche, mit bildlichem Schmuck umgeben, blendende rhetorische Antithesen; hier ist es der schlichte Sinn der mannigfaltigen Lagen des Lebens, der ohne Prätension in einer allgemeinen Bemerkung sich aufthut. Daher ergreifen diese Reden wie echte Lebensweisheit; daher kann man von diesem Gedicht sich durchs ganze Leben begleiten lassen und es immer wieder vornehmen und lesen. Die Maximen sind nur leichte ideale Gegenbilder der schönen realen Sittlichkeit, die sich hier als eine konkrete Welt von Handlungen und Charakteren vor uns ausbreitet.

Die positive Religion hat in diesem Gedicht voll reiner Menschlichkeit keine Stelle gefunden. Nur einmal tritt sie in einer vorübergehenden Andeutung auf, wo des Tedeums am Friedensfeste erwähnt wird; der Vater wünscht, Hermann möchte dann auch mit der erwählten Braut vor den Altar treten. Die Religion ist hier also nicht getrennt von dem schönsten Inhalt des Menschenlebens und seinen reichsten Momenten, der Friedensfeier und der Ehestiftung, Momente, die so reich sind, daß alle Lebenskraft, die die Kirche noch besitzt, ihr von dorther zufließt und sie an ihnen parasitisch ihr Dasein fristet.

Kleinstädtisch und bürgerlich ist auch die Geltung, die der Nachbarschaft zukommt. Der Apotheker wird als Nachbar angeredet und er hat als solcher ein Recht, der Familie nahe zu stehen. Frisch, Herr Nachbar, getrunken! ruft ihm der Vater zu, und ein andermal: Gern geb' ich es zu, Herr Nachbar. Auch Hermann redet ihn so an: Nachbar, keineswegs denk' ich wie Ihr. Die Nähe der Wohnung wird zum Bande der Freundschaft, zur geistigen Nähe und Vertraulichkeit. Nachbarn sehen sich oft, kümmern sich um einander, helfen sich aus; die Kinder erwachsen zusammen spielend auf denselben Höfen, an denselben Gartenzäunen. Alexis und Dora, auch Hermanns Eltern waren Nachbarskinder. So wird auch Frau Martha im Faust von Gretchen Nachbarin angeredet und ihre Freundschaft rührt daher. Der Vater wünscht, Hermann möge aus dem grünen Nachbarhause sich eine der Töchter des Kaufmanns wählen, mit denen er als Knabe so oft gespielt. In großen Städten umgibt uns keine trauliche Teilnahme der Nahewohnenden; wir verlieren uns isoliert und fremd in den wechselnden Strom der gleichgültigen Menge. Kaum kennen wir den, der über uns im zweiten Stock wohnt, kaum grüßen wir ihn; in demselben Hause oft zu gleicher Zeit eine Hochzeit und ein Leichenbegängnis, beide nichts von einander wissend; aus den Zeitungen erfahren wir, daß gestern in dem Dachzimmer uns gegenüber ein Selbstmörder seinem Leben ein Ende gemacht; und wenn ein einsamer Unglücklicher, in der Verlassenheit weinend, aus dunkler Kammer auf die Straße hinausblickt, sieht er oft die Fensterreihe, die ihm gegenüber liegt, glänzend erleuchtet und weiß nicht, welches Fest dort von Unbekannten begangen wird, ob eine Verlobung oder ein Geburtstag oder eine Rangerhöhung.

Den armen Flüchtlingen gegenüber findet sich die Bürgerfamilie nicht durch einen baren Geldbeitrag ab, nicht mit einer Hilfeleistung in abstracto ohne menschliche Nähe und Teilnahme; sie sendet den Ueberfluß der Wirtschaft, Schinken und Brot, Bier und Leinwand und läßt den Notleidenden so unmittelbar teilnehmen an der eigenen Wohlhabenheit. So kauft der ländliche Bürger seine Hausbedürfnisse auch nicht für Geld aus dem Laden: er braut sein Bier selbst, backt sein eigenes Brot, gewinnt die Wäsche aus eigenem Flachs durch eigenes Spinnen und Weben und erzieht das Schwein selbst, das ihm den Schinken und die Würste liefert. Ist das Erzeugnis der eigenen Arbeit auch nicht immer so vollkommen wie die aus großen Anstalten bezogene Ware, so ist es doch lauter und echt, nicht bloß scheinbar, auch nicht vermengt und gefälscht. Und auch besser schmeckt es und trägt sich besser, denn die Erinnerung an die eigene Mühe, an manche aufgewandte Kunst und Fertigkeit haftet daran.




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